Überdiagnostik: Wer suchet, der findet?

23. April 2014
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Dank ausgefeilter Labortests, CTs oder MRTs entdecken Ärzte kleinste Anomalien im Körper. Ein Paradoxon: Patienten fühlen sich trotz Diagnose nicht immer krank, und mehr Medizin bedeutet letztlich mehr Morbidität. Forscher fordern, sich stärker an Symptomen zu orientieren.

Ist Gesundheit – wie die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert — wirklich „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“, sprich nicht nur das „Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“? Und beschreiben Krankheiten genau das Gegenteil? Manchmal gelingt es Ärzten nicht, Leidensdruck mit ihrer Diagnostik in Einklang zu bringen. Ein Beispiel: Haben Patienten juckende Augen, Atembeschwerden oder Schleimhautreizungen, spricht viel für eine Allergie. Etablierte Tests bleiben ohne Resultat. „Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Pollen bedingt durch eine chemische Reaktion mit Feinstaub aggressiver werden“, sagt die Allergologin Dr. Utta Petzold. In der Praxis verwenden Kollegen unbelastete Pollenextrakte. Weitaus häufiger beobachten sie genau das Gegenteil — sprich diagnostische Resultate ohne Beschwerden.

Rätsel im Labor

Ärzte finden bei Blutuntersuchungen oder bei bildgebenden Verfahren eine Anomalie, obwohl sich ihre Patienten kerngesund fühlen. Das kann beispielsweise ein erhöhter Blutzuckerspiegel, eine Hypertonie oder eine Hypercholesterinämie sein. Betroffenen fehlt das individuelle Krankheitsgefühl, und sie lassen sich nur schwer vom Nutzen einer Behandlung überzeugen. Oft handelt es sich um präventive, in die Zukunft gerichtete Maßnahmen bei bekannten Risikofaktoren. Ein Problem: Im Laufe der letzten Jahrzehnte gab es diverse Richtungswechsel, was für Laien oft den Beigeschmack einer gewissen Willkür hat. So proklamierten amerikanische Fachgesellschaften in ihren Leitlinien zur Cholesterinsenkung die Abkehr von starren Zielwerten.

Befunde aus der Kardiologie …

Diagnosen ohne Symptome sind ein Thema, das viele Fachrichtungen betrifft. Kardiologen sprechen erst von einer Angina pectoris, falls sie Hinweise aus der Koronarangiographie haben. „Problematisch bleibt, dass der technische Befund nicht zwingend das Symptom erklärt“, kritisieret Professor Dr. Thomas Kühlein, Erlangen, zusammen mit Kollegen in einem Übersichtsartikel. „Schließlich gibt es auch positive Befunde in der Koronarangiografie ohne Angina pectoris.“

… und Screenings in der Onkologie

Bei Krebserkrankungen sieht die Sache nicht besser aus. Das prostataspezifische Antigen (PSA) gilt als Marker für Veränderungen der Vorsteherdrüse: benigne Prostatahyperplasien, Prostatitiden oder maligne Erkrankungen. Wie bei allen Screeningverfahren entdecken Kollegen auch hier Karzinome, die Patienten während ihres gesamten Lebens nie Probleme bereitet hätten. Ob das Ziel, Betroffenen mehr Lebenszeit zu schenken, letztlich erfüllt wurde, bleibt wissenschaftlich umstritten. Tatsache ist, dass Prostatakrebs Jahr für Jahr allein in Deutschland 12.000 Todesopfer fordert. Andererseits waren Männer, die an dem Leiden starben, drei Jahre über der durchschnittlichen Lebenserwartung. Und Patienten jenseits der 50 mit Prostatakarzinom und natürlicher Todesursache verstarben in jedem dritten Fall nicht am Krebs. Finnische Forscher berichten auch, dass es bei 12,5 Prozent aller PSA-Tests zu falsch positiven Befunden kam. Dann folgen Biopsien und im schlimmsten Falle radikale Eingriffe – anstelle von Watchful Waiting-Strategien. Nicht anders beurteilen Onkologen die Situation bei Schilddrüsenkarzinomen. In den letzten 30 Jahren hat sich die Inzidenz papillärer Formen verdreifacht. „Das setzt Patienten therapeutischen Maßnahmen aus, die in keinem Verhältnis zu ihrer Prognose stehen“, schreibt Juan P. Brito, Rochester, Minnesota, in einem Fachartikel.

