Hirngewebe: Ketonkörper verhindern Untergang

22. Mai 2014
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Wie Ketonkörper das Gehirn schützen, war bislang unklar. Forscher konnten jetzt den Wirkmechanismus von Ketonkörpern entschlüsseln. Dieses Wissen könnte dabei helfen, wirksamere Therapeutika für neurologische Erkrankungen zu entwickeln.

Die Ernährung formt die Figur. Aber das ist nicht alles: die Zusammensetzung der Ernährung hat auch Auswirkungen auf das Gehirn. Dieser Zusammenhang wird schon seit Jahrzehnten für die Therapie von Epilepsiepatienten genutzt. Zurzeit laufen Versuche, spezielle Diätformen für die Behandlung des Morbus Alzheimer und anderer neurodegenerativer Erkrankungen zu entwickeln. Schützend für das Gehirn scheint eine sogenannte ketogene Diät zu sein, die reich an Fett und arm an Kohlenhydraten und Proteinen ist.

Unter einer ketogenen Diät ähnelt der Stoffwechsel teilweise dem im Hungerzustand. In beiden Fällen verbrennt der Körper Fett, das entweder aus der Diät oder aus körpereigenen Depots stammt. Dabei werden aus Fett Ketonkörper. Wie aber Ketonkörper das Gehirn schützen, war bislang unklar. Forschern aus dem Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität zu Lübeck und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein ist es jetzt gelungen, den Wirkmechanismus von Ketonkörpern zu entschlüsseln. Sie hoffen, mithilfe dieses Wissens wirksamere Therapeutika für neurologische Erkrankungen entwickeln zu können.

Ketonkörper instruieren Entzündungszellen

Bei neurologischen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Schlaganfällen sterben Nervenzellen ab. Der Untergang der Nervenzellen ist zumindest teilweise auf eine Überreaktion von Entzündungszellen zurückzuführen, die in das Gehirn einwandern. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eine ketogene Diät und die entstehenden Ketonkörper auf die Entzündungszellen, Monozyten und Makrophagen, im Gehirn einwirken. Dabei binden sich Ketonkörper an einen Rezeptor mit dem Namen HCA2, der sich auf Entzündungszellen befindet. „Ketonkörper instruieren durch HCA2 Entzündungszellen, das Gehirn zu schützen“, so Prof. Dr. Markus Schwaninger, Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie.

Comeback der Nikotinsäure?

Eine ketogene Diät ist so fettreich, dass sie schlecht schmeckt und bei Patienten meist unbeliebt ist. Die Lübecker Forscher fanden aber, dass auch Nikotinsäure wie Ketonkörper durch HCA2 einen Untergang von Hirngewebe verhindern kann. Nikotinsäure wird bereits seit vielen Jahrzehnten zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt. Als „ketogene Diät in Tablettenform“ könnte Nikotinsäure ein Comeback in einer neuen Indikation haben. Tatsächlich wurde Nikotinsäure schon in den 50er Jahren bei akutem Schlaganfall unter der Vorstellung verwendet, dass es zu einer Gefäßerweiterung im Gehirn führt. Später hatte sich aber herausgestellt, dass die Gefäßerweiterung nur auf die Haut beschränkt ist. „Auch wenn Nikotinsäure nicht die Durchblutung des Gehirns steigert, hat es doch einen Effekt beim Schlaganfall und möglicherweise auch bei anderen neurologischen Erkrankungen“, sagt Schwaninger.

Testung weiterer Substanzen

In weiteren Experimenten fanden die Wissenschaftler heraus, wie die Aktivierung des HCA2-Rezeptors das Gehirn schützt. „Wir vermuten, dass entzündungshemmende Faktoren gebildet werden, aber die genaue Identifizierung dieser Faktoren steht noch aus“, räumt Schwaninger ein. Neben der genauen Wirkweise steht die Testung weiterer Substanzen, die an den HCA2-Rezeptor binden, auf der Arbeitsliste der Lübecker Forscher. Sie hoffen, einen Stoff mit gleicher oder besserer Wirksamkeit, aber weniger Nebenwirkungen, zu finden.

Originalpublikation:


The β-hydroxybutyrate receptor HCA2 activates a neuroprotective subset of macrophages
M. Rahman et al.; Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms4944; 2014

28 Wertungen (4.71 ø)

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3 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Was ist wohl wichtiger,
a) Ketonkörper
b) oder das Fehlen der Glucose?

Vieles spricht für b)
richtig @Dr. med. C. Claassen, natürlich eiweißreich!

#3 |
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Guten Tag Herr Zech! Bei allen Tumorarten, die einen “Zuckerstoffwechsel” haben, ist eine ketogene Ernährung sehr wirkungsvoll. Es gibt ein Verfahren durch dass man diese Tumorarten in einem bildgebenden Verfahren sichtbar machen kann. Lesen Sie hierzu auch Dr. Coys Ausführungen auch zu TKTL1 Bestimmung. Die Ausführungen im obigen Artikel waren nicht ganz korrekt. Eine ketogene Ernährung ist nicht fettreich und proteinarm., sondern fettreich und proteinreich! Ganz wichtig für das Immunsystem sind Eiweiße mit hoher biologischer Wertigkeit.

#2 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Ketogene Kost soll auch bei Hirntumoren hilfreich sein – bzw. präventiv wirken.
Hat darüber jemand genauere Kenntnis?

#1 |
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