Salutogenese: Survival of the optimist?

2. Mai 2014
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Rund 30 Jahre ist es her, dass der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky das Denkmodell der Salutogenese entwarf. Seither haben sich viele seiner Thesen als zutreffend erwiesen. Zumindest in einem Punkt aber irrte Antonovsky — zum Glück.

Warum bleiben manche Menschen trotz widrigster körperlicher und seelischer Umstände gesund, während andere schon ein leichter Gegenwind aus der Bahn wirft? Warum genesen manche schnell von einer Erkrankung, während andere lange Zeit darnieder liegen? Es waren Fragen wie diese, auf die der Neurologe und Psychiater Aaron Antonovsky während einer epidemiologischen Studie mit ehemaligen KZ-Insassinnen stieß. Die Antworten, die er schließlich fand, goss er in ein Denkmodell, das er Salutogenese nannte (Salus, lat. Heil; Genese, griech. Entstehung). Letztlich stellt es eine Alternative zur Pathogenese dar, also jenem Ansatz, der das Handeln in der heutigen Medizin bestimmt.

Vereinfacht gesagt, bedeutet Salutogenese,

  • nach den Ursachen für Gesundheit zu fragen, nicht nach denen für Krankheit
  • sich mit Ressourcen zu beschäftigen, nicht mit Risikofaktoren
  • zwischen Gesundheit und Krankheit ein Kontinuum zu sehen, nicht eine Grenze
  • Gesundheit und Krankheit als Prozesse zu verstehen, nicht als Ergebnisse

Ein stimmiges Leben

Eine zentrale Rolle nimmt in diesem Denkmodell das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC) ein. Nach einer Metapher von Anonovsky beschreibt es die Fähigkeit, im Fluss des Lebens zu schwimmen — oder weniger poetisch, das Gefühl, dass das eigene Leben stimmig verläuft und gestaltet werden kann. Das Kohärenzgefühl manifestiert sich auf den drei Ebenen Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit: Verstehbar ist die Welt, wenn man Botschaften des eigenen Körpers, Gedanken und Gefühle einordnen kann, Informationen aus der Umwelt richtig interpretiert und auch Probleme in einem größeren Zusammenhang sieht; handhabbar ist die Welt, wenn man über ausreichend physische, psychische, materielle und psychosoziale Widerstandsressourcen verfügt, um Anforderungen zu meistern; und bedeutsam ist sie, wenn man sich über die eigenen Werte im Klaren ist, das Leben als sinnvoll begreift, und sich engagiert.

„Antonovskys Vorstellung war, dass sich im Kohärenzgefühl alle Ressourcen bündeln, die der Mensch im Laufe seines Lebens erworben hat“, erläutert Privatdozent Dr. Ulrich Wiesmann, Traumatherapeut an der Universität Greifswald. „Ein Mensch mit stark ausgeprägtem Kohärenzgefühl sollte seiner Meinung nach flexibel auf Anforderungen reagieren und sie meistern; ein Mensch mit geringem Kohärenzgefühl würde dagegen eher starr antworten, da er weniger Ressourcen zur Bewältigung hat.“ Aber ist es damit auch ein Prädiktor für seelische und körperliche Gesundheit, wie Antonovsky annahm?

6.000 Publikationen pro Jahr

Dank einer immer noch zunehmenden Zahl an Forschungen zur Salutogenese — Pubmed listete unter dem Stichwort zuletzt rund 6.000 Publikationen pro Jahr auf — lässt sich diese Frage heute ziemlich fundiert beantworten. „Das Kohärenzgefühl korreliert gut mit der psychischen Gesundheit, allerdings weniger mit der physischen“, resümiert Wiesmann die Datenlage. Er selbst fand entsprechende Ergebnisse bei Untersuchungen im Rahmen der Greifswalder Altersstudie. Und er konnte auch etwas zeigen, was Antonovsky nicht für möglich gehalten hatte.

„Antonovsky ging davon aus, dass sich das Kohärenzgefühl ungefähr bis zum 30. Lebensjahr entwickelt und dann stabil bleibt“, sagt Wiesmann — sozusagen als mehr oder weniger starkes Rüstzeug, mit dem man dann sein Leben lang auskommen muss. „In unserer Studie aber gelang es gesunden Senioren mit einem Durchschnittsalter von rund 66 Jahren, ihr Kohärenzgefühl durch Ausdauer- und Krafttraining, Yoga und Meditation signifikant zu steigern“, berichtet Wiesmann. „Parallel dazu verbesserten sich das allgemeine Wohlbefinden, das körperliche Wohlbefinden und die psychische Gesundheit, und wichtige Ressourcen wie die Selbstwirksamkeit und das Selbstwertgefühl wurden gestärkt.“

Paradefeld Prävention

„Zusammenhänge zwischen dem Kohärenzgefühl und verschiedenen Gesundheitsindikatoren sind mittlerweile auch in Längsschnittstudien nachgewiesen“, bestätigt Professor Dr. Toni Faltermaier, Flensburg. „Dazu zählen beispielsweise die subjektiv eingeschätzte Gesundheit, aber auch beschwerdenbezogene Maße wie Fehlzeiten am Arbeitsplatz oder das Risiko für eine koronare Herzerkrankung.“ Dies macht klar, warum salutogenetische Ansätze derzeit vor allem in der Prävention und Gesundheitsförderung verbreitet sind.

Als exemplarisch nennt Faltermaier die Arbeit mit suchtgefährdeten Jugendlichen. „Sucht– oder Problemverhalten ist häufig eine Folge von nicht gelösten Entwicklungsaufgaben. Aber man kommt dem nicht bei, indem man den Jugendlichen erzählt, dass Alkohol in 20 Jahren zu einer Leberzirrhose führt.“ Stattdessen könne man versuchen, ihnen Ressourcen wie Selbstwertgefühl oder Selbstwirksamkeit zu vermitteln, sodass sie ihre Probleme nicht mehr ertränken müssen. „Das ist nicht immer zielgenau, weil man unspezifisch ansetzt, aber man erreicht Jugendliche besser als über eine reine Risikoprävention“, sagt Faltermaier. Und auch hier gilt: Positive Effekte sind nicht auf jüngere Menschen beschränkt.

Salutogenese-Training für psychisch kranke Menschen

Gerhard Cramer, Sozialpädagoge am Centrum für Disease Management der Technischen Universität München, nutzt salutogenetische Prinzipien, um Patienten mit Depression und Schizophrenie vor einem Rückfall zu schützen. „Wir haben dazu ein bestehendes Salutogenese-Training an die Bedürfnisse psychisch kranker Menschen angepasst und bieten es im Rahmen unseres “Münchner Modells Integrierte Versorgung” an.

Das Training umfasst neun Einheiten von je eineinhalb Stunden Dauer, die wöchentlich abgehalten werden. „Darin lernen die Patienten vor allem, Ressourcen zu identifizieren, aus denen sie Kraft schöpfen können“, sagt Cramer. „Das kann Sport sein, ein Hobby, Entspannungsverfahren, soziale Kontakte oder auch ein Stundenplan, der ihnen hilft, den Tag zu strukturieren ohne in Stress zu geraten.“

Gesunde Anteile im Fokus

Mittlerweile haben in München rund 40 Patienten das Training absolviert, und Cramer ist von den Ergebnissen überzeugt. „Die Patienten beschäftigen sich dort mit ihren gesunden Anteilen, nicht mit dem was sie krank macht. Das führt dazu, dass in diesen Gruppen viel mehr gelacht wird als in anderen, und die Patienten machen schnell die Erfahrung, dass sie sich gegenseitig stützen können.“ Und schließlich bestätigt sich auch bei ihnen der Effekt auf das Kohärenzgefühl. „Zehn Wochen nach Kursende haben wir bei fast allen bisher erfassten Patienten eine deutliche Steigerung verzeichnen können, die im Mittel auch signifikant ist.“ Cramer hofft daher, dass auch die Rückfallinzidenz depressiver oder schizophrener Episoden abnimmt.

Damit sollte die Salutogenese eigentlich auch für Ärzte ein interessanter Ansatz sein. „Im allgemeinmedizinischen Bereich, bei Krebserkrankungen, bei chronischen Erkrankungen und in der Forschung sind entsprechende Ansätze tatsächlich immer wieder zu finden“, sagt Faltermaier. „Denn man weiß heute, dass auch die Krankheitsbewältigung und die Heilungschancen mit einem besseren Kohärenzgefühl steigen.“ Gut möglich, dass die Salutogenese ihre besten Jahre noch vor sich hat.

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27 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

Hedonismus ist wohl bestens sichtbar im Wunsch der (vor allem jungen) Menschen,
etwas anzustreben, was sie nicht sind oder haben. Wenn “man” sie sieht in Paraden-Feste, wie die “StreetParade” und die “LoveParade”, emporstrebend mit den Händen hoch in der Luft, sich aber zugleich stetig ‘runterführen lassen durch ziemlich monotone, sehr laute Musikrhythmen, zurückverwurzelt ins Erdenleben, vielleicht noch berauscht von neuzeitlichen Ecstasy-Drogen, dann bin ich froh, dass sie sich bei der Langeweile so scheinbar beglückt und friedsam verhalten. Wie diese Menschen erwachen werden aus dem falschen Solidaritätsbewusstsein, hin zu einem gesunden Kohärenzbefinden aufgrund der eigenen Individualität: Sich selbstbestimmend wohlfühlend im Sinne einer bewussten Zufriedenheit bei gesundem Lebensstil, das bleibt doch ein Gefüge von einzelnen Individuen, die sich bestenfalls anerkennen.
Gemäss dialektischem Denkstil wird es stetig zum individualisierten Gesundheitsbewusstsein kommen. Das ist auch in der Medizin klar ersichtlich, bemessen an der sich aufs Individuum orientierenden Medizin mit individuellen Medikamenten etc.
“Unterschichten” folgen gerne nach, sie übernehmen alles Mögliche eine Anzahl Jahre später, und die Gesundung der Gesamtgesellschaft findet fortwährend statt über längere Zeiten. Salutogenese mag, über die Gesellschaftsschichten hinaus, in dem Sinne immer schon eine Rolle gespielt haben.

#27 |
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@ Kollege Bayerl
Wie könnte ich Ihnen widersprechen, sowohl soziologisch (Wohlstandsgesellschaft), philosophisch (sehr gut Aristoteles versus Hume!) als auch medizinisch (›Feuerwehr für Notfälle‹)?
Nur sehen Sie die Menschen, meiner Ansicht nach, zu theoretisch:
Schauen Sie sich in Ihrer Umwelt um, lesen hier einige Kommentare (*Kopfschüttel*), beobachten Sie einmal Verhaltensweisen von Teenagern etc.
Die Majorität der Menschen ist nicht von Vernunft/Verstand (Kant) geleitet, sondern von reinem Hedonismus (Aristippos von Kyrene; Epikur war kultivierter).
Beobachten ist mir als Wissenschaftler wichtiger als urteilen.

#26 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. med. Christoph S. Berwanger, danke für Ihre Antwort,
trotzdem möchte ich im Sinne des hier diskutierten Konzeptes
“Salutogenese”
darauf beharren, dass es hier um subjektive Einstellung und daraus abgeleitetem “life-style” geht, wahrscheinlich doch der wichtigste “Gesundheitsfaktor”.
Arzteinsatz sehe ich eher als eine Art Feuerwehr für Notfälle.
Da spielt dann im Einzelfall das Geld schon eine Rolle,
hier klagt man aber in Deutschland vergleichsweise auf verdammt hohem Niveau.
Selbstverständlich bin ich gegen das “amerikanische Modell”, selbst wenn ich dort mehr verdienen könnte. Natürlich haben die auch “Stärken”, etwas mehr Anerkennung von Leistung und weniger Neid gehört dazu, war jedenfalls mein Eindruck. Unser “Wohlstandsstreben” ist nach Ludwig Erhard eher in Richtung “internationale” Behördendiktatur verkommen.
Afd wählen.
Das “gesellschaftliche Wesen” ist das zoon politikon von Aristoteles, eine Europäische Errungenschaft, keine amerikanische natürlich und auch keine Englische, die sich frühzeitig mit ihrem Utilitärismus (Hume) davon abgetrennt haben. Die Alternative besteht in mehr Kooperation statt Konfrontation.
Ich habe noch Kollegen frei behandelt und das auch noch selbst bei mir erlebt, richtig, heute eine echte Rarität, Hypokrates ist noch älter als Aristoteles.

Psychologen sind dabei ein Thema für sich, die haben doch so etwas wie Narrenfreiheit,
ich möchte mir da nicht all zu viele Feinde machen. :-)

Menschen sind immer noch autonome Wesen, was sie daraus machen, liegt an Ihnen selbst:
“Der Mensch ist der Urheber seiner Handlungen, so gut wie er der Vater seiner Kinder ist. ”
Aristoteles (384-322 v. Chr.)

MfG

#25 |
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@ Kollege Bayerl
• Geld ist gerade bei Gesundheitsfragen (PKV vs. GKV, Ernährung, etc.) das ›A&O‹.
• Ob Sie gegen das ›amerikanische Modell‹ sind oder nicht, ist irrelevant: es hat im Wohlstandsstreben (fast) die gesamte Welt im Griff. (BTW: Macht mich auch nicht gerade›happy‹, weil ich andere Kulturen respektiere!)
• ›Moral‹, ›Verdummung‹, ›Gleichschaltung‹. Kein Widerspruch, aber wie glauben Sie dagegen angehen zu können?
• ›Sympathische Hilfe zur Selbsthilfe‹ setzt Eigenverantwortung voraus… Wo treffen Sie diese an? (Ich fürchte, dass Sie selbst Kollegen aus dieser Liste streichen können!!!)
• Beleuchten Sie das ›gesellschaftliche Wesen‹ einmal aus der Geschichte der Philosophie. Sie werden aus dem Gruseln nicht mehr heraus kommen…
• Wir sind historisch-kulturell-soziologisch-psychologische Produkte: das ist eine Einsicht. Wir kommen daraus nicht heraus: das ist die Aussicht.

#24 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. med. Christoph S. Berwanger, ich würde das Geld bei Gesundheitsfragen einfach mal weglassen, denn zu wenig Geld zum Essen und zum Joggen hat hier keiner in Deutschland.
Dieses ewige amerikanische Streben nach Geld (und Egoismus oder Macht) zerstört jede Gesellschaft.
Es fehlt eher an Moral, statt dessen die gezielte Verdummung und Gleichschaltung einer möglichst großen Masse auch durch unsere “Qualitäts-Medien”, die unliebsame Kritik bei Kommentaren einfach löscht.

“Salutogenes” sehe ich eher als sympathische Hilfe zur Selbsthilfe.

Und ob Sies glauben oder nicht, der Mensch ist nun mal ein “gesellschaftliches Wesen”,
allein mit “Nabelschau” auf sich selbst, will sich das erwünscht “Glücksgefühl” einfach nicht einstellen, trotz Therapeut; es muss schon was “nützliches” für die Mitmenschen (Partner, Kind etc.) dabei sein. Neulich las ich einen Aufkleber am Auto:
“für Schalke (04) sterben”.
Der arme Kerl war wahrscheinlich geschieden.

#23 |
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Wer die Gesellschaft durch eine ideologische Brille sieht (›Alle Menschen sind gleich‹), muss natürlich so argumentieren. Lesen Sie einmal den ›Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung‹. Wir leben in einer immer weiter auseinanderdriftenden Klassengesellschaft (siehe auch den aktuellen ›Spiegel‹ Nr. 19), auch wenn einige das nicht wahr haben wollen. (Morgenstern: ›Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…‹)

#22 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Die Salutogenese sollte mal der angeblichen Ärztin @Silke Schuster ans Herz legen
mit ihrer Märchenerzählung über männlicher Beschneidung,
es ist über aus peinlich und tendenziös für Doccheck, mit einem solchen Beitrag von @Silke Schuster in einem Ärzte-Portal,
die Diskussion zu beenden!
Alle Feministen, die sich hier über das Thema äußern,
sollten zumindest das Wissensniveau der Kinderarztbroschüre für Eltern besitzen:
http://www.kinderaerzte-im-netz.de/bvkj/kinpopup/psfile/pdf/71/Bvkj_com_051dacebfbc167.pdf
mfG

#21 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Bürgerin Marina Bausmer, völlig richtig,
man sollte meinen, wir hätten die “Schichtung” insbesondere die “Unterschicht” allmälich überwunden. Sportler und “Gesundheitsjogger”
gibt es in jeder “Schicht”.
Medien orientieren sich allerdings zunehmend nach unten,
Märchenerzählung für Erwachsene.
Auch böse Märchen zum Krieg spielen.

#20 |
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Bürgerin Marina Bausmer
Bürgerin Marina Bausmer

Alle betrifft das zivile auswirkungen auf ein Individuum haben auch vielerlei Wirkungen,ausserdem verbitten wir und bildungsfern oder in Mittel oder Unterschicht getrennt betrachtet zu werden wir sind eine Menschheit
Auch haben alle kohärenten Gefühle ihre Ursachen
.

#19 |
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@ Kollege Stachwitz
Soziologen schätzen, dass sich die ›unteren‹ 20% unserer Bevölkerung aus unserer Gesellschaft verabschiedet haben; politisch, interaktiv und nicht zuletzt, was ihre eigene Gesundheit angeht (Ernährung, Bewegung).
Fernerhin wissen Sie sicherlich auch, wie schwer es ist, eingefahrene Verhaltensmuster durch ein neues (Selbst)Bewusstsein zu ersetzten.
(Und hier können wir auch einmal selbstkritisch sein. Stichwort: ›Cognitive Dissonanz‹.)

#18 |
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Diabetesberaterin DDG Petra Baseler
Diabetesberaterin DDG Petra Baseler

Sehr guter Artikel,
deshalb finde ich es auch sehr gut, das dieses Thema in der Ausbildung als Diabetesberaterin eine große Rolle spielt.

Petra Baseler (Diabetesberaterin DDG)

#17 |
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@ Kollege Berwanger,

Ihre Einschätzung hinsichtlich der von Ihnen angesprochen Lobbies teile ich – leider.

Allerdings bin ich nicht der Auffassung, dass das Konzept der Salutogenese ausschließlich der, wie Sie schreiben, klassisch gebildeten Mittelschicht vorbehalten ist. So sind nach meiner Erfahrung z.B. die Vermittlung eines Gefühls von Selbstwirksamkeit und die Entdeckung eigener Ressourcen keineswegs an ein bestimmtes Bildungsniveau geknüpft.

#16 |
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@ Kollege Hlldebrandt,
Sie sind sich sicherlich darüber im Klaren, dass wir nur die klassische, gebildete Mittelschichtfamilie mit einem solchen Konzept erreichen, die ohnehin weitestgehend gesundheitsbewusst lebt. Die sogenannten bildungsfernen Schichten werden sich weiterhin als ›Couchpotatoes‹ wohlfühlen, weil wir an sie nicht herankommen.
Das Problem ›Präventionmedizin‹ treibt mich seit Jahren um, nur sehen wir leider keinerlei Initiativen von Seiten der Politik (sei es auf Länder- oder Bundesebene), im Gegenteil, die Genussmittelindustrielobby und Pharmalobby bestimmen hier den Kurs. Und letztlich zahlen wir alle für die (symptomatische) Behebung der Folgeschäden.

