ALS: Reguliert Strahlentherapie den Speichelfluss?

20. Mai 2014
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Bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) kann es zu einem starken Speichelfluss kommen, der häufig Speichel in die Atemwege bringt. Eine gezielte Bestrahlung der Speicheldrüsen könnte helfen, den Speichelfluss zu normalisieren, so die DEGRO anlässlich einer aktuellen Studie.

„Mehr als die Hälfte aller Patienten mit ALS sterben an den Folgen der übermäßigen Speichelbildung, noch häufiger ist sie Anlass für einen Luftröhrenschnitt oder eine Beatmung“, berichtet Professor Dr. med. Michael Baumann, Direktor der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Dresden und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).

Medikamente oder krankengymnastische Übungen zeigen nur eine begrenzte Wirkung. Einige Ärzte schalten die Speicheldrüse durch Injektion des Nervengifts Botulinumtoxin aus. „Die Behandlung kann jedoch sehr schmerzhaft sein, und es besteht die Gefahr, dass das starke Nervengift die für die ALS typische Lähmung der Gesichtsmuskulatur verstärkt“, warnt der DEGRO-Präsident. Selbst eine Verstärkung der Schluckstörungen sei möglich, wenn das Nervengift die Schlundmuskeln erreicht.

Bestrahlung könnte Speichelfluss vermindern

Eine Bestrahlung könnte die Speichelproduktion bei Patienten mit ALS dagegen auf Dauer vermindern, wie eine Studie aus Frankreich belegt. „Unsere Kollegen haben 50 Patienten aus einem Behandlungszentrum in Paris betreut, die alle seit Jahren an einer starken Sialorrhö, also an einem übermäßigen Speichelfluss, litten“, berichtet Professor Dr. med. Frederik Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Mannheim. Um die Sialorrhö zu mindern, haben die Ärzte die Bestrahlung auf die Speicheldrüsen im Unterkieferbereich und die unteren zwei Drittel der beiden Ohrspeicheldrüsen beschränkt. „Die restlichen Anteile der Ohrspeicheldrüsen und zwei weitere Drüsen unterhalb der Zunge produzierten nach der Bestrahlung genügend Speichel, um eine zu starke Mundtrockenheit zu verhindern“, erklärt Professor Wenz.

Auch zur Behandlung des Morbus Parkinson?

Die Bestrahlung wurde mit sogenannten Linearbeschleunigern durchgeführt, die eine punktgenaue Bestrahlung mit Photonen erlauben. „Auf diese Weise konnte die Strahlung auf einzelne Abschnitte der Ohrspeicheldrüse begrenzt werden“, sagt Professor Wenz. Rückenmark und Hirnstamm befanden sich dagegen außerhalb des Strahlenfelds. Dies sei wichtig, da ein Untergang von Nervenzellen in diesem Bereich Ursache der ALS ist und eine Beschädigung den Krankheitsverlauf beschleunigen würde. Durch die Bestrahlung normalisierte sich bei 46 Patienten der Speichelfluss. Bei den anderen vier Patienten kam es zu einer deutlichen Besserung. Die Therapie eignet sich nach Ansicht der beiden DEGRO-Experten auch zur Behandlung des Morbus Parkinson, der wie die Amyotrophe Lateralsklerose mit Schluckstörungen einhergeht.

Originalpublikation:

Radiation therapy for hypersalivation: a prospective study in 50 amyotrophic lateral sclerosis patients
A. Assouline et al.; Int J Radiat Oncol Biol Phys, doi: 10.1016/j.ijrobp.2013.11.230; 2014

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1 Kommentar:

Logopäde

Leider vermischt der Artikel unterschiedliche Symptome der Erkrankungen.
Einerseits kann es zu einer erhöhten Speichelproduktion kommen (echte Sialorrhoe). Viel häufiger sind jedoch Schluckstörungen und begleitende Defizite in der oralen Wahrnehmung dafür verantwortlich, dass der Patient den (normalen) Speichel nicht adäquat abschluckt und dieser aus den Mundwinkeln fließt bzw. aspiriert wird. Im Rahmen einer logopädischen Therapie kann jedoch häufig durch gezielte Stimulation, Sensibilisierung, Anbahnung kompensatorischer Schlucktechniken etc. das Abschlucken verbessert werden. Wichtig ist in diesem Rahmen auch eine entsprechende Mundhygiene, die zu einer Verbesserung beiträgt.

Rolf Rosenberger
Logopäde

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