Retail-Kliniken: Billigfieber zum Bestpreis

4. Juli 2012
Teilen

Diagnostik und Therapie im Supermarkt? In vielen Ländern hat sich das Konzept längst bewährt, um eine preisgünstige Versorgung an sieben Tagen pro Woche zu garantieren. Europa zieht jetzt mit einem Anbieter aus Finnland nach.

Viele Menschen kennen das Problem: Wieder einmal von morgens bis abends gearbeitet, mit immer stärker kratzendem Hals, für den fälligen Arztbesuch fehlt aber die Zeit. Dann kommt Fieber mit hinzu, natürlich am Freitagnachmittag. Für Betroffene blieb bis dato nur der Gang zur Bereitschaftspraxis. Längst decken sich ärztliche Sprechzeiten nicht mehr mit unseren Lebensgewohnheiten – eine Marktlücke, auch in anderen Industrienationen.

Yes, we are open!

In den USA gibt es deshalb seit Jahren Retail-Kliniken in Supermärkten oder Apotheken. Hier behandeln eigens ausgebildete Krankenschwestern oder Arzt-Assistenten leichte, akute Krankheiten, vom HNO-Bereich über Haut und Augen bis zum Gastrointestinal– und Urogenitaltrakt. Politiker haben zu entsprechenden Dienstleistern eine recht ambivalente Beziehung: Gern gesehen sind die medizinische Leistungen – preisgünstig und an sieben Tagen pro Woche verfügbar. In der Tat zeigen Studien, dass etwa eine Konsultation bei Ohrenschmerzen in Retail-Klinken mit 59 US-Dollar zu Buche schlägt, während ein Besuch in der ärztlichen Sprechstunde 95 US-Dollar kostet. Beim Bereitschaftsdienst sind es 135 US-Dollar, und in klinischen Notfalleinrichtungen sogar 184 US-Dollar.

Günstig – aber auch gut?

Viele fragen sich jedoch, ob die Qualität von Walk-in-Kliniken Standards in Arztpraxen entspricht – eine Kritik, die nicht unbedingt auf Tatsachen beruht: Andrew J. Sussman, Präsident und Chief Operating Officer der MinuteClinic, zitiert eine ältere Studie aus den „Annals of Internal Medicine“. Den Untersuchungen zufolge ließen sich Behandlungen in Retail-Kliniken unter Qualitätskriterien mit Arztpraxen vergleichen, waren aber deutlich besser als in Notaufnahme-Abteilungen. „Zahlreiche internationalen Publikationen haben die hohe Qualität unter Beweis gestellt“, sagt Ron Liebkind, Chief Marketing Officer der finnischen Klinikkette Laastari. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Christine K. Cassel, American Board of Internal Medicine , zeigt etliche Vorteile von Retail-Kliniken auf, und zwar hinsichtlich Zugang, Kosten, Qualität, Koordination, Pflege, Nachbeobachtung der Patienten und Kommunikation. Liebkind: „Ich denke, dass Fakten wichtiger sind als Spekulationen.“ Doch wer lässt sich in Retail-Kliniken behandeln?

Weiblich und wohlhabend

Mit der RAND-Studie nahmen Wissenschaftler entsprechende Zielgruppen unter die Lupe. Ihr Ergebnis: Frauen besuchen Retail-Kliniken häufiger als Männer. Sie gehören oft mittleren und hohen Einkommensklassen an, haben meist keine chronischen Erkrankungen und sind größtenteils in der Altersklasse von 18 bis 44 zu finden: berufliche Aufsteiger, die Öffnungszeiten an sieben Tagen pro Woche, oft von morgens bis spät abends, schätzen. Das Erfolgsmodell aus den Staaten hat mittlerweile auch Europa erreicht.

