Darmflora: Wandlungsfähiges Mikrobenprofil

16. April 2014
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Forscher untersuchten nun erstmals die Darmflora einer modernen Jäger- und Sammlergesellschaft, der in Tansania lebenden Hadza. Dabei fanden sie heraus, dass sich das Mikrobenprofil der Hadza von denen aller anderen bisher untersuchten Menschengruppen unterscheidet.

Bakterienpopulationen entwickelten sich gemeinsam mit dem Menschen über mehrere Millionen Jahre hinweg und halfen ihm dabei, sich an neue Umweltbedingungen und Nahrungsmittel anzupassen. Aus Studien zu den in Tansania lebenden Hadza können Wissenschaftler lernen, wie Menschen als Jäger und Sammler im selben Lebensraum und mit ähnlichen Nahrungsmitteln wie unsere Vorfahren in der Steinzeit überleben.

Unter der Leitung von Stephanie Schnorr und Amanda Henry vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig verglich ein interdisziplinäres Forscherteam Mikroorganismen aus dem Verdauungstrakt der Hadza mit denen von Italienern, die in einem städtischen Umfeld leben und die „westliche Bevölkerung“ repräsentieren. Das Ergebnis zeigt, dass die Hadza im Vergleich zu den Italienern eine vielfältigere Darmflora, also mehr Bakterienarten, besitzen. „Das ist für die menschliche Gesundheit äußerst relevant“, sagt Stephanie Schnorr. „Einige vor allem in Industrienationen vorkommende Krankheiten, wie zum Beispiel das Reizdarmsyndrom, Darmkrebs, Adipositas, Typ-2-Diabetes, Morbus Crohn und andere, stehen in Verbindung mit der Verringerung der Diversität der mikrobiellen Darmflora.“

Unterschiede in der Darmflora der Geschlechter

Die Darmbesiedlung ist sehr gut an die Verdauung unverdaulicher Fasern aus einer pflanzenreichen Kost angepasst und hilft den Hadza möglicherweise dabei, den faserreichen Nahrungsmitteln mehr Energie zu entnehmen. Überraschenderweise haben die Forscher festgestellt, dass es bei den Hadza-Männern und -Frauen hinsichtlich der Art und Anzahl ihrer Darmbakterien erhebliche Unterschiede gibt. Dies wurde bisher bei keiner anderen menschlichen Bevölkerungsgruppe beobachtet. Während die Hadza-Männer Wild jagen und Honig sammeln, übernehmen die Frauen das Sammeln von Knollen und anderen pflanzlichen Nahrungsmitteln. Obwohl sie diese dann miteinander teilen, isst jedes Geschlecht ein wenig mehr von der selbst beschafften Nahrung.

Verständnis von „gesunden“ und „ungesunden“ Bakterien neu definieren

„Die Unterschiede in der Darmflora der Geschlechter reflektieren diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“, sagt Stephanie Schnorr. „Die Hadza-Frauen verfügen offensichtlich über mehr Bakterien zur Verarbeitung faserreicher pflanzlicher Nahrung, was sich direkt auf ihre Fruchtbarkeit und ihren Fortpflanzungserfolg auswirkt.“ Diese Befunde zeigen, welche Schlüsselrolle die Darmbesiedlung im Laufe der menschlichen Evolution gespielt hat, wenn es um die Anpassung an verschiedene Ernährungsweisen ging. Die Zusammensetzung der mikrobiellen Flora im Verdauungstrakt der Hadza ist einzigartig. Sie enthält eine große Anzahl an Bakterien, wie Treponema, die in der „westlichen“ Bevölkerung oft als Anzeichen für Krankheiten gedeutet werden. Andere Bakterien, wie Bifidobacterium, die in der „westlichen“ Bevölkerung als „gesund“ gelten, sind bei den Hadza vermindert. Dennoch treten bei den Hadza kaum durch ein Ungleichgewicht der Darmbakterien verursachte Autoimmunkrankheiten auf. Unser Verständnis von „gesunden“ und „ungesunden“ Bakterien muss daher neu definiert werden, weil diese Unterscheidungen davon abhängen, in welcher Umwelt wir leben. Die genetische Vielfalt der Bakterien ist dabei möglicherweise das wichtigste Kriterium für eine gesunde und stabile Darmflora.

„Die Mikroorganismen, die uns besiedeln sind unsere ‚alten Freunde‘, die uns bei der Anpassung an verschiedene Lebensweisen und Umweltbedingungen unterstützen“, sagt Amanda Henry, die die Max-Planck-Forschungsgruppe für Pflanzliche Nahrungsstoffe und Nahrungsökologie von Homininen leitet. „Unsere Untersuchung der Darmflora der Hadza erweitert unser Wissen darüber, wie Mensch und Mikroorganismus sich an das Leben in der Savanne angepasst haben. Darüber hinaus zeigt sie, wie Darmbakterien unseren Vorfahren möglicherweise dabei geholfen haben, sich an die Lebensbedingungen während der Steinzeit anzupassen und zu überleben.“

Originalpublikation:

Gut microbiome of the Hadza hunter-gatherers
Stephanie L. Schnorr et al.; Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms4654; 2014

45 Wertungen (4.69 ø)

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11 Kommentare:

Gast
Gast

@Manfred Büttner, vermutlich kennen Sie das Wort teleologisch nicht,
ein Kriterium von “Wissenschaftlichkeit”.

