Spermienfunktion: Chemie-Zäune vor der Eizelle?

13. Mai 2014
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Hormonell wirksame Chemikalien (endocrine disrupting chemicals) beeinträchtigen die Spermienfunktion und könnten für Fruchtbarkeitsstörungen mitverantwortlich sein. Zu diesen Ergebnissen kommt nun eine aktuelle Studie.

Endocrine disrupting chemicals („Störer des Hormonsystems“) sind in Lebensmitteln, Plastikflaschen, Textilien, Haushaltsprodukten, Kosmetika und Spielzeug allgegenwärtig. Bisher konnte man die schädliche Wirkung der Substanzen auf den Menschen schwer nachweisen, da keine geeigneten Testsysteme existierten.

Die Wissenschaftler entwickelten nun ein Verfahren, mit dem die Wirkung auf menschliche Spermien zuverlässig und schnell untersucht werden kann. In der Studie wurden rund 100 endocrine disrupting chemicals getestet. Etwa 30 davon stören den Kalziumhaushalt der Spermien, darunter Bestandteile von Sonnenschutzmitteln wie 4-Methylbenzylidencampher (4-MBC), der Kunststoff-Weichmacher Di-n-butylphthalat (DnBP) sowie das antibakteriell wirkende Triclosan, das in Zahnpasta und Kosmetika enthalten ist.

Wechselwirkungen untersucht

Darüber hinaus untersuchten die Forscher die Wechselwirkung zwischen den Substanzen und einem Ionenkanal (cation channel of sperm; CatSper), der die Kalziumkonzentration in Spermien kontrolliert. Bei Konzentrationen, die man auch im menschlichen Körper findet, öffnen die Substanzen den CatSper-Kanal und Kalzium strömt in die Zelle. Dieser Eingriff in den Kalziumhaushalt ändert das Schwimmverhalten der Spermien und führt dazu, dass Enzyme freigesetzt werden, die Spermien normalerweise helfen, die schützende Hülle der Eizelle zu durchdringen.

Befruchtungsvorgang gerät durcheinander

Das Schwimmverhalten und die Enzymfreisetzung werden durch Progesteron und Prostaglandine gesteuert – weibliche Hormone im Eileiter. Die Alltagschemikalien imitieren die Wirkung von Progesteron und Prostaglandinen und führen dazu, dass Spermien weniger empfindlich auf diese Hormone reagieren. Die Ergebnisse der deutsch-dänischen Studie deuten darauf hin, dass die endocrine disrupting chemicals den Befruchtungsvorgang durcheinander bringen: Die Substanzen könnten die Navigation der Spermien hin zur Eizelle stören oder die Spermien daran hindern, die Eihülle zu durchdringen.

endocrine disruptor-Cocktails

Die Wissenschaftler untersuchten auch die Wirkung von endocrine disruptor-Cocktails, die verschiedene Substanzen in geringer, kaum wirksamer Konzentration enthalten; ähnliche Cocktails lassen sich im Blut nachweisen. Die Forscher beobachteten, dass die endocrine disruptor-Cocktails – trotz der kaum wirksamen Konzentrationen der einzelnen Komponenten – große Kalziumantworten in Spermien auslösten – ein  weiteres alarmierendes Ergebnis.

Die EU-Kommission überprüft derzeit Richtlinien über Grenzwerte für endocrine disrupting chemicals. Im vergangenen Jahr wurde die Frage, ob man die Verwendung dieser Substanzen weiter einschränken sollte, kontrovers zwischen Endokrinologen und Toxikologen diskutiert. „Zum ersten Mal konnten wir nachweisen, dass eine Vielzahl weit verbreiteter Substanzen eine direkte Wirkung auf menschliche Spermien hat“, sagt Prof. Niels E. Skakkebaek, Leiter des dänischen Forscherteams vom Rigshospitalet in Kopenhagen. „Unsere Arbeit liefert nun wissenschaftliche Belege, die helfen, neue Richtlinien zu erarbeiten“, unterstreicht der Studienleiter Dr. Timo Strünker vom Forschungszentrum caesar in Bonn.

Originalpublikation:

Directed action of endocrine disrupting chemicals on human sperm
C. Schiffer et al.; EMBO Reports, doi: 10.15252/embr.201438869; 2014

22 Wertungen (4.68 ø)

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10 Kommentare:

Gast
Gast

@Dr. med. vet. Andreas Eißing geht es sachlicher als mit Zahlen?

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Dr. med. vet. Andreas Eißing
Dr. med. vet. Andreas Eißing

Gast, bitte etwas mehr Sachlichkeit. Ihr Beitrag ist erstens am Thema vorbei. Zweitens empfehle ich bzgl. MRSA & Co. die Veröffentlichungen des Robert Koch Instituts. Drittens unterliegen Medikamente für Nutztiere dem vollen Mehrwertsteuersatz, und viertens kommen wir bei solch komplexen Themen nun wirklich nicht mit gegenseitigen Schuldzuweisungen weiter.

#9 |
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Gast
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Schön, dass auch Spermien nicht ganz vergessen werden

#8 |
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Gast
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“zum ersten mal konnten wir …”
Das mit den Koktails ist aber schon länger bekannt

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Sehr geehrte Frau Breburda,

bitte vermeiden Sie es zukünftig, Kommentare mit werblichem Hintergrund an dieser Stelle zu vermerken.

Ihre DocCheck News Redaktion

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Gast
Gast

@Dr. med.vet. Edith Breburda, “Tierärzte” in Deutschland mit einer „Hausapotheke“ haben im Jahr 2011 1.706 (eintausendsiebenhundertsechs) Tonnen Antibiotika bei Tieren eingesetzt, darunter auch Cephalosporine,
das bringt Menschen in Schwierigkeiten insbesondere auf Intensivstationen, wo in Deutschland weniger als 10 (zehn) Tonnen eingesetzt wurden.
Wissen Sie wieviel z.B. Bauern noch ZUSÄTZLICH ohne Tierärzte an Antibiotika kaufen und einsetzen,
natürlich privilegiert mit halbem Mehrwertsteuersatz?

#5 |
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Gast
Gast

@Dr. med.vet. Edith Breburda das gentechnische Humaninsulin sollte wieder abgeschafft werden?
Wir sind hier nicht im grünen Kindergarten.

#4 |
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Gast
Gast

@Laura Monte, kann man mit “Gaia” reden?
Meinen Sie, die bevorzugt Bakterien und Insekten?

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Ärztin

Gaia schlägt zurück, die Erde wehrt sich-zu viele Menschen…..

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Das Buch: Globale Chemisierung, vernichten wir uns selbst vermittelt einen soliden Überblick und ist als weiterführende Literatur zu empfehlen. [Nachricht von der Redaktion gekürzt]

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