Ernährung: Shake statt Steak?

4. April 2014
Teilen

Kohlenhydrate, Fette, Proteine und Vitamine im richtigen Verhältnis? Wer viel darüber nachdenkt, kann sich die Arbeit vielleicht bald sparen. Mit Soylent kommt erstmals ein Nahrungsmittel auf Basis der Selbstoptimierung in den Handel. Hält der Shake, was Entwickler versprechen?

Rob Rhinehart, ein Softwareentwickler aus Kalifornien, kennt das Problem: Ihm bleibt werktags kaum Zeit, um einzukaufen oder gar zu kochen. Nun sind Pizza und Pommes aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht gerade der Weisheit letzter Schluss. Deshalb machte sich Rhinehart seine eigenen Gedanken und entwickelte Soylent: ein Pulver, das in kaltes Wasser eingerührt wird. Die milchige, zähflüssige Masse ist aber mehr als nur ein Nahrungsergänzungsmittel. „Menschen können sich ausschließlich davon ernähren“, sagt der Entwickler.

Gut gemixt

Rhinehart ist weder Arzt noch Apotheker, Biologe oder Chemiker. Er hat viel recherchiert und in Selbstversuchen getestet, bis die ursprüngliche Rezeptur entstand. Im Wesentlichen besteht sein ominöses Pulver aus Kohlenhydraten, meist sind es Maltodextrine, aus Fetten in Form von Olivenöl und aus Proteinen, die alle essentiellen Aminosäuren enthalten. Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente kommen mit hinzu. Genau hier liegt ein Knackpunkt: Rhinehart optimierte Zusätze an Eisen, Calcium und Magnesium so lange, bis er selbst keine Herzrhythmusstörungen und keine brennenden Missempfindungen mehr bemerkte. Auf Gelenkschmerzen reagierte der Entwickler mit Beimengungen von Dimethylsulfon (Methylsulfonylmethan). Damit hält die Selbstoptimierung sogar in Küchen Einzug. Heute ernährt sich der Entwickler nicht komplett, aber zumindest in großen Teilen von Soylent – richtig gekocht wird nur am Wochenende. „Ich hatte mehr Energie, ich schlief besser und konnte mich besser konzentrieren“, so sein Fazit nach ersten Tests. Und die Fangemeinde wuchs.

Millionen über Crowdfunding

Schließlich wagte Rhinehart den großen Sprung vom Hinterhoflabor auf den Markt, und zwar mit Unterstützung des Internets: Über Crowdfunding erhielt der Tüftler zwei Millionen US-Dollar – in Form von Vorbestellungen für das graue, unscheinbare Pulver. Ursprünglich lag sein Ziel bei 100.000 US-Dollar. Weitere 1,5 Millionen kamen als Risikokapital von Andreessen Horowitz und von Lerer Ventures, um mit der kommerziellen Produktion zu beginnen. Erste Bestellungen sollen ab dem 17. April verschickt werden. Für eine Portion, sprich eine Mahlzeit, berechnet er 3,10 US-Dollar.

Astronautenkost für alle

Eigentlich hat der Ansatz nichts bahnbrechend Neues. Astronautennahrung oder parenterale Ernährung gibt es schon seit Jahrzehnten, nur eben nicht für die Normalbevölkerung. Rhinehart sieht gewichtige Argumente für sein Ernährungskonzept, und nicht nur die Zeitersparnis. Mit Soylent könnten Übergewicht und Adipositas der Vergangenheit angehören. Auch bleibt das trockene Pulver stabil, es muss nicht gekühlt werden – ideal für Gegenden mit schlechter Infrastruktur. Und nicht zuletzt sei der Pulver-Shake weitaus sicherer als übliche Nahrungsmittel, sagt Rhinehart. Auch er verwendet natürliche Rohstoffe aus Hafer, Reis, Raps oder Maniokwurzeln. Durch die Verarbeitung lassen sich alle Ingredienzien aber besser kontrollieren und Versorgungslücken schließen. Darauf verweist auch der Produktname: Im Science-Fiction-Film „Soylent Green“ geht es um die exzessive Nutzung natürlicher Ressourcen in Kombination mit Überbevölkerung und Umweltverschmutzung. Schließlich kommt es zu Versorgungsengpässen. Genau hier wollen die Macher von Soylent ansetzen. Momentan haben sie jedoch weitaus banalere Probleme zu lösen, die sie als Feedback von Usern erhalten.

