Anorexia nervosa: Tagesklinisch contra stationär

9. April 2014
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Magersucht lässt sich in einer Tagesklinik ebenso gut behandeln wie durch einen Klinikaufenthalt. Eine tagesklinische Therapie bringt außerdem weniger psychische Probleme für die Patientinnen mit sich als eine stationäre Aufnahme, so das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Anorexia nervosa ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Mortalität und bei Mädchen die dritthäufigste chronische Erkrankung des Jugendalters“, erklärt Dr. Astrid Dempfle, Mitverfasserin der Studie und habilitierte Medizinstatistikerin vom Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie der Philipps-Universität. Wie Dempfle ausführt, ist jedes 100. bis 200. Mädchen von dem Leiden betroffen, denn 40 Prozent aller Neuerkrankungen finden in der Jugend statt (Pubertätsmagersucht). „Es gibt wenig effektive Therapiemethoden“, ergänzt Koautorin Dr. Nina Timmesfeld, Marburger Juniorprofessorin für Biometrie und Epidemilogie, „die Chronifizierungsrate ist sehr hoch.“

Die stationäre Behandlung in einer Klinik gilt bislang als die medizinische Maßnahme der Wahl. Jugendliche empfinden jedoch den Klinikaufenthalt, der oft Wochen oder Monate lang dauert, als sehr eingreifend und belastend. Die Patientinnen verlieren ihr soziales Umfeld, und es fällt ihnen oft schwer, das in der Therapie Erreichte auf zuhause zu übertragen.

Tagesklinische Behandlung als Alternative

Eine tagesklinische Behandlung kann daher eine Alternative sein, wie die aktuelle Untersuchung zeigt. Die Wissenschaftler verglichen die tagesklinische mit der stationären Behandlung im Rahmen einer Studie. Zwölf Monate nach Therapiebeginn überprüften sie die Heilungsergebnisse. Patientinnen der Tageskliniken zeigten keine geringere Gewichtszunahme als Magersüchtige, die stationär behandelt wurden. Komplikationen traten dabei gleich häufig auf, waren insgesamt aber sehr selten. Sie erwiesen sich außerdem als gut beherrschbar. Die tagesklinische Behandlung war mit einer Kostenersparnis von 20 Prozent verbunden.

Nach einem Jahr hatten die Patientinnen der Tageskliniken weniger psychische Probleme und eine bessere psychosexuelle Entwicklung als ihre stationär behandelten Leidensgenossinnen. Die beteiligten Forscher hoffen nun, dass das Gesundheitssystem in Deutschland die tagesklinische Behandlung der Magersucht als übliches Behandlungsangebot etabliert.

Originalpublikation:

Day-patient treatment after short inpatient care versus continued inpatient treatment in adolescents with anorexia nervosa (ANDI): a multicentre, randomised, open-label, non-inferiority trial
Beate Herpertz-Dahlmann et al.; The Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(13)62411-3; 2014

13 Wertungen (4.31 ø)

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10 Kommentare:

..und auch die Halb-Gott-in-Weiss-Phrase war unsachlich und gehört nicht in eine solche Diskussion – sorry. Jetzt ist aber wiklich Schluss :)

#10 |
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…ich entschuldige mich für den medizin. Standesdünkel und danke Ihnen für Ihren erklärenden Beitrag. Im Kern stimmen wir in vielem überein.
VG-S.Graf

#9 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. rer.nat. Stefan Graf, zum Abschluss: es geht hier nicht um Sie persönlich, auch wenn es natürlich sehr lobenswert ist, wenn Sie uns allen hier Ihre persönlichen Erfahrungen als Patient mitteilen. Man kann immer auch an Einzelfällen lernen. Ich weis auch nicht so recht wo jetzt nun der sachliche Dissens liegen soll, wenn Sie eher von einer vollstationären Behandlung abraten. In der Frage der “Eigenverantwortlichkeit” scheinen wir beide ja auch übereinzustimmen. Auch ist es ja keine Beleidigung, wenn ich ohne Kenntnis Ihres Falles auch eine rein ambulante Therapie für möglich halte, da ich das bereits gemacht habe.
Sie konnten mich allerdings nicht überzeugen, dass “die Molekularbiologie … einer so bedeutsamen Krankheitsätiologie wesentlich näher steht als die anwendungsorientierte Medizin.”
Ebenso wenig habe ich bisher verstehen können, was denn genau
“eine medizinische Halbgott-in-weiß-Sicht” sein könnte??? Sie sind ja nicht der erste mit einer solchen Sympathiebezeugung.
Ich weis nur, dass dieser Begriff als antiärztliche Polemik historisch vom Magazin “Der Spiegel” stammt zusammen mit der Assoziation der “Beutelschneider”.
Die “Eigenverantwortlichkeit” scheint mir das Schlüsselproblem zu sein, was allerdings die Einsicht voraussetzt, dass man sich selbst schadet.
Das schließt weder einen “Rückfall” aus, noch die Notwendigkeit im Einzelfall,
dass man trotz Einsicht auch längerfristig noch menschliche Hilfe benötigt,
es muss ja nicht immer ein freundlicher “Halbgott-in-weiß” sein.
Damit sollte es doch gut sein,
ich wünsche ihnen persönlich selbstverständlich nur das beste.

mfG

#8 |
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Sehr geehrte Frau/Herr Dr. Bayerl – ich weiß nicht, warum Sie diese persönliche Schärfe in die Diskussion bringen. Ich halte es mit Verlaub gesagt für vermessen, mir “famose” Überschreitung meines Fachgebietes zu unterstellen. Mit solchen Anwürfen sollte man doch sehr vorsichtig sein, wenn man die Erfahrungen und Kenntnisse eines Diskussionspartners nicht kennt.
An welcher Stelle meiner Ausführungen habe ich denn bitte die “kognitive Verhaltenstherapie mit Selbstverantwortung” molekularbiologisch definiert??
Haben Sie auch einmal daran gedacht, dass Ihre Mitdiskutanten nicht immer nur aus medizinischer Halbgott-in-weiß-Sicht, sondern vielleicht auch aus Betroffenensicht argumentieren? Da ich ja dafür plädiere, die Anorexie in der Öffentlichkeit aus der Ecke einer “femininen Pubertätserkrankung” zu holen, oute ich mich hier als jemand, der lange Jahre im Erwachsenenalter mit dieser Erkrankung zu kämpfen hatte und die Ätiologie keine (spät)pubertären Ursachen offenlegte. Andere aktuelle Fälle – darunter der des Ex-Telekommanagers Christian Frommert – sprechen ja wohl Bände. Ich darf Ihnen anvertrauen, dass ich in Bezug zu anorektischen Therapien einiges durchhabe. Der entscheidende Schritt zur Genesung war eine 3-monatige Tagesklinik-Therapie mit längerfristiger ambulanter Nachsorge. Ich glaube ganz unprätentiös erwarten zu dürfen, in Sachen Anorexie auch von Ihnen, Herr/Frau Dr. Bayerl, als vollwertiger Diskutant anerkannt zu werden.
Ich habe Sie im Zusammenhang mit Ihren durchdachten Beiträgen zu anderen Themen auf dieser Plattform wirklich zu schätzen gelernt. Das meine ich ganz ernst, ohne jede Ironie. Daher bin ich doch jetzt sehr enttäuscht, dass Sie mir hier das Bild eines abgehobenen medizinischen Standesdünkels präsentieren. Ich wünsche mir wirklich, dass wir beide es schaffen, zukünftig auf sachlicher Ebene ohne persönliche Avancen und Kompetenzgerangel auch konträr miteinander diskutieren zu können. Freundlichen Grüße

#7 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Dr. rer.nat. Stefan Graf, ich weis auch nicht ob Sie meinen Beitrag verstanden haben, ich finde das eher nicht so schwierig. Natürlich muss man auf den “beruflichen Stand” Rücksicht nehmen, ich halte mich ja ebenso bei einem Brückenbauingenieur zurück. Merkwürdigerweise glaubt aber jeder ein medizinischer Fachmann zu sein, deshalb hallte ich mich im “privaten” oft zurück, mich überhaupt als Arzt zu outen um mir nicht die neusten “Privattheorien” anhören zu müssen. Das geht ja heute tatsächlich so weit, dass staatliche Gelder an medizinische Laien gezahlt werden die z.B. über die teure Behandlung von Übergewicht Studien und EMPFEHLUNGEN medizinischer Art produzieren, die völlig wertlos sind.
Ich habe natürlich auch Respekt vor Molekularbiologen,
weil der Mensch, abgesehen von Gewalt nun mal einen Stoffwechseltod stirbt …
… solange er nicht sein Fachgebiet überschreitet, so,
wie Sie es hier famos demonstrieren.
Sie können eine kognitive Verhaltenstherapie mit Selbstverantwortung nicht molekularbiologisch definieren. Das ist ein Denkfehler.

#6 |
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Sehr geehrter Herr/Frau Dr. Bayerl, ich weiß nicht ob Sie meinen Beitrag richtig verstanden haben bzw. ich mich unklar ausgedrückt habe. Auch ich halte wenig von vollstationären Therapien, die die Patienten an meist idyllisch, abgelegenen Orten in eine beschütze Scheinwelt versetzen und ihnen eine meist standardisierte Therapie aufstülpen, die den starken individuellen Unterschieden erschieden überhaupt nicht Rechnung trägt. Daher halte ich eine TAGESklinik aus genannten Gründen (besonders,weil hier der Faktor Eigenverantwortlichkeit viel stärker gefördert wird und der Alltagsbezug nicht verloren geht) für die erheblich bessere Alternative. Und ein oder zwei ambulanten Therapiestunden pro Woche bieten nicht annäherd die therapeutischen Möglichkeiten guter Tageskliniken.

“Pubertätsmacke” habe ich gesagt, weil dieses Klischee, doch in der Öffentlichkeit noch immer aufrecht erhalten wird, obwohl die Zahl älterer Patienten beiderlei Geschlechts längst keine vernachlässigbare Minorität mehr darstellt.

Ich weiß nicht, warum Sie meinen Biologen-Status in Ihrer Anrede so hervorheben. Falls Sie die Beiträge Ihrer Mitdiskutanten auch nach dem beruflichen Stand beurteilen, darf ich Sie aufklären, dass ich auch Medizin studiert habe, mich aber aufgrund meiner Interessenlage für die Molekularbiologie entschieden habe, weil diese der Erforschung der für Therapien so bedeutsamen Krankheitsätiologie wesentlich näher steht als die anwendungsorientierte Medizin.

#5 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Herr Biologe, “Pupertätsmacke” haben Sie gesagt und Suchterkrankung ist eigentlich auch falsch, weil eher zu abwertend.
Es ist ähnlich wie beim Übergewicht, natürlich viel dramatischer:
Letztlich muss der “Patient” eine dauerhafte “normale” Einstellung für den Alltag finden, das kann man ihm nicht abnehmen.
Auch hier ersetzt Wissen Glauben. Stationäre “Radikalkuren” wurden leider von Psychologen eingeführt und sind imho völlig rausgeschmissenes Geld, weil wirkungslos. Wie soll man bitte in einer stationären Behandlung Alltagsleben lernen.
So “vielschichtig” ist das.

#4 |
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Die Vorteile der Tagesklinik liegen auf der Hand. Die Patienten fühlen sich nicht “entmündigt”, der Kontakt zum “normalen” Leben geht nicht verloren, Erlerntes kann sogleich eigenständig erprobt werden und vor allem fühlen sich die Patientenn durch das ihnen entgegengebrachte Vertrauen viel stärker motiviert, auch außerhalb der Klinik nicht in die anorektischen Verhaltensmuster zurückzufallen.

@ Dr. Bayerl: Aufgrund der Vielschichtigkeit dieser Suchterkrankung, ist besonders bei schweren, chronofizierten Verläufen mit einer rein ambulanten Therapie nicht annäherd Gleiches zu erreichen wie mit den therapeutischen Möglichkeiten einer guten Tagesklinik, die aus meiner Erfahrung gegenwärtig das Mittel der Wahl ist.

Schade, dass auch diese Studie bzw. dieser Artikel einmal mehr das Klischee befördert, die Anorexie sei eine Erkrankung pubertierender Mädchen. Zumindest in Fachkreisen sollte man doch die Kenntniss voraussetzen dürfen, dass die Magersucht keine Geschlechter- und Altersgrenzen kennt. Mögen junge Mädchen auch die größte Gruppe unter den Betroffenen ausmachen, so ist der Anteil von Betroffenen beiderlei Geschlechts, die bereits das 4., 5. oder 6. Lebensjahrzehnt erreicht haben, mittlerweile so stark angewachsen, dass dieses Festhalten am Schein einer “femininen Pubertätsmacke” völlig überholt und ärgerlich ist.

#3 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Das geht auch ganz ambulant!

#2 |
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Biochemiker

Das Ergebnis sollte jedem logisch erscheinen, der den zugrundeliegenden unbewussten Konflikt dieses Syndroms verstanden hat, der die Ambivalenz des jungen Erwachsenen zwischen Zuwendung (Hunger nach Liebe) einerseits und Autonomie (ich kontrolliere meinen Koerper) sehen kann. Leider wiederholt sich dann in der Uebertragung auf den Behandler eher der asymmetrische Adoleszenzkonflikt anstatt diesen aufzuloesen. So wird der Widerstand der Patientin eher groesser, und diese spielt nur mit, um moeglichst schnell ihre Freiheit wiederzuerlangen – das Rezidiv ist bereits vorprogrammiert.

#1 |
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