Tiertherapie: Kann Hasso heilen?

3. Juli 2012
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Manchmal reichen bewährte Methoden nicht aus, um eine vertrauensvolle Basis zwischen Therapeut und Kind aufzubauen. Hier kann die helfende Brücke in der Kommunikation der Einsatz von Hund, Pferd oder Delfin sein.

Es müssen schlimme Alpträume sein, unter denen misshandelte Kinder leiden. Darüber zu sprechen, erfordert Mut und Vertrauen. Oft erfordert es mehr davon, als da ist. Dann tun sich auch erfahrene Psychologen schwer, einen Kontakt mit diesen Mädchen oder Jungen aufzubauen und sie aus ihrer abgeschlossenen und vermeintlich sicheren Welt zu locken.

Türöffner auf vier Beinen

Janet Eggiman, Familientherapeuten aus dem amerikanischen Fort Wayne erzählt in einem Bericht über ein Mädchen, das von ihrem Stiefvater missbraucht wurde. Schlaflosigkeit, Lügen, Stehlen, sexuell abnormales Verhalten gegenüber von Tieren, Aggression gegen Geschwister. All das gehörte zum Repertoire ihrer kleinen Patientin. In ihrem Bericht beschreibt die Therapeutin einen wichtigen Gehilfen, der in diesem Fall als Türöffner erfolgreich war: Ihren Hund Kotter, den sie auch auf ihrer Homepage vorstellt.

Ohne Angst vor Schelte, vor Vertrauensbruch und Scham erzählen Kinder bei der Therapiestunde Tieren oft sehr viel mehr, als sie selbst Freunden anvertrauen würden. So verhalf auch Kotter dem verhaltensgestörten Kind wieder zu mehr Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle und normalem Sozialverhalten. Ähnliche Fallbeschreibungen finden sich öfter in der Literatur, systematische und strukturierte Studien über „tiergestützte Therapie“ sind jedoch selten.

Andrea Beetz von der Universität Rostock hat rund 30 Jungen im Alter von 7-12 Jahren untersucht, die unter familiärer Gewalt, Verlust oder Vernachlässigung litten. Die Folge: Ein abnormales Bindungsverhalten. Im Vergleich eines Stoffhunds mit einem zugewandten menschlichen Betreuer oder einem lebenden Hund reagierten die Jungen in Gegenwart des natürlichen Vierbeiners bei Stress souveräner und gelassener. Das Team zog diesen Schluss aus der Bestimmung von Kortisol aus Speichelproben. Auch autistische Kinder profitieren von der Zuwendung vom und zum Tier, wie Janelle Nimer und Brad Lundahl aus dem amerikanischen Utah in einer Metastudie dokumentieren.

Große Anerkennung, geringe Verbreitung

Viele Ärzte und Therapeuten nehmen die Erfolge beim Einsatz von Verbeinern wohlwollend zu Kenntnis, dennoch ist der Schritt zum Einsatz in der eigenen Praxis noch sehr groß. Anke Prothmann von der Technischen Universität München sammelte per Umfrage Informationen über Tiere in der Kinderklinik bei rund 330 pädiatrischen Krankenhäusern oder Abteilungen. Auch wenn rund neun von zehn Chefärzten viel von dieser Therapiemethode halten, setzten im Jahr 2009 nur 38 davon auf animalische Unterstützung. Meist sind es Bedenken bei der Hygiene, dem Personalaufwand oder Gesundheitsrisiken durch Allergie oder Verletzung, die verhindern, dass Tiere den Zugang zu den kleinen Patienten erhalten und erleichtern.

Dabei holte sich schon vor rund fünfzig Jahren der Amerikaner Boris Levinson regelmäßig seinen Golden Retriever als Therapiehelfer in die Praxis, als er per Zufall an einen verschlossenen Jungen geriet, der während der Sitzung plötzlich anfing, mit seinem Hund zu reden. Sogar Sigmund Freuds Chow-Chow soll schon in der Praxis dabei gewesen sein.

Pferde und Esel: Kommunikation ohne Worte

Während Hunde noch immer die Nummer eins bei lebendigen nichtmenschlichen Assistenten sind, haben aber es aber auch Esel, Pferd oder Delfin in die Psychotherapie, aber auch die Rehabilitation zum Muskelaufbau oder Training des Gleichgewichtssinns geschafft. Auf einem Pferderücken finden etwa Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit zu mehr Geduld beim Umgang mit Freunden und Fremden, aber auch zu besseren motorischen Leistungen, berichtet eine norwegische Studie. Ähnliches gilt für Heranwachsende mit Autismus, Zerebralparesen, Schlaganfall-Betroffene oder sogar jugendliche und erwachsene Patienten mit Down-Syndrom. Für die Muskelentspannung sorgt auch die im Vergleich zum Menschen etwas höhere Körpertemperatur. Die Wärme geht beim intensiven Kontakt direkt auf den Patienten über.

