Depression: Vorschulkinder im Fokus

28. April 2014
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Forscher haben einen Kindergartenjahrgang auf Angst und Depressionen untersucht. Dabei wurden bei zwölf Prozent der Kinder erhöhte Ängstlichkeit und depressive Verstimmtheit festgestellt. Eine neue Therapie, die bereits im Vorschulalter gegensteuert, zeigte Erfolge.

Wenn ein Fünfjähriger im Kindergarten wenig Interesse zeigt, sich am Spiel zu beteiligen, wird er zunächst kaum auffallen. „Die Aufmerksamkeit liegt eher auf Hyperaktivität und
Aggression“, weiß Prof. Kai von Klitzing, Universitätsklinikdirektor für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters. „Wenn ein Kind jedoch dauerhaft traurig ist, nicht spielen will oder lustlos in der Ecke sitzt, sollte man genauer hinschauen. Ohne fachliche Hilfe sind sie nachweislich einem erhöhten Risiko ausgesetzt, im Erwachsenenalter eine Depression zu entwickeln. Denn erwachsene depressive Menschen berichten häufig, dass ihre Krankheit schon im Kindesalter begann.“

Von Klitzing will den Weg für die Früherkennung einer Krankheit bereiten, die schwerwiegende soziale und ökonomische Folgen für die Gesellschaft hat. In Deutschland liegen die Kosten in Folge depressionsbedingter Frühberentungen bei geschätzten 1,5 Milliarden Euro jährlich. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit melden sich rund 300.000 Menschen im Jahr aufgrund ihrer Depression arbeitsunfähig, Tendenz steigend.

Hohe Zahl an auffälligen Kindern

Aktuell haben die Wissenschaftler in Leipzig auch die Eltern des lokalen Kindergartenjahrgangs nach Angst– und Depressionssymptomen bei ihren Kindern befragt. Demnach wiesen über 200 der rund 1.740 untersuchten Kinder erhöhte Ängstlichkeit und depressive Verstimmtheit auf. Die Entwicklung etwa der Hälfte dieser Kinder war sogar schon stärker beeinträchtigt. Lagen Symptome wie Traurigkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit oder Spielhemmung vor, wurden Kinder wie Eltern zu einer vertieften kinderpsychiatrischen Diagnostik eingeladen. Parallel wurde eine Kontrollgruppe untersucht, bei denen die Anzeichen nicht auftraten. Das Zusammentreffen von beeinträchtigender Angst und deutlichen Depressionszeichen konnte vom Forscherteam so als ein wichtiges Risikoprofil identifiziert werden.

Genetische und soziale Faktoren

Besonders betroffen sind Kinder, deren Eltern selbst unter einer Depression leiden. Ein höheres Risiko haben aber auch diejenigen, die negative Lebenserfahrungen, wie Misshandlung und Vernachlässigung, schon in der frühen Kindheit erlebten. Andere Faktoren sind auch das Zerbrechen von Familien und früher Leistungsdruck. „Psychische Krankheiten sind in der Gesellschaft heute anerkannter als früher“, so der Psychotherapeut. „Dennoch glauben viele, die Kindheit sei sorgenfrei. Das ist aber eine Illusion.“ Dabei betont von Klitzing, dass nicht jedes Kind, das ängstlich ist, gleichzeitig depressiv wird. Phobische Symptome, wie Angst vor Dunkelheit und vor großen Tieren, seien genauso normal wie die anfängliche Angst und Traurigkeit, sich morgens vor dem Kindergarten von den Eltern zu trennen. „Ich finde es wichtig, die zu identifizieren, die wirklich leiden und echte Entwicklungsprobleme haben.“

Neu entwickelte Kurzzeittherapie

Um rasch behandeln und einer Verstetigung vorbeugen zu können, hat von Klitzing zusammen mit seiner Kollegin, der Diplompsychologin Tanja Göttken, eine psychoanalytische Kurzzeitbehandlung für Kinder von vier bis zehn Jahren entwickelt und wissenschaftlich erforscht. In 25 Therapie-Sitzungen, von denen fünf mit und 20 ohne Eltern stattfinden, werden in Gesprächen und im Spiel unverarbeitete Konflikte des Kindes herausgearbeitet. „Es geht nicht darum, einfach die Symptom zu beseitigen, sondern für Kind und Eltern besser verständlich zu machen, welche ungelösten Entwicklungsaufgaben hinter den Symptomen stehen“, erläutert von Klitzing. In der Konfliktbearbeitung kommen sehr häufig Themen wie Trennung und Schuld auf. „Kinder fühlen sich rasch schuldig, wenn es Schwierigkeiten in der Familie, wie Partnerschaftsprobleme oder Krankheit der Eltern, gibt. Tief innerlich empfinden sie, dass es ihnen nicht besser gehen darf als den Eltern.“

Mehr als die Hälfte völlig störungsfrei

Die Behandlung zeigte in einer ersten Studie an 30 Kindern erstaunliche Erfolge: Bei allen Kindern verminderten sich die Symptome im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich, mehr als die Hälfte der Kinder war am Ende sogar völlig störungsfrei. Für die Therapeuten eine durchaus zufriedenstellende Entwicklung, die auch über sechs Monate nach Therapieende anhielt. „Dennoch wird ein Teil der Kinder eine längere psychotherapeutische Behandlung benötigen, um sich auch langfristig gesund entwickeln zu können.“

Originalpublikation:

Depressive comorbidity in preschool anxiety disorder
Kai von Klitzing et al.; Jour. of Child Psychology and Psychiatry, doi: 10.1111/jcpp.12222, 2014

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2 Kommentare:

Gast
Gast

wie die typische Anamnese zeigt,
sind eher die Eltern behandlungsbedürftig.

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Dr. med. Jens Freiburg
Dr. med. Jens Freiburg

danke für diesen sehr guten Beitrag!

#1 |
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