Objektwahrnehmung: Wie erfassen wir die Welt?

19. Mai 2014
Teilen

Sehen wir die Welt, wie sie wirklich ist oder wie wir sie haben wollen? Mit dieser Frage haben sich Philosophen und Neurowissenschaftler beschäftigt. Sie beschreiben ein neues Modell für die Wahrnehmung von Objekten auf Basis von Konstruktionsprinzipien.

Bislang gab es zwei Theorien, wie die Wahrnehmung von Objekten mit unseren Begriffen, Vorstellungen, Wünschen und dem Hintergrundwissen zusammenhängt, das wir über die Objekte besitzen. Die eine Theorie besagt, dass die Wahrnehmung eines Objekts durch unsere Begriffe geprägt ist und erst durch diese Begriffe möglich wird. Laut dem zweiten Modell ist ein Wahrnehmungsbild auch ohne Begriffe verfügbar; wir erfassen die Welt, so wie sie ist. Prof. Dr. Albert Newen vom Institut für Philosophie II der RUB und seine Schweizer Kollegin Petra Vetter schlagen ein neues Modell vor: Wahrnehmungen basieren auf Konstruktionsprinzipien, die evolutionär verankert und somit für alle Menschen gleich sind. Sie werden jedoch gleichzeitig durch Vorstellungen, Erinnerungsbilder, Begriffe und Hintergrundwissen geprägt.

Wenn ein bedeutungsloses Fleckenmuster zur Kuh wird

Dass unsere Wahrnehmung von unserem Wissen und unseren Denkprozessen beeinflusst wird, legen Newen und Vetter mit einem einfachen Experiment dar. Zeigt man verschiedenen Personen ein Bild von einem schwarz-weißen Fleckenmuster, können diese darin normalerweise keine Struktur erkennen. Gibt man ihnen jedoch die Information, dass auf dem Bild eine Kuh dargestellt ist, sehen die Betrachter in demselben Muster eine Kuh — und können auch nicht wieder in den Zustand zurückkehren, indem sie ein bedeutungsloses Fleckenmuster gesehen haben.

Hintergrundwissen moduliert Aktivität in primären visuellen Arealen

Petra Vetter zeigte in Experimenten, dass Hintergrundwissen die primären visuellen Areale moduliert, also die Eingangsstation für Informationen des Sehsinns in der Großhirnrinde. Albert Newen schlägt vor, dass es mehrere Arten gibt, wie das Hintergrundwissen und unsere Begriffe die Wahrnehmung beeinflussen. Dazu unterscheidet er vier Ebenen: die Ebene der primären visuellen Prozesse; die Ebene, auf der ein Wahrnehmungsbild entsteht; die Ebene der visuellen Vorstellung; die Ebene der Begriffe, des Wissens und der Überzeugungen. Laut Newen können alle drei höheren Ebenen die Ebene der primären visuellen Prozesse beeinflussen. Dies wird unter anderem durch systematische Fälle von Wahrnehmungsstörungen untermauert.

Originalpublikation:

Varieties of cognitive penetration in visual perception
Petra Vetter et al.; Consciousness and Cognition, doi: 10.1016/j.concog.2014.04.007, 2014

29 Wertungen (4.69 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

1 Kommentar:

Claude-Alain Perrochet
Claude-Alain Perrochet

Sinnesorgane und unser Gehirn als Biomasse sind auch nur Objekte unserer Wahrnehmung. Während wir uns also Gedanken machen über die Welt und die Wahrnehmung derselben, ist dies nichts als eine bioelektrische Aktivität der Biomasse Gehirn. Unsere Gedanken, Vorstellungen usw. sind reine bioelektrische Impulse, welche in der Biomasse unseres Gehirns entstehen – ein Hirngespinnst sozusagen – und überhaupt kein Gewähr, dass daran etwas Objektives ist. Wenn wir heftig träumen, haben wir auch das Gefühl, die Szene sei real – bis wir aufwachen. Alles Illusion also – nur Träumereien auf einer real erscheinenden Ebene? Ja, wenn wir nicht erkennen, dass nicht unser Gehirn denkt und erkennt, sondern unser Geist – eine nicht materiell sichtbar, riechbar oder tastbare Wirklichkeit. Die einzige Wirklichkeit sogar, welche wir unmittelbar als Wirklichkeit wahrnehmen und erkennen können – alles andere sind “Träumereien” – oder Eindrücke, welche diese eine Wirklichkeit erreichen und woraus diese Vorstellungen und Begriffe bildet – die wir dann als Objekt bezeichnen. Es ist diese Wirklichkeit, welche erkennt und begreift und logisch beweisen kann, dass in einem Dreieck die Summe aller Winkel immer 180° beträgt. Es ist diese Wirklichkeit, welche nicht nur zufällig die nicht riech-, tast- oder sichtbaren, sondern rein gedanklich-logischen Gesetzmässigkeiten erkennt. Und weil sich die Welt aus dem einen und übrall immer gleichen Geist entwickelt hat, erkennt dieser durch den Mensch sich selbst in einer seiner “veräusserlichten” Form. Der im Mensch erkennende Geist ist die Essenz der nach aussen gestülpten äusserlichen Welt. Der Erkennungs- und Wissensdrang des Menschen ist der Drang des Geistes auf der Suche nach sich selbst, nach Selbsterkenntnis. Was auch unmittelbar im Erkennen des eigenen Geistes erfahren werden kann. Gelingt einem Menschen dieses Erleben, ist er zur selben Zeit überall und mit allem verbunden, sind Zeit und Raum grenzenlos erkenn- und erfahrbar wie dies von solchen Menschen (z.B. Bouddha, Meister Eckhard) berichtet wird.
Angenommen, alle Erscheinungen seien letztlich Ausfluss des Geistes, seien “geronnenes Licht” und der Geist sei überall gleichzeitig und zeitlos, alles “verwebend”, sind diese kleinsten Partikel der Quantenphysik die erste (heute!) messbare materielle Erstarrung des Geistes, welche noch viel von dessen Eigenschaft besitzen: gleichzeitig über all zu sein und mit allem verbunden zu sein. Ist einmal der Geist als Ursprung alles menschlichen Erkennen wie auch als Ursprung aller äusseren Erscheinungen und Gesetzmässigkeiten erkannt, erstaunen solche Ergebnisse aus der Quantenphysik nicht mehr, sondern bedeuten ein freudiges Wiederfinden einer Spur des in allem wirkenden Geistes und lassen seine “Ausdehnung” und “Verwobensein” erahnen.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: