Psychotherapie: Methodsicher falsch

8. Mai 2014
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Viele Patienten überlegen sich genau, welche Psychotherapiemethode sie wählen. Doch entscheiden sie sich für die "richtige" Therapie? Macht der Therapeut das, was er machen soll? Forscher untersuchten, wie sehr sich Therapeuten der verschiedenen Richtungen an ihre Methode halten.

Der Psychologe Volker Tschuschke und seine Schweizer Kollegen kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Bei Therapien entstammen lediglich 4 bis 28% aller Interventionen der eigenen Methode. Einzelne Psychotherapierichtungen lassen sich eigentlich nur erforschen, wenn sie jeweils eindeutige Merkmale haben. Nur, wenn sich der Therapeut an seine „Richtung“ hält, lässt sich auch erfassen, wie wirkungsvoll eine bestimmte Therapiemethode ist. Volker Tschuschke und Kollegen wollten wissen: Wie sehr hält sich der Therapeut an sein Verfahren? Welchen Einfluss hat seine Methodentreue auf das Befinden des Patienten? Die Studie ist Teil der „Praxisstudie Ambulante Psychotherapie Schweiz“ (PAP-S). Einige Studien weisen darauf hin, dass die Methodentreue nur wenig Einfluss auf das Therapieergebnis hat. Andererseits wird die Methodentreue auch vom Patienten beeinflusst: Therapeuten halten sich Studien zufolge umso strenger an ihr Manual, je weniger der Patient sich auf die Therapie einlässt.

In der Technik liegt die Würze

Spezifische Techniken sind die entscheidenden „Zutaten“ einer Therapierichtung, doch auch nicht-spezifische Maßnahmen sind hilfreich, besonders für Patienten, deren Leiden nicht allzu ausgeprägt ist. Um die Methodentreue zu messen, entwickelten Volker Tschuschke und Kollegen ein Rating-System, mithilfe dessen sich 100 Interventionstechniken und 25 Kategorien erfassen lassen, so z.B. die Technik „Konfrontation mit Abwehr und Widerstand“, die charakteristisch für psychodynamische Verfahren ist. Eine typische Aussage des Therapeuten hierfür wäre: „Ich glaube, dass Sie unbewusst verhindern wollen, etwas Wichtiges zu erkennen.“

In den Jahren 2007–2012 untersuchten die Wissenschaftler 8 verschiedene Psychotherapierichtungen. Hierbei lagen von 81 Einzeltherapien komplette Audio-Aufnahmen vor. Leider gehören die Verhaltenstherapie, die klientenzentrierte und die systemische Therapie nicht mit zu den untersuchten Verfahren. Zu den untersuchten Therapierichtungen gehören:

1. die Analytische Psychotherapie nach Jung und die Psychoanalyse nach Freud (psychodynamische Verfahren)

2. die Bioenergetische Analyse nach Lowen (körperorientiertes Verfahren)

3. die Existenzielle Analyse und die Logotherapie nach Frankl (humanistisches Verfahren)

4. die Gestalttherapie nach Perls (humanistisches Verfahren)

5. die Integrative Körper-Psychotherapie nach Rosenberg, Rand und Asay

6. die Kunst- und Expressionsorientierte Psychotherapie nach Knill, Fuchs und Barba (integratives Verfahren)

7. die Prozessoriente Psychotherapie nach Mindell (integratives Verfahren)

8. die Transaktionsanalyse nach Berne (humanistisches Verfahren)

Die 81 Patienten (46 Frauen und 35 Männer) wiesen insgesamt 147 Diagnosen nach DSM-IV auf, wobei Stimmungsstörungen (23,8%) und Ängste (34%) zu den häufigsten Störungen gehörten. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 39,6 Jahren (17–71 Jahre). An der Studie nahmen 30 Therapeuten (18 Frauen und 12 Männer) teil. Sie waren durchschnittlich 50,4 Jahre alt (38–64 Jahre). 27 der Therapeuten waren Psychologen, einer war Arzt und zwei Therapeuten hatten andere Universitätsabschlüsse absolviert. Die Wissenschaftler ermittelten das Befinden der Patienten mit verschiedenen Messinstrumenten zu Beginn und am Ende der Therapie. Dazu gehörten unter anderem der Global Severity Index des Brief Symptom Inventory, die Symptom Check List SCL-90-R, das Outcome Questionnaire OQ-45.2 sowie die Global Assessment of Fuctioning Scale (GAF). Die therapeutische Allianz des Patienten zum Therapeuten wurde mithilfe des Helping Alliance Questionnaires (HAQ nach Luborsky) ermittelt.

Die meisten Interventionen waren allgemeine Interventionen

Die Autoren konnten zeigen: Nur 4,2–27,8% aller Interventionen waren therapiespezifisch. 49,6–72,9% der Interventionen waren nicht-spezifisch. 15,9–26,9% der Interventionen waren anderen Therapieverfahren entlehnt. Die Therapeuten schwankten in ihrer Methodentreue teilweise extrem: Ein Therapeut war in einer Sitzung zu 100% methodentreu und in einer anderen zu 0%. Bei einigen Therapierichtungen konnten die Autoren eine höhere Methodentreue feststellen als bei anderen Richtungen, z.B. waren die Therapeuten der Gestalt- und der Bioenergetischen Therapie besonders methodentreu. Wenig spezifische Interventionen wiesen die Therapeuten der Integrativen Körperpsychotherapie auf.

Die besten Behandlungsergebnisse erzielten sehr erfahrene Therapeuten, die schwerer erkrankte Patienten behandelten. Schwerer Erkrankte wiesen allerdings auch eine bessere Therapieallianz auf als leichter Erkrankte. Auffallend war, dass erfahrene Therapeuten seltener therapiespezifisch intervenierten als weniger erfahrene Therapueten. Mit der Methodentreue allein ließ sich das Behandlungsergebnis jedenfalls nicht voraussagen. Die Autoren vermuten, dass die Therapeuten ihren Therapiestil auf den jeweiligen Patienten abstimmen und daher einmal mehr und einmal weniger methodenspezifisch arbeiten. Vieles weist darauf hin, dass der richtige Zeitpunkt einer Intervention entscheidend ist.

Interessant hierzu ist auch der Beitrag des Psychotherapieforschers Jonathan Shedler, der fragt: “Where is the Evidence for Evidence-Based Therapies?” Auch er weist darauf hin, dass erfahrene Therapeuten häufiger von ihrer Therapierichtung abweichen, sodass Erfolge in der Verhaltenstherapie unter anderem darauf zurückzuführen seien, dass erfahrene Therapeuten relativ häufig psychodynamische Elemente nutzten.

116 Wertungen (3.95 ø)

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17 Kommentare:

Nichtmedizinische Berufe

Liebe Leser,

vielen Dank für Ihre zahlreichen Kommentare.
Wir möchten Sie jedoch bitten, von persönlichen Angriffen abzusehen und auf einer sachbezogenen Ebene zu diskutieren.

Ihr DocCheck News Team

#17 |
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Gast
Gast

Frau Voos, die diesen Artikel schrieb,hat hat ja erst kürzlich mit der Ausbildung als Psychoanalytikerin begonnen. Pardon: DPV-Psychoanalytikerin, wie sie zu betonen nie vergisst. Deshalb sollte man keine zu hohen wissenschaftliche Ansprüche an sie stellen. Bei ihrer Publikationsfreudigkeit ist sie leider selten diskussionsbereit.

Dr.Marianne Schindler

#16 |
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Manfred Böttcher-Mühlberg
Manfred Böttcher-Mühlberg

M. Böttcher-Mühlberg
Psycholgischer Psychotherapeut (AP)
Aus Wissenschaftssicht dürfte die Studie inakzeptabel allein vor dem Hintergrund der geringen Gruppengröße sein. Aber was ist schon Wissenschaft: Sie kann uns bestenfalls dabei helfen, die Welt zu verstehen, aber bitte, wir sollten sie nicht mit der Welt verwechseln. Wichtiger scheint mir: “Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel”, resümierte einst P. Watzlawick. Also kann es doch nur gut sein, wenn seitens der Therapeutin ein bunter methodischer Therapiestrauß gepaart mit viel Lebens- und Therapieerfahrung zur Verfügung steht. Entscheidend ist niemals die Methode (sagt mir meine Berufserfahrung nach über 30 Jahren), sondern die Fähigkeit, eine Beziehung herzustellen.

” Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel. “

#15 |
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Dass Frau Voos nicht kritisiert, dass 81 Patienten aus 7 Therapierichtungen und x-Beschwerdebilder “untersucht” wurden, ist schon peinlich. Das sind doch VIEL zu wenige!

Und dass Methodentreue implizit als Qualitätskriterium eingeführt wird ist noch peinlicher! Die meisten Therapeuten haben zwei oder mehr Ausbildungen! Methodentreue ist ein Kriterium für Anfänger. Fortgeschrittene modifizieren die Methoden.

Die Methode muss an den Klienten angepasst werden und nicht umgekehrt!

Schade um Zeit und Geld!

#14 |
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Dr. phil. L.B. (Dipl.Psych)
Dr. phil. L.B. (Dipl.Psych)

@Helmut Achtstaetter: Sie werden genausogroße Probleme haben, einem Arzt eine Fehlbehandlung nachzuweisen. Ärzte behandeln Sie ebenfalls nicht nach Manual, sondern nach dem, was ihnen wahrscheinlich erscheint. Springt der Patient dann nicht auf die Behandlung der Erstdiagnose an, wird die nächste Diagnose ausprobiert.

Davon einmal abgesehen ist die Studie tatsächlich wissenschaftlich unhaltbar. Stichprobe von 81 für 8 Therapierichtungen ist peinlich. Das Auslassen des mit deutlichem Abstand am besten evaluierten Therapieverfahren, nämlich der VT, kann nicht mehr mit Schusseligkeit erklärt werden, sondern muss als pure Absicht mit Kalkül interpretiert werden. Hier zeigt sich offenbar wieder die Abneigung von Befürwortern der Psychodynamik ggü. VTlern (die allerdings oft auch gegenseitig ist…). Summa summarum: Ich hätte das als Reviewer rejected.

#13 |
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Zahnarzt

Zum einen: 81 Patienten bei 8 verschiedenen Thrapierichtungen ist einfach nur peinlich. Da kann man nur sagen: Steigerung von Lüge, Notlüge, Statistik.

Zum zweiten. wenn sie klassisch hypnotisieren sind ca. 10% der Patienten hypnotisierbar, gehen sie wie Milton erikson vor, so sind es 95% (Abholen des Patienten in seine Situation)

#12 |
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Dr. med. Erika Plöntzke
Dr. med. Erika Plöntzke

7 der angewandten Methoden werden nicht von den Krankenkassen bezahlt,
ich meine auch zurecht.Abgesehen davon sind Patienten fort froh überhaupt einen
Therapeuten zu finden ,der einen freien Platz hat.Es ist schon richtig ,dass dann
nicht jede Angststörung und Sucht beim Verhaltenstherapeuten landet.Wichtig
ist aber die echte Zuwendung iim Patienten und mitzukriegen was der Patient
braucht,also dort abzuholen .wo der Patient steht.Dr.Plöntzke

#11 |
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Ich möchte den Beitrag Jonathan Shedlers ›Where is the Evidence for Evidence-Based Therapies?‹ an den Anfang stellen.
Als Wissenschaftler fallen mir zwei grobe methodologische Fehler auf:
• Auswahl der Psychotherapierichtungen (Auslassung anderer gängiger Formen; hier wäre eine tatsächliche Häufigskeitspräferenz angezeigt gewesen!).
• Grösse der Kohorten (81 Patienten IN TOTO sind lächerlich und publukationspeinlich!).
Diese Studie gehört nicht in ›DocCheck‹, sondern in den Müll!!!

#10 |
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Heilpraktikerin

Wenn man ein Kochrezept hat das nix taugt, wird das Ergebnis nicht irgendwann besser nur weil man es trotzdem immer weiter so macht.
Oder, wie R. Bandler sagte “The more you do what you´ve already done, the more you get what you already got”.
Psychotherapeuten sind oft exzellente Pragmatiker, man nimmt das was Erfolg verspricht. Strategiewechsel sind normal. Für mich jedenfalls gilt, erst raus aus der Situation, dann kann man sich bis in die Steinzeit darüber unterhalten wie man reinkam, und um rauszukommen ist jede Methode gut, solange sie funktioniert.

#9 |
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Kommentar
Kommentar

Wissenschaftliche Methoden sind die am Besten geeigneten Methoden, Sachverhalte zu überprüfen und intersubjektiv nachvollziehbar zu kommunzieren. Insofern ist die sicherste Methode, eine psychotherapeutische Methode oder auch psychoanalytische Behandlungsart auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen.

Einem Patieten würde ich raten, sich sowohl in der wissenschaftlichen als auch populärwissenschaftlichen Literatur zu erkundigen. Von allen etablierten Methoden ist die Psychoanalyse in den Medien am öftesten in der Kritik.

Auch bieten Foren eine brauchbare Einsicht, denn auch wenn unzufriedene Patieten eher auf Foren tummeln als zufriedene, so lässt sich daraus auch einiges erkennen.

Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen derzeit drei Behandlungsmethoden, wobei dies leider kein Garant dafür ist, dass alle Behandlungsarten wissenschaftlich gesichert sind (so wenig wie gesichert ist, dass der Gott, den die Kirche bewirbt, überhaupt existiert).