#11 |
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Heilpraktiker

Lieber “Gast” Ihr Kommentar vom 16. April 2014 um 16:38: “Zu wenig Fakten zu viel Teleologie bei der Bewertung.” zeigt alle Merkmale des undiffenzierten Stammtischkommentars: anonym und im Inhalt so, dass damit jeder von jedem angemacht werden kann. ……. Wrrrrgs.

#10 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Der wichtigste Effekt der “Darmflora” ist imho ein Millieu, das schädliche Mikroorganismen unterdrückt.
Das kennen wir doch auch durch Zubereitung und Lagerung “fermentierter” Nahrung wie Sauerkraut etc. die andere Keime komplett fernhalten.
Teilweise werden so pflanzliche Produkte erst bekömmlich (entgiftet) wie Soja. Bei Sauerteigbrot (heute selten) werden z.B. nachteilige Phytine aller Getreidekörner abgebaut. Die gleichen Keime sitzen im Dickdarm.

#9 |
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Arzt
Arzt

@Heilpraktikerin Brigitte Gotter, Sie verwechseln unverdauliche Nahrungskomponenten mit “lifestyle”

#8 |
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Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Die Überschrift “Unterschiede in der Darmflora der Geschlechter” suggeriert geschlechtsspezifische Unterschiede, die es ja ganz offensichtlich nicht sind, sondern – wie weiter unten aufgedröselt – die faktisch mengenmäßig unterschiedliche Ernährungsweise, auf die die Darmflora voraussehbar zumindest in ihrer quantitativen Zusammensetzung reagiert. Das dürfte bei bajuwarischen Mannsbildern im Vergleich zu den Madeln auch nicht anders sein. Die ersteren glauben ja auch noch bis zum ersten Gichtanfall fest daran, dass im LKW (Leberkäsweck) in erster Linie eine vollausreichende Vitaminversorgung steckt.

#7 |
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Medizinphysiker

„Die Hadza-Frauen verfügen offensichtlich über mehr Bakterien zur Verarbeitung faserreicher pflanzlicher Nahrung, was sich direkt auf ihre Fruchtbarkeit und ihren Fortpflanzungserfolg auswirkt.“
Das glaube wer will, ich nicht!

#6 |
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Heilpraktikerin Brigitte Gotter
Heilpraktikerin Brigitte Gotter

Super Artikel – die Darmflora spiegelt i m m e r den Livestyle wieder!
Das ist ja bereits bekannt. Die Darmflora von Menschen, die alles selbst kochen und nichts fertiges einkaufen – also nur Rohstoffe, wenn’s geht auch noch biologisch gesund angebaut – keine Antibiotikas oder andere z. B. Schmerz-medikamente usw. einnehmen, ist auch anders zusammengesetzt, als bei den Menschen, die auf nichts achten und Konservierungsmittel, Aromen usw. täglich verzehren. Zudem hat hier noch unsere ungesunde stressige Lebensweise sicherlich auch noch einen Anteil. Wie man diesen Faktor überprüfen kann? Würde wahrscheinlich etwas schwierig.
Allerdings muss ich hier Bedenken anmelden wegen der Stuhltransplantation von dem Stamm der Hadza zu einem modernen in “westlich” lebenden Menschen, schon alleine wegen der Treponema. Ich denke, diese Flora ist schon lange Bestandteil des Naturvolkes. Ob z. B. Treponema nicht einem “westlichen Standardmenschen” nicht vielleicht sogar Probleme bereiten würde, bitte ich zu bedenken.
Außerdem die Darmflora aus der Stuhltransplantation hält nicht lange vor. Sobald der Mensch mit seinem Speiseplan wieder so verhält wie vorher, verschwindet die gesunde Mikrobiota wieder von selbst. Sie kann dann einfach nicht weiter existieren, da die Grundlagen für ihr Überleben anders sind.

#5 |
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Es wird Zeit ,dass die moderne Lebensmitteltechnologie den Hadza
zeigt, wie man mit Konservierungsstoffen, Farbstoffen,Geschmacksverstärkern,
Emulgatoren ,Antibiotika umgeht. Ein moderner Darm ist eben krank.

#4 |
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Heilpraktiker

Schöner Artikel!
Diese Völker sind wahre Fundgruben für Stuhltransplantationen.
So können die mit Umweltgiften und Medikamenten zerstörten Darmfloren, welche in unserer Gesellschaft üblich sind ev. doch noch Heilung erfahren.

#3 |
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Claudia Olson
Claudia Olson

Ja, wäre interessant zu wissen, wie sich die Darmflora der Hadza zusammensetzt.

#2 |
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Gast
Gast

Zu wenig Fakten zu viel Teleologie bei der Bewertung.

#1 |
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