Gut versorgt im hohen Norden

Laastari (deutsch „Pflaster“), ein Gesundheitsdienstleister aus Finnland, hat sich ebenfalls auf die Behandlung von häufigen, akuten Krankheiten spezialisiert. Eine klare Win-Win-Situation: Retail-Kliniken versprechen „einfachen und leichten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen für vielbeschäftigte, moderne Menschen“, so Liebkind. „Das Gesundheitssystem wird damit effektiver und kann sich auf künftige Herausforderungen wie die wachsende Zahl chronischer Erkrankungen konzentrieren.“ Bagatellfälle nehmen weniger Ressourcen von Ärzten oder Kliniken in Anspruch. Kunden erhalten zudem schnelle und persönliche Hilfe bei einfachen Erkrankungen.

Terminfrust – nein, danke

Eine Marktlücke, die etablierte Praxen momentan nur teilweise schließen: Gerade in den USA beschweren sich Patienten, dass sie kurzfristig kaum Termine zu bekämen und dann trotz vorheriger Vereinbarung lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssten. Nicht bei Retail-Kliniken: Diese sind meist an leicht zugänglichen Orten wie Einkaufszentren oder Apotheken zu finden, Parkmöglichkeiten inklusive. Patienten benötigen keinen Termin, sondern können sich von Montag bis Sonntag behandeln lassen, meist sind die Kliniken zehn bis zwölf Stunden pro Tag erreichbar. Hinzu kommen transparente Preise: Jede Konsultation schlägt pauschal mit 45 Euro zu Buche, Impfungen kosten 25 Euro. Die räumliche Nähe zu Apotheken garantiert, dass Verschreibungen umgehend eingelöst werden können – wichtig vor allem bei akuten Leiden.

Mit iPad und SMS zur Therapie

Retail-Kliniken wie Laastari setzen auf durchdachte Workflows und modernste Technik: Vor Ort nehmen Krankenschwestern die Patienten in Empfang und klären in einem zirka 15-minütigen Gespräch Symptome beziehungsweise Vorerkrankungen ab. Alle Daten wandern via iPad digital zur Überprüfung an einen Arzt. Falls Medikamente zu verschreiben sind, sendet der Kollege ein elektronisches Rezept online an die nächste Apotheke. Der Patient erhält eine SMS-Nachricht mit weiteren Informationen. „Wir legen Wert auf die Kommunikation zwischen allen Mitgliedern des Betreuungsteams“, unterstreicht Liebkind. „Das bedeutet, Top-Technologie zu nutzen und für unsere Patienten Aufzeichnungssysteme zu entwickeln, so dass alle Informationen genau und schnell abrufbar sind.“ Angestellte der Retail-Kliniken sind begeistert: „Unser System ist einfach toll. Ich hatte noch nie zuvor ein iPad benutzt“, erzählt Anne Kantola, Krankenschwester bei Laastari. „Aber gleich von Start weg war alles sehr intuitiv zu bedienen.“

Herausforderung für Programmierer

Für die iPad-Applikation war viel Hirnschmalz nötig: Benutzerfreundlich sollte sie sein, auch schnell und einfach zu bedienen, wobei Datenschutz beziehungsweise Ausfallsicherheit weitere Faktoren waren. Entwickler interviewten Ärzte und Krankenschwestern bei Laastari, um deren Anforderungen im Praxisalltag besser zu verstehen. Das Ergebnis war eine App, die wesentliche Prozesse wie Check-in, Diagnose und Medikation abbildet, inklusive möglicher Warnhinweise. Neben geschultem Personal ist die Technik damit ein wesentliches Rückgrat von Laastari. Derart ausgestattet, expandierte die Kette mittlerweile auch nach Schweden.

Das Netzwerk wächst

Eine Perspektive auch für Deutschland? „Wir können mit jeder Klinik zusammenarbeiten“, so Ron Liebkind. Dennoch müssen individuelle Bedürfnisse des jeweiligen Landes berücksichtigt werden – eine Mentalitätsfrage. In manchen Ländern werden Retail-Kliniken stärker akzeptiert, andere bevorzugen eher Hausärzte. Liebkinds Pläne: „Wir bauen eine internationale Klinik-Kette auf, die überall umgesetzt werden kann“ – vorausgesetzt, die Akzeptanz ist vorhanden.

