Tiefenhirnstimulation: Mr. Hyde auf Knopfdruck

28. Juni 2012
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Wenn kein Medikament hilft, ist die Tiefenhirnstimulation eine Option, Patienten mit neurologischen Erkrankungen zu behandeln. Nachteil: Die elektrischen Impulse können extreme Veränderungen in der Persönlichkeit hervorrufen.

„Es ist schon jetzt der größte Fortschritt nach der Entdeckung des L-Dopa“. So sieht Lars Timmermann von der Uniklinik Köln die Erfolge dieser Therapie für Parkinson-Patienten. Helfen elektrische Impulse im Gehirn genauso wie diejenigen eines Herzschrittmachers?

Besserung innerhalb Minuten

Oft ist das Zittern innerhalb weniger Minuten weg. Die Bewegungsstörungen bessern sich fast schlagartig nachdem der Arzt den Einschaltknopf betätigt hat. Nicht nur bei Morbus Parkinson, auch bei Depressionen scheint sich die Erfolgsgeschichte der Tiefenhirnstimulation fortzusetzen. Thomas Schläpfer von der Bonner Uniklinik berichtet, dass sich von zehn dort behandelten Patienten sieben nach dem Eingriff deutlich besser fühlten.

Noch immer bemühen sich die Neurochirurgen vor allem dann um den Patienten, wenn Medikamente nichts mehr ausrichten können. Für blindes Vertrauen, dass alles wieder gut wird, wenn erst einmal Strom durch die Elektroden fließt, ist es aber zu früh. Denn neben den Risiken bei der Operation führen nicht alle Stimulationseffekte zu einer wirklich besseren Lebensqualität. Gerade bei Parkinson-Patienten verändert sich bei rund jedem Zweiten der Charakter, seine Persönlichkeit. Christiane Woopen beschäftigt sich in einem deutsch-kanadischen Forschungsprojekt mit den psychosozialen Folgen der Hirnschrittmacher. Oft seien Patienten selbstsicherer und motivierter geworden, machmal, so erläutert sie, jedoch auch depressiv oder gar aggressiv. Auch Angehörige sprechen bei rund der Hälfte aller Operierten von einer Charakterveränderung.

Verhaltensänderung auf Knopfdruck

Bei weltweit rund 65 000 Implantationen haben in den letzten 15 Jahren rund 60 Untersuchungen unerwünschte Nebenwirkungen beschrieben. Wahnhafte Störungen, Halluzinationen, Apathie, Hypersexualität oder manische Zustände sind Beispiele dafür.
Da ist etwa der 64-Jährige ohne psychische Vorerkrankung, der nach der Tiefenhirnstimulation gegen seine Parkinson-Symptome zur Kleptomanie neigt. Seine Aggressivität äußert sich zuweilen sogar in Handgreiflichkeiten. Ein Architekt malt statt Gebäuden plötzlich weibliche Akte. Ein anderer neigt nach der Stimulation zur Selbstüberschätzung, plant waghalsige Finanzgeschäfte und verbringt viel Zeit mit dem Schreiben religiöser Gedichte, obwohl er sich zuvor nie für spirituelle Fragen interessiert hatte. Ein weiterer Patient entwickelte durch die Stimulation sogar eine Pädophilie. Interessant dabei: Bei einigen ließen sich die manischen Zustände mit dem Schalter für die Elektroden regelrecht an- und ausschalten. Im Off-Modus hatte der Patient wieder mit seinen typischen Krankheitssymptomen zu kämpfen, bereute aber dennoch seine Taten während der manischen Episode.

Beziehungsprobleme durch plötzliche Selbständigkeit

Aber auch allein durch die übergangslose wiedergewonnene Selbständigkeit sind viele Angehörige überfordert. „Manche Angehörige genießen das und die Partnerschaft entwickelt sich noch mal auf neue Weise ganz kreativ,“ beschreibt Woopen ihre Erfahrungen, „andere kommen damit nicht zurecht, auch die Patienten nicht und die Partnerschaft steht vor Problemen.“ So führt die Verbesserung des Zustands von Parkinson-Patienten im schlimmsten Fall zur Trennung. Dabei sind das keine Einzelfälle: Bei jedem zweiten verändert der Hirnschrittmacher die Partnerbeziehung, sehr oft zum Negativen.

Weil aber Morbus Parkinson auch ohne operativen Eingriff zu Persönlichkeitsveränderungen führt, gibt es immer noch keine genauen Zahlen über das Ausmaß der Charakterveränderung per Elektrode. Der Zielpunkt für die Impulse liegt bei dieser Krankheit zumeist im Nucleus subthalamicus, einer Region von der Größe einer Erbse. Die hochfrequenten Impulse stören dabei die Signale der Nervenzellen, die im Gleichklang feuern und damit die Symptome auslösen. Von dort aus laufen viele Bahnen zum limbischen System und beeinflussen damit Charakter und Verhalten. Nicht immer trifft aber der Chirurg diese kleine Region exakt.

