Studie: Virtuelles Wartezimmer boomt

15. März 2013
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Patienten vertrauen Apothekern und Ärzten, das steht außer Zweifel. Als Informationsquelle Nummer eins zu Fragen rund um die Gesundheit ist ihr Monopolstatus jedoch gebrochen, und zwar durch diverse Onlineangebote.

Wie Bürger an wichtige Informationen zur Gesundheit kommen, ermittelten Marktforscher im Rahmen der MSL-Gesundheitsstudie. Sie befragten rund 1.000 Personen aus verschiedenen Altersgruppen mit unterschiedlicher Ausbildung. Ihr glasklares Fazit: Das Internet ist auch bei Fragen rund um Diagnostik, Therapie und Prävention zum Leitmedium geworden.

Online first

Auf die Frage, wo sich Patienten allgemein zu Gesundheitsthemen informieren, stehen Online-Ressourcen ganz vorne (74 Prozent), gefolgt vom Fernsehen (63 Prozent) und von Printmedien (56 Prozent). Ärzte (41 Prozent) sowie Apotheker (34 Prozent) sind deutlich abgehängt. Bei konkreten Gesundheitsbeschwerden sucht nach wie vor jeder Zweite Rat bei Kollegen aus Medizin oder Pharmazie. Jedoch finden 32 Prozent aller Befragten, dass Informationen aus dem Web verständlicher als Gespräche mit Fachleuten sind. Rund 37 Prozent recherchieren vorab, um Arzt oder Apotheker – vermeintlich – auf Augenhöhe zu begegnen.

Gute Quellen – schlechte Quellen

Dabei achten Patienten heute sehr genau auf den Ursprung ihrer Informationen. Häufig bewegen sich User bei Wikipedia (55 Prozent) sowie auf Seiten von Krankenkassen (51 Prozent) und Ärzten beziehungsweise Apothekern (50 Prozent). Weit abgeschlagen rangieren Informationsangebote der Industrie (24 Prozent), Blogs (19 Prozent), Facebook (12 Prozent) sowie Twitter (8 Prozent). Als besonders vertrauenswürdig gelten Homepages von Ärzten und Krankenkassen (jeweils 55 Prozent) sowie Apothekern (48 Prozent). Online-Angebote von Pharmaunternehmen schneiden relativ schlecht ab, nur 19 Prozent aller Befragten sprachen Sites der Industrie ihr Vertrauen aus. Laut MSL Germany könne für Arzneimittelhersteller nicht die Konsequenz sein, sich komplett aus Patientenangeboten zurückzuziehen. Vielmehr hätten Firmen “das Potenzial, in Sachen Glaubwürdigkeit zu punkten, wenn sie ihren Auftritt im Internet und im Social Web zurückhaltend gestalten”. Informationen zu Krankheitsbildern sind heiß begehrt, Produkte sollten jedoch im Hintergrund bleiben. Auch unterscheidet sich das Nutzungsverhalten von Mensch zu Mensch extrem.

Vom Mars oder von der Venus

Den Online-User per se gibt es nicht, vielmehr haben sich unterschiedliche Phänotypen herauskristallisiert. “Netzwerker” bewegen sich versiert in sozialen Medien und kennen deren Stärken beziehungsweise Schwächen. Ihnen ist vor allem der Austausch mit anderen Mitgliedern der Community wichtig. Etwas zurückhaltender sind “Smarte”. Sie nutzen redaktionellen Content stärker, vernetzen sich aber dennoch mit anderen Online-Affinen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. “Forscher” im Sinne der Studie haben das Web quasi mit der Muttermilch aufgenommen – sie agieren selbstsicher und bedienen innovative Tools, um eigene Fragestellungen zu beantworten. Ihr absoluter Gegenpol sind “Zaungäste”, die Social Media nur “im Lesemodus” nutzen. Traditionalisten wiederum geraten eher durch Zufall – etwa über eine Suchmaschine – an soziale Inhalte. Und “Beobachter” sind völlig außen vor: Sie benötigen Information, wollen aber keine Kommunikation.

Viele User – ein Ziel

So unterschiedlich diese Gruppen auch sein mögen, im virtuellen Wartezimmer haben sie das gleiche Ziel: Antworten auf spezifische Fragen zu Gesundheitsthemen finden. Neben redaktionellen Inhalten wächst die Bedeutung von Nutzermeinungen und Kommentaren der Webgemeinde (user-generated content, UGC) immer weiter. Bereits heute sind jedem zweiten “Forscher” Einträge anderer Communitymitglieder wichtiger als journalistische Texte, und 26 Prozent der “Zaungäste” denken ähnlich. Marktforscher betonen, dass es vor allem auf einen gelungenen Mix aus Artikeln und UGC ankommt. Entsprechende Angebote decken gleich mehrere Welten ab: Information, Bewertung von Inhalten und Kommunikation mit anderen Patienten.

Wissen to go

Über den Content hinaus lohnt noch ein Blick in Richtung Technik: Gesundheits-Apps gewinnen im virtuellen Wartezimmer an Bedeutung, vor allem bei 18- bis 29-Jährigen (26 Prozent) beziehungsweise bei Studienteilnehmern mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 5.000 Euro (33 Prozent). Laut comScore nutzt knapp jeder zweite Handybesitzer in Deutschland ein Smartphone, Tendenz steigend. Patienten können aus zahlreichen Apps auswählen. Einige Beispiele: “iOncolex” hilft, Krebserkrankungen besser zu verstehen. Patienten mit Lungenerkrankungen wiederum können mit “SpiroSmart” eine virtuelle Spirometrie durchzuführen, ihr Atemgeräusch reicht aus. Anwendungen können auch dazu beitragen, dass Patienten beispielsweise Symptome wie Herzrasen oder Wärmeintoleranz richtig deuten und mit Hinweisen auf eine Schilddrüsenerkrankung zum Arzt gehen.

Aufholjagd in Praxis und Apotheke

Unerschöpfliche Potenziale, doch nicht jede Website und jede App hält, was sie verspricht. Laien tun sich schwer, die Spreu vom virtuellen Weizen zu trennen. Qualitätskriterien, wie sie die US Food and Drug Administration (FDA) für mobile Anwendungen erlassen hat, fehlen hier zu Lande. Auch der Datenschutz gilt als heißes Eisen. Kein Wunder, dass Ärzte und Apotheker trotz ihrer Kompetenz Healthcare-Bereiche recht zögerlich erschließen und Start-ups das Feld überlassen. Die Gefahr, hier abgehängt zu werden, ist groß. Vor allem bei leichten Erkrankungen wie trockener Haut, Warzen, Erkältungen oder Durchfall greift jeder zweite Patient mittlerweile zum Computer, um anschließend gezielt nach Medikamenten zu fragen oder diese gleich online zu bestellen.

Auch würden sich 41 Prozent der Befragten wünschen, Termine über das Netz zu vereinbaren. Online-Sprechstunden stehen bei 28 Prozent ganz oben auf der Hitliste. Hier geht es Patienten weniger um Diagnosen, sondern eher um allgemeine Gesundheitsfragen oder um Rezeptbestellungen. Doch nicht nur User profitieren von neuen Dienstleistungen. Mittlerweile haben Ärzte in Praxis und Forschung völlig neue Möglichkeiten.

Klicken für die Forschung

Dass aus dem Nutzerverhalten selbst Informationen für die öffentliche Gesundheit entstehen, zeigen statistische Auswertungen von Google. “Wir haben die Anzahl der Suchanfragen mit den Ergebnissen traditioneller Grippeüberwachungssystemen verglichen und herausgefunden, dass bestimmte Suchanfragen besonders während der Grippezeit gestellt werden”, erklärt der Suchmaschinenbetreiber. Je mehr Menschen erkranken, desto häufiger recherchieren sie online nach Symptomen, Diagnostik und Therapie. Mittlerweile setzen Wissenschaftler sogar gezielt auf Crowdsourcing: Beim “GrippeWeb” können User Woche für Woche ihren aktuellen Gesundheitsstatus eintragen – ein profundes Werkzeug, um die Prävalenz grippeähnlicher Atemwegserkrankungen im zeitlichen Verlauf zu ermitteln.

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Medizin

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