Pruritus: Wen juckt’s?

27. Mai 2014
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Das Kratzen ist ein Reflex, der mit Schmerzproduktion den lästigen Juckreiz überdecken soll. Schon lange sucht die Forschung deshalb nach Alternativen zur Selbstverletzung gegen akuten und chronischen Pruritus.

Die Leiden und die Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen erinnern an jene von chronischen Schmerzpatienten. Max von Frey, österreichisch-deutscher Physiologe, der Ende des 19. Jahrhunderts in Würzburg und Zürich lehrte, bezeichnete den Juckreiz als „kleinen Bruder des Schmerzes“. Acht bis neun Prozent der Bevölkerung leidet entsprechend einer Stichprobe an akutem Juckreiz. Bei chronischem Juckreiz sind die Zahlen wohl noch höher und liegen in Deutschland um die dreizehn Prozent. Über das Jucken wird aber im Vergleich zur Schmerzforschung und -behandlung viel weniger geredet.

Hoher Leidensdruck

Noch immer sind die Behandlungsmöglichkeiten für den unerwünschten Hautreiz sehr begrenzt. Nicht selten erzeugt dabei das Bedürfnis, sich zu kratzen, mehr Schaden als die Ursache des Juckens selber. Diese „Kratzschwelle“ liegt aber bei verschiedenen Patienten ganz unterschiedlich hoch und hängt auch vom Auslöser der Irritation ab. Der Leidensdruck ist aber oft enorm. Ein- und Durchschlafstörungen und Stimmungsschwankungen zählen häufig zu den Folgen und Begleiterscheinungen des chronischen Pruritus.

Aber auch wenn es noch keine spezifischen Wirkstoffe gibt – wenn man von Antihistaminika bei allergisch bedingten Reizungen absieht – haben insbesondere Neurologen in den letzten Jahren eine Reihe von typischen Eigenheiten der Juckreiz-Sensibilisierung, -Weiterleitung und -verarbeitung herausgefunden. Zum Teil sind die Mechanismen und begangenen Nervenwege dem Schmerz recht ähnlich, zum Teil aber auch spezifisch für den Juckreiz.

Vier Auslösergruppen

Wer den Ursachen des Juckreizes auf den Grund gehen möchte, stößt auf vier typische Gruppen an Auslösern: Dermatologische Störungen, systemische Erkrankungen, neuropathische und psychogene Aberrationen liegen meistens den störenden Nervenreizen zugrunde. Direkt verknüpft mit dem Juckreiz ist etwa das atopische Ekzem und vier von fünf Patienten mit Psoriasis kennen den Juckreiz nur zu gut. Lästiges Dauerjucken spüren aber auch Menschen mit chronischer Niereninsuffizienz. Bei Morbus Hodgkin ist der Reiz oft das erste Zeichen der Krankheit. Bei neuropathischen Leiden wie Multiple Sklerose oder auch postherpetische Neuralgie gehört Pruritus zu den Symptomen. Wahnvorstellungen vom eigenen Körper, wie etwa der Drang ständig seinen Körper von Ungeziefer reinigen zu müssen, sind oft mit einem dauernden Jucken verbunden.

Capsaicin: Juckreiz-Auslöser und -dämpfer

Mögliche Ziele für Inhibitoren sind Rezeptoren, die eher in der Peripherie als im zentralen Nervensystem an der Weiterleitung beteiligt sind. Mrgpr-Rezeptoren (Mas-Related G-Protein-Coupled Receptor) spielen etwa eine große Rolle bei Histamin-unabhängigen Juckreiz-Rezeptoren. Interessanterweise ist MrgprA3 gleichzeitig Rezeptor für das Malariamittel Chloroquin, bekannt für den ärgerlichen Juckreiz als Nebenwirkung. Juckreiz, der gegen Antihistaminika resistent ist, kann auch mit etlichen anderen endogenen Agonisten angestoßen werden, wie etwa Endothelin-1, ß-Alanin oder Serotonin. Für alle diese Pruritogene existieren spezifische Rezeptoren – mögliche Ziele eines zukünftigen Anti-Juckmittels.

Eines der bekannteren Pruritogene ist Capsaicin, der Wirkstoff, der Paprika ihre Schärfe verleiht. In höheren Konzentrationen löscht das Brennen den Juckreiz, darunter öffnet es jedoch Ionenkanäle, vor allem bei Neuronen, die auf Histamin reagieren. Aber auch das gilt nur mit Einschränkungen: Nicht alle Histamin-sensitiven Nervenfasern reagieren auf Capsaicin. Unter den „alltäglichen“ Reizen, die bei empfindlichen Patienten den Juckreiz auslösen, finden sich zahlreiche Medikamente: Etliche Antibiotika, Antidepressiva, Mittel gegen hohen Blutdruck oder epileptische Anfälle. „Es ist alles dabei, was täglich in der Praxis verordnet wird, und alles kann Pruritus induzieren“, so Matthias Möhrenschlager von der Hochgebirgsklinik Davos.

