Minipackungen: Am 5. Tag sollst du ruhen

13. Juli 2012
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Schmerzmittel sollen in Apotheken künftig nur noch in Klein(st)packungen ohne Rezept über den Tisch gehen. Was bei Paracetamol nachvollziehbar war, ist bei Ibuprofen und Co. schwerer zu verargumentieren. Für viele Patienten wird das Leben jedenfalls umständlicher.

Wer beim deutschen Apothekerverband nachfragt, was die organisierte Apothekerschaft davon hält, dass Ibuprofen, Diclofenac, ASS und Naproxen künftig nur noch dann rezeptfrei abgegeben werden dürfen, wenn der Packungsinhalt maximal für vier Tage reicht, der bekommt – keine Antwort. Man könne diesen Beschluss offiziell nicht bewerten, weil ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf Mitglied in eben jenem Gremium sei, das den Beschluss gefasst habe, nämlich dem Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht, teilt eine Sprecherin mir mit. Ich versuche es nochmal. Wie Wolf denn gestimmt habe in jenem Gremium, will ich wissen. Das könne man leider auch nicht verraten, weil das Abstimmungsverhalten in jenem Ausschuss nicht öffentlich gemacht werde, so die ABDA.

Sachverständigenausschuss oder Geheimorden?

Diese Antwort bekomme ich ein paar Tage später gleich noch einmal, von einem Sprecher des BfArm. Er erklärt mir, dass das BfArm sehr glücklich darüber sei, dass der Beschluss zu den Schmerzmitteln so gefasst wurde wie er gefasst wurde. Der Antrag dazu stammte nämlich von der Behörde selbst, doch dazu später. Der BfArm-Sprecher weist außerdem darauf hin, dass ein zweiter Antrag, der in derselben Ausschusssitzung behandelt wurde, nicht vom BfArm gewesen sei. Er meinte den Antrag, wonach Paracetamol, das wegen seiner Lebertoxizität in hohen Dosierungen schon heute nur in Kleinpackungen rezeptfrei abgegeben werden darf, komplett in die Rezeptpflicht genommen werden soll. Dies sei übertrieben und werde von seiner Behörde in keiner Weise unterstützt, so der BfArm-Sprecher. Womit er das Abstimmungsverhalten des BfArm in diesem Punkt indirekt öffentlich gemacht hat. Auf die Frage, wer denn den Paracetamol-Antrag gestellt habe, kommt dann besagte Antwort: Abstimmungen und Anträge im Sachverständigenausschuss seien nicht öffentlich. Aha.

Insgesamt erscheint mir das ganz schön viel Geheimniskrämerei für ein Thema, das doch einen gewissen Teil der deutschen Bevölkerung mehr oder weniger unmittelbar angeht. Vor allem chronisch kranke Patienten sind von dem Beschluss des Sachverständigenausschusses betroffen: Wenn sie nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) künftig in kostengünstigeren Großpackungen erwerben wollen, müssen sie jedes Mal ein Rezept holen – und die Praxisgebühr bezahlen.

„Es geht um Sensibilisierung“

Wie also kam es überhaupt zu diesem Beschluss? Das BfArm gibt hier sehr detailliert Auskunft. Das Thema ist nicht neu in dem Gremium. Es wurde im September 2011 in einer Sondersitzung auf Antrag des BfArm behandelt. Die Behörde reichte dann weitere Daten zu ihrem Antrag nach. Im Februar 2012 wurde erneut diskutiert, aber nichts beschlossen. Erst jetzt, im Juni, wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Welche neuen Daten waren das? Laut BfArm wurden vor allem UAW-Meldungen und Pharmakovigilanzdaten aus der eigenen Datenbank zusammengetragen.

Klinisch ist es bei der ganzen Diskussion in erster Linie um die gastrointestinalen Blutungen gegangen. Es habe sich gezeigt, dass die überwiegende Zahl der UAW-Meldungen bei Patienten eingehen, die mehr als vier Tage mit den unterschiedlichen NSAR behandelt werden, so der BfArm-Sprecher zu DocCheck. Die Beschränkung auf vier Tage mache deswegen medizinisch Sinn, auch wenn natürlich auch dem BfArm klar ist, dass diese eingeschränkte Rezeptpflicht prinzipiell unterlaufen werden kann. Ziel der eingeschränkten Rezeptpflicht sei es nicht, den Zugang zu NSAR generell zu erschweren, sondern für die Blutungsproblematik zu sensibilisieren.

Warum eine Lex Aspirin?

Nun ist Sensibilisieren immer gut. Aber geschieht das in diesem Fall wirklich auf solider Datenbasis? Während sich die Sachverständigen bei der Paracetamol-Entscheidung vor wenigen Jahren auf eine klare Assoziation zwischen hoher Dosis und toxischem Leberversagen berufen konnten, ist die Sache bei den NSAR und den Blutungen schon etwas komplexer. Dass die überwiegende Zahl der UAW-Meldungen von Patienten stammt, die NSAR länger als vier Tage nehmen, verwundert nicht. Je länger ein NSAR genommen wird, umso größer ist die kumulierte Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann einmal eine Blutung auffällt.

Das heißt allerdings nicht, dass das Risiko pro Tablette in den ersten vier Tagen kleiner ist als später. Und wenn NSAR im Kontext chronischer Entzündungen eingenommen werden, könnten nochmals ganz andere Regeln gelten. Was aber vor allem einen merkwürdigen Beigeschmack hinterlässt: ASS in der Indikation Thrombozytenaggregationshemmung fällt nicht unter die Kleinpackungsregelung. Das lässt sich über die „Blutungsschiene“ nun wirklich nicht erklären: Die Blutungsgefahr unter ASS ist in Dutzenden von Studien höher als beispielsweise unter Ibuprofen. Das riecht schon ein wenig nach einer Diskriminierung von Schmerzpatienten. Anders gesagt: Die KHK-Lobby war offenbar stärker als die Schmerz-Lobby. Ich frage beim BfArm nach und bin nachher nicht schlauer als vorher. Warum für ASS andere Regeln gelten, könne die Behörde im Moment noch nicht kommunizieren, heißt es. Das sei dann Bestandteil des offiziellen Berichts, man bitte da um etwas Geduld. So richtig befriedigend ist das alles nicht.

105 Wertungen (4.47 ø)
Medizin, Pharmazie

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19 Kommentare:

Die Selbstbestimmung des Bürgers wird Stück für Stück durch perfide Lobbyaktivitäten (hat hier jemand von ¿(natur)wissenschaftlicher Logik¿ gesprochen?) immer mehr beschnitten!
Die Selbstverantwortung ist zur Konsumsache verkommen! (¿Mal ‘ne Tab einwerfen.¿)
Wer glaubt ernsthaft, dass die medizinisch Kompetenten noch irgendetwas bewegen können? Dream on¿
Und die Lemminge ziehen ihren Weg¿
PS: Was ist aus der ¿Evidenz-Basierten Medizin¿ geworden?

#19 |
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Horst Rieth
Horst Rieth

…. wenn die nicht gekauft sind, ist ihr iq bemitleidenswert.
transparenz könnte helfen, verhindert aber leider die koruption.

#18 |
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Carsten Kraft
Carsten Kraft

Dann gehe ich halt von einer Apotheke in die nächste Apotheke und dann sind noch drei weitere in der Straße und ich habe auch so meine 100 Tabs wenn ich denn möchte…. oder wird man nach dem ersten Kauf mit dem Chip auf dem Perso gesperrt?

#17 |
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Dr. Bernd Salzbrunn
Dr. Bernd Salzbrunn

Meines Wissens ist Ibu 400 20 Tabletten schon jetzt frei verkäuflich.
Für mich ist es wiedereinmal eine neue Sparidee, die Patienten aus den überfüllten Arztpraxen zu locken. Die 10 Euro Praxisgebühr, werden einfach zur Medikamentengebühr!

#16 |
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Applaus für Beitrag # 4! In einigen Gemeinden in New Hampshire (USA) erhält man nach dem dritten Drink (egal, ob 3 kleine Bier oder 3 große Whisky) unaufgefordert die Rechnung und wird gebeten, das Lokal zu verlassen. Offensichtlich sind wir hier bald auch so weit mit der kompletten Gängelung und Überwachung der Bürger. Viele, insbesondere pflanzliche Arzneimittel sind ja hierzulande aufgrund der Agitation gewisser Verbände und Lobbygruppen und anhand gefälschter Studien schon verschreibungspflichtig oder ganz vom Markt genommen (z. B. Kava-Kava-Extrakte), in anderen Ländern, z. B. UK, jedoch immer noch frei verkäuflich. Da muß man sich doch fragen, was hier in D eigentlich abgeht? Wahrscheinlich eine gefährliche Verknüpfung aus knallharten wirtschaftlichen Interessen und einem Überwachungswahn therapiebedürftiger Bürokraten.

#15 |
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Rettungsassistent

Grundsätzlich sollten alle Medikamente in ganz Europa verschreibungspflichtig sein. Damit wäre das Thema vom Tisch und der Arzt entscheidet zusammen mit dem Patienten was gut ist oder schädlich.

#14 |
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Selbstst. Apothekerin

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen unserer Standesvertretungen und Geldbeschaffungsmaßnahmen der Industrie

#13 |
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Cristina Popp
Cristina Popp

Ich glaube , es macht wenig Sinn die Grösse vom Bierkasten zu minimieren und eine Beratungspflicht f Kassiererinnen einzuführen. Ich denke die Daueranwender werden ihre Ibus sowieso über nicht-beratungsaktive andere Kanäle beziehen….

#12 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

So ein Schwachsinn der hier verzapft wird, erst werden diese Medikamente freigegeben, der Bürger muß viele Medikament selbst bezahlen und jetzt soll er ständig zum Arzt rennen für ein Rezept wo doch die Arztpraxen chronisch überfüllt sind. Besonders für chronische Schmerzpatienten ist dies ein Desaster. Die Lobbyisten sind mal wieder am Werk.

#11 |
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der GOUVERNANTENSTAAT ufert aus!!!

#10 |
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Apotheker

Die Bordsteine müssen gesenkt werden,es stolpern
so viele!Wozu gibt es Beratung? Wer sie nicht will
hat sich entschieden.Mündig eben!
Ausserdem lehren viele Beispiele,dass diese Art
Menschenschutz nur die Preise für die “Kleinen”
erhöht und so auch sinnvolles verhindert.Ich kann
mich gut an den drastischen Umsatzanstieg bei
Zahnschmerztabletten errinnern,als die volle
Zahnarztbezahlung abgeschafft wurde.Oder bei
Thomapyrin.Kein Stückzahlrückgang,nur Preiserhöhung.Wer fragt denn nach den Schäden
durch häufig wechselnde,qualitativ sehr unter-
schiedliche Diclofenac-Formulierungen
auf Kassenwunsch?Auf Verschreibung!Das sind ganz
andere Dimensionen.Ganz zu schweigen vom über-
proportional häufigen Einsatz von Novaminsulfon
ohne die notwendige Prüfung anderer Möglichkeiten.
Oder die ungeklärte Problematik bei Retardformen
von Opiaten.Hier liegt Potential für Patienten-
nutzen.Stattdessen Preiserhöhung!Das hat Missbrauch noch nie verhindert.Oder orientiert
die politik sich an Griechenland,wo Arzneimittel
inzwischen so teuer sind,dass nur noch wenige sie bezahlen können.

#9 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

wetten…., die tablettenanzahl werden minimiert, aber der preis bleibt gleich…es geht nur ums geld und um nix anderes!!!!!

#8 |
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Juliane Saaber
Juliane Saaber

Am besten wir verfolgen unsere Kunden noch nach Hause und schauen, ob sie auch wirklich alles so handhaben, wie wir es Ihnen empfohlen haben.
Der Patient wird immer mehr entmündigt und die Apotheker klatschen noch Beifall.
Sind es unsere gesetzlichen Vertreter eigentlich noch Wert?
Dann sollte auch noch eine Kleinstpackung für Nasenspray, Abführmittel, Schlafmittel etc. eingeführt werden..

Zu den Schmerzmitteln..
Die Damen und Herren in den Behörden sollten doch bitte nicht glauben, dass unsere Patienten dämlich sind.
Unsere Kunden können z.b. auch rechnen (400mg+400mg Ibu= ???)
Man soll doch bitte die Tomaten von den Augen nehmen und nicht glauben, dass man dass Problem so in den Griff bekommt. Die Leute kennen ihre Wege und kein System ist so perfekt dass man Missbrauch vollständig in den Griff bekommt. Was für Milchmädchentheorien!

Und was die Leute von ihrem Geld kaufen, sollten sie doch wohl noch selbst entscheiden dürfen.
Zumal die Krankenkassen ihre Patienten doch immer mehr zum Privatkauf drängen wollen und sie nicht wegen jeder Lapalie zum Arzt gehen sollen (Praxisgebühr –> Fail!)

#7 |
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Apotheker

Gerade wollte ich den Paracetamolpreis an niederländischen Tankstellen ermitteln, und gab bei Googel :”paracetamol kopen in nederland ein” . Da kam ich auf eine deutsche Apotheke, die gerade Paracetamol Hexal 500 als Preisknaller für 89 Cent anbietet ! Und das , wo zur Zeit die Verschreibungspflicht diskutiert wird. Der Zweifel in die Beratungskompetenz der Apotheker ist nicht berechtigt, aber einige Kollegen versuchen alles, um diese zu wecken. Das ABDA Geschimpfe ist m.E. unnötig. Alle Probleme erzeugt die Basis ! Also bis zur nächsten Happy Hour !

#6 |
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Arzthelferin

“Und Dauerschmerzpatienten werden dadurch nicht weniger Nebenwirkungen haben- die bekommen ihr Ibu 400 oder 600 auf Rezept im 100er Pack meist für ein Quartal und als DAuerpatient oder chronischer Patient steht man eh jedes Quartal beim Arzt. ”

Eben. Und ein chronisch Kranker hat ja auch die Möglichkeit, sich eben wegen der Chronifizierung von den Zuzahlungen befreien zu lassen.

Davon ab können die verschreibungsfreien Packungen noch so klein werden…wer unbedingt seine große Menge Schmerzmittel haben will, geht dann halt in mehrere Apotheken.

#5 |
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Michael Erren
Michael Erren

Wann wir der Kauf von Alkohol reglementier? Wann wird Bergsteifen verboten? Wann fährt ein Polizist auf dem Nebensitz mit beim Autofahren??

#4 |
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Apotheker

wir sind in einem land, das den menschen allmählich jeder freiheit nimmt( Zitat Titel in der ZEIT: DEeutschland einig Tugend land)
Ansonsten doch eher Günther Grünwald: Wir leben im Plem Plem Land!!

#3 |
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Sven Larisch
Sven Larisch

Ob das Bfarm auch bei den Daten bedacht hat, das die UAW vielleicht , möglicherweise von Dauerschmerzpatienten stammen, die Ihre Medikamente eh über ein Rezept holen?
Meine Schmerzpatienten, die sich Ihre Dosis holen werden von meinen Mitarbeiterinnen und mir befragt und aufgeklärt. Die meisten nehmen Medikamente eh nur 1-3 Tage ein und in niedriger Dosierung. Viele Schmerz/Kopfschmerzpatienten versorgen gleich das Büro oder die Familie.
Komisch das jetzt die Kleinstpackungen kommen sollen und in vielen anderen Ländern die Tabletten im 100er oder 500er Pack vertrieben werden.
Was heisst das für Ibuprofen 400 mg?:
maximale Dosierung ist 1200 bis 2400 mg am Tag also Packungen von 12 bis 24 Stück (siehe Nurofen)… mmmhh wieviele Leute werden Ibu 400 in der 50 Stück Packung vermissen? (ist in meiner Apotheke kein Renner).
Naproxen max 3 /Tag 12er Packung- keine 20er mehr
ASS 500 3-6 Tabletten am Tag 12-24 Stück in einem Karton.
Also mal überlegen: Die Industrie muss zum Teil ihre Packungsgrößen ändern und 50 Ibus und 100 ASS 500 werden Rezeptpflichtig- sehe ich kein Problem. Verkauft werden eh meist nur die kleineren Packungen.
Und Dauerschmerzpatienten werden dadurch nicht weniger Nebenwirkungen haben- die bekommen ihr Ibu 400 oder 600 auf Rezept im 100er Pack meist für ein Quartal und als DAuerpatient oder chronischer Patient steht man eh jedes Quartal beim Arzt.
Ich würde sagen”Viel Lärm um Nichts” Mal wieder Arbeitszeit und Geld zum Fenster rausgeworfen.

#2 |
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Apotheker

und im Urlaub bekommen die Patienten die Hunderter Aspirin, noch dazu viel billiger als hier. Das möge man einmal bedenken im BfArm. Was soll man da als Apotheker noch argumentieren? Ich fühle mich ausgebremst durch die ABDA und BfArm. Traut man der Beratungskompetenz der Apotheker noch nicht mal in der eigenen Berufsvertretung?
Der viel größere Schaden wird meiner Meinung nach durch übermässiges Konsumieren von Nahrung verursacht. Nach dieser Lobby fragt interessanterweise keiner.

#1 |
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