Tabaksucht: Therapien auf der Kippe?

23. Mai 2014
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Ärzte und Apotheker unterstützen Patienten auf ihrem Weg in eine rauchfreie Zukunft. Neben Nikotinersatztherapien kommen häufig Bupropion oder Vareniclin zum Einsatz. Je nach Strategie ergeben sich unterschiedliche Abstinenzraten, so das Fazit aktueller Studien. Besonders gut schneiden Kombinationen ab.

Immer weniger Menschen frönen dem blauen Dunst. Forscher aus Seattle unter Leitung von Marie Ng und Emmanuela Gakidou haben herausgefunden, dass zwischen 1980 und 2012 der Anteil rauchender Frauen Frauen um 42 Prozent verringert hat, bei Männern waren es minus 25 Prozent. Hier zu Lande qualmen laut „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1) etwa 30 Prozent aller Erwachsenen. Heilberufler gehen mit gutem Vorbild voran – nur 3,02 Prozent der Apotheker und 1,95 Prozent der Ärzte greifen in den USA zur Zigarette. Kein Wunder: Um von der Tabaksucht loszukommen, haben sie mittlerweile viele Strategien parat.

Fagerström will es wissen

Noch vor einer unterstützenden Pharmakotherapie gibt der Fagerström-Test für Nikotinabhängigkeit Auskunft, wie stark Patienten wirklich von Tabakprodukten abhängig sind. Neben Fragen zum generellen Konsumverhalten wird erfasst, wann Patienten ihre erste Zigarette am Tag rauchen. Ein weiteres Kriterium ist die Entzugssymptomatik, sollte kein Nikotinkonsum möglich sein – etwa bei längeren Flügen. Der Fragebogen ermittelt schlussendlich, wie stark die körperliche Abhängigkeit ist und gibt Health Professionals Anhaltspunkte zur Behandlung. Neben der Nikotinersatztherapie stehen vor allem Bupropion und Vareniclin zur Verfügung.

Schatzkiste der Pharmazie

Kate Cahill von der Cochrane Collaboration hat Ergebnisse einer Metaanalyse veröffentlicht. Zur Auswertung nahm sie zwölf Cochrane Reviews mit 267 Studien und 101.804 Patienten unter die Lupe. Als primärer Endpunkt galt eine Abstinenz von sechs Monaten oder mehr. Alle Methoden erwiesen sich im Vergleich zu Placebo als effektiver. Mit Nikotinersatz und Bupropion gelang es 80 Prozent mehr Rauchern als unter Placebo, keinen Tabak mehr zu konsumieren. Bei Vareniclin waren es immerhin noch 50 Prozent, und bei Nikotin-Kaugummis 70 Prozent. Wer zwei verschiedene Nikotinersatzpräparate verwendete, hatte ähnlich gute Chancen, die Sucht zu besiegen als bei der Pharmakotherapie mit Vareniclin. Die zusätzliche Gabe von Nortriptylin oder Bupropion brache jedoch keinen Benefit. In einem weiteren Beitrag resümiert Kate Cahill, Vareniclin (27,6 Prozent Abstinenzrate) und verschiedene Nikotinersatzprodukte wie Pflaster plus Inhalatoren (31,5 Prozent) seien die effektivsten Strategien, um vom blauen Dunst loszukommen. Dann folgen Bupropion (19,1 Prozent) und Einzelpräparate mit Nikotin (17,6 Prozent). Starke Raucher mit mehr als 20 Zigaretten pro Tag profitierten von Vareniclin plus retardiertem Bupropion, hat eine randomisierte, verblindete, Placebo-kontrollierte Multicenterstudie gezeigt. Nach zwölf und nach 26 Wochen lagen Abstinenzraten signifikant höher als unter Vareniclin allein. Schließlich erlebten Forscher ein böses Erwachen: Diese Unterschiede waren zum Zeitpunkt von 52 Wochen nicht mehr statistisch signifikant.

Leidet die Seele, qualmt die Zigarette

Joseph M. Cerimele, Seattle, warnt jedoch vor dem allzu pauschalen Umgang mit Statistiken. Der Wissenschaftler berichtet, Menschen mit psychischen Erkrankungen seien besonders anfällig für eine Nikotinabhängigkeit. Entsprechende Zahlen kommen aus dem Medical Expenditure Panel Survey (MEPS) und dem National Survey on Drug Use and Health (NSDUH). In die MEPS-Stichprobe wurden 32.156 Personen mit mentalen Erkrankungen und 133.113 gesunde Probanden als Vergleich eingeschlossen. Die NSDUH-Kohorte bestand aus 14.057 langjährigen Rauchern mit seelischen Erkrankungen. Benjamin Lê Cook, Massachusetts, berichtet, dass unter Personen mit psychischen Leiden 2,3 Prozent mehr Raucher waren als bei Vergleichsgruppen. Wer psychischen Grunderkrankungen behandeln ließ, schwor dem blauen Dunst eher ab als ohne Therapie. Speziell bei bipolaren Störungen und bei Schizophrenie zeigte eine randomisierte, Placebo-kontrollierte, doppelblinde Studie den Mehrwert einer systematischen Pharmakotherapie. Neben Vareniclin erhielten Patienten eine kognitive Verhaltenstherapie als Rückfallprophylaxe. Nach 52 Wochen waren in der Verum-Gruppe signifikant mehr Teilnehmer abstinent als in der Placebogruppe. Auch hielten sich 45 Prozent dauerhaft vom Glimmstängel fern (Vergleich: 15 Prozent).

Die Mischung macht´s

Doch jede Pharmakotherapie hat auch ihre Schattenseiten. Studienteilnehmer klagten nach der Einnahme von Vareniclin vor allem unter psychosomatischen Befindlichkeitsstörungen, vermehrtem Appetit und Gewichtszunahme. Bei Bupropion kam es zu gastrointestinalen Befindlichkeitsstörungen, Kopfschmerzen und Mundtrockenheit. Erhöhte Risiken ließen sich in der Metaanalyse von Kate Cahill aber nicht finden. Bleibt als Fazit, dass viele Arbeiten den Vorteil multimodaler Therapien betonen. Arzneistoffe und Nikotinersatztherapien bringen zusammen mit kognitiven Verhaltenstherapien die besten Resultate.

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