„Unnötige Diagnostik und obsolete Behandlungsmethoden“

Orthopäden kennen die Thematik ebenfalls. Manche Patienten haben trotz klarer Befunde aus der Bildgebung kaum Beschwerden. Bei anderen Menschen finden Kollegen jedoch keine Erklärung für deren Schmerzen. Bleiben nur noch vermeintlich degenerative Veränderungen als Verlegenheitsdiagnose. Wissenschaftler haben untersucht, inwieweit evidenzbasierte Empfehlungen in der Versorgung umgesetzt werden. Ihr wenig schmeichelhaftes Fazit: „Hausärzte und Orthopäden setzen häufig — nach Leitlinien beurteilt — unnötige Diagnostik und obsolete Behandlungsmethoden ein, die eine Chronifizierung der Beschwerden des Patienten fördern können.“

Diagnostische Unsicherheit aushalten

Doch es gibt Alternativen. Laut Thomas Kühnlein müssten Ärzte eine gewisse „diagnostische Unsicherheit“ aushalten. Abwendbar gefährliche Verläufe sind auszuschließen. Darüber hinaus tun Kollegen ihren Patienten aber keinen Gefallen, wenn sie mit aller Gewalt nach Diagnosen suchen. Vielmehr sollten symptomhafte Herangehensweisen im Mittelpunkt stehen. Verändert sich das individuelle Empfinden, kann eine neuerliche Untersuchung durchaus sinnvoll sein. Gerade bei multimorbiden Patienten bewährt sich als Strategie, medizinische Interventionen auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. Ansonsten führen mehr Diagnostik und mehr Therapie plötzlich zu weniger Lebensqualität.

113 Wertungen (4.81 ø)

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26 Kommentare:

@25 Dr. Bayerl: Jedes diagnostische Instrumentarium ist nur ein Hilfsmittel, das kritisch hinterfragt werden muss, ob ein falsch positives Ergebnis oder ein falsch negativer Befund vorliegen könnte. Auf der einen Seite ist das banal, auf der anderen Seite wird es oft gröblich mißachtet (vgl. z. B. die Mammogaphie-Debatte hinsichtlich falsch positiver Befunde und deren Bewertung).

#26 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. Norbert Guggenbichler, der “Gast” meint sicher die Problematik des Arztersatzes durch ein EDV-Programm, der Traum jedes Ökonomen,
da würde ich ihm zustimmen.
Der Glaube an die EDV ist schier unerschütterbar.

#25 |
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Anita Kaendler
Anita Kaendler

Zitat eine Patientin in Vorbereitungszimmer:
Fünf Ärzte zehn Meinungen

#24 |
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@22:Sie haben deutlich gemacht, dass sie nicht ernsthaft diskutieren wollen. Don’t worry, be happy.

#23 |
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Gast
Gast

Herr Dr. Norbert Guggenbichler, Sie erschrecken mich mit Ihrer kempjuter-checks,
soll das jetzt ein Ersatz für eine Koloskopie sein?

#22 |
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@17 “dass das therapeutische Instumentarium hier keineswegs mithalten kann” …. Das Problem ist doch eher, dass die diagnostizierten Befunde therapeutisch nicht relevant sind hinsichtlich der Prioritätenklärung. Deshalb hatten und haben Systeme wie Compseg, Vegacheck, Oberon, der Medical Grade Alfa Sight 9000 Tablet Computer und was es sonst noch gibt, ihre Berechtigung, auch wenn man da noch mehr Informationen zusammen bekommt, die bewertet werden müssen.

#21 |
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Heilpraktiker Karlheinz Sauer
Heilpraktiker Karlheinz Sauer

@Frodo
Warum ist der Patient der Dumme?

Heute, durch das Internet, kann jede Diagnose bestens recherchiert werden und man kann überprüfen, ob die Symptome dazu passen. Diese Erkenntnis kann wieder mit dem Therapeut besser abgestimmt werden. Man kann auch den Therapeuten wählen, den man will, auch in der gesetzlichen KK. Ich finde, dass es wichtig ist, dass Patient und Therapeut zusammenarbeiten.
Es wird immer auf den Arzt oder Therapeut rumgehackt. Aber, wer hat den letztendlich die Verantwortung für die Gesundheit.
Wir können den Arzt oder Therapeut nur zu Hilfe nehmen. Gesund werden muss der Patient selbst. Das bedeutet, wenn die Diagnose steht oder angenommen wird, muss man nachlesen, ob das so stimmt.
Das der Arzt oder Therapeut für seine Hilfestellung Geld verdient ist doch in Ordnung. Leider ist der Mensch keine Maschine, sondern eine komplexe Wissenschaft indem es bei gleichen Belastungen große Abweichungen gibt.
Patienten müssten viel häufiger mitarbeiten, aufgefordert werden sich darüber zu informieren. Das würde die Arbeit um ein vielfaches erleichtern. Dazu bedarf es der Tolernanz des Arztes und die Verantwortung des Patienten.

#20 |
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Studentin der Humanmedizin

An Frau Heilpraktikerin Hain:
Ja, die Austherapierten, deren wir auch hier viele haben, die gehen dann zu den Alternativmedizinern und Heilpraktikern, um dort Erleichterung zu finden, was insofern ich weiss, oft auch gelingt. Schlussendlich ist die ärztliche Dienstbarkeit ein Akt der Nächstenliebe, an denen es einigen Menschen im eigenen Kreis der Nächsten leider fehlt. Ich wünsche Ihnen bei Ihrer schmerzhaften Krankheit Linderung zu. Vielleicht könnte die Orthomolekularmedizin oder eine Sauerstofftherapie etwas bringen. Ein Neurologe hier in Zürich gibt Schmerzpatienten freiwillig Sauerstofftherapie, worauf sie gut ansprechen, insofern ich weiss aus seinem Mund.
An Frodo:
So ist es genau gemäss gesundem Verstand, und, glücklicherweise wenigstens für die Menschen als Individuen, hat die medizinische Wissenschaft dank des Patientenwillens und des ärztlichen Experimentierens und Versuchs so gewltige Fortschritte machen können. Die Aerzteschaft ist schon eine Krone unserer Gesellschaft auf Erden. Als Ersatzreligion wird sie dem Individuum aber nur eine Last sein können, denn was bringt es schon in Ewigkeitsperspektive, Pillen und Therapien zu schlucken, da der Leib doch aus dem Staub der Erde gebildet wurde und zum Staube der Erde zurückkehrt, wenn er ausgedient hat…

#19 |
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Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

Vorsorge dich nicht – LEBE!

#18 |
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Frodo
Frodo

@ Ingrid Wenitzel: Seit die Medizin für die meisten Leute zur Ersatzreligion geworden ist. Die hier geführte Diskussion untermauert das doch trefflich :-)
Dabei wird natürlich immer wieder vergessen, dass nahezu alle Beteiligten in Gesundheitswesen davon leben und letztendlich auch ihre Brötchen damit verdienen wollen. Und so tut jeder was er kann und der Patient ist im Zweifelsfalle der Dumme, da es überhaupt nicht mehr um Inhalte sondern nur noch um die Form geht.

#17 |
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Gast
Einiges an der “kommentierenden Diskussion” finde ich seltsam.
Ich dachte immer, es sei hinreichend bekannt, dass das diagnostische Instrumen-tarium immer feiner wurde und dass das therapeutische Instumentarium hier keineswegs mithalten kann. Damit sind Probleme programmiert. Noch etwas verwundert mich: man sprach vor etlichen Jahren von “Halbgöttern in Weiß”. Wann ist es denn zum Aufstieg im Olymp gekommen?

#16 |
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Heilpraktikerin

an Stud Edith Meyer:
In der Schweiz sind viele Dinge besser als bei uns, und sicher sind überall immer wieder Menschen dabei die andere Gründe haben als eine körperliche Erkrankung, einsam sind oder sonst etwas. Ich wollte nur angesichts des Artikels daran erinnern, dass Patienten Menschen sind und nicht die Krankheit mit der sie kommen. Ich habe selber in meinem Umfeld erlebt wie jemand als “austherapiert” aus einer Praxis komplimentiert wurde weil die Behandlung nicht mehr den nötigen Umsatz bringt, denn mehr wie ein paar Tabletten kann man da ja nicht mehr verschreiben; oder eine unzureichende Therapie bekommt weil der/diejenige zu alt ist.

Wie wäre es zur Abwechslung einfach einmal damit, mit den Menschen, egal ob im Arbeitsleben oder nicht, allgemein besser umzugehen? Auch wenn man genauer zuhören und hinschauen würde, wären, darüber nachzudenken war meine Absicht, hohe Kosten durch unnötige Untersuchungen und Therapien gespart worden, aber auch unnötige körperliche UND psychische und seelische Belastungen des Patienten z.B. durch sehr späte chirurgische Intervention und dadurch verursachte Vergrößerung der Grunderkrankung und der Schmerzen wären vermieden worden, weil man dachte der Patient lügt, “spinnt” oder will sich nur produzieren.
Auch wird eine Verdachtsdiagnose nicht dadurch gesichert dass man immer wieder das Gleiche versucht, nach dem Motto “wenn ich es nur oft genug so mache muss es irgendwann funktionieren”. Nettes Beispiel von vorhin etwas ausgeführt, jahrelang Betablocker bei Kopfschmerzen von einem HWS-Schleudertrauma das eigentlich ein Bandscheibenvorfall war. Die OP war dann doch irgendwann fällig. Das ist der berühmte Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht, da kann der Patient nichts dafür.

Ich hatte nicht vor, Sie persönlich zu kritisieren (bitte herzlich um Entschuldigung) sondern die allgemeine Denkweise, die ich so oft vorfinde.
Als selber Betroffene befasse ich mich mit Schmerztherapie und weiß wovon ich rede.

#15 |
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Ich versuche, dem Patienten mit meinen diagnostischen Möglichkeiten als Heilpraktiker mit der Anamnese,Irisdiagnostik,Dunkelfeld, BFD und körperlicher Untersuchung die bestmöglichste Diagnostik und darauf aufbauende Therapie an-
zubieten,auch der zeitliche-und preisliche Rahmen dürfte stimmen.
Je chronischer die Beschwerden bzw. die Erkrankung, desto länger dauert u.U.die Behandlung bzw. die günstige Beeinflussung des Beschwerdebildes, da ich dort oft
das Zusammenwirken unterschiedlicher Ursachen (Syndrome) vermute oder finde.
“Modernes Leben” hat neue Symptome und Beschwerdebilder erzeugt und man findet oft psychosomatische Beschwerden,ohne genauere Zuordnung in klassische
Diagnosen. Unklare chronische Schmerzen, Fybromyalgie etc. sind Zuordnungen
in Bereiche in denen man nicht weiterweiss und weiterführende Diagnostik sicherlich sehr hilfreich sein kann.Wichtig ist jedoch, das sinnvolle Therapien dem
Patienten eine spürbare Linderung geben und der Patient nicht jahrelang immer wegen den selben Beschwerden in der Praxis erscheint.

#14 |
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Studentin der Humanmedizin

Zu Frau Heilpraktikerin Silvia Hain:
Es ist sicher nicht schlecht oder wertlos, beliebig zum Arzt gehen zu können um Leiden zu teilen, und möglichst Linderung oder gar Genesung zu finden. Bei uns in der Schweiz gibt es Diskussionen auf hohem Niveau über die polymorbiden Patienten in dem Sinne, dass man sie durch einen Hauptarzt (sprich Hausarzt) oder eine Pflegefachperson führend behandeln will, damit die finanziellen Lasten nicht aus dem Ruder laufen wegen vieler Arztbesuche und sich überlappenden Untersuchungen, die mehrmals schon gemacht wurden. Ich bin mir ganz sicher, dass sich diesbezüglich Besserungen anbringen lassen. Natürlich sind Probleme nicht generalisierbar auf Menschen in Altersklassen etc. Ich war im Jahr 2010 an einem Juristenkongress über “nicht objektivierbare Gesundheitsbeeinträchtigungen: Ein Grundproblem des öff. und pr. Versicherungsrechts”. Ein Vortrag über die mE extremen, eher gesellschaftlich problematischen Sachlagen wurde präsentiert durch eine Hausärztin. Sie sagte, dass es Patienten gibt, die am Liebsten am Sonntag kommen, da es dann am meisten Zeit gibt für Gespräche und Begegnungen, sogar im Wartezimmer mit anderen Patienten. (Viele Patienten gehen aus dem selben Grund auch am Sonntag ins Spital als Notfall, ohne es zu sein. Quo vadis mit dem Respekt vor dem Notfallarzt? Bei uns arbeiten unterdessen auch Hausärzte auf Notfallstationen zur Entlastung der Notfallärzte)
Die Hausärztin stellte fest, dass viele dieser Patienten einsam sind oder enttäuscht über “dieses & jenes”, und dann leiden an fehlenden Tagesstrukturen. Sie hat dann ein Quartiercafé gegründet, das speziell für solche Menschen gemeint ist. Sie treffen sich dort, und arbeiten zT auch mit an den Menü-Vorbereitungen. Alles miteinander erbringt es eine Erlösung von der Einsamkeit und es bewirkt Individualität.
Es arbeiten auch Invaliden dort, die aus der Einsamkeit heraus wollten. Sie hat das mit grossem Erfolg gemacht, und die “Sonntagsfälle” in ihrer Praxis wurden weniger.
Das Geschäft der Hausärztin Frau Dr Elisabeth Müller ist eine Stiftung mit dem Namen Mümpfeli, und ich finde die vorbildlich.
Nebst aller guter Diagnostik und Möglichkeiten, die es gibt, sich behandeln zu lassen,
sollte mE vermehrt auch an alternativen Lebensformen gedacht werden, die die Sozialversicherungskassen entlasten.

#13 |
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Gast
Gast

Das mit der Überschrift benannte Problem wird es in einem privatwirtschaftlich organisierten Gesundheitswesen, in gewissem Maße, immer geben… Ich bin aber froh zu lesen, dass den Schwachsinn offenbar nicht alle die primär daran verdienen, mitmachen.

#12 |
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Heilpraktikerin

@Stud Edith Meyer:
Warten Sie mal, bis Sie z.B. eine chronische Schmerzerkrankung haben und Sie müssen damit zum Doc. Dann werden Sie die Sache noch ganz anders beurteilen.

#11 |
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Heilpraktikerin

w 75, alle paar Jahre mal “Routinediagnostik für alle Fälle” (nicht alle alten Menschen sind “verrückt auf Arztbesuche”). Ergebnis: zu hoher Cholesterinspiegel… kein Übergewicht (gesunde Mischkost ohne viel Fleisch und Fett), kein zu hoher Blutzucker, RR ca. 140 (in jüngeren Jahren immer niedriger RR)… einziger Risikofaktor: Rauchen. Arzt verschreibt Cholesterinsenker, Patientin liest Beipackzettel und nimmt das Medikament NICHT.

Obwohl in der Anamnese hohe Cholesterinwerte auch zu Zeiten vorkamen, in denen sich die Patientin (durch schwierige Lebenssituation bedingt) “von Zigaretten und Kaffee ernährte”, ist dies meines Erachtens so ein Fall. MUSS in diesem Alter wirklich ein Cholesterinsenker her?

Diagnose ist wichtig (wer ko, der ko, sagt man in Bayern, also: wenn man schon die Möglichkeiten hat, weshalb sollte man sie nicht nutzen?) – aber dann hat man den Salat: wie geht man mit den Befunden um? Wenn wirklich mal “was passiert”, will es schließlich hinterher keiner “gewesen” sein…
Ich persönlich plädiere hier für die Beurteilung des Gesamtbildes. Das braucht auch Zeit und Nerven – aber das ist ein anderes Thema (“Gesundheitssystem”)

Und, wie wir wissen, entdeckt zuweilen auch beste Diagnostik z.B. bis dahin symptomloses malignes Geschehen nicht, während andere Patienten mit geradezu unerträglichen Symptomen trotz High-Tec-Diagnostik im Regen stehen gelassen werden mit lapidaren Sprüchen und keinerlei realem Hilfeangebot.

Diagnostik sollte in erster Linie dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Dasselbe gilt für die Prophylaxe; die Lebensqualität sollte dadurch nicht über die Gebühr strapaziert werden, erst recht nicht durch unerfreuliche oder gar gefährliche “Nebenwirkungen”, die in keinem Verhältnis zum erreichten Ergebnis stehen.

#10 |
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Heilpraktikerin

Ach ja? Und wie war das mit dem Patienten, der ständig Schmerzen hatte die als “nur” psychosomatisch hingestellt wurden – keiner hat sich die Mühe gemacht, mal etwas genauer hinzusehen, es waren genug CT´s, Untersuchungen, Berichte etc. da – will sagen, es war zwar etwas versteckt aber man hätte es sehen können, und am Ende war es Krebs in einem Harnleiter. Er starb unter elenden Qualen.
Es sprechen mich in meinem Umfeld (Psychotherapie) immer wieder Leute wegen der enormen psychischen Belastung an, so als reichte die der Erkrankung noch nicht. Es hat schwere traumatische Auswirkungen wenn dem Patienten nicht geglaubt wird, nicht zugehört, nichts erklärt wird oder die Strategie der Behandlung undurchsichtig ist, wie in einigen mir bekannten Fällen, wo die Leitlinie um Jahre veraltet war bzw. komplett “vergessen” wurde und die Sache gefährlich wurde (es ging u.a. um eine Arteriitis). Berichte werden voneinander abgeschrieben, der Kollege vor mir wird schon wissen was er gefunden hat. Oder ein Mann sollte zum x-ten Mal diese Tabletten nehmen, obwohl er noch nie dabei irgendeine Besserung erfahren hat. Ja, man will das sehen, ob das stimmt. Das ging über einige Jahre. Und dann so ein Artikel? Was soll das?

#9 |
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Heilpraktiker

Endlich, zurück zum Menschen

#8 |
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Grundsätzlich ist die Aussage des Artikels aus meiner Sicht zu befürworten. Nach meiner Erfahrung sind wirklich Kranke oder Alte Menschen auch dankbar, wenn man ihnen darlegt, dass gefährliche Verläufe “ausgeschlossen” wurden man die Sache aber im Auge behalten würde. Das Beispiel mit der Hypertonie ist leider unglücklich gewählt, da prophylaktische Medizin natürlich ihre Berechtigung hat! Gute Beispiele für unsinnige Diagnostik mit folgender Medizinalisierung gibt es zu Hauf.
Eine praktische Wissenschaft wie die Medizin muss einerseits immer methodenkritisch andererseits immer kontextkritisch auf den Patienten hin denken. Der primäre Grundsatz muss immer lauten “nihil nocere”.
Die Frage ist aber (um die Hausärzte zu verteidigen), ob eine Gesellschaft, die Medizin als Dienstleistung verlangt und sich über Medizin nicht der Heilung einer Krankheit, sondern der Sicherheit ihrer Gesundheit versichern und justiziabel machen will, ob so eine Gesellschaft eine vernünftige Medizin toleriert.

#7 |
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Studentin der Humanmedizin

Lieber Gast auf Nr. 4,
Danke für die Zurechtweisung. ich selber finde den Begriff “Gott in weiss” schön, bemessen an den Fähigkeiten des guten Arztes! Dementsprechend habe ich es in der Schweiz nie als Schimpfwort erfahren sondern höchstens als altmodischen Irrbegriff.
Die Coloskopie finde ich übrigens auch ganz wertvoll, und lasse sie im Zehnjahresrhythmus durchführen. Bei uns wird sie, insofern ich weiss, von Gastroenterologen so hoch geschätzt, auch in Hinsicht der Kosteneinsparungen wegen Vermeidung der Colonkrebse mittels Abtragen der Polypen, dass sie unterdessen sogar von der KK übernommen wird. Die Coloskopie dürfte mE aussergewöhnlich wertvoll sein, da beim Fund einer Polype der Patient dazu angeregt werden könnte, seinen Lebensstil zu überdenken, insb. was der Rotfleischkonsum betrifft. Ein grosser Professor hierzulande sagt übrigens, dass Colonkrebs nicht weniger vorkommt bei Vegetariern als bei Rotfleischessern. (Nur glaube ich das nicht)

#6 |
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Gast
Gast

@michael jung, wenn sie ihr Vorurteil behalten möchten, dürfen Sie natürlich nicht selbst beim statistischen Bundesamt nach sehen. Hier liegt mit der Lebenserwartung das Land Bayern an 2. Stelle hinter dem reichen Baden-Würtemberg und innerhalb Bayern hat das kleine Erlangen eine Spitzenposition.
Statistik ist kein Beweis, aber ein Hinweis, hier interessiert merkwürdigerweise in der Öffentlichkeit immer nur das Einkommen und deshalb fällt auch keinem auf,
dass das reichte Stuttgart mit einer Spitzenlebenserwartung noch übertroffen wird vom armen Hochschwarzwald, in dem die radioaktive Strahlung (Uran in der Erde) besonders stark ist :-) Norddeutschland mit erheblich geringerer Strahlenexposition hat generell eine geringere Lebenserwartung.

#5 |
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Gast
Gast

@Stud Edith Meyer,merken Sie sich einfach mal dass der “Gott in weiss” ein Schimpfwort ist, Polemik, die in einer sachlichen Diskussion NICHTS verloren hat.
Na klar gibt es in jedem Beruf schwarze Schafe.
Unsere Gesellschaft bestraft ja “Idealisten”
und der richtige Kern der Aussage ist, dass manchmal Diagnostik ohne therapeutische Relevanz betrieben wird.
Die Kritik darf aber nicht soweit gehen, dass berechtigte Therapie im Alter verunglimpft wird. Krebs z.B. tut nicht weh, aber Vorsorgeuntersuchung wie die Coloskopie für den häufigsten Krebs sind außerordentlich effizient und sinnvoll,
übrigens auch ökonomisch.

#4 |
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Studentin der Humanmedizin

Den letzten Satz des wertvollen Beitrags finde ich am Interessantesten: Könnte es nicht auch sein, dass Patienten, insb. ältere Patienten, es als steigende Lebensqualität einstufen, sich der ärztlichen Kunst bedienen zu dürfen? Je mehr Diagnosen, umso mehr Lebensqualität, da der “Durchschnittsmensch” einen eher ungesunden Lebensstil pflegt bis irgendeine Symptomatik dem Stil ein Ende bereitet? Und dann der unglückliche Patient in aller Unschuld oder Unwissenheit die Aufmerksamkeit auf sich lenken will? Ich vermute, dass es in unserer Gesellschaft viele solche Menschen gibt, die von den Göttern auf Erden sorgfältig und aufmerksam behandelt werden wollen und dabei das Selbstwertgefühl aufpolieren. Sie finden oder glauben wenigstens, dass die “Götter in weiss” jedes Problem lösen können, und sie leben vielleicht so orientiert. Genau dàs macht das Gesundheitswesen wahrscheinlich teuer als es sein könnte.
Es könnte aber auch sein, dass es einfach so sein soll, solange Geld zur Verfügung steht, die medizinische Wissenschaft so ausgiebig experimentieren und lernen zu lassen: Alle machen mit, insb. die potentiellen Patienten!

#3 |
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michael jung
michael jung

steigt bei hoeherer Aerztedichte die lebenserwartung wirklich?
. ist da nicht der wunsch der vater des gedankens? weil aus der med. hochburg erlangen das nicht anders sein darf?

#2 |
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Gast
Gast

Thomas Kühnlein sollte mit gutem Beispiel voran gehen und den Besuch von Ärzten ganz meiden.
Allerdings zeigen epidemiologische Daten, dass bei besonders hoher Ärztedichte die Lebenserwartung steigt (Erlangen),
ähnlich wie bei höherer Strahlenexposition.
Ob es hier also wieder nur um Geld geht?

#1 |
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