Enterale Ernährung: Eine Frage des Zugangs

27. Juni 2012
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Ernährung ist ein Thema, das alle betrifft. Was jedoch, wenn eine normale Nahrungsaufnahme nicht mehr möglich ist? DocCheck gibt Euch einen Überblick, welche Möglichkeiten der "künstlichen Ernährung" es gibt und beleuchtet dabei besonders die enterale Ernährungstherapie.

Wenn man von “künstlicher Ernährung” spricht, unterscheidet man zwei große Bereiche:
Da wäre zum Einen die parenterale Ernährung:
Wie der Name schon sagt, geht die Ernährung am Verdauungstrakt vorbei und die Nährstoffe werden direkt über einen venösen Zugang ins Blut gegeben. Als Zugänge bieten sich hierbei zentrale Venenkatheter (“ZVK”, eher für die kurzzeitige Gabe), Portsysteme oder Langzeit-Venenkatheter nach Broviak oder Hickman an. Insgesamt ist die Indikation zur parenteralen Ernährung eher streng zu stellen, z.B. um die Anastomosen nach Darm-Operationen zu schonen oder bei einer akuten Pankreatitis.

Der zweite große Bereich ist die enterale Ernährung:
Hierbei wird die Nahrung über den Magen-Darm-Trakt verabreicht und aufgenommen, anstatt ihn zu umgehen. Generell ist diese Form der Ernährung der parenteralen Methode vorzuziehen, nicht nur aus Kostengründen sondern auch der Praktikabilität und Physiologie wegen. Dabei unterscheidet man orale Supplemente – im Klinikjargon auch als “Astronautenkost” bezeichnet – von der “bilanzierten Diät”, die Euch als “Sondennahrung” geläufig sein sollte.

Mit “Astronautenkost” sind Trinknahrungslösungen gemeint, die zusätzlich zur normalen Ernährung als Ergänzung eingenommen werden, um auf den benötigten Kalorienbedarf zu kommen. Und obwohl der Begriff “Astronautennahrung” durchaus geläufig ist, kamen diese Trinknahrungen zu Beginn in der Raumfahrt nie zum Einsatz, da sie damals geschmacklich inakzeptabel waren. Heutztuage haben die Hersteller an diesem Punkt viel gearbeitet.

Die zweite Möglichkeit der enteralen Ernährung ist die schon erwähnte “Sondennahrung”. Dabei werden Ernährungslösungen über verschiedene Zugangswege, je nach individuellen Bedürfnissen, z.B. über eine Magensonde oder eine PEG, den Betroffenen zugeführt. Was sich hinter der Abkürzung PEG verbirgt, wird später im Text geklärt. Diese Ernährungslösungen sind darauf abgestimmt, alle notwendigen Nahrungsbestandteile, wie Vitamine und ähnliches, zu enthalten, daher der Zusatz “bilanziert” im Namen.

Leitlinien bieten detailierte Hinweise und Hilfen

Man sagt, dass etwa die Hälfte aller Patienten im Krankenhaus mangel– oder fehlernährt sind. Die Folgen, die daraus entstehen, sind zum Teil gravierend: Eine geringere Lebensqualität für die Betroffenen, eine höhere Rate an Komplikationen bei Operationen und die dadurch bedingte längere Verweildauer in den Kliniken sind nur einige der Konsequenzen.

Generell kann man sagen, dass eine Ernährungstherapie nötig wird, wenn ersichtlich wird, dass eine Person ihren Bedarf an Nährstoffen nicht über die orale Ernährung decken kann. Beispiele wären z.B. mechanische Hindernisse im Bereich der Speiseröhre oder auch neurologische Probleme, wie etwa eine Dysphagie. Aber auch bei Tumorpatienten, die einen erhöhten Energiebedarf haben, oder geriatrischen Patienten, kann eine enterale Ernährung indiziert sein.

Detaillierte Hinweise und Hilfen, ab wann eine Ernährungstherapie nötig wird, sowie viele weitere Informationen rund um die enterale Ernährung, bieten auch die aktuellen Leitlinien der ESPEN (European Society for Clinical Nutrition and Metabolism). Auf den Internetseiten der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) findet sich eine deutsche Zusammenfassung dieser Leitlinien.


Die Indikation ist gestellt. Doch welcher Zugangsweg soll es nun sein?