Atopischer Marsch

Am Beispiel des Zytokins TSLP (Thymic Stromal Lymphopoetin) beschrieben Sarah Wilson und ihre Kollegen aus dem amerikanischen Berkeley in der renommierten Zeitschrift „Cell“ im Herbst letzten Jahres, wie der Entzündungsprozess bei atopischer Dermatitis voranschreitet. Der „Atopische Marsch“ führt nicht selten zu Asthma und allergischer Rhinitis. TSLP findet sich in den Keratinozyten von Atopikern, aber auch in Epithelzellen von Asthmatikern. Wenn etwa Keratinozyten der Haut TSLP sezernieren, kann dieser Faktor direkt spezielle sensorische Neuronen stimulieren, die über Hinterwurzelganglien den Reiz zur Verarbeitung ins ZNS weiterleiten. Dort lösen sie das Kratzen aus, das wiederum die Epidermis verletzt und weiteres TSLP freisetzt. Das Zytokin stimuliert nicht nur Neuronen, sondern auch lymphoide Zellen. Weitere Zytokine wie IL-5 und IL-13 rekrutieren eosinophile Granulozyten und sorgen so für die massive Entzündungsreaktion.

Mittel gegen das Jucken

Schmerz und Juckreiz hängen eng zusammen. Schmerz dämpft und überlagert den Juckreiz. Wer aber den Schmerz etwa mit Opiaten behandeln will, landet unter Umständen wieder am Startpunkt. Morphine unterdrücken zwar den Schmerz fördern aber das Jucken. Opiat-Agonisten stehen jedoch auch auf der Liste der Behandlungsmöglichkeiten für Pruritus, besonders bei Patienten mit systemischen Erkrankungen wie etwa solchen mit Niereninsuffizienz. Gegen den neuropathischen Juckreiz helfen in vielen Fällen Gabapentin und Pregabalin.

Aktualisierte Leitlinien zur Juckreiz-Diagnose und -Behandlung erschienen vor zwei Jahren in der Fachzeitschrift „Acta Dermato-Venereologica“ in einer Zusammenarbeit der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie mit dem Europäischen Dermatologie Forum. Dort hieß es: „Die Leitlinien adressieren ein Symptom, keine Krankheit. Als Folge der Vielzahl zugrunde liegender Krankheiten können wir kein einzelnes Therapiekonzept empfehlen.“ Immer noch gibt es kaum gute aussagekräftige Studien zum Thema Juckreiz – ganz im Gegensatz zur Schmerzforschung. Der „kleine Bruder des Schmerzes“ teilt sich mit ihm viele Charaktereigenschaften, hat aber auch viele Eigenheiten, die eine individuelle Behandlung möglich machen sollten.

76 Wertungen (4.29 ø)

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9 Kommentare:

HP Petra N’Siela
HP Petra N’Siela

Sehr geehrter Herr Kollege Noschinski,
eine wichtige Differentialdiagnose möchte ich ergänzen- im meinem Bekanntenkreis
klagte jemand 1 1/2 Jahre über Juckreiz als praktisch einziges Symptom eines Morbus Hodgkin, bis dieser endlich als solcher erkannt wurde.
Herzliche Grüße

#9 |
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HP Susanne Frank
HP Susanne Frank

Wie sieht es dann aus im gyn. Bereich. ? Viele Fachärtze kennen nur die Behandlung mit Cortison?!

#8 |
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Dr. Cornelia Schroeder
Dr. Cornelia Schroeder

Sehr geehrter Herr Lederer, kaltes Wasser als Dusche oder Bad ist ein gutes Mittel gegen akuten Juckreiz. Wärme steigert meist den Juckreiz.

#7 |
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Mario Kummer
Mario Kummer

Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Lithoderm gemacht. es wirkt rein physikalisch über den Kapillareffekt, ist antiinflammatorisch und wirkt sofort.

