Hyperventilation: Girlies atmen ab

29. April 2014
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Etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen weisen ein chronisches Hyperventilationssyndrom auf. Wissenschaftler zeigten nun, dass jugendliche Mädchen mit Angststörungen und Depressionen einen erniedrigten endexspiratorischen CO2-Wert aufweisen.

Weltweit leiden etwa 8 bis 20 Prozent der Jugendlichen an einer Depression. Besonders zu Beginn der Pubertät steigt die Depressionsrate bei Mädchen sprunghaft an. Die Depressionen werden bei bis zu 75 Prozent der Betroffenen von Ängsten begleitet. Psychische Störungen in der Adoleszenz bergen die Gefahr, körperliche Erkrankungen wie ein metabolisches Syndrom oder eine koronare Herzerkrankung nach sich zu ziehen. Psychische Einflüsse können zudem die Atmung verändern, was zu einer Veränderung der Blutgase führt. Während die Blutgase bei verschiedenen Atemmustern z. B. beim Sport, im Schlaf oder bei Fieber weitgehend konstant bleiben, verändern sie sich infolge psychischer Anspannung.

Einer französischen Studie zufolge (Gridina et al., 2013) weisen schätzungsweise 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen ein chronisches Hyperventilationssyndrom auf. Bei Patienten, die während einer Angstattacke hyperventilieren, reduziert sich der CO2-Partialdruck. Dies führt zu einer respiratorischen Alkalose. Ein niedriger endexspiratorischer CO2-Partialdruck kann durch eine erhöhte Atemfrequenz, ein erhöhtes Atemvolumen oder durch eine schnelle und flache Atmung bewirkt werden. Aus dem Forschungsgebiet der Respiratorischen Psychophysiologie ist bekannt, dass ein willentlich verändertes Atemmuster auch die Emotionen verändern kann.

Adoleszente Mädchen mit emotionalen Problemen

Eva Henje Blom und Kollegen stellten die Hypothese auf, dass adoleszente Mädchen mit emotionalen Problemen einen erniedrigten endexspiratorischen CO2-Partialdruck aufweisen. Sie untersuchten 63 Mädchen im Alter von 16 Jahren, die eine Angststörung oder/und Depression aufwiesen und verglichen sie mit 62 gleichaltrigen, psychisch gesunden Mädchen. Die psychisch belasteten Mädchen waren seit mindestens 11 Monaten in psychiatrischer Behandlung. Als Ausschlusskriterien galten für beide Gruppen Diabetes, eine Schilddrüsendysfunktion sowie eine Schwangerschaft.

Mithilfe eines Oxykapnographen wurden der endexspiratorische CO2-Wert, die Atemfrequenz und die Herzfrequenz gemessen. Zur CO2-Messung erhielten die Mädchen eine nasale Kanüle, die 1 cm tief in den linken Nasenflügel gelegt wurde. Die Mädchen füllten zudem verschiedene Selbstbeurteilungsbögen aus. Anhand des „Strengths and Difficulties Questionnaires“ (SDQ, Subskala „Emotion“) konnten die Wissenschaftler die Schwere der emotionalen Symptome einschätzen. Außerdem war das „Development and Wellbeing Assessment“ (DAWBA) ein wichtiges Instrument zur Messung des psychischen Befindens der Studienteilnehmerinnen.

Die Messungen ergaben, dass der endexspiratorische CO2-Wert (etCO2) bei den psychisch belasteten Mädchen signifikant niedriger war als bei den nicht belasteten Mädchen. Der mittlere endexspiratorische CO2-Wert lag bei den emotional belasteten Mädchen unterhalb des Referenzwertes (etCO2 = 4,6-6,0 %), und zwar nahe am Cut-Off-Wert zum Hyperventilationssyndrom (etCO2 ≤ 4 %). Hingegen lag der mittlere etCO2-Wert bei den psychisch nicht belasteten Mädchen im Normbereich.

Relativ sichere Voraussagen?

Anhand des endexspiratorischen CO2-Wertes ließ sich relativ sicher voraussagen, ob ein Mädchen zur belasteten oder unbelasteten Gruppe gehörte. Auch die Herzfrequenzvariabilität (HRV) wies auf emotionale Belastungen bei den Mädchen hin: Die HRV war in der belasteten Gruppe signifikant geringer als bei den gesunden Mädchen (Cohens d = 0,53-0,60). Anhand der Atemfrequenz ließ sich allerdings nicht auf das Vorhandensein emotionaler Probleme schließen: Die Atemfrequenz war in beiden Gruppen etwa gleich. Auch in der Herzfrequenz unterschieden sich die klinische und die Kontrollgruppe nicht signifikant (73,2/min vs. 76,2/min).

Die Autoren vermuten, dass zwischen emotionaler Anspannung und Hyperventilation ein Teufelskreis entsteht, denn veränderte pCO2-Werte führen unter anderem zu einem veränderten zerebralen Blutfluss und zu Veränderungen der Chemorezeption im Hirnstamm. Die Atemtherapie könnte zu einem wichtigen Bestandteil in der Behandlung emotionaler Störungen werden.

52 Wertungen (4.33 ø)

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5 Kommentare:

Ärztin

Ohne mich näher mit der kleinen Studie beschäftigt zu haben, fällt mir doch ein Detail in die Augen, die die Aussagekraft des Ergebnisses doch sehr in Frage stellt: Die Einführungstiefe einer Sonde von 1cm (!) in einen Nasenflügel. Jede, die sich auch nur kurz mit Anästhesie befasst hat dürfte erinnerlich sein, dass eine auch nur kleine Undichtigkeit der Beatmungsmaske bei der Narkoseeinleitung oder -Aufrechterhaltung zu erheblichen Schwankungen bei der Kapnometrie führt. Die CO2-Kurve wird dann nur flach und sehr ungenau angezeigt. Bei 1cm hätte man die Probandinnen auch draufpusten lassen können.

#5 |
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Arzthelfer

Ach nee…
Bedeutet das, dass Techniken wie der “Verbundene Atem” nach Dr. Rüdiger Dahlke oder ähnliche Verfahren auch in der Schulmedizin salonreif werden könnten?
Das wäre wünschenswert!

#4 |
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Heilpraktiker

Sehr geehrte Frau Monte,
da kann ich Ihnen nur zustimmen!
Auch in der Körperarbeit geht es insbesondere um eine Normalisierung der Atmung. Meine Erfahrung ist, dass viele psychisch belastete Patienten zwar schnell, aber nur sehr flach atmen (Muskelpanzer).

#3 |
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Heilpraktiker

Hier möchte ich mal auf die Butheyko-Methode (zurückgehend auf den russischen Arzt Dr. Butheyko) hinweisen, welche genau an diesem Punkt ansetzt und ein Atemtraining mit leichtem “Lufthunger”, teils unter kapno-/oxymetrischer Kontrolle, anwendet um dadurch die Funktion der Chemorezeptoren im Hirnstamm zu normalisieren. Dieses Verfahren hat sich bislang zwar vorwiegend in der Behandlung von asthmatischen Erkrankungen bewährt, lässt aufgrund seines pathophysiologischen Modells zur Entstehung solcher Erkrankungen jedoch einen Nutzen in weiten Bereichen autonomer Dysregulationen vermuten. [Kommentar von der Redaktion gekürzt]

#2 |
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Ärztin

Die Atemtherapie(Groff/Middendorf) ist seit Jahrzehnten bewährt in der Psychotherapie -nur wie immer: das Rad muß immer wieder neu erfunden werden, da die üblichen Mediziner keine Selbsterfahrung oder andere Therapieformen erleben (müssen- als Pflicht) und leider auch nur in den üblichen engen Denkschetama gefangen sind. Man kann nur die Erfahrungen machen, die man zuläßt. Wir wären weiter, wenn Mediziner erst mal erleben müßten wie sie selbst fühlen…

#1 |
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