Klare Antwort: Das ist immer abhängig vom einzelnen Patienten. Für eine zeitlich begrenzte (in der Regel ~4 Wochen), eher kurzfristige Gabe bietet sich eine naso-enterale Sonde (“Magensonde”) an. Soll die Ernährungstherapie länger durchgeführt werden, gibt es andere Möglichkeiten:
Dazu zählt man unter anderem die perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG), also eine Ernährungssonde, die endoskopisch eingebracht wird, durch die Haut geht und deren Ende im Magen liegt. Weitere Möglichkeiten sind eine Verlängerung des Sondenendes in das Jejunum (Jet-PEG) oder ein direkter Sonden-Zugang zum Jejunum (Perkutane endoskopische Jejunostomie, PEJ).
Naso-enterale Sonden sind selbst auf Station relativ aufwandsarm zu legen. Für die längerfristigen, invasiveren Verfahren übernehmen die entsprechenden Fachdisziplinien die Anlage dieser Sonden.

Breite Produktpalette

Es gibt viele Hersteller, das richtige Produkt auszuwählen erfordert also etwas Wissen. Habt Ihr in der Klinik fachgeschultes Personal oder gar ein Ernährungsteam, bleibt euch diese Aufgabe erspart, ansonsten hier einige grobe Regeln:

Als Standard-Kost gilt meist eine Standarddiät mit Ballaststoffen (“Fresubin original fibre“, Osmolite mit Ballaststoffen“, Nutrison multifibre“, „Isosource standart fibre“, „Servosan Standart“) bzw. eine hochkalorische Standarddiät mit Ballaststoffen („Fresubin energy fibre“, „Jevity HIcal“, „Nutrison energy multifibre“, „Isosource energy fibre“, „Servosan Energy“) . Für spezielle Indikationsstellungen gibt es auch proteinreiche bzw. proteinarme Diäten oder auch Spezial-Lösungen für Dialysepatienten. Hier ist Hilfe vom Fachpersonal angesagt.

Die Auswahl bei den Trinknahrungen (Orale Supplemente / “Astronautennahrung”) läuft ähnlich: Auch hierbei gibt es Standardtrinknahrungen mit und ohne Ballaststoffe (“Fresubin energy fibre Drink“, „Ensure plus“, „Resorce energy“, „Fortimel energy multifibre “) bzw. hochkalorische Trinknahrung (“Fresubin 2 kcal (fibre)Drink “, „Fortimel compact (fibre), „Resource 2.0 + fibre, „Ensure 2 kcal“). Meist sind die hochkalorischen Trinknahrungen eher geeignet, weil die Anwender solcher Trinknahrungen sowieso schon keine großen Mengen an Energie zu sich nehmen.

Berechnung durch geschultes Personal

Ab einer täglichen Menge von 1500ml ist sowohl die “Sondennahrung” wie auch die Trinknahrung übrigens bilanziert, was bedeutet, dass eine ausschließliche Ernährung mit dieser Nahrung möglich ist und man keine weiteren Zusätze geben muss. Die Berechnung des Kalorien-, Flüssigkeits- und Proteinbedarfes erfolgt durch enteral geschulte Diätassistenten im Krankenhaus.

Bei der Applikation über die schon besprochenen Zugangswege gibt es verschiedene Möglichkeiten: Angefangen von der Bolus-Gabe per Spritze, über eine Schwerkraft-geregelte Infusion bis hin zur Anwendung einer kleinen “Sondenpumpe”, bei der man die Geschwindigkeit und somit Menge einstellt, die pro Stunde in den Körper gelangen soll.

Probleme mit der Sondenkost. Was ist zu tun?

Zu den häufigsten Schwierigkeiten, die bei der Gabe von Ernährungslösungen aufkommen, zählen sicherlich Durchfall, Übelkeit und Erbrechen. Die Ursachen dieser Symptome können natürlich sehr vielfältig sein. So kann es unter der Einnahme von Antibiotika zu einer Veränderung der bakteriellen Besiedelung kommen, Durchfälle sind die Folge. Des Weiteren kann eine zu schnelle “Hochdosierung” der Ernährungslösungen zu den beschriebenen Problemen führen, da sich der Körper erst an das Nahrungsangebot gewöhnen muss. Gerade nach längerer Nahrungskarenz und der damit verbundenen Atrophie der Darmschleimhaut kann es hier Probleme geben.

Wie ihr seht, die Gebiete enterale Ernährungstherapie und künstlichen Ernährung sind sehr umfangreich. Dabei muss natürlich nicht jeder von Euch ein Experte auf dem Gebiet werden. Jedoch kann es in vielen Fachrichtungen immer mal wieder vorkommen, dass Ihr mit Patienten zu tun habt, die enteral ernährt werden. Nicht immer ist entsprechendes Ernährungs-Fachpersonal vor Ort oder erreichbar und gerade dann helfen Euch Grundkenntnisse auf diesem Gebiet weiter.

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Humanmedizin, Studium

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