Kinder mit einer gestörten psychoaffektiven und -kognitiven Entwicklung profitieren vom Umgang mit Eseln. Eine Italienische Arbeitsgruppe führt dies darauf zurück, dass die Verständigung mit dem Tier häufig ohne Worte, sondern nur mit Gesten oder über Körperkontakt läuft, eine Ebene, die viele Hemmungen abbaut und es besonders geistig zurückgebliebenen Kindern leichter macht, Selbstbewusstsein wieder aufzubauen.

Achtung: Kommerzielle Tiervermieter

Nicht ganz unumstritten ist dagegen die Arbeit mit Delfinen. Wissenschaftler von der Universität Würzburg berichten über Kinder im Schulalter, die beim Spiel am oder im Wasser die ersten Worte ihres Lebens gesprochen haben. Auch eine verbesserte Fähigkeit, sich zu konzentrieren oder gelinderte Depressionen schreibt man den Besuchen bei Flipper & Co zu. Allerdings sind diese Studien nicht unumstritten, das sie auf Interviews mit den Eltern beruhen, die oft sehr viel Geld in diese Therapie investiert haben. Inzwischen gibt es aber auch einige kommerzielle Unternehmen, die Tiere für Therapiezwecke einsetzen, aber das Wohlergehen der Tümmler vernachlässigen.

Wie Michael Scheer in der Zeitschrift „Krankendienst“ im Jahr 2008 schreibt, würden die Tiere in den Delfinarien nicht aufgrund ihrer Neugier mit den Kindern spielen, sondern allein wegen der Belohnung durch die Trainer. Bei einem Fachgespräch der Grünen Bundestagsfraktion im gleichen Jahr zu diesem Thema verurteilten sowohl Gegner als auch Befürworter die Zwangshaltung in Delfinarien. Die hohe Sterblichkeit und mangelnde Zuchterfolge machen es nötig, immer wieder neue Wildtiere anzuliefern, oft aus dubiosen Quellen. Dabei ist eine solche Therapie nicht gerade billig: Rund 15.000 Euro müssen Eltern für drei Wochen in Florida kalkulieren. Daher ist auch der Verein „Autismus Deutschland e.V.“ gegen Delfine als Ersatztherapeuten.

Im Vergleich zum normalen Alltag steigt aber auch bei vielen anderen Tieren der Kortisolspiegel bei der Arbeit mit den Patienten an. Ob das mit positiver Aufregung oder Arbeitsstress zusammenhängt, ist aber noch unklar.

Und was fühlt mein Hund?

Auch bei den Patienten steigt das Kortisol an, daneben aber auch Oxytocin, Prolactin, Phenylethylamin oder Dopamin, die für entsprechende positive Veränderungen im (Sozial-)verhalten sorgen. Kinder, die mit Tieren im Haushalt aufwachsen, sind selbst- und verantwortungsbewusster und tun sich leichter im Umgang mit ihrer Umgebung. Die entsprechenden Studien geben aber bisher noch keine Antwort darauf, ob das meist bessere Klima in jenen Familien, die sich ein Haustier leisten, nicht ohnehin die Entwicklung von Kindern fördert. Gibt es Verständigungsmöglichkeiten zwischen Tier und Kind – oder auch verhaltensgestörten Erwachsenen, die über sicht- und messbare Wege hinausgehen? Was kommt von einer solchen Annäherung beim Tier an und wie gibt es den Kontakt zurück? Die ZEIT berichtete vor kurzem über die ersten Kernspin-Messungen am Gehirn des unbetäubten Hundes. Vielleicht wissen wir in einigen Jahren mehr darüber, was die ganz besondere Beziehung zwischen Mensch und Haustier ausmacht.

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Medizin

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9 Kommentare:

Als Tierazt kann ich nur bestätigen, dass Tiere einen heilenden, charakterprägenden und soziale Kompentenz fördernden Einfluß auf Menscher aller Altersgruppen haben. Die zu oft beschworenen allergischen und hygienischen Aspekte kann jeder Mensch selbst beeinflussen. Bei der Entscheidung, welches Tier sich am Besten eignet, sollte durchaus interdisziplinär zusmmangearbeitet werden.