128 Wertungen (4.38 ø)
Allgemeinmedizin, Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

19 Kommentare:

Rettungsassistent

Wer soll denn die Zielgruppe sein?
Jemand mit eher leichten Beschwerden, der einfache Hilfe haben möchte (die auch von Nicht-Ärzten erbracht werden kann).
Es gibt Patienten, die einem Arzt vorgestellt werden müssen. Und die müssen bei so einem System aussortiert und an einen Arzt weitergeleitet werden.

#19 |
  0
Thomas Martens
Thomas Martens

In Deutschland unmöglich, da die Krankenpflegeausbildung nicht entsprechend ist. Da muß im internationalen Vergleich so einiges getan werden.

#18 |
  0

Ich halte die Behandlung in diesen Kliniken für äußerst riskant.

#17 |
  0
Ingrid Geduhn
Ingrid Geduhn

@ #7 Dr. Sanwald

7000 Schweizer Franken sind etwa 5800 ¿ – davon muss die Schweizerin noch Steuern zahlen, die ganze Sozialversicherung und Altersversorung. Nix mit AG-Anteil.

Jo – da bleibt noch was übrig – und sie verdienen besser als wir hier… allerdings sind unsere Gehälter die letzten 10 Jahre eher nicht angepasst worden – unsere Ausgaben dagegen schon.

Und wenn ich meinen Job so anschaue – ich leiste qualifizierte Arbeit, mache Umsatz und mein Gehalt…. :-(

#16 |
  0

Den Vorwurf der schlampigen Recherche kann ich nicht stehen lassen, da wir uns sehr intensiv mit dem Modell auseinandergesetzt haben. Es ist nicht fair, den Autor zu verreißen, weil einem die Botschaft nicht schmeckt.

Ob sich das Laastari-Modell in den deutschen Markt übertragen lässt, können wir nicht beurteilen. Es ist aber sinnvoll sich mit Lösungsmodellen in anderen Ländern auseinanderzusetzen, denn sie können Trends aufzeigen, die früher oder später auch hier aufschlagen,

Sicher schmeckt es uns Medizinern nicht, wenn sich Versorgungsstrukturen neben der Arztpraxis etablieren. Hier ist die Frage nach dem “Warum?” interessant. Die Augen vor Veränderungen zu schließen, bringt in der Regel wenig.

#15 |
  0

ein überaus schlampig geschriebener Artikel, der Äpfel mit Birnen vergleicht, ohne dies kenntlich zu machen. Hat der Autor auch nur eine gewisse Ahnung von den Kostenstrukturen im deutschen Gesundheitswesen? 45 Dollar? Dafür machts der Hausarzt 3 Monate lang!
Klar wollen sich immer mehr industriell organisierte Unternehmen den Rahm im Gesundheitswesen abschöpfen und die kostenträchtigen und schwierigen PatientInnen den etablierten Versorgern gerne weiter überlassen und natürlich auch nichts in gesundheitserhaltende Strukturen investieren.
Der nebulöse Verweis auf “Studien” hilft nicht: wer hat da was unter welchen Rahmenbedingungen miteinander verglichen und mit welcher Intention?
Weitere wichtige Einwände gegen die Sache und gegen den Artikel hier wurden schon in den vorhergehenden Zuschriften gemacht.

#14 |
  0

Die Schwester erhebt anamnestische Daten, die einem Arzt elektronisch übermittelt werden, der dann ein Rezept ausstellt ohne den Patienten gesehen zu haben? Wer untersucht den Patienten? Für meine Begriffe viel zu viel juristische und haftungsrechtliche Lücken. Auch bei Bagatellfällen können Komorbiditäten eine Rolle spielen.
Nur was ich selbst gesehen habe, kann ich auch beurteilen und behandeln und dafür haften.

#13 |
  0

Was zum Geier hat die Uhrzeit mit der notwendigen Qualifikation des behandelnden Arztes zu tun?

Geschäftemacherei. Ohne Arzt ist billiger? Tot ist noch billiger.