Risiko-Check vor der OP

„Im schweren Fällen müssen wir den Stimulator wieder abstellen“ sagt Lars Timmermann. Dann aber war der gefährliche Eingriff ins Gehirn praktisch umsonst. Um die Risiken für solche Misserfolge zu senken, haben die NRW-Kliniken von Köln, Aachen, und Düsseldorf einen Screening-Test entworfen, mit dem die Ärzte schon vor der Operation Tendenzen zu psychischen Störungen erkennen sollen. Gibt es Anzeichen für Depressionen, Defizite bei der kognitiven Flexibilität?

Außer dem „Nicht-Operieren“ gibt es noch Alternativen. Die Stimulation des Globus pallidus internus ruft zwar nicht ganz so drastische Effekte bei der Bewegungssteuerung hervor, beeinflusst aber dafür auch nicht die Psyche. Eine weitere Möglichkeit bietet der Nucleus ventralis intermedius des Thalamus. Auch das Rückenmark könnte eines Tages zum Ziel elektrischer Impulse werden. Denn natürliches Störfeuer kommt bei Parkinson-Patienten nicht nur aus dem Gehirn, sondern in umgekehrter Richtung auch von den Muskeln. Eine Gegenstimulation durchbricht dann diese Feedback-Schleife.

Psychologische Betreuung für alle Elektrodenträger

Bei anderen Krankheiten wie Depression, Zwangsstörungen, ja sogar bei Patienten im Koma, ist eine Veränderung des Wesens nicht unerwünscht. Bei Depressionen regen die Elektroden vorzugsweise Nervenzellen im Nucleus accumbens oder der vorderen Capsula interna an. Unerwartete Reaktionen sind dabei seltener beschrieben, erwünschte Veränderungen entwickeln sich aber auch nicht sofort, sondern über Monate und Jahre hinweg. Dennoch tauchen gerade bei psychisch gestörten Patienten auch ganz besondere ethische Fragestellungen auf: Darf man einen Menschen auch bei bei eingeschränkter Entscheidungsfähigkeit operieren? Kann ein Vormund einer Operation zustimmen, die die Persönlichkeit verändert?

Bei Parkinson-Patienten, so sind sich Neurologen und Medizinethiker weitgehend einig, muss der Patient vor der Operation wissen, worauf er sich einlässt: Auf Besserung seiner Krankheit, aber vielleicht auch auf eine Verwandlung seines Wesens. Das gilt auch für den Partner, der mit ihm zusammenlebt. Die Uniklinik Köln setzt diese Vorgaben schon um. Im Rahmen des deutsch-kanadischen Forschungsprojekts ELSA-DBS (Ethical, Legal and Social Aspects of Deep Brain Stimulation) betreuen Psychologen die OP-Kandidaten vor und nach dem Eingriff. „Vielleicht wären wir ohne diese Begleitung schon geschieden?“, lobten Patienten und Angehörige diesen Weg. Er ist aufwändig. Bei unerwünschten psychischen Veränderungen die Geräte wieder abzustellen und den Patienten mit seinem Leiden allein zu lassen, ist aber vielleicht noch teurer.

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Medizin, Neurologie

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10 Kommentare:

Heilpraktikerin

Wenn es denn wirklich Hilfe ist, ist es okay….
Doch was ist Hilfe, was ist Therapie????

Ob Gott in unserem Leben einen Platz hat oder nicht, spielt doch nur insofern eine Rolle, das es im Leben ohne ihn immer Menschen geben wird, die seine Position einnehmen und Entscheidungen treffen, was richtig oder falsch für einen Menschen ist.
Diese Entscheidung steht aber einzig und allein dem Betroffenen zu und keinem, der nicht erlebt, was der Hilfesuchende erlebt , nicht fühlt, was er fühlt und nicht leidet, was er leidet. Völlig unabhängig davon ob derjenige Pfarrer, Berater, Arzt, Heilpraktiker, gottnah oder gottfern ist.

#10 |
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Ärztin

Eine ethische Diskussion ist in vielen Bereichen der Medizin notwendig und wird geführt. Es macht aber keinen Sinn, diesen Prozess durch religiöse Empfindungen zu verfälschen.

Vielen Dank für Ihren sehr interessanten Artikel, Herr Lederer. Ich hoffe, es ergeben sich bald weitere Fortschritte in der tiefen Hirnstimulation.

#9 |
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Kurt Haas
Kurt Haas

@ Ärztegemeinschaft Amedis:

Religion hin oder her, sie ist nicht für das Leid auf unserer Erde verantwortlich, zumindest nicht so oft wie man es gerne anderen Leuten nahe bringen möchte. Eher ist es der Mensch an sich, der anderen Leid antut. Und wenn, dann wird Religion nur missbraucht um Gewalt auszuüben. Ob in Asien, Europa, Amerika, Afrika, so sind die Machtbesessenheit und Intoleranz die eigentlichen Faktoren für Gewalt.
Frau ferstl äußert nur ihre Bedenken oder einen Gesdankengang den Sie hatte. Mehr nicht.
Warum ahben Sie Angst davor? Wenn Sie ihren Gedanken realistisch zuende Gedacht hätten, dann hätten Sie wohl nix geschrieben.