#15 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Hallo Herr @Dr. med. Michael Traub, leider kann man das nicht verallgemeinern und auf manifeste Malignome ausdehnen, die nun mal von ihrer Natur aus unempfänglich für Psychotherapie aller Art sind.
Daran hat man allerdings einige Jahrzehnte fest geglaubt, bis unsere Evidenz-basierte Medizin das leider widerlegt hat. Man muss halt auch die Grenzen psychotherapeutischer Möglichkeiten kennen um keinen Unsinn zu machen.
Unsinn heist z.B. Heilungsschancen verpassen.
Natürlich ist der Optimist im Vorteil.

#14 |
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Ausgezeichneter Artikel!
Als langjährig in der Suchttherapie , vor allem in Nachsorge und Rückfallbehandlung Tätiger kann ich diese Ergebnisse aus vielen begleiteten Einzelfällen nur bestätigen! Das Arbeiten an Kohärenzgefühl und der Selbstwirksamkeit kann langjährige chronische Veräufe auch in höherem Alter noch “drehen”!
@ Dr. Christoph Berwanger: Voraussetzung ist in der Tat eine “Änderungsbereitschaft”, sprich Motivation. Diese ist fluktuierend sich ändernd aber auch positiv psychotherapeutisch beeinflussbar, siehe auch Motivational Interviewing nach Miller und Rollnik!

#13 |
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Dr. Gabriele Steinmetz
Dr. Gabriele Steinmetz

Dazu noch die Möglichkeiten der Naturheilkunde und es könnten unglaublich viele Menschen länger gesund und selbstbestimmt leben!

#12 |
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Ein sehr guter Artikel!!!
Jeder Arzt sollte dieses Konzept einmal durchdenken, bevor er zu seinem Rezeptblock greift.
Nur fürchte ich, dass dieses altgekannte Konzept Antonovskys in der Praxis zum Scheitern verurteilt ist, weil er bei dem Patienten ein BEWUSSTES VERHALTEN MIT ÄNDERUNGSBEREITSCHAFT voraussetzt bzw. erwartet.
›Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.‹

#11 |
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Dr. med. Bernardo Fritzsche
Dr. med. Bernardo Fritzsche

Die vielen Studien zur Wirkung von Religiosität zeigen, wie religiöser Glaube, unabhängig von der Kultur und der Religion, eben dieses in der Salutogenese als Kohärenzgefühl bezeichnete, nachhaltig stärken kann.

#10 |
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Pflegewissenschaftler

Salutogenese ist seit Jahren ein wichtiger Bestandteil der Pflegeausbildung und wird auch in grundständigen Pflegestudiengängen behandelt. Insgesamt ist festzustellen, dass sich viele Theorien ähneln und ergänzen (hier z.B. Rotters Locus of Control oder Banduras Selbstwirksamkeitserwartung): Tatsächlich läuft vieles unter Konkurrenz parallel, statt sich auf ein ganzheitliches Menschenbild hin zu verknüpfen. Die Trennung von Physis, Psyche und Seele ist war immer falsch. Leider weckt diese Sichtweise bei Naturwissenschaftlern oft den Geruch des Esotherischen, Tatsache ist jedoch, dass der Mensch, soll ihm denn erfolgreich geholfen werden, nicht in seine Einzelteile zerlegt werden darf, sondern jeder Aspekt seines Seins muss im Gesamtkontext betrachtet werden. Antonovsky hat einen Aspekt als wichtig erkannt, jedoch dürfen die Präventionsbereiche Verhaltensänderung und Verhältnisänderung nicht vernachlässigt werden. Denn sonst ist am Ende nur noch der Einzelne allein für seine Gesundheit verantwortlich und alle anderen (z.B. die Gesellschaft) sind von der Verantwortung befreit. Die Salutogenese kann nur EIN wichtiger Bestandteil eines größeren Konzeptes sein. Was man braucht sind individuelle Lösungen für individuelle Menschen. Für Einfachlösungen ist der Mensch zu komplex.

#9 |
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Wilhelmus Bernd
Wilhelmus Bernd

M

#8 |
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Diplom-Oecotrophologin Kirsten Krause
Diplom-Oecotrophologin Kirsten Krause

Ja, super
die Änderung der Sichtweise auf eigene Ressourcen, Stärken m.a.W. gibt den Medizinmännern und -frauen in unserer ach so evidenzbasierten Gesellschaft die Möglichkeit auch als “Salutogenetiker” Gutes zu bewirken, ich bin sehr zuversichtlich.

#7 |
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Dipl. Päd. Amelie Bogatzki
Dipl. Päd. Amelie Bogatzki

Grossartig. Ich kann mich Dr. med Michael Traub nur anschließen!
Selber arbeite ich an einem ressourcenorientierten Projekt in einer Kindertageseinrichtung und schrieb meine Diplomarbeit über das Thema: Auswirkungen der räumlichen Gestaltung (KiTa) auf die Resilienz der Kinder. Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, der positive Umgang mit Stress, Problemlösekompetenzen, soziale Kompetenz und Selbst-bzw. Fremdenwahrnehmung etc. können so natürlich – auch räumlich gestalterisch – gestärkt werden!

#6 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Der Berufsverband der Präventologen bietet seit längerem ein salutogenetisch fundiertes, zertifiziertes Gesundheits- und Lebenskompetenztraining (GLK) an, das modular aus validierten Elementen besteht. Dabei werden das Stimmungsmanagement, die Problemlösungskompetenzen, Selbstwirksamkeit, die emotionale und Sozialkompetenz u.a. entwickelt. Das gruppiert sich inhaltlich um die Grundlagen körperliche Bewegung, Ernährung und Umgang mit Stress. Umgesetzt wird dieses Training durch ausgebildete und supervidierte Trainer.

#5 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Warum bleibt der eine HIV-Positive gesund und der andere entwickelt AIDS?
Warum leben manche Patienten mit Metastasen aggressiver Karzinome auch ohne Therapie lange beschwerdefrei und andere siechen unter “optimaler”
Therapie sofort dahin? Servan-Schreiber sah wesentliche Schutzfaktoren
in einer günstigen Sozialisation.
Ja, auch ich meine, daß die Salutogenese
ihre besten Jahre noch vor sich hat

#4 |
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Genialer Artikel, vor allem der Hinweis auf die in München praktizierte Anwendung bei psychisch erkrankten Menschen! Hinweis an Herrn Dr. Bensch: der Irrtum Antonowskys lag darin, dass er das Kohärenzgefühl als ca. ab dem 30.LJ determiniert und während des weiteren Lebens gleichbleibend erachtete, die im Artikel zitierten Ergebnisse der Forschung bei Menschen im 7. Dezenium legen jedoch nahe, dass sich dieses Gefühl in jedem Lebensalter aufbauen lässt (es kommt anscheinend nur auf die Bereitschaft daran zu üben an). Das ist tröstlich!

#3 |
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Naturwissenschaftler

Erkenne nicht klar in welchem Punkt Antonovsky irrte, wie im fett gedruckten ersten Absatz steht.

#2 |
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Pflegewissenschaftlerin

Salutogenese war ein zentraler Aspekt in meinem Bachelor-Studiengang Public Health. Der Artikel fasst den Inhalt sehr gut zusammen. Interessant fand ich die Aussage, dass spezifische Präventionsarbeit nicht zum gewünschten Erfolg führen muss. In der Vorlesung wurde uns gar gesagt, dass die Präventionsmaßnahme als erfolgreich eingestuft werden kann, wenn sie den Istzustand nicht verschlimmert. Salutogenese setzt an der Person selbst an, Prävention am Verhalten oder der Umwelt (Verhältnis). Das ist wohl der springende Punkt.

#1 |
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