Studie: Zwischen Patientenwohl und Kostendruck

10. April 2014
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Wachsender Kostendruck und anspruchsvolle Zielvorgaben an einen wirtschaftlichen Klinikbetrieb beeinträchtigen leitende Ärzte in der Ausübung des Arztberufs. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle DGIM-Studie.

Das Gesundheitswesen sei zunehmend von betriebswirtschaftlichen Denkmustern und Management-Paradigmen durchdrungen. Die Last, in der Klinik „schwarze Zahlen“ zu schreiben, ruhe zunehmend auf den Schultern der Ärzte, meint Professor Dr. med. Dr. h. c. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM aus Kiel: „Das verschiebt das ärztliche Berufsbild, da Ärzte immer stärker mit Themen konfrontiert sind, die bisher nicht zu ihren Kernaufgaben gehörten.“ Die DGIM hat deshalb im Jahr 2013 das Spannungsfeld von Medizin und Klinikmanagement aus Sicht Ärztlicher Führungskräfte internistischer Fachabteilungen (ÄFK) untersucht.

Die DGIM befragte im September 2013 unter ihren Mitgliedern 3435 ärztliche Führungskräfte der ersten und zweiten Führungsebene – Ordinarien, Chefärzte und Oberärzte. Bei einer Teilnehmerquote von 18,3 Prozent zeigen die Ergebnisse, dass fast 75 Prozent aller ÄFK ehrgeizige betriebswirtschaftliche Leistungsvorgaben von ihrer kaufmännischen Geschäftsleitung bekommen. „Diese sind jedoch immer schwieriger zu erreichen, weil unter anderem die Schere zwischen Kosten und Erlösen sich zunehmend spreizt“, kommentiert Professor Fölsch. Bei 38 Prozent der ärztlichen Führungskräfte steht im Arbeitsvertrag zudem eine Erfolgsbeteiligung. Rund drei Viertel der Befragten bestätigen auch, dass ihnen im Beruf betriebswirtschaftliche Steuerung abverlangt wird. „Geeignete Instrumente dafür scheinen jedoch häufig im Klinikalltag zu fehlen“, sagt Thomas Kapitza. Zudem fühlten sich über 60 Prozent unzureichend an Entscheidungen der kaufmännischen Geschäftsleitung beteiligt.

Medizin als Handelsware?

Eine sehr problematische Entwicklung liege darin, dass die ärztliche Verpflichtung zum Patientenwohl mit den von Kaufleuten vorgegebenen Zahlen immer weniger in Deckung zu bringen sei, so Fölsch: „Durch die Abrechnungspauschalen drohen Patienten zu mehr oder weniger ‚lukrativen Fällen‘ zu werden.“ Es entwickle sich eine Kultur, die Pflege und Medizin nur als veräußerbares Produkt und Handelsware versteht. Dementsprechend fürchten auch fast 90 Prozent der Befragten, dass die Ökonomisierung des Gesundheitswesens negative Auswirkungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis habe. Dies gelte auch für die Erfolgsbeteiligungen, die 65 Prozent der ÄFK dementsprechend nicht wünschten.

Auf Basis dieser Daten möchte sich die DGIM in die weitere Ausgestaltung des Gesundheitswesens einbringen: „Die kaufmännische Seite muss die Pflicht haben, die Ärzte effizient in Entscheidungsprozesse einzubeziehen“, betont Fölsch. Fast die Hälfte der in der Studie Befragten meint auch, dass zwischen den beiden Bereichen keine partnerschaftliche Zusammenarbeit existiert. Und nicht zuletzt müsse Medizin vollumfänglich bezahlt werden, so der Internist: „Die Einnahmen müssen die Ausgaben decken, das ist aus meiner Sicht die einzige Lösung, um langfristig ein von Vertrauen geprägtes Verhältnis zum Patienten gewährleisten zu können.“

Originalpublikation:

DGIM-Studie „Ärzte – Manager 2013“
U.R. Fölsch et al.; Dtsch Med Wochenschr, doi: 10.1055/s-0034-1369904; 2014

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4 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Wie das vorliegende Beispiel zeigt, haben die Internisten das noch vor sich, was die Chirurgen schon lange erleiden, da wohl jeder Blödmann bei der AOK zu wissen glaubt wie lange ein Blinddarm denn stationär liegen dürfe.
Idyllisch arbeiten dagegen noch Neurologen und Psychiater.
Ein Vergleich bietet sich an bei einer Diagnose, die alle drei treffen könnte:
Akute Rückenschmerzen :-)

#4 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. med. Carsten Fischer erzählen Sie bitte keine Märchen!
Auch Chefärzte sind nur Angestellte, die offiziell noch nicht einmal ihre eigenen ärztlichen Mitarbeiter aussuchen dürfen, von den ganzen med. Hilfskräften ganz zu schweigen. “Umsatzbeteiligung” des Chefarztes empfinde ich schon wirklich fragwürdig. Das einzige was sie nicht verloren haben ist ihre “Endverantwortung” für alles was den Pat. betrifft, einschließlich der Haftung für das aufmüpfige “Hilfspersonal”.
Sie scheinen die Seite gewechselt zu haben.
Ich will damit nicht sagen, dass ein erfahrener Arzt weniger auf “ökonomische” Medizin achten, oder achten können.
Er kann das sicher besser als oder alle jungen und “billigen” Ärzte und besser als jeder ihm vorgesetzte nicht-medizinische Geschäftsführer! Allerdings wird er ZUNEHMEND von außen (nicht medizinisch) eingeschränkt das Patienteninteresse hoch zu halten.
Kurzsichtig für alle Seiten.
Ärztliche Kunst besteht gerade in der individuellen Abweichung von einem Stadard-Chema,
dies wird “systembedingt” immer schwerer, nicht zum Vorteil des Einzelnen.
Allen wohlklingenden Marketingsprüchen zum Trotz,
ich kann sie kaum noch hören.
Ein Beispiel:
Ein Patient mit “akuter Galle” ist dummerweise bei den Internisten gelandet, die neben einer sofortigen konservativen Antibiotikatherapie “gewissenhafterweise” noch gastroskopieren etc. um ihn dann, weil er sich doch nicht so ganz erholt zu den Chirurgen schicken. Klickt man jetzt auf das “professionelle” Abrechnungsprogramm, erkennt man, dass sie sich ganz gute “Abrechnungszahlen” erarbeitet haben,
und jetzt kommts:
wenn man auf der EDV durch die med. notwendige “Verlegung in die Chirurgie” einen chirugischen Fall draus macht, sinkt schockierenderweise ohne irgendwelche sonstige Änderung der Abrechnungswert dramatisch, auch wenn man jetzt noch operiert.
Das würde dem Krankenhaus schaden.
Wenn man etwas Glück hat, kann man sich durch Op-Verweigerung finanziell retten, indem man dem Patient erklärt (Chefarzt), dass die sofortige Op zu gefährlich sei,
und die Entzündung erst abklingen müsste (was natürlich falsch ist!!!).
Etwas Glück bedeutet 4-6 Wochen, weis ich jetzt nicht ganz genau, erst dann,
wenn man wieder einen neuen “Krankenhausfall” zum Abrechnen draus machen kann.

MfG

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Dr. med. Carsten Fischer
Dr. med. Carsten Fischer

Dr. C. Vogel
Das Hauptziel eines Krankenhauses ist auch heute noch das Wohl des kranken Menschen! Doch die Kosten (Personal, Hardware, etc.) für die Krankenhäuser steigen überproportional im Vergleich zu den Einnahmen. Die Dienstzeitmodelle in den Kliniken benötigen alleine mehr Ärzte als noch vor Jahren aufgrund der Arbeitszeitschutzgesetze, und so geht es in allen Belangen weiter. Die Versorgungsqualität ist aber mit Sicherheit auch nicht schlechter geworden, aber die Einschränkung der Leistungen (die nicht mehr bezahlt werden) führt zu einer immer schwerer werdenden Erreichbarkeit der Leistungen. Alle Kosten in jedem Unternehmen steigen durch unsere staatlichen, volkswirtschaftlichen, kassen-ärztlichen und privaten Anforderungen und Forderungen immer weiter an, aber das Geld zum Verteilen und Bekommen, das fehlt leider immer mehr.

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Monika Geissler
Monika Geissler

Zitat aus WDR5: “Früher war das Hauptziel eines Krankenhauses, kranke Menschen wieder gesund zu machen. Dass die Kosten dabei nicht aus dem Ruder liefen, war eine Nebenbedingung. Heute steht die Nebensache im Vordergrund. Allerdings konnte die Versorgungsqualität bislang nicht verbessert werden. Auch die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für die Krankenhäuser wurden durch die Fallpauschalen nicht reduziert. “Ich denke, dass für die meisten Krankenhäuser in Deutschland gelten sollte, dass es nicht primär um Gewinne geht, sondern um die Versorgung der Bevölkerung”, so Chefarzt Matthias Pirlich. “Wir erwarten auch nicht von einer Polizeiwache oder einer Feuerwache, dass sie Gewinne macht. Sondern wir leisten uns als Gesellschaft diese Einrichtung, weil wir die Gesellschaft versorgt wissen wollen.”

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