Zum Artikel: Wie so häufig begrenzten Möglichkeiten der Therapie gilt auch hier, try and error, wenn es Menschen hilft, warum nicht. Wenn Nebenwirkungen auftreten, muss weitergedacht werden.

#8 |
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Medizinjournalist

Ich glaube, jeden Tag “verändern” wir mit unseren Tun unsere Persönlichkeit: Wir trinken Kaffee, damit wir uns wacher fühlen (mal abgesehen vom Geschmack), wir gehen in die Kirche, damit wir uns getröstet und geborgen fühlen, wir suchen psychologische Beratung, wenn es uns nicht gelingt, unsere Persönlichkeit wieder selber in Übereinstimmung mit dem zu bringen, was wir gerne für uns hätten.
Wichtig dabei ist: Wir sollten wissen, was wir tun oder was der Arzt/Psychologe mit/für uns tut! Wenn wir um die Konsequenzen unserer Handlungen wissen, sehe ich kein Problem in Maßnahmen, die unseren Charakter verändern – ganz besonders dann, wenn das auch noch reversibel ist!
Ich bin auch gläubiger Christ – aber gleichzeitig bin ich auch überzeugt von der modernen Medizin. Kann es Gottes Wille sein, dass wir wie früher mit 30 Jahren sterben?

#7 |
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Friedemann Alsdorf
Friedemann Alsdorf

Jede in Hirnfunktionen eingreifende Therapie – auch eine medikamentöse – kann Persönlichkeitsveränderungen zur Folge haben, die ggf. zu einem Abbruch der Therapie zwingen. Es ist wichtig, dass Patienten und Angehörige in ihrem Erleben hier sehr ernst genommen werden. Dieser Respekt wird in den meisten Fällen verhindern, dass ein Arzt in die Versuchung kommt, “Gott zu spielen”. Der Artikel weist genau in die richtige Richtung – vielen Dank!

#6 |
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“Viele Menschen mit bestimmten Erkrankungen suchen Hilfe, die Forschung macht zwar immer mehr Fortschritte,jedoch sollte sorgsam abgewägt werden, was eher zum Schaden, als zum Nutzen ist.. ich glaube daß wir da schon durchaus Grenzen überschreiten.”

Diese Notwendigkeit des Abwägens ist ja nicht unbedingt religiös begründet, auch ein(e) Atheist(in) muss sich das überlegen. Ich kann zwar den Nutzen dieser Therapie nicht einschätzen und könnte, wenn sie mir angeboten würde, auch nicht auf rationaler Basis dafür oder dagegen entscheiden, aber ich denke, eine Diskussion über die ethischen Grenzen der Medizin haben wir.

#5 |
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Ärztegemeinschaft  Amedis
Ärztegemeinschaft Amedis

Liebe Frau Ferstl,
Sie mögen ja an Gott glauben. Ich tue das nicht. Die Religionen haben so viel Leid über die Menschheit gebracht und tun das immer noch, dass sie nicht ständig in Anspruch nehmen sollten die Regeln für alle Menschen aufzustellen. Hätte ich Parkinson oder wäre ich depressiv möchte ich nicht von einem Gottanbeter Hilfe verboten bekommen.

#4 |
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Medizinjournalist

Lieber Kollege,
Vollkommen richtig: Nicht nur in den Neurologen- und (leider!) auch in meinem Kopf, sondern auch im DocCheck Flexikon (dort wird man von der tiefen Hirnstimulation auf die Tiefenhirnstimulation weitergeleitet). Also zumindest da kongruent ;-) .
Aber genauso mit “der/das Virus” ist es wieder etwas, was ich mir merken werde…
Danke!

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ich frage mich ernsthaft wo das alles noch hinführen soll, wahrscheinlich zu einem High-tech Menschen, der vielleicht irgendwann über “Knopfdruck” funktioniert und Dinge ausführt, die er vielleicht gar nicht will…Wissenschaft in allen Ehren, aber die Menschen vergessen, daß Gott uns Grenzen gesetzt hat, wir können nicht in die Schöpfung eingreifen, so sehr sich das vielleicht manche wünschen….ich bin gläubige Christin, mit ethischen Grundsätzen hat das aus meiner Sicht nichts mehr zu tun. Viele Menschen mit bestimmten Erkrankungen suchen Hilfe,die Forschung macht zwar immer mehr Fortschritte,jedoch sollte sorgsam abgewägt werden, was eher zum Schaden, als zum Nutzen ist…ich glaube daß wir da schon durchaus Grenzen überschreiten.

#2 |
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Schöner Artikel. Nur eins, quasi eine Mission von mir:
“Tiefe Hirnstimulation” (Deep Brain Stimulation). Es gibt kein Tiefenhirn, aber dieser Fehler findet sich selbst in einigen offiziellen Dokumenten der DGN und st auch aus vielen Neurologenköpfen nicht rauszukriegen… ;)

#1 |
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