AMD: Kanüle sucht Körperkontakt

25. April 2014
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Wer unter der feuchten Form der altersbedingten Makuladegeneration leidet, muss schmerzhafte Injektionen ins Auge ertragen, um eine Erblindung abzuwenden. Ein erprobter Wirkstoff scheint auch subkutan verabreicht zu wirken. Die Nebenwirkungen sind jedoch nicht zweifelsfrei geklärt.

Die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) ist für rund ein Drittel aller Neuerblindungen verantwortlich und damit die häufigste Erblindungsursache in den westlichen Industrienationen. Die Augenerkrankung führt zu einem Verlust der Sehkraft im Bereich des schärfsten Sehens, der Makula (auch „gelber Fleck“ genannt). Während das äußere Gesichtsfeld erhalten bleibt, fallen den Betroffenen Alltagsbeschäftigungen wie Lesen, Fernsehen, Autofahren oder das Erkennen von Gesichtern mit fortschreitender Erkrankung immer schwerer. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an AMD zu erkranken.

Feuchte Verlaufsform äußerst aggressiv

Bei der AMD gibt es zwei Verlaufsformen: Die „trockene“ Verlaufsform kommt mit ca. 85 Prozent aller Fälle weitaus häufiger vor als die „feuchte“. Bei der trockenen AMD sterben mit der Zeit immer mehr lichtempfindliche Zellen der Netzhaut ab. Die Sehverschlechterung tritt langsam ein. Bei der selteneren feuchten Verlaufsform wachsen Blutgefäße in die Netzhaut ein. Sie verläuft wesentlich aggressiver. Nach kurzer Zeit werden die Gefäßwände undicht, die Vernarbung und Zerstörung der Nervenschicht der Netzhaut nimmt zu, was innerhalb kurzer Zeit zu einem massiven Sehverlust führen kann.

Möglicher Auslöser: Sterile Entzündungsreaktion

„Die altersbedingte Makuladegeneration ist komplex und ihre Pathogenese noch nicht gänzlich verstanden“, schreiben die Wissenschaftler des Trinity Colleges in Dublin. Chronisch oxidativer Stress und Entzündungsreaktionen scheinen dabei jedoch eine zentrale Rolle zu spielen. Entzündungsreaktionen werden eigentlich nur ausgelöst, wenn das Immunsystem Pathogene oder Toxine erkannt hat. Dann kommen auch Cytokine wie Interleukine ins Spiel, die helfen, die Eindringlinge abzuwehren. Sogenannte sterile Entzündungsreaktionen, also Entzündungsreaktionen ohne externe Auslöser, zählen zu den typischen Alterserscheinungen und können auftreten, wenn körpereigene Elemente modifiziert oder nicht mehr abgebaut werden.

Mehrfache Injektionen ins Auge

Die einzige effektive Therapie der feuchten AMD besteht derzeit in der Injektion von monoklonalen Antikörpern, die direkt ins Auge des Patienten verabreicht werden. Die Antikörper hemmen den Wachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) und verhindern so das zerstörerische Aderwachstum. Ein wirksamer, aber für den Patienten äußerst unangenehmer Ansatz. Denn die Injektionen müssen regelmäßig wiederholt werden und bergen ein hohes Risiko für Infektionen, eine Netzhautablösung und Blutungen.

IL-18 wirkt auch subkutan verabreicht

Frühere Studien hatten den Entzündungsbotenstoff Interleukin-18 (IL-18) bereits als möglichen Wachstumshemmer identifiziert, der das Fortschreiten der feuchten AMD möglicherweise stoppen könnte. Auch in der aktuellen Studie überzeugte der Botenstoff bei Versuchen an Zellkulturen und Mäusen mit einer AMD-ähnlichen Augenerkrankung. „Bereits niedrige Dosen von IL-18 konnten bei den erkrankten Mäusen das Einwachsen der Gefäße aufhalten, ohne aber die empfindliche Retina zu schädigen“, schreiben die Forscher. Der große Vorteil gegenüber der herkömmlichen Therapie: IL-18 bremste die AMD auch, wenn er den Mäusen subkutan verabreicht wurde. „Bereits bei einer Dosis von 1 mg IL-18 pro kg Körpergewicht hemmte der Botenstoff das Einwachsen von Blutgefäßen im Auge deutlich und ohne erkennbare Nebenwirkungen“, berichten die Wissenschaftler. Eine Kombination mit der herkömmlichen Antikörpertherapie konnte den Effekt sogar noch verbessern.

Nebenwirkungen noch zweifelhaft

Ein weiterer Vorteil für die Patienten: Eine Zulassung von IL-18 könnte relativ schnell erfolgen, denn der Botenstoff hat seine Verträglichkeit für den Menschen schon in mehreren klinischen Studien unter Beweis gestellt, in denen seine Wirksamkeit gegen den metastasierenden Hautkrebs, das Non-Hodgkin-Lymphom und weitere Krebsarten getestet wurde. Ein plausibler Grund, warum der IL-18 Hersteller GlaxoSmithKline die vorliegende Studie finanziell unterstützte. Die irischen Wissenschaftler sind überzeugt von IL-18s großem Potential im Kampf gegen die bisher unheilbare AMD. Ob der Wirkstoff allerdings tatsächlich keine Nebenwirkungen an der Retina hinterlässt, scheint jedoch laut einer Studie aus dem Jahr 2012 ohne industrielle Unterstützung noch nicht gänzlich geklärt zu sein. Dort hatte der direkte Kontakt von IL-18 zum Absterben von Retinazellen geführt.

89 Wertungen (3.98 ø)

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12 Kommentare:

Gast
Gast

Es wäre sehr wünschenswert, wenn man hier eine Möglichkeit gefunden hätte, die ohne Nebenwirkungen ein Fortschreiten der feuchten AMD möglicherweise stoppen könnte.

#12 |
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Altenpflegerin

Mein Mann leidet an der feuchten AMD und bekommt nun mittlerweile zum 2. Mal diese Injektionen ins Auge. Er berichtet, dass es zwar unangenehm, aber nicht sehr schmerzhaft ist. Es scheint aber darauf anzukommen, wer diese Injektionen durchführt, denn jetzt, während des zweiten Zyklus, hatte er beide Male große Schmerzen im Nachhinein.
Meine Frage ist: wie oft muss bzw. sollte man dieses Prozedre überhaupt wiederholen?

#11 |
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AMD FX-9590
AMD FX-9590

Leider bin ich mit 55 doppelt betroffen: trockne AMD links, feuchte rechts.
Auf Grund eines Ortwechsels habe ich erst bei einem niedergelassenen Augenarzt mit OP und jetzt im Krankenhaus die Spritzen bekommen. Da ich beim Zahnarzt lieber jammere als eine Spritze zu nehmen, hatte ich mir die Behandlung schlimm vorgestellt. Aber wie hier schon gesagt, das Auge ist betäubt, es tut nicht weh.
Die Behandlung muss ambulant in einem OP gemacht werden, d.h. man hat eine Anfahrt und kann nicht selber zurückfahren. Am nächsten Tag gibt es eine Kontrolluntersuchung bei der auch die Pupille geweitet wird.
Man kann praktisch 2 Tage nicht arbeiten.
Schmerz ist also kein Problem, aber alle 4 Wochen 2 Tage arbeitsunfähig.

Hier könnte ich mir Vorteile einer subkutanen Behandlung vorstellen.

#10 |
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Der Artikel wird leider wirklich der Volkserkrankung AMD wenig gerecht und wärmt nur eine Pressemeldung der ProRetina noch einmal auf.
Spritzenphobie oder das Thema ‘Schmerz nach intravitrealer operativer Medikamentenapplikation’ spielt in der klinischen Routine kaum eine Rolle. Die relevanten Nocizeptoren sitzen im Bereich der Sklera/Episklera (Bindehaut betäubt, Aderhaut nicht entsprechend enerviert). Probleme kann eine postoperative Reizung (Desinfektion) oder Erosio verursachen.
Mäuse haben keine Makula, es gibt leider keine aussagekräftigen Tiermodelle.

Journalistische Verantwortung hätte zu einer sorgfältigen Formulierung der Überschriften geführt, aber auch den ausstehenden Wirksamkeitsnachweis am Menschen klarer benannt.

#9 |
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@ PS Müther:
• Choreoidea + Pars plana + Analgeticum = ›X-Schmerz‹ für Sekunden.
• Was sagen Sie dann erst zu einem Einsetzen einer ›Phako‹? (Ich darf das Procedere als bekannt vorausetzen = ›Y-Schmerz‹ für Minuten.)
• Haben Sie je selber eine ›intravitreale Injection‹ über sich ergehen?
(Inter collegas: Patienten geben auch ihre Erwartung gerne als Erfahrung aus…)

#8 |
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Dr. med. Jens Freiburg
Dr. med. Jens Freiburg

meine Mutter bekommt seit Jahren die Injektionen ins Auge und meint es ist nicht schmerzhaft.

#7 |
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PD Dr. PS Müther
PD Dr. PS Müther

Bei allem Respekt vor der Mühe, die sich die Autorin mit dem Artikel gemacht hat: die Darstellung der Risiken und subjektiven Patienten-Empfindung im Bezug auf die derzeitige intravitreale Standard-Therapie ist unqualifiziert und undifferenziert. Von einem hohen Risiko bezüglich der geschilderten lokalen Nebenwirkungen kann kaum die Rede sein, die potentiellen systemischen Nebenwirkungen sind aufgrund der lokalen Gabe äußerst begrenzt. Demgegenüber stehen, wie bemerkt, unklare systemische Nebenwirkungen durch systemische Gabe einer Medikation, welche im Tiermodell an einer “AMD-ähnlichen”, im Klartext künstlich mit Laser erzeugten choroidalen Neovaskularisation, die de facto mit der AMD gar nichts zu tun hat, getestet wurde.
Es ist dem Patientenvertrauen in ärztliche Therapie nicht zuträglich, derzeitige hocheffektive Behandlungen schlecht zu reden während für jede Prä-Prä-Prä-Phase I Studie die Sau durchs Dorf getrieben wird.

@Frau Sonnenschein: was die geschilderte Antibiotikagabe mit Hoffnung auf Schmerzreduktion zu tun haben soll verstehe ich nicht. Diese wäre bei Infekt-Verdacht indiziert. Nebenbei lässt die Lokalanästhetikum-Gabe nach etwa 30min nach, wenn dann ein gewisses FK-Gefühl um die Einstichstelle eintritt … ok. Wie dem auch sei: n=1.

@Herr Berwanger: “GARANTIERT NICHTS” ist vielleicht auch etwas sehr pauschal, denn den Durchtritt der Kanüle durch die Aderhaut nehmen einige Patienten dann doch wahr.

#6 |
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Liebe Frau Schmitzer, was Sie schreiben, ist ›in realiter‹ VOLLKOMMENER UNSINN!
Haben Sie je einer ›intravitrealen Injektion‹ beigewohnt und sich diese erklären lassen?
a) Der Patient bekommt vor der Injektion ein Analgeticum, ein Antibioticum und ein Mydriacum getropft.
b) Dann bekommt der Patient eine Haube und einen Kittel verpasst.
c) Vor der Injektion, die max. 5 sec dauert, wird noch einmal ein Analgeticum gegeben. Der Patient spürt GARANTIERT NICHTS!!!
d) Die Menge ist so gering, z.B. 0,05 mL (= 0,5 mg) im Fall von Lucentis®, so dass in der Regel kein Anstieg des Augeninnendrucks, der laut Richtlinien zwei Tage nach der Injektion überprüft werden sollte, zu erwarten ist.
e) Das grösste Infektionsrisiko ist eine Endophthalmitis mit einer Incidenz von 0.05%–0.07% (Moshfeghi 2008).
DAS NÄCHSTE MAL BITTE SAUBER RECHERCHIEREN!!!
PS1: Selbst bei einer Cataract-OP, die in der Regel 10–15 min dauert, wird die IOL (›Phako‹) mit einem Tropf-Analgetkum eingesetzt (OHNE SCHMERZEN!!!)!!!
PS2: Bemerkungen über Ihre ›wissenschaftliche Ausführungen‹ erspare ich mir…

#5 |
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susi sonnenschein
susi sonnenschein

Ein naher Verwandter erhält aufgrund seiner AMD bereits seit mehreren Jahren entsprechende Injektionen in das betroffene Auge. Er hat am Tag der Injektion nach dem Nachlassen der Lokalanästhesie regelmäßig sehr starke Schmerzen am Auge. Antibiotische Augentropfen werden verabreicht, Ärzte wissen um diesen Umstand, können aber anscheinend nichts daran ändern. Ganz so “easy” ist die Geschichte dann doch nicht.

#4 |
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Martin Lambert
Martin Lambert

Liest sich wie ein Werbeartikel für die Pharmaindustrie! Bildzeitungsniveau!

#3 |
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Was ist das für Schmarrn: “schmerzhafte Injektionen”. Das Auge wird an der Injektionsstelle perfekt betäubt. Die 32er Nadel geht glatt. Die Menge ist so gering, dass der Augeninnendruck nicht über 28 Steigt. Das kann für anderthalb Stunden Druckgefühl verursachen.

#2 |
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Die Injektionen in den Glaskörperraum sind für den Patienten in der Regel aufgrund topischer Anästhesie nicht schmerzhaft.

#1 |
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