#6 |
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Gast
Gast

Sehr geehrter Herr Blasejewicz,
wir sind akademisch studierte und praktisch ausgebildete PharmazeutInnen und nicht herablassend. Ein wissenschaftlicher Lehrbereich beinhaltet die Pharmakologie, die Wissenschaft zu den Wirkungen der Arzneimittel. Die Inhaltsstoffe werden Substanzen und Drogen genannt. In der Drogenkunde werden Heilpflanze nach den Vorgaben des Arzneibuches auf die Identität und Qualität geprüft. Wenn Sie uns eine pulverisierte Mischung aus Kräutern bringen, haben wir entsprechende Fähigkeiten diese inhaltlich zu identifizieren. Dazu wird das Pulver unter dem Mikroskop untersucht. Anhand der typischen Merkmale der Pflanzenteile kann die Identifzierung ein genaues Ergebnis zeigen. Zu den Opiaten können Sie sich selbst im Internet informieren: Papaver somniferum ist der lateinische Name für Schlafmohn. Die Familie dieser Pflanzen wird als Papaveraceae benannt. Der Wirkstoff ist ein Alkaloid. Das ist wieder ein Fremdwort und führt hier zu weitläufigen Erklärungen. Der Thieme Verlag bietet gute wissenschaftliche Bücher, die auch für Handwerker verständlich sind. In China haben die Ärzte zur Akupunktur der TCM sechs Jahre Studium absolviert. In Deutschland hat die Pharmaindustrie eine gute Lobby. Nur von dem Verkauf der Kräuter kann eine Apotheke nicht existieren. Konsultieren Sie die Ärzte Ihres Vertrauens, die Ihren Patientenwunsch zur natürlichen Behandlung verstehen. Die deutsche Schulmedizin muss umdenken lernen: Sie als Patient sind wichtig.
Alles Gute für Ihre Gesundheit,
Frau A. Czichon
Pharmazeutin (privat)
Seit 1987 mit staatlicher Erlaubnis unter dem BTM/AMG

#5 |
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Hallo lieber Herr Kollege Bönig,
GLA = Gamma-Linoleic-Acid = Gammalinolensäure.
Diese w6-Fettsäure spielt beim Pruritus älterer Menschen offensichtlich eine Rolle, siehe z.B. Brosche, T. et al.: Effect of borage oil consumption on fatty acid metabolism, transepidermal water loss and skin parameters in elderly people.
Arch. Gerontol. Geriatrics 2000;30:139-150.
Das Zink wird für die Synthese der delta-Desaturasen benötigt.
Diese dienen zum Umbau der w6-Linolsäure über die Dihomo-Gamma-Linolensäure in GLA.
Eine ähnliche Funktion kommt den delta-Desaturasen zusammen mit den Elongasen beim Umbau der w3-Fettsäure alpha-Linolensäure in EPA und DHA zu.
Buchtipp: Fats that heal, fats that kill (Udo Erasmus).
Herzliche Grüße

Dirk-Rüdiger Noschinski

#4 |
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Sehr geehrter Kollege Noschinski,
was bedeutet GLA?
Danke.
Herzliche Grüße
Bernd Bönig

#3 |
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In der Tat sieht man in der täglichen Praxis – in meiner arbeite ich seit 1994 in Vollerwerb – sehr unterschiedliche Gründe für einen Juckreiz.
Natürlich können sich dahinter auch neurologische Probleme verbergen, aber Hand aufs Herz – wer von Ihnen hatte schon Mal einen MS-Patienten, dessen einziges Symptom Juckreiz und der deswegen der Gefahr einer Fehldiagnose ausgesetzt war?
Häufig findet man die folgenden Ursachen:
Bilirubinämie
Histaminintoleranz
Post-zoster
Typ I Allergie
Typ III Nahrungsmittelallergie
Typ IV Kontaktallergie
Mangel an GLA und Zink (v.a. ältere Patienten)
Intoxikationen
Psyche
Arbeitet man ursächlich, dann sind Symptomanaloga durchaus verzichtbar. Causal wären z.B. Allergenkarenz, Entgiftungsmaßnahmen, TCM (da kann ich dem Kollegen Blasejewicz nur zustimmen) Orthomolekularmedizin usw.

Aude sapere

#2 |
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Weitere medizinische Berufe

Guten Abend aus Japan
Ich bin kein Gelehrter mit 1000 Auszeichnungen sondern nur ein einfacher Handwerker. Als solcher kann ich mich wohl kaum an einer wissenschaftlichen Diskussion beteiligen.
Aber … Moxa, Moxibustion kann Juckreiz unterdrücken. Das weiss ich aus Erfahrung und wahrscheinlich jeder andere Akupunktur Handwerker weltweit. Vielleicht könnten sich die Gelehrten ja einmal bis dicht an den Boden herablassen und sich mit dem befassen, was dort wächst = Beifuss = das Ausgangsmaterial für Moxa. Morphine, Opiate, Gabapentin … und natürlich Steroide, die mir hier ALLE Hautärzte verschrieben aber nie gewirkt haben, erscheinen mir persönlich jedenfalls verdächtig. Könnte es nicht unter Umständen sein, dass im Moxa, dem Beifuss, für jedermann deutlich sichtbar ganz ungeahnte Möglichkeiten schlummern? Möglichkeiten auf die man bisher nicht aufmerksam geworden ist, weil der Blick ständig in die Ferne gerichtet wird?

Aber das ist wie gesagt nur meine ganz persönliche, unwissenschaftlich Meinung.
Thomas Blasejewicz

#1 |
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