Medizinisches Curriculum: Quo vadis, Lernzielkatalog?

16. April 2014
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Der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog Medizin (NKLM) spaltet die Gemüter: Die einen wollen ihn verpflichtend, so manche Fachgesellschaft sieht darin eine Schwächung der eigenen Position. Grund genug, sich mit dem sperrigen Akronym NKLM auseinanderzusetzen.

Es war einmal eine Kultusministerkonferenz…

… im Jahre 2009. Diese wollte dem Aufruf des Wissenschaftsrates folgen, die Qualität in Lehre und Studium zu verbessern. So beauftragt sie unter anderem den Medizinische Fakultätentag (MFT) und die Gesellschaft für medizinische Ausbildung (GMA), einen Lernzielkatalog für das Studium von Human- und Zahnmedizin zu entwickeln. Damit folgt Deutschland einem Trend, dem die Bundesrepublik, international betrachtet, eigentlich eher hinterherhinkt: Einen kompetenzbasierten Lernzielkatalog gibt es schon in vielen Ländern – unter anderem den Niederlanden, der Schweiz und in Schottland.

MFT, GMA und Vertreter aus Fachgesellschaften und Verbänden (darunter auch die bvmd) bildeten also eine Lenkungsgruppe. Diese beauftragte 21 Arbeitsgruppen, besetzt mit medizindidaktischen Experten, einen Katalog kompetenzbasierter Lernziele zu stellen. Das Ziel dahinter: Die notwendigen Kompetenzen von Ärzten auf nationaler Ebene festlegen und für alle Fakultäten vergleichbar machen. Über das Vergleichen von Kompetenzen soll sich schlussendlich die medizinische Ausbildung in Deutschland merklich verbessern.

Fächerfrei, flexibel, phantastisch?

Bei der Erstellung durch die Arbeitsgruppen sollten einige Grundregeln eingehalten werden:

  1. National umsetzbar: Damit der NKLM in Zukunft in allen Fakultäten Deutschlands angewendet werden kann, soll es keine Zuordnung von Lernzielen zu Fächern oder Organen geben. Dies ist die radikalste Neuerung im Vergleich zu an den medizinischen Fakultäten bisher üblichen Lernzielkatalogen. Gleichzeitig ist es auch der größte Streitpunkt bei der Erstellung des NKLM.
  2. Kompetenzbasierte Ausbildung: Bei den über 5.500, im NKLM beschriebenen Lernzielen handelt es sich um konkrete Fähigkeiten, Fertigkeiten oder Wissen mit klarem Bezug zur späteren ärztlichen Berufspraxis. Dadurch soll dem Wunsch der Politik gefolgt werden, das Studium praxisnäher zu gestalten.
  3. Kein Gegensatz zu IMPP-Gegenstandskatalogen: Die Gegenstandskataloge des Instituts für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) bilden zurzeit die Grundlage für die Staatsexamina. Das soll sich auch in Zukunft nicht ändern. Die Gegenstandskataloge werden weiterhin das ärztliche Faktenwissen erfassen, auf dem auch zukünftige Staatsexamina basieren. Der NKLM soll dieses Faktenwissen nun um Fähigkeiten und Fertigkeiten ergänzen, die wichtig für den ärztlichen Alltag sind, bisher aber nicht direkt abgebildet werden. Hierbei handelt es sich auch um soziale und kommunikative Elemente, die zwar bisher eventuell implizit aber nie konkret in der medizinischen Ausbildung vermittelt wurden.
  4. Kerncurriculum: Der NKLM soll zu einem Kerncurriculum der Medizin beitragen. Damit soll er den Fakultäten die Möglichkeit lassen, eigene Schwerpunkte zu setzen. Die aktuellen Studien- und Prüfungsordnungen bleiben verbindlich.

Von Rollen, Fähigkeiten und Meilensteinen

Die Struktur des NKLM basiert auf didaktischen Gesichtspunkte und orientiert sich am kanadischen CanMEDS-Modell: In diesem Modell der Facharztausbildung werden die unterschiedlichen Rollen von Medizinern und die damit einhergehenden Kompetenzen erläutert. Diese Rollen finden sich auch im ersten Abschnitt des NKLM. Folgende Rollen werden definiert: Medizinischer Experte, Gelehrter, Kommunikator, Mitglied eines  Teams, Gesundheitsberater und –fürsprecher, Verantwortungsträger & Manager, Professionell Handelnder.

Der zweite Abschnitt umfasst „medizinisches Wissen, klinische Fähigkeiten und professionelle Haltungen“. Hierzu werden Gruppen wie „Ärztliche Gesprächsführung“, „Therapeutische Prinzipien“ aber auch „Ethik & Recht“ gezählt. Der dritte Abschnitt „Patientenzentrierte Gesundheitsversorgung“ unterteilt sich schließlich in Anlässe für „ärztliche Konsultationen“ und „Erkrankungen“.

In allen Abschnitten werden kompetenzbasierte Lernziele festgelegt, deren Erwerb durch bestimmte Meilensteine gekennzeichnet ist. Je nach Lernziel sollen Medizinstudierende bei Abschluss ihres Studiums verschiedene Meilensteine erreicht haben. Der NKLM unterscheidet folgende Meilensteile im Kompetenzerwerb:

  1. Grundlagenkompetenz
  2. Wissenschaftskompetenz
  3. a.    Ärztliche Basiskompetenz für die Ausbildung mit unmittelbarem Patientenbezug
    b.    PJ-Kompetenz
  4. Ärztliche Approbation und Weiterbildungskompetenz

Ein Zeitplan wie ein Berliner Flughafenbau

Ursprünglich sollte der NKLM im Juni dieses Jahres auf dem MFT beschlossen werden und ab dem 01.01.2015 (zunächst unverbindlich) in Kraft treten. Doch daraus wird nichts. Tatsächlich hat sich der Abschlusstermin schon mehrfach verschoben, da sich die Abstimmung mit den Fachgesellschaften schwieriger gestaltet als gedacht.

Nun wird folgender Zeitplan angestrebt: Bis zum 15.06.2014 haben die Fachgesellschaften weiter dazu Zeit, den NKLM zu kommentieren und zu bewerten. Daran schließt sich ein mehrstufiges Befragungsverfahren („Delphi-Runde“) an, in welchem erneut Rückmeldungen zum NKLM gesammelt werden können. Im März 2015 sollen dann Lenkungskreis und Redaktionsteam die finale Fassung verabschieden. Diese wird dann dem MFT vorgelegt und im Mai 2015 zur Abstimmung vorgelegt.

The Good, the bad, the ugly

Die Einführung des NKLM wird grundsätzlich von vielen Fachgesellschaften positiv bewertet. Auch die bvmd spricht sich für eine Einführung aus, da sie sich hiervon viele Vorteile für die Gestaltung des Curriculums erhofft. Gleichzeitig warnt die bvmd aber auch vor einer weiteren Überfrachtung des Medizinstudiums.

Ein Spielverderber bei der Einführung des NKLM ist unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Aus Sorge um das akademische Niveau der internistischen Ausbildung, hat die DGIM ihren eigenen Lernzielkatalog entworfen. Hauptkritikpunkt: Die fehlende Fächerzuordnung und eine damit einhergehe Zergliederung der Ausbildungskompetenzen. „Als Fachgesellschaft, die die innere Medizin in Deutschland vertritt, können wir kein humanmedizinisches Studium unterstützen, dass diesen Vorgaben unterliegt“, so Prof. Peter von Wichter, ehemaliger Präsident der DGIM. Kritik kommt auch von der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG): „Was dem NKLM fehlt, ist die Tiefe“, beklagt Prof. Norbert Hosten, Präsident der DRG. Er fordert eine umfassende Überarbeitung des NKLM.

Was bleibt für die Studierenden?

Bei all der Kritik, den Kommissionen und Abstimmverfahren muss man sich vor allem eines fragen: Was bleibt am Ende für die Studierenden? Ist es nur eine lange Liste von didaktisch aufgearbeiteten Kompetenzen, die letztendlich nie einen Effekt für die medizinische Ausbildung bringen wird, da man glaubt, alles schon irgendwie ganz gut zu erfassen? Oder werden sich die Fakultäten aufraffen und ihre Curricula grundlegend auf Basis des NKLM überarbeiten.

Falls letzteres geschehen sollte, liegt darin eine unfassbar spannende, aber auch extrem herausfordernde Arbeit, die das Medizinstudium in einem neuen Jahrzehnt ankommen lassen könnte. Bis dahin wird die Umsetzung des NKLM in die Praxis allerdings auch tatsächlich dauern. Vor 2020 kann man wohl nicht mit Effekten rechnen. Aber vielleicht hat bis dahin ein noch viel größeres Projekt, der „Masterplan Medizinstudium 2020“ der Bundesregierung, zu tiefgreifenden Umwälzungen geführt, sodass die Einführung des NKLM leichter als gedacht gelingt. Das und ob die Fachgesellschaften ihre Kritik konstruktiv umzusetzen wissen, bleibt abzuwarten in diesem großen Kompetenzgerangel.

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