Molekül gegen Masern?

28. Mai 2014
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Vor allem deutsche Großstädter werden immer impfmüder und sind oft vor dem Masernvirus nicht geschützt. In einem kleinen Molekül stecken nun große Hoffnungen, die Verbreitung des Virus bei Ausbrüchen dennoch stoppen zu können.

1.775 Maserfälle wurden dem Robert Koch-Institut im letzten Jahr gemeldet, davon 790 in Bayern. Fast jeder zweite Infizierte musste stationär behandelt werden. Kaum ein Betroffener war gegen Masern geimpft worden. Vor allem in Deutschlands Großstädten nimmt die Impfbereitschaft immer weiter ab. Grund dafür könnten irreführende Berichte über mögliche Autismusfolgen aufgrund längst zurückgerufener Studien und andere Impfschäden nach einer MMR-Impfung sein. „Vor diesem Hintergrund wäre ein Wirkstoff hilfreich, der bei Auftreten einer Infektion das Risiko einer Weiterverbreitung des Virus reduziert“, heißt es auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen. Doch bleibt die Impfung bei der Bekämpfung von Masern die erste Wahl.

Kleines Molekül birgt große Hoffnungen

Wissenschaftler des Instituts haben in Zusammenarbeit mit Kollegen der Georgia State University in Atlanta, USA, ein kleines Molekül entdeckt, das bei einem Ausbruch des Masernvirus das Umfeld der Infizierten möglicherweise vor der Erkrankung schützen und somit eine Ausbreitung verhindern könnte. Bisher gelang das zwar nur im Tierversuch, dort aber mit überraschend gutem Erfolg, wie die Forscher im Fachjournal Science Translational Medicine berichten.

Für ihre Untersuchungen verwendeten die Wissenschaftler Frettchen, deren Zellstoffwechsel dem des Menschen sehr ähnlich ist. Frettchen können sich zwar nicht mit dem Masernvirus infizieren, dafür aber mit dem Hundestaupevirus (CDV, canine distemper virus), das dem Masernvirus sehr ähnlich ist und ebenfalls zur Familie der Morbilliviren gehört. Beide Viren besitzen denselben RNA-Polymerase-Komplex – den Angriffspunkt des neuen Wirkstoffs.

Unkompliziert im Handling

Den Hoffnungsträger bezeichnen die Wissenschaftler als ERDRP-0519. Das kleine Molekül blockiert die Polymerase, ohne die sich Morbilliviren im Zellinneren nicht replizieren können. Doch nicht nur das, ERDRP-0519 hat noch weitere positive Eigenschaften: Der Stoff ist leicht herzustellen, kann oral verabreicht und bei Zimmertemperatur lange gelagert werden. Aus einer Reihe synthetisch hergestellter Hemmstoffe für verschiedene Angriffspunkte am Masernvirus überzeugte ERDRP-0519 die Wissenschaftler auch aufgrund seiner guten Durchgängigkeit durch die Zellwand am meisten. „Dieser Aspekt ist wichtig, da der Hemmstoff im Inneren der Zelle wirken muss, wo sich das Virus vermehrt“, erklärt Dr. Veronika von Messling, Abteilungsleiterin der Veterinärmedizin des Paul-Ehrlich-Instituts. In-vitro-Versuche mit tierischen und humanen Zelllinien wiesen außerdem auf eine geringe Toxizität des Stoffes hin.

Immunschutz bei Zweitinfektion

Auch im Tierversuch konnte das kleine Molekül überzeugen: Eine Infektion mit dem Virus ist für unbehandelte Frettchen tödlich. Wurden die Tiere dagegen ab dem dritten Tag nach Infektion für 14 Tage mit jeweils 50 Milligramm des Wirkstoffs pro Kilogramm Körpergewicht behandelt, überlebten alle Frettchen die Infektion mit dem Virus. Die Behandlung, die von den Tieren sehr gut vertragen wurde, führte zudem zur Entwicklung eines Immunschutzes gegenüber dem Hundestaupevirus – eine erneute Infektion 35 Tage nach der ersten Infektion mit dem Virus blieb folgenlos. Allen Tieren wurde das Zehnfache der letalen Dosis (LD50) an Hundestaupeviren intranasal verabreicht.

Tückische Mutationen

Eine Sache bereitet den Wissenschaftlern jedoch Kopfzerbrechen: Die Therapie mit ERDRP-0519 führte bei einigen Viren zu genetischen Veränderungen in den Bereichen, die für die RNA-Polymerase kodieren. Mit diesen Viren starteten die Forscher weitere Versuche, doch glücklicherweise hatte keine der Mutationen zu einem aggressiveren Virus geführt. Im Gegenteil: Alle mutierten Viren hatten an Virulenz verloren. „Doch ob das bei zukünftigen Anwendungen von ERDRP-0519 auch so sein wird, lässt sich schwer vorhersagen“, so Dr. von Messling. Die Versuche der Forscher deuteten jedoch darauf hin, dass die mutierten Viren schlechter übertragen werden als der Wildtyp.

Gut Ding will Weile haben …

So vielversprechend das kleine Molekül sich auch zunächst präsentiert hat, in den nächsten Jahren wird wohl weiterhin ausschließlich eine Impfung sicheren Schutz vor einer Infektion mit dem Masernvirus bieten. Denn bis zum klinischen Einsatz von ERDRP-0519 sind noch zahlreiche Untersuchungen zur Toxizität und Wirksamkeit sowohl am Affen als auch am Menschen notwendig. Und letztendlich können nur lang angelegte Studien zeigen, wie lange der so erzeugte Schutz gegen das Masernvirus tatsächlich anhält und ob mögliche Mutationen im Virus den Hemmstoff eventuell sogar wirkungslos machen.

53 Wertungen (4.36 ø)

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8 Kommentare:

Heilpraktiker Karlheinz Sauer
Heilpraktiker Karlheinz Sauer

Also ich glaube kaum, dass wir einen Virus ausrotten können.
Die Grippeviren sind bis jetzt auch nicht ausgerottet.

Soweit ich es verstanden habe, wird mit einer Impfung das Immunsystem auf einen Virus oder Bakterium “trainiert” bildet also Antikörper für die jeweiligen Viren und Bakterien aus, damit das Immunsystem auf die jeweiligen Erreger schneller reagieren kann und dementsprechend die Erkrankung milder oder gar nicht ausbricht.
Das heißt aber nicht, dass das Virus ausgerottet ist. Man kann trotz einer Impfung die Krankheit bekommen bzw. ohne es zu wissen, Krankheiten an andere übertragen ohne selbst erkrankt zu sein.
Ein Überlegen ob Impfung ja oder nein muss jeder selbst für sich beantworten.
Meine Meinung, wenn man Kinder impfen lassen will/soll, dann sollte es frühestens mit 3 Jahren passieren, da dann das eigene Immunsystem gut ausgebildet ist, während ein 6 Monate altes Kind sicherlich noch den Nestschutz der Mutter bekommt.

#8 |
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Ärztin

– Ausrotten werden wir die Masern nur durch konsequente Impfung aller Kinder bei denen keine gesundheitlichen Gründe gegen eine Impfung sprechen. Letztere müssen durch die Impfung der gesunden Kinder geschützt werden.-

Und sollten sie sich dennoch irgendwo anstecken können wir dann das “Molekül” verwenden!

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Ich fürchte, dies könnte zu noch mehr Impfmüdigkeit und Impfgegnerschaft in der Bevölkerung führen.

Wer mit Kindern zu tun hat, die durch Masern irreversibel geschädigt wurden, kann Impfgegner und Masern-Party-Fans letzendlich nur als unverantwortlich verurteilen. Und es müssen gar nicht immer die großen Schäden sein, die das Leben der Kinder belasten. Oft führt eine Masernerkrankung durch die große Schwächung des Körpers zur Anfälligkeit für andere Infektionskrankheiten, bakteriell wie viral, mit allen erdenklichen weiteren Folgen. Wer möchte seinem Kind ein Leben mit Krankheit antun?

Es gibt Impfschäden, aber sie sind äußerst gering. Für die Masern-Röteln-Mumps-Impfung wurde errechnet, dass selbst dann, wenn jede Verdachtsmeldung als Impfschaden gewertet würde, die maximale Komplikationsrate weniger als eine Komplikation auf zwei Millionen Impfdosen betragen würde.

Ausrotten werden wir die Masern nur durch konsequente Impfung aller Kinder bei denen keine gesundheitlichen Gründe gegen eine Impfung sprechen. Letztere müssen durch die Impfung der gesunden Kinder geschützt werden

#6 |
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Tierärztin

Hallo Frau Schmitzer, mich würde interessieren, was das Foto darstellt und in welchem Zusammenhang zum Test es steht.

#5 |
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Alexander Schell
Alexander Schell

Lebe Leute, mein Wunsch:
Können wir mal das Lagerdenken lassen.
Ja es gibt Impfschäden und ja, ohne Impfung können Kinder an Masern o. Diphtherie sterben.
Wer kennt den Satz? “Wie im Kleinen so auch im Großen – und umgekehrt!”
Die Lager der Befürworter und der Verweigerer stehen sich hier manchmal gegenüber wie die Ost- und Westmächte vor 30 Jahren im Kalten Krieg!
Nur meine Überzeugung ist richtig – die Meinung/Überzeugung der Anderen ist falsch! Und wem soll der Patient nun glauben? Das führt zu großer Verunsicherung und macht eine eigenverantwortliche Entscheidung der Patienten/Eltern um so schwieriger.
Lasst diese Aussagen mal sacken und nehmt war welche Gefühle oder Reaktionen in Euch auftauchen.
Wie wäre es mal statt ENTWEDER ODER mit einem SOWOHL ALS AUCH.
Das Leben ist nicht nur Schwarz und Weis – es gibt viele hundet Grautöne.

#4 |
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Birgit Baier
Birgit Baier

Hallo Claudia Olsen, Sie haben bestimmt noch kein Kind an HIB Meningitis und Diphtherie sterben sehen? Das ist vermeidbar, dummerweise halt nur durch Impfung.

#3 |
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Claudia Olson
Claudia Olson

gegen die Dummheit 3 monate alten babies eine 6fach impfung zu geben auch…

#2 |
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Gast
Gast

gegen die Dummheit der Impfgegner kämpfen Götter selbst vergebens

#1 |
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