Medizinstudent: Kein Schreibtischtäter

11. Juli 2012
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Trotz forderndem Pensum und ständig wachsenden Anforderungen, zeigen immer wieder Studierende, dass das Medizinstudium kein bloßes Wandeln auf ausgetretenen Pfaden ist. DocCheck führte für Euch ein spannendes Interview mit einem dieser Überzeugungstäter.

Hormos Dafsari ist Student an der medizinischen Fakultät der Universität zu Köln im 8. Fachsemester. Im Zuge der bundesweiten Protestaktionen gegen die Einführung eines neuen Pflichtquartals/ -tertials im Mai dieses Jahres führte DocCheck bereits ein kurzes Interview mit Hormos und seiner Kommilitonin Meike König. An dieser Stelle möchten wir uns nun ausführlicher mit Hormos’ bisheriger studentischer Laufbahn, seinem ehrenamtlichen Engagement und seinen Plänen für die Zukunft auseinandersetzen.

DocCheck: Hormos, erzähl unseren Lesern doch erst einmal etwas über dich. Was führte dich zum Medizinstudium?
Hormos: Ich bin 21 Jahre alt und komme aus dem schönen Köln. Zum Studium führte mich zunächst naturwissenschaftliches Interesse. Und vielleicht die Tatsache, dass ich keinen Schreibtischjob haben wollte.

DocCheck: Wo studierst du Medizin und warum gerade dort?
Hormos: Ich bin in Köln zum Studium geblieben. Bis zum Abi kannte ich größtenteils das Leben in der Kölner Vorstadt, im Studium haben sich dann neue Ecken (und Kanten) gezeigt, was Köln ein Stück weit sympathischer machte. Und es gibt dort einen Modellstudiengang Medizin, der etwas klinischer und praktischer aufgestellt ist als viele andere.

DocCheck: Welches ehrenamtliche Engagement übst du neben deinem Medizinstudium aus?
Hormos: In der lokalen Studierendenvertretung (Fachschaft Medizin) bin ich seit Beginn meines Studiums vor vier Jahren. Dort fallen die Pressearbeit und einige Projekte zur Verbesserung des Studienklimas in meinen Aufgabenbereich. Zudem sitze ich in verschiedenen für Studium und Lehre relevanten Gremien. National bin ich als Pressesprecher für die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) im geschäftsführenden Vorstand und dies seit etwa einem halben Jahr.

DocCheck: Wie kommuniziert ihr in der bvmd miteinander (es handelt sich ja um eine bundesweite Organisation)? Wie oft finden physische Treffen statt?
Hormos: Da die Vorstandsmitglieder in den verschiedensten Städten Deutschlands studieren, skypen wir auf wöchentlicher Basis kurz, um grob alles Administrative zu klären. Für langfristige Richtungsentscheidungen gibt es einige Vorstandswochenenden, die dann in einer beliebigen Stadt stattfinden und zu denen wir von unseren jeweiligen Standorten anreisen. Weiterhin sind Medizinstudierendenversammlungen dann für konkrete inhaltliche Arbeit gedacht, dort geben Studierendenvertreter aller Unis maßgeblich den Ton unserer Arbeit vor. Man kommt also insgesamt viel herum und sieht ein paar schöne Flecken.

Gesunde Portion kritische Denkweise

DocCheck: Was hat dich gerade an diesem ehrenamtlichen Engagement gereizt?
Hormos: Mir macht das Medizinstudium grundsätzlich viel Spaß und es ist qualitativ auf einem sehr hohen Niveau, verglichen mit anderen Ländern. Jedoch ändert sich nicht nur die Zielgruppe mit der Zeit, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen und politischen Kräfte, die immer wieder etwas Veränderung ins Spiel bringen. Bei solch grundlegenden Entscheidungen sollte immer ein Studierender am Tisch sitzen. Studentisches Engagement fasziniert mich vielleicht gerade deshalb, weil ich familiär mit einer gesunden Portion gesellschaftskritischer Denkweise erzogen wurde. Man kann einiges ändern, wenn man an den richtigen Stellen argumentiert. Dieses Bewusstsein ist leider unter Medizinstudenten nicht allzu verbreitet. Sie sind zwar meist sehr aufgeweckte Personen, es herrscht an manchen Ecken aber noch die Mentalität „waiting on the world to change“, wie John Mayer es ausdrückt.

DocCheck: Wie lässt sich diese Nebentätigkeit mit deinem Studium vereinbaren?
Hormos: Ganz gut eigentlich, denn es kommt mir so vor, als gäbe es meist eine automatische Priorisierung in den Köpfen engagierter Leute. Das Privatleben kommt immer an erster Stelle, danach das eigene Studium, dann das Studium anderer. Viele Studenten treiben nebenbei einen Hochleistungssport, andere sind schon mit der Gründung einer Familie beschäftigt – bei allen bleibt jedoch neben dem Studium ein gewisser Zeitabschnitt in der Woche, den man zur freien Gestaltung für die Persönlichkeit hat. Bei mir besteht neben Musik, Sport und Filmen zusätzlich die Lust, etwas am Studium zu bewegen.

DocCheck: Wie viele Wochenstunden investierst du in dein Ehrenamt?
Hormos: Das kommt ganz auf die Woche an. In der Klausurphase fehlt mir mal die Zeit dafür – außer natürlich für dieses Interview – wohingegen in den Ferien auch manchmal über zehn Stunden anfallen. Wenn gerade ein Großprojekt ansteht, wie zum Beispiel die Änderung der Approbationsordnung, dann arbeite ich auch gerne mal Deadline-orientiert – wie es in jedem anderen Job auch wäre.

DocCheck: Was gefällt dir an deiner ehrenamtlichen Tätigkeit besonders?
Hormos: So einfach es klingt: Was mir gefällt ist, wenn die Studierenden das, was ich mache, gut finden. Es soll sich nicht so anhören, als würde man sich nur für die Bestätigung anderer ins Zeug legen. Es ist aber ein positiver Nebeneffekt, der auftritt und mir zumindest gut tut. Im Kern jedes Engagements steckt die Idee, dass man etwas bewegen will. Man selber hat ja, in der Regel, nichts mehr von positiven Änderungen – besonders in einem so stark bürokratisierten Land wie Deutschland, wo Änderungen häufig erst viele Monate zeitversetzt vorgenommen werden.

Turnusmäßige Verdopplung des medizinischen Wissens

DocCheck: Was war der größte Erfolg in deiner bisherigen ehrenamtlichen Laufbahn?
Hormos: Das ist eine sehr gute Frage, die ich aber aus folgendem Grund umgehen möchte: Es ist waghalsig, sich mitten in einem Prozess auf Erfolge zu einigen. Erfolge zu benennen, nehmen mir immer etwas Luft aus den Segeln. Wenn ich aus dem studentischen Engagement mal raus bin, können wir uns wieder darüber unterhalten, dann fällt mir vielleicht etwas ein.

DocCheck: Vor kurzem führten wir mit dir ein Interview zu den Protesten Medizinstudierender gegen die geplante Einführung eines Pflichttertials bzw. –quartals Allgemeinmedizin. Wo siehst du weitere Verbesserungsmöglichkeiten im gegenwärtigen Medizinstudium?
Hormos: Die Medizin, und damit auch das Studium, sind historisch gewachsen. Vor langer Zeit gab es mal die „Menschenkunde“, die in das Internistische und Operative aufgeteilt war. Jahre später wurde die Kinderheilkunde ausgesondert, daraufhin hat man gemerkt, dass auch Frauen und Männer ihre speziellen Erkrankungen haben, bzw. das Gehirn, die Augen, Haut, etc. Die Neugier, den Menschen zu erforschen, treibt uns immer weiter ins Detail.

Jedoch gibt es den Anspruch, dass alle Fachrichtungen natürlich auch im Medizinstudium repräsentiert sein sollen. Man sagt, dass sich aktuell alle acht Jahre das medizinische Wissen verdoppelt – wer soll all das, auch nur in Grundzügen, lernen? Entweder man hat den Anspruch, zu wissen, wo es nachgeschlagen werden kann, oder man konzentriert sich auf das grundlegende Verständnis medizinischer Zusammenhänge. Es ist jedoch sicher, dass das Curriculum nicht flächendeckend auf das Grundwissen eines Arztes zugeschnitten ist. An manchen Unis wird die Kardiologie oder Neurologie weniger unterrichtet als die Epidemiologie – und das in einer alternden Gesellschaft mit unglaublich vielen Herzinfarkten, Schlaganfällen oder dementiellen Erkrankungen.

DocCheck: Planst du auch zukünftig, neben deiner Tätigkeit im medizinischen Umfeld, eine ehrenamtliche Position in einem Gremium etc. einzunehmen?
Hormos: Gute Frage, ich nehme es, wie es kommt. Ich möchte nichts verplanen, aber wenn die Möglichkeit besteht, irgendwo mal irgendwas positiv zu bewegen, möchte ich es nicht ausschließen an der Stelle mitzuwirken.

DocCheck: Könntest du dir eine berufliche Laufbahn im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit vorstellen oder ist mit dem Studium der Medizin der Weg in die praktizierende Medizin vorgegeben?
Hormos: Ein Studium schränkt die Berufswahl grundsätzlich nicht ein. Aber ich bin mir sehr sicher, dass ich in die praktizierende Medizin gehen werde. Vielleicht, weil alles andere nicht wirklich zu mir passen würde.

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