Die Community testet mit

Brian Merchant, Journalist bei der Innovationsplattform Motherboard, scheute sich nicht, Soylent 30 Tage lang im Selbstversuch zu testen und per Videoblog über seine Ergebnisse zu berichten. Er fand den Geschmack zwar „äußerst gewöhnungsbedürftig“, hielt aber durch. Am Ende des Tests hatte Merchant fünf Kilo abgenommen – ein durchaus erwünschter Effekt. Gesundheitliche Folgen blieben aus, aber das Soylent-Team begann, über besser schmeckende Rezepte nachzudenken. Forbes-Journalist Caleb Melby ernährte sich eine Woche lang ausschließlich von Soylent. Er störte sich ebenfalls am Geschmack und rät Selbstoptimierern, mit Kaugummi ihre Kiefermuskulatur zu trainieren. Und Lee Hutchinson von ars technica machte fünf Tage lang die Probe aufs Exempel. „Ich habe nicht aus allen meinen Öffnungen geblutet, habe keinen hyper- oder hypoglykämischen Schock bekommen, und bin auch nicht in Flammen aufgegangen“, beschreibt sie das Ende ihres Experiments.

Etliche Schwachpunkte

Kritik kommt von Ärzten und Apothekern. Sie weisen auf fehlende Langzeitstudien beziehungsweise auf unwissenschaftliche Entwicklungsmethoden hin. Nahrungsmittel lassen sich eben nicht auf einzelne Bestandteile reduzieren. Abertausende von Substanzen tragen zur Wirkung bei, und nicht immer haben Wissenschaftler deren Bedeutung restlos verstanden. Hinzu kommt, dass Muskeln und Knochen im Kauapparat ihre Funktion verlieren und sich möglicherweise zurückbilden, sollte Soylent länger als ausschließliche Nahrung dienen. Wie der Gastrointestinaltrakt auf eine jahrzehntelange künstliche Ernährung reagiert, ist ebenfalls unbekannt. Diese Fragen können nur Langzeitstudien klären. Rob Rhinehart ist sich jedoch sicher, letztlich alle Kritiker zu überzeugen.

64 Wertungen (3.73 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

24 Kommentare:

Ärztin

Sondenkost mit 2,5 kcal/ml gibt es bereits und sie ist nicht besonders gut verträglich. Die meisten Patienten reagieren darauf mit einer unangenehm heftigen osmotischen Diarrhoe.

“Soylent green” war eine der schrecklichsten Zukunftsvisionen, die m.E. jemals verfilmt wurden, vielleicht auch weil die Realität zum Greifen nah ist und die “Fiction” fehlt. Mir ist völlig schleierhaft, wie man sein Produkt nach diesem Film benennen kann. Wer sich bei völliger Gesundheit aus “zeitmangel'” freiwillig von grauer Kleisterpampe ernährt muss auch nicht Vorbild für Ernährungsfragen sein bzw hat “nicht mehr alle Tassen im Schrank”!
Mir ist in diesem Zusammenhang auch nicht ganz klar, was dieser Artikel in einer Zeit in der Sondenkost, Astronautenkost und Formuladiäten schon lange bekannt sind bei doccheck zu suchen hat. Wie oft soll das Rad denn noch neu nerfunden werden?
Nein, kein Shake kann ein Steak ersetzen! Gesunde vielseitige Ernährung ist durch NICHTS befriedigend zu ersetzen.

#24 |
  0
Judith Rauber
Judith Rauber

Ich sehe das Potential nicht so ganz…wer keine Lust hat zu kochen kann sich doch mit einem Salat, Müsli, Obst und/oder einem belegten Brötchen behelfen. Gibt’s an jeder Ecke zu kaufen, schmeckt viel besser und versorgt auch mit allen relevanten Nährstoffen.

#23 |
  0
Evi Wimberger
Evi Wimberger

Essen ist mehr als nur die Aufnahme von Nährstoffen – dies wissen die meisten, die z.B. versuchten, mit modifizierten Fasten, quasi mit ähnlichen Shakes, wie oben beschrieben, abzunehmen versuchten. Herr Rhinehart hätte sich die Arbeit sparen können, auf dem Markt gibt es schon jede Menge Anbieter. Die Qualität der Produkte ist durch die Diätverordnung geregelt

#22 |
  0
Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@Horst Rieth und Sie verstehen wenig von natürlicher Nahrung.
Man kann nicht einfach einen Blumenkohl oder ein leckeres Stück Fleisch in ein trockenes Pulver verwandeln.
Das ist weder das gleiche, noch eine einfache Angelegenheit, sondern eine Wissenschaft für sich, damit es nicht giftig wird. Hunde vertragen das wohl besser als Menschen (Aasfresser).
Aus der ursprünglichen “Astronautenkost” hat man gelernt, dass infusionsfähige Nahrung (Aminosäuren etc.) KEINESFALLS optimal “verdaut” werden, ganz abgesehen vom unerschwinglichen Herstellungspreis.
Das was es in jedem Pflegeheim gibt, nennt man “Sondenkost” und ist schon lange auf dem Markt. Und auch die ist zwangsläufig NICHT billiger als die natürliche Nahrung.
Seien Sie einfach nicht so ein verrückter Zukunftspessimist.
Die Dummheit der Menschen macht mir mehr Sorgen.

#21 |
  0
Horst Rieth
Horst Rieth

einige rezesenten haben schwierigkeiten den text zu verstehen, im text wird von der produktion aus überwiegend natürlichen rohstoffen bzw nahrungsmitteln gesprochen, damit dürften falls es nicht bei der gefriertrocknung und eine andere produktionsweise wäre eigentlich nicht denkbar, keine übermäßig denaturierung stattfinden. damit wäre also auch die versorgung mit spurenelementen vitaminen und sekundären pflanzenstoffen sicher gestellt.
ich werde und würde mich soweit möglich aber dennoch gerne natürlich ernähren, solange es noch möglich ist :)

#20 |
  0
Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Wieder eine Abzockergeschäftsmodell,
nur zur Info:
auch die ursprüngliche synthetische Original-Astronautenkost hat sich aus GESUNDHEITSGRÜNDEN nicht durchgesetzt, nicht einmal bei Astronauten!

#19 |
  0
#18 |
  0
Heilpraktikerin

Sollte der gute Rob Rhinehart tatsächlich einen derartig schrägen Humor haben?
Offensichtlich bin ich ja nicht die Einzige, die den Science Fiction kennt und direkt an Menschen..äh..verwertung erinnert wurde.

Oder einfach nur ein eigenwilliger Aprilscherz via und von Amazon?? ;)

#17 |
  0
Heilpraktiker Steffen Jurisch
Heilpraktiker Steffen Jurisch

Wissenschaftlich oder nicht – der Blödsinn wird nicht besser. Jedes dieser Art “Superfoods” kann nur die Stoffe enthalten, die bereits bekannt und teilweise erforscht sind – was ist mit denen, die uns immer noch unbekannt sind? Selbst vom Weizenkorn sind immer noch erst 98 % der Inhaltsstoffe bekannt.
Darum kann diese Art der Nahrung niemals eine gesunde Ernährung sicher stellen, denn diese besteht nach wie vor aus frischen planzlichen Rohstoffen, welche möglichst nach höchsten Biostandarts, also nicht Pestizidverseucht und von überdüngten, toten Äckern stammend, erfüllt.
Nebenbei, vielleicht sollte sich mal einer bereit erklären den Amerikanern zu erklären, dass Kaugummi kauen nicht der Gesundheit zuträglich ist – vor allem und insbesondere schon mal aus dem Grund nicht, weil in fast allen Aspartam enthalten ist.

#16 |
  0
Dr. med. Inge Eisenmann-Stock
Dr. med. Inge Eisenmann-Stock

ich denke auch, dass das ein verspäteter aprilscherz war
soylent green – hollywood lässt grüssen

da mach ich mir lieber eine schüssel salat mit guten rapsöl

#15 |
  0
H. Goytia
H. Goytia

Ja, Soylent Green war damals ein science Fiction Film. Jetzt haben wir diese Situation schon fast erreicht: GMO, Geoengeniering, Bioengeniering, Überbevölkerung. Und wo ist unser blauer Himmel!?

#14 |
  0
Helene Ullrich
Helene Ullrich

Soylent… in Green…Danke !

#13 |
  0
Dr. med. Annemarie Koch-Holch
Dr. med. Annemarie Koch-Holch

Das ist doch nichts Neues. Es gibt bereits genügend dieser Pulver/ Shakemahlzeiten. In der Tat kann man damit längere Zeit 1-2 Mahlzeiten ersetzen, aber kauen möchte man doch wohl auch noch, oder?

#12 |
  0
Apothekerin

dass Muskeln und Knochen im Kauapparat ihre Funktion verlieren und sich möglicherweise zurückbilden, sollte Soylent länger als ausschließliche Nahrung dienen steht außer Frage- natürlich degenerieren die Zähne! Und der Gastrointestinaltrakt reagiert schon nach Monaten / evt auch Wochen auf eine jahrzehntelange künstliche Ernährung, denn Rohkost, Ballaststoffe und echte Prebiotika fehlen ! Keine Frage- das Immunsystem kippt, verschiedenste Defekte an Haut, Blutbild, Verträglichkeit von Nahrungsmitteln leidet !

Schließlich: das Zwischenmenschliche leidet wohl auch, und das wunderbare Erlebnis von selbst zubereiteten Mahlzeiten von Gottes guter Erde… bleibt wohl bald ganz auf der Strecke!
die Filme kenne ich auch, aber wir sollten nicht überbewerten..denn im Medizin. Sektor ist uns künstliche Ernährung auch das Portal, schwere Zeiten deutlich besser überstehen zu können…Ja.

#11 |
  0

Bei Hunden erweist sich diese Form der “ausgewogen ” Ernährung in Form von sog Trockenfutter als falsch und ungesund . Jetzt wird wieder zu normaler Mischkost geraten. Was für Mensch und Tier viele Millionen Jahre gut war, muss nicht neu erfunden werden.

#10 |
  0
Ernährungswissenschaftlerin / Ökotrophologin

Essen ist mehr als sich ernähren. Tiere nehmen Nahrung vielleicht zur reinen Bedarfsdeckung auf. Für uns Menschen hat essen neben der Aufnahme von Nährstoffen ebenso wichtige soziale, emotionale und psychische Funktionen. Wer sich selbst eher als Maschine denn als Mensch sieht kann sich ja gerne von dem Pulver ernähren…

#9 |
  0
Weitere medizinische Berufe

Das Rad hat man auch erst nach Langzeitstudien benutzt…….

#8 |
  0
Diätassistent

Datum verfehlt?

#7 |
  0
Seniorenwohnanlage vhw Kiefhörn
Seniorenwohnanlage vhw Kiefhörn

Na, vielen Dank! Und der Genuss bleibt auf der Strecke… Ernährung ist doch mehr als nur rein und raus…

#6 |
  0
Zahnärztin

Wir erinnern uns noch an das Experiment mit Affen. Die eine Gruppe wurde mit natürliche Nahrung gefüttert, die andere mit Tabletten die alles enthielten was in den Lebensmitteln vorkam. Nach Monaten wurde die “Tabletten” Gruppe krank und manche verstarben.
Sollen wir wirklich auch an Menschen so ein Experiment wagen?

#5 |
  0

Ich sehe, ich bin nicht der Einzige, der beim ersten Blick auf den Namen des Produkts sofort an den SF-Film gedacht hat. Ein zweiter Blick ging auf den Kalender: Ich musste mich vergewissern, daß der 1. April bereits vorbei ist.

#4 |
  0
Markus Klein
Markus Klein

… 2022 -Die überleben wollten: “Soylent – Green ist aus Menschenfleisch” Was kommt als nächstes Sterbefabriken mit Wunschfilm und Wunschmusik?

#3 |
  0
Apotheker
#2 |
  0
Rosemarie Kumler
Rosemarie Kumler

Der Name ist Programm..

da gab es mal einen Sience- Fiction-Film mit ganz schönem Horror-Szenario
Die Hauptrolle spielte ein Nahrungsmittel namens “Soylent- grün”.
Der Ansatz ähnelt fatal diesem Film…
Ich möchte da nicht reingeraten!!!!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: