Paracetamol: Das große Zappeln

16. Mai 2014
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Wissenschaftler haben pränatale Paracetamol-Gaben als möglichen Risikofaktor für ADHS identifiziert. Ihre Studien geben mögliche Hinweise, ohne die Kausalität aber direkt zu belegen. Für die Praxis bleibt momentan ein großes Fragezeichen.

In der Literatur werden zahlreiche Gründe für das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) diskutiert. Neben genetischen Prädispositionen gibt es Hinweise, dass hier Umwelteinflüsse um Tragen kommen. Im Mittelpunkt des Interesses steht jetzt Paracetamol: ein Analgetikum, das Schwangeren – bei aller Zurückhaltung und bei Hinweisen zur kurzfristigen Einnahme – als Mittel der Wahl empfohlen wird.

Entwicklungsstörungen…

Dieser Rat wird durch neue Studien mehr und mehr infrage gestellt. Hedvig Nordeng aus Oslo wertete Daten der norwegischen Mutter- und Kind-Kohortenstudie aus. Insgesamt lagen bei 2.919 Frauen Angaben zur Medikation vor, jeweils in der 17. beziehungsweise 30. Schwangerschaftswoche sowie sechs Monate nach der Niederkunft. Nordeng standen auch Untersuchungsergebnisse der Kinder selbst und etwaiger Geschwister zur Verfügung. Falls werdende Mütter an 28 oder mehr Tagen Paracetamol einnahmen, zeigten Kinder Auffälligkeiten bei der sprachlichen sowie der motorischen Entwicklung. Verhaltensauffälligkeiten und Hyperaktivität kamen noch hinzu. Entsprechende Symptome waren weniger stark ausgeprägt, falls Frauen das Pharmakon seltener einnahmen. Bei Ibuprofen trat dieser Effekt nicht auf.

…und ADHS

Zeyan Liew, Los Angeles, befasste sich mit ähnlichen Fragestellungen. Als Basis diente die dänische Geburtenkohorte mit 64.322 Müttern. Alle Teilnehmerinnen wurden in der zwölften und 20. Schwangerschaftswoche sowie sechs Monate nach der Entbindung telefonisch befragt. Schluckten Frauen Paracetamol in mehr als einem Trimenon beziehungsweise an mehr als 20 Tagen, erhöhte sich das ADHS-Risiko bei ihren Kindern statistisch signifikant. Wie zuvor schon Nordeng, bereinigte Liew seine Ergebnisse um anderweitige Risikofaktoren.

Hinweis oder Holzweg

Ganz so einfach ist die Sache aber nicht. Befragungen sind immer mit großen Unsicherheitsfaktoren verbunden. Ein weiteres Problem: Ob Paracetamol ursächlich für die Auffälligkeiten verantwortlich ist, lässt sich durch epidemiologische Studien nicht mit Sicherheit sagen. Die Veröffentlichungen gelten als Hinweis, aber nicht als Beweis. So lange bleibt Paracetamol für schwangere Patientinnen Mittel der ersten Wahl.

15 Wertungen (4.13 ø)
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4 Kommentare:

Gast
Gast

“Schmerztabletten” in der Schwangerschaft,
historisches Beispiel : Kontergan, in Deutschland ca. 10.000 geschädigte Kinder, in der restlichen Welt ca. 1000.
Aufgedeckt wurde der Zusammenhang zwischen Schmerzmittel und typischer Baby-Missbildung in Australien.
Heute Missbildungsursache Nr.1 Alkohol,
natürlich schadet auch das Rauchen.

#4 |
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Gast
Gast

ich würde das eher so sehen.
Wer trotz Schwangerschaft an mehr als 20 Tagen Tabletten braucht,
der hat so viel Probleme, dass das Kind deshalb nicht total “ausgeglichen” ist,
nennt man heute, glaub ich, ADHS.
Oder auch, die Kinder sind ganz normal aktiv,
nur der Mutter isses zuviel
und das nennt man dann auch ADHS

#3 |
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Ibuprofen ist spätestens ab der 30. Woche kontraindiziert wegen möglichem vorzeitigem Verschluss des Ductus botalli.
Nur als Ergänzung…

#2 |
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Dr. Marcel Goubeaud
Dr. Marcel Goubeaud

Interessant, wäre der Grund für die PCM-Einnahme.
Möglicherweise liegt hier der Pudel begraben!

#1 |
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