#9 |
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dipl. Psych Heike Palm
dipl. Psych Heike Palm

Ich habe mit meiner Hündin drei Jahre lang ehrenamtlich im Besuchshundedienst in einem örtlichen Altenheim gearbeitet. Gerade im Umgang mit demenzkranken Menschen wirkte der Hund als kommunikativer Türöffner. Menschen die zuvor ins Leere starrten, nahmen Blickkontakt auf, berührten das Fell und lächelten. Manche begannen auch von eigenen Hunden zu erzählen. Egal, ob der Erfolg wissenschaftlich zu “messen” ist, Tiere haben auf jeden Fall einen positiven Effekt auf die Stimmungslage vieler Menschen. Ich glaube nicht, dass der Hund eine spezielle Ausbildung braucht, aber der Hundeführer muss entsprechend kompetent sein: im Umgang mit den Menschen und im Umgang mit seinem Hund.

#8 |
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Cindy Geisler
Cindy Geisler

Für mich stellt sich nicht die Frage, ob solch eine Therapie hilft oder nicht, denn die Antwort ist einfach-man sieht es doch, dass es wirkt! Man kann mit allen Lebewesen kommunizieren, vielleicht nicht wie es Menschen untereinander tun aber wie und wer definiert Kommunikation?
Tiere haben etwas behalten was ein großer Teil der Menschheit bereits verloren hat, nämlich Autthentizität und ich denke das ist auch schon das ganze Geheimnis. Kinder sind noch viel feinfühliger als Erwachsene und nehmen dies intensiver wahr.
Zur Ausbildung und Abzocke bleibt nur zu sagen, dass es sicher sinnvoll ist Blinden und Helferhunde auszubilden aber Therapiehunde im oben genannten Sinne? Wie soll diese Ausbildung aussehen? Nach Freud oder Jung? In diesem Fall sind gut sozialsierte Tiere das Beste.
Ich persönlich finde es Tierquälerei, Delphine in kleinen Chlorbecken einzusperren oder andere Tierarten nur zu Therapiezwecken in nicht artgerechten Verhältnissen zu halten. Sonst brauchen diese bald selbst Therapie…

#7 |
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Diana Will
Diana Will

Ich arbeite seit vielen Jahren mit einem Hund in der Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und habe nur gute Erfahrungen gemacht. Allerdings sehe ich viele der teilweise doch recht merkwürdigen “Institute” zur Ausbildung der Tiere sehr kritisch. Wie sooft haben Menschen einen Markt entdeckt, an dem sich Geld verdienen lässt und nicht immer sind die Ausbilder ausreichend ausgebildet, um diese Tätigkeit tatsächlich anzubieten.
Meine Hunde wurden in erster Linie von mir auf ihre Aufgaben in der Praxis vorbereitet. Zusätzlich waren sie schon als Welpen speziell geschult und nach Charaktereigenschaften ausgewählt. Sie mussten wenig Angst oder Verunsicherung in neuen Situationen zeigen, gerne schmusen und Nähe haben wollen und keine Alpha-Tiere sein. Die Führung bleibt bei mir. Die wichtige Sozialisation des Tieres sollte bei der Mutter erfolgen, also kommen sie erst mit ca. 12 Wochen zu mir, nicht wie oft schon mit 8 Wochen. Sie wachsen in Familie auf und nicht im Zwinger. Die Hundeeltern sind ausglichen und charakterfest, wohlerzogen und geliebt, keine Dauerzuchttiere. Die Ausbildung muss konsequent, liebevoll und ausschließlich positiv sein. Wenn man das richtige Verhalten positiv beantwortet benötigt man keine Strafen.
In der Therapie darf sich das Tier auch zurückziehen, wenn es müde ist oder aus anderen Gründen nicht teilhaben mag. Oft sind die Menschen, denen der Hund auszuweichen versucht, impulsiv unberechenbar. Ich bekomme also wertvolle Denkanstöße durch die Reaktion des Hundes. Ich erlebe die Anwesenheit des Tieres als ausgleichend, deeskalierend und absolut entlastend. Zusätzlich achte auch ich besser auf mich, weil die Kleine ja auch Pausen benötigt und mal raus muss. bei manchen Kindern und Jugendlichen ist der Hund der “Türöffner” und emotionale Stütze, sowie ein kommunikatives Medium. Also alles in allem eine super Ergänzung für diese Arbeit.
Aber der Mensch, der gerne mit einem Tier arbeiten möchte, muss diese Tiere auch wirklich selbst wollen. Ein Hund ist kein “Kollege”, der das schon irgendwie hinbekommt, sondern dann auch ein wichtiger Partner im Leben und es bedarf einer lebenslangen gemeinsamen Arbeit und intensives Training, damit die Kooperation wirklich gelingt.
Anders ist das sicherlich bei Hunden in der Arbeit mit sehbehinderten Menschen, oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Krankheiten, hier gibt es eine Menge sehr guter Ausbildungsinstitute.
Ich denke grundsätzlich muss man sich sehr genau überlegen welches Tier passt zu mir, der Aufgabe und dem Einsatzgebiet? Welche Ausbildung benötige ich, welche das Tier? Kann ich meinen Alltag so gestalten, dass ich beiden gerecht werde?
Zusätzlich habe ich übrigens auch noch ein Aquarium in der Praxis. Auch dieses bringst ganz viel Ruhe in die Arbeit, ist ein Eyecatcher, vor allem bei hochemotionalen Gesprächen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen und fasziniert die kleinen Patienten bisweilen, auch wenn man mit diesen Tieren nicht kuscheln kann. Auch hier haben wir länger überlegt, welche Fische stresstauglich genug, pflegeleicht und dennoch “hübsch” sind, damit sie den Alltag einer Praxis gut überstehen können.

#6 |
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Ich bin Ärztin und Onkologin und bin intensiv im Tierschutz nach einem selbst durchlebten persönlichen schweren Trauma tätig; auch Mitgkied von Neufundländer in Not e.v.; wir betreiben mit Neufundländern tiergestützte Therapie, es gibt auch Aktivitäten mit Besuchsprogrammen in Altersheimen, Kindergärten und in der Gerontopsychiatrie; außerdem ist bekannt, dass Tiere erfolgreicher als Psychiater sind, Menschen mit Beziehungen zum Tier wesentlich stabilder, dies gilt auch für Kinder; eine Symbiose, wenn man denn auch das Tier achtet; Therapien erfolgen mit unseren ehemals vom Menschen schwerst gequälten und vernachlässigten Neufundländern- eine Brücke – die ich auch symbolisch verstanden haben möchte und ich mich freuen würde, wenn sich mehr Kollegen auch für Tiere einsetzen, das Tierelend und die Qualen bis hin zur Massentierhaltung, hausgemachten resistenten Keimen ist himmelschreiend und beschämend für die Menschheit zugleich

#5 |
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Biologin

Eine interessante Dokumentation zum Thema lief am 31.Mai auf ARTE. Titel: “Die heilende Sprache der Pferde”.
Beeindruckende Erfahrungsberichte, höchst kompetente Therapeutinnen und ein offener Umgang mit dem Thema Evidenz!
Sehr empfehlenswert!
http://www.youtube.com/watch?v=sByg5d4X3Dw

#4 |
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Bereits Anfang 2000 gab es in der Zeitschrift eine kleine Serie “Tiere in der Therapie” – vielleicht mal dort nachlesen :-))

#3 |
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Rudolf Bauer
Rudolf Bauer

Wenn auch die Erfolge,zumindest am Anfang, nicht messbar sind, so bin ich der Meinung, daß ein Versuch nicht schaden kann.
In solchen Fällen ist der erste Schritt sicher einen Zugang zum Patienten zu finden.
Wenn der Patient, das Kind mit einem Tier zusammenarbeitet ist es mindestens für die soziale Kompetenz sinnvoll.
Meine Söhne,davon der Ältere durch Sauerstoffmangel unter der Geburt behindert,sind mit Tieren aufgewachsen.
Wir hatten immer einen Hund und später Pony und Pferde.
Ich kann nur von besten Ergebnissen berichten.
Auch heute noch, der Ältere ist inzwischen 46 Jahre, entspannt er sich auf ausgedehnten Spaziergängen mit unserem Hund.
Er hat es geschafft eine Botentätigkeit in einer Firma seit über 20 Jahren auszuüben.
Das ist ein riesiger Erfolg, nachdem er mit 4 Jahren von kinderneurologischen Kapazitäten so eingeschätzt wurde, daß auf Sicht nur eine Heimeinweisung für ihn in Frage käme.Er war aggressiv zu anderen Kindern und Sachen.
Alles versuchen und sich viel auch seitens der Eltern mit dem Kind beschäftigen, hat uns zu diesem Erfolg gebracht. Wir können ihn alleine ,zwar im gleichen Haus, in einer eigenen Wohnung leben lassen.Er hilft fleißig bei der Gartenarbeit und geht sogar in einen Musikverein,indem er aktiv mitspielt.
Er will immer etwas tun und freut sich über kleine Arbeitsaufträge.

#2 |
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Die Gesellschaft für Neuropädiatrie hat zur Tiergestützten Therapie 2008 eine kritische Stellungnahme verfasst und die Qualität der bei der Literaturecherche gefundenen Therapiestudien bewertet. Die Wirksamkeit der Therapieform konnte nicht mit ausreichender Evidenz belegt werden(www.neuropaediatrie.com – info für Ärzte – Stellungnahmen).

#1 |
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