Zum Inhalt des Artikels eine Bemerkung: das ältere (erfahrene) TherapeutInnen öfter psychodynamische Methoden anwenden hat in erster Linie mit der Zeit zu tun. Am beispielhaftestens sieht man dies bei PsychiaterInnen: wo ältere Personen meist eine psychodynamisch basierte Zusatzausbildung abschlossen, liegt der Trend heutzutage ganz klar bei der kognitiven Verhaltenstherapie.

#8 |
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Heilpraktikerin für Psychotherapie
Heilpraktikerin für Psychotherapie

@ H. Achtstätter; das ist so nicht korrekt: Wir dürfen keine Heilsversprechen abgeben und müssen uns der besonderen Verantwortung bezüglich des Störungsbildes unseres Klientels unter Beachtung des Gefälles Therapeut-Klient sehr bewusst sein. Sollte sich das Befinden des Klienten während der Therapie verschlechtern, können wir auch dort unter Umständen in die Verantwortung genommen werden.
Zum Thema selbst: Nach meinen Informationen macht die Beziehungsqualität Therapeut-Klient bis zu 85% des Therapieerfolgs aus, nur ca. 15% sind der Methode zu verdanken.

#7 |
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Heilpraktikerin

Viel wichtiger als die Therapiemethode ist das Verhältnis und das Vertrauen von Klient und Therapeut.
Studien belegen, dass dies entscheidenen Einfluss auf den Therapieverlauf hat und nicht die Methode an sich.

Was nutzt dem Klienten und mir , wenn ich “nur ” methodentreu arbeite.

Meine Klienten sollen spüren, dass gibt Hilfe gibt .
Und auch wenn ich zu Beginn einer Therapie aufkläre mit welcher Therapie ich arbeite, zählt am Ende nur das Ergebnis.

#6 |
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Helmut Achtstaetter
Helmut Achtstaetter

Leider können Psychotherapeuten alles machen, sie brauchen sich nie zu verantworten

#5 |
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Psychotherapeut
Psychotherapeut

Entscheidend für gute Therapieerfolge sind wohl kaum die Methoden, sondern viel mehr die therapeutischen Grundhaltungen. So lange man in den Richtlinienverfahren daran festhält, dass Therapeuten die Experten und Patienten therapierbar sind, wird man wohl auch auf die sog. “Widerstände” bei den Patienten treffen. Mit einer etwas anderen Mentalität der Psychotherapeuten, wie es in der hypnosystemischen Arbeit angewendet wird, gibt es merkwürdigerweise gar keine widerspenstigen Patienten. Aber dafür umso mehr erfolgreiche Therapieverläufe. Aber hier ist auch der Klient der Experte für seine Problemlagen.

#4 |
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Psychotherapeut
Psychotherapeut

Ich weiß nicht wie es in der Schweiz ist, aber in Deutschland dominiert die Verhaltenstherapie, die ja nicht Gegenstand der Untersuchung ist. Also macht es einerseits wenig Sinn, die Ergebnisse auf Deutschland zu übertragen. Andererseits ist es keine neue Erkenntnis, dass Therapieerfolge mit der Erfahrung des Therapeuten korrelieren.
Methodentreue dürfte wohl eher ein Kriterium für ganz schlechte Psychotherapeuten sein. Es ist ja nicht zufällig, dass alle gut funktionierenden Konzepte aus anderen Therapieformen, insbesondere der systemischen Therapie, auch (natürlich unter anderen Namen) Bestandteil der Verhaltenstherapie geworden sind.

#3 |
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Heilpraktikerin

Ich möchte einmal wissen, welche Wahlmöglichkeit man hat wenn es zuwenig Therapeuten gibt, und wie man als Patient das vergleichen können soll?

Unter Methodentreue verstehe ich als Therapeutin, eine Methode aus meinem Repertoire zu wählen die in einer gegebenen Situation in angemessener Zeit den besten Erfolg verspricht bzw. sich für die spezifische Situation des Patienten am besten eignet. “SMART – Specific – Measurable – Attainable – Realistic – Timely” das heißt spezifisch, messbar /wahrnehmbar, erreichbar, realistisch, zeitnah. Vielleicht sollte es ganz allgemein eher “patiententreu” heissen. Eine bestimmte anerkannte Methode verspricht nicht unbedingt den Erfolg weil es eben eine anerkannte Methode ist, unter Umständen muß man die Strategie wechseln, denn Therapiesituationen können sich ändern.
Wie M.Erickson sagte.

#2 |
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HP Andreas Brandl
HP Andreas Brandl

Wer sagte nochmal: “jeder Mensch braucht seine eigene Behandlung!”? Milton Erickson vor einem halben Jahrhundert?
Schön, dass diese Erkenntnis nun scheinbar auch wissenschaftlich belegt werden kann :-)

#1 |
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