#12 |
  0
Dr. med. Katharina Merget
Dr. med. Katharina Merget

Das wird ja immer perverser. Für diejenigen, die es in den letzten Jahrzehnten unter dem massiven Einfluß gewisser Kreise vergessen haben: Profitsucht und Gesundheit haben REIN GAR NICHTS miteinander zu tun.
ES GIBT KEINEN gemeinsamen Nenner von Ökonomie und Gesundheit!
Medizin hat mit finanziellem Gewinn nichts zu tun! Egal, was derzeit hier und anderswo passiert. Leute, besinnt auch auf Eure moralischen Werte, sonst geht unser Land noch weiter den Bach runter. Macht so einen Schwachsinn bewußt NICHT ( MEHR ) MIT!!

#11 |
  0

Schön, dass mal wieder Äpfel mit Birnen verglichen werden: In den USA gibt es keine gesetzliche KV und die meisten Patienten, die diesen “Dienst” in Anspruch nehmen, haben eben niemanden, der das bezahlt. Also zum Quacksalber und die hälfte bezahlen…

#10 |
  0

Soso, da werden also auch Rezepte ausgestellt, ohne dass der Arzt den Patienten sieht. Hauptsache allezeit für den Job verfügbar und ja nicht wegen Krankheit ausfallen! Zum Zahnbrecher und Steinschneider auf dem Jahrmarkt scheint´s auch nicht mehr weit zu sein.
Kolleginnen und Kollegen, wollt Ihr Euren Beruf verramschen?!

#9 |
  0

Herr Hövel scheint viel zu wissen,
nur nicht die Verhältnisse in deutschen Praxen:
45 Euro pro Konsultation ist hier nicht machbar,
ZU VIEL!

#8 |
  0

Scheint gute Idee zu sein. Es wird vielleicht notaufnahmen der Kliniken auch entlasten. Unsere schafft (alle Fachberiche inclusive) ca. 60-70 Patienten von 8 bis 20 Uhr jeden Wochenendentag, und es wahrlich keine Grossklinik.

#7 |
  0

Toll hier werden sogar die Krankenschwestern besser bezahlt,
als der deutsche Facharzt.
Wieder ein Indiz ,Deutschland schafft seine Ärzte ab.
Eine Arzthelferin in der Schweiz verdient im Monat
7 000 Franken + ein 13.tes.
Die Medizin im europäischen Ausland bezahlt ausnahmslos
allen Leistungserbringern keine schlechten
Mindestlöhne.

#6 |
  0

Da werden die Krankenkassen nicht mitspielen, 45 Euro pro Konsultation! Als HNO-Arzt bekomme ich 23 Euro für alle Leistungen eines Quartals …..

#5 |
  0
Gesundheits- und Krankenpfleger

Ich halte diese Idee auch für gut. Jedoch ohne eine Pflegekammer kaum möglich, wer sollte uns eine Zulassung erteilen ? Desweiteren glaube ich das viele Ärzte nicht einverstanden seien werden aus Angst vor finanziellen Verlusten.

#4 |
  0
Student

@Anke, Artikel gelesen? Multimorbide Patienten sind nicht wirklich Zielgruppe.

#3 |
  0

Ich biete seit Jahren Abendsprechstunden an, nach 19 Uhr will niemand mehr kommen; auch nicht am Freitagnachmittag oder Samstag – alles vergebliche Angebote, die ich vorhalte; meine zusätzliche Sondersprechstunde für Berufstätige und ältere Schüler am Dienstag von 17-19 Uhr habe ich nach 2 Jahren wieder aufgegeben, mehr als 1-2 Patienten kamen nie, oft überhaupt niemand
Ich sehe hier in Deutschland kaum einen Markt dafür, vielleicht im Zentrum einiger Großstädte

#2 |
  0
Weitere medizinische Berufe

Die Idee an sich ist nicht schlecht. Was passiert aber bei multimorbiden Patienten? Ohne Arztkontakt scheint es doch ein wenig fragwürdig.

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: