Wissensimpfung: Vernetzt und für lau

18. Juli 2012
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eLearning, Videokonferenzen, eBooks, Podcasts, Vorlesungsmitschnitte und Onlineprüfungen. Wie lange müssen wir überhaupt noch zur Uni gehen und ist das Lernen von Zuhause nicht sowieso viel bequemer? Erste Eliteunis bieten jetzt komplette Kurse online an - kostenfrei.

Welcher Student von heute könnte sich Studieren noch ohne Internet und ohne moderne Informationstechnologien vorstellen? Wie war Studieren ohne die von den Dozenten zur Verfügung gestellten Präsentationen und Recherchen im Internet oder der Bibliotheksdatenbank überhaupt möglich? Quellen ausschließlich in Karteikästen der Bibliotheken zu suchen, jedes Wort in der Vorlesung mitschreiben zu müssen und Dozenten, die an Tafeln schreiben, liegen heutzutage beinahe jenseits unseres Vorstellungsvermögens.

All inclusive-Paket aus dem Netz

In Zeiten fortschreitender Digitalisierung liegen sämtliche Vorlesungsmaterialien, zum Teil in Form von eBooks und sogar Video- und Audiomitschnitten der Vorlesungen, auf unseren Festplatten. Es stellt sich zunehmend die Frage, warum man sich überhaupt noch in Richtung baufälliger Unigebäude begeben soll. Alles, was ich zum Bestehen der Klausuren benötige, kann ich mir doch auch ganz bequem in den heimischen vier Wänden zu Gemüte führen. Über den VPN-Client der Uni habe ich 24 Stunden täglich Zugriff auf fast alle wissenschaftlichen Arbeiten, die ich benötige und wenn ich eine Frage an meinen Professor habe, schicke ich ihm einfach eine E-Mail.

Gerade in Studiengängen, die ohne aufwendige Praktika auskommen, wäre die vollkommene Dezentralisierung der Hochschulausbildung vielleicht die Lösung aller Probleme, die sich durch Studienplatzbegrenzungen ergeben. Seminare und Lerngruppen könnten ebenfalls gut in Videokonferenzen funktionieren. Jeder der eingeschriebenen Studenten bräuchte nur einen Internetzugang und könnte sich an jeder beliebigen Uni weltweit einschreiben.

Studieren in Stanford für lau? Schon heute kein Traum mehr.

Exakt diese Idee hatte Sebastian Thrun von der Stanford University. Inspiriert durch Salman Khans „Khan Acadamy“, eine Youtube-basierte und völlig kostenfreie Lernplattform im Volkshochschul-Stil, die jederzeit von überall zugänglich Kurse, vor allem in den Fachbereichen Mathematik und Statistik, anbietet, kam Thrun auf die Idee, auch seine Veranstaltung „Introduction to Artificial Intelligence“, die er an der Stanford Universität hält, online und frei für alle anzubieten. Nach Verhandlungen mit der Universitätsleitung konnte er zwar keine offizielle Anrechenbarkeit des Kurses erreichen, erfolgreichen Teilnehmern wird aber ein offizielles Teilnahmezertifikat durch die Universität ausgestellt.

Innerhalb weniger Wochen schrieben sich weit mehr als 100.000 Menschen aus ganzer Welt für die Veranstaltung ein. Aber auch seine offiziellen Studenten, die an den „echten“ Vorlesungen teilnehmen durften, profitierten von den online gestellten Materialien. Die Noten verbesserten sich drastisch, obwohl die Klausuren anspruchsvoller wurden und Thrun traf auf exzellente Studenten, die sonst niemals ihren Weg nach Stanford gefunden hätten. Regelmäßig werden die besten seiner Studenten, sowohl die des regulären als auch die des digitalen Jahrgangs, an namhafte Firmen der Technologiebranche vermittelt. Für beide Seiten also ein Erfolgskonzept.

Online-Kurse in der Medizin

Auch in der Medizin setzen sich Online-Learning-Konzepte zunehmend durch und fast jede medizinische Fakultät bietet mittlerweile digitale Lernmaterialien an. Insbesondere beim Erlernen von klinischen Fertigkeiten, aber auch beim Verstehen von pathophysiologischen Prozessen sind Videos und Animationen aus der medizinischen Didaktik nicht mehr wegzudenken. So bieten zum Beispiel diverse Skill-Labs, aber auch renommierte Zeitschriften wie das „New England Journal of Medicine“ große Lernvideo-Sammlungen an.

Wirklich zusammenhängende und anrechenbare Kurse sucht man in der Kernausbildung der Medizin bisher allerdings vergebens. In geringem Umfang gibt es für bereits fertige Ärzte Möglichkeiten, online, im Rahmen von zertifizierten Kursen, CME-Punkte (Continious Medical Education) zu sammeln. Über die reine Medizin hinausgehend, bietet ein europäisches Netzwerk von verschiedenen Friedensorganisationen (u.a. IPPNW – International Physicians for the Prevention of Nuclear War) einen sehr umfangreichen und völlig kostenfreien Online-Kurs mit dem Titel „Medical Peacework“ an.

Die Zukunft der Hochschulausbildung?

Was bei Aus- und Weiterbildung innerhalb großer Firmen längst die Regel ist, könnte auch zunehmend Einzug in den Alltag der universitären Lehre halten. Für die Studenten würde das den Horizont der Studienmöglichkeiten enorm erweitern. Für die Universitäten würde es große Veränderungen und möglicherweise auch eine Verstärkung des Wettbewerbs bedeuten. Globalisierung und Monopolisierung würden auch verstärkt auf den Bildungssektor übergreifen und es wäre denkbar, dass die Anzahl der Anbieter einer solchen Ausbildung auf wenige große „Universitätskonzerne“ fiele. Ob das dann noch unserer Vorstellung einer freier Bildung gleich kommt? Eine Menge Chancen bietet es in jedem Fall.

Inwiefern ist das Lehrmodell von Sebastian Thrun auf den medizinischen Sektor übertragbar? Welche medizinischen Inhalte lassen sich Eurer Meinung nach auch auf digitalem Wege vermitteln? Diskutiert in den Kommentaren!

29 Wertungen (4.55 ø)
Studium

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4 Kommentare:

Student der Humanmedizin

Gerade Medizin ist oder sollte ein doch sehr Praxisorientiertes Fach sein – ich kann mir ein Studieren ohne Powerpoint-Folien der Vorlesungen zwar auch nichtmehr vorstellen, aber eLearning wird zumindest in den Gesundheitsberufen auch in Zukunft nicht alles ersetzen können. Seminare in Videokonferenz halte ich auch nicht für gleichwertig zu Anwesenheitsseminaren.
Ich habe Respekt vor den Angeboten wie der Khan-Academy oder Udacity, aber das Angebot ist nicht umsonst meist auf die Bereiche Mathematik, Informatik oder ähnliche eher “theoretische” Fächer begrenzt. In diesem Punkt ist mir der Artikel zu unkritisch und blauäugig.

#4 |
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Toxikologin

Online Kurse sind in Amerika schon lange die Norm, sogar in den naturwissenschaftlichen und medizinischen Fakultaeten. Wir hatten diese schon seit ca. 15 Jahren, also schon lange bevor Deutschland ueberhaupt gewusst hat was online learning ist.

#3 |
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Digitale Vorlesungen sind nur eine Ergänzung zu dem, was sich im privaten Fernstudienbereich schon längst etabliert hat. Ich habe 2 Diplom-Fernstudiengänge und diverse Sprachkurse absolviert. Mit einem Zeitplan und der nötigen Disziplin lässt sich auch zu Hause ein geeigneter Lernraum schaffen – auch mit Familie bzw. Kindern! Ich habe von Online-Vorlesungen zwar noch nicht profitieren können (Studienzeit war mit Unterbrechung zwischen den beiden Studiengängen von 1997 – 2005, seit 2011 Fernstudiengang HPA), aber die Berge von Büchern und Studienheften ließen und lassen sich auch bewältigen. Am Ende einer jeden Lerneinheit sind recht anspruchsvolle Hausarbeiten bzw. kleinere Prüfungsaufgaben zu bewältigen, die dann Online zum betreuenden Dozenten zur Korrektur gesendet werden. Kleiner Tipp: Man sollte sich die notwendigen Lehrmaterialien zusammenstellen und auf jeden Fall ausdrucken, um sich nicht in dem riesigen Angebot zu verzetteln und damit die Zeit zu vergeuden. Natürlich sind neben schriftlichen und mündlichen (per Telefon) Prüfungen auch Praktika oder Assistenzzeiten vorgesehen. Was die soziale Komponente angeht: Auch Online lasse sich Lerngruppen zusammenstellen und man kann sich zum Erfahrungsaustausch treffen. I.d.R. werden bei großen Studiengängen auch noch zusätzliche Präsenzseminare von 1 – 2 Wochen angeboten, wo intensive Wiederholungen bzw. Prüfungsvorbereitungen stattfinden. Ein Studienservice ist für alle verwaltungstechnischen Fragen da.
So könnte auch der normale Unibetrieb der Zukunft aussehen. Online-Vorlesungen ersparen einem zusätzlich eine Menge Zeit und Kosten. Der Zeitfaktor ist dabei der entscheidende, weil dann schon gezielt gelesen/gelernt werden kann, statt nervenaufreibende und ablenkende Anreisen absolvieren zu müssen.
Ich würde einen Online-Ausbau sehr begrüßen und bestimmt rege in Anspruch nehmen.

#2 |
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Heilpraktikerin

Ich finde Online-Kurse gut. So kann man bequem Wissen auffrischen und Neues dazu lernen. Vor allem, wenn man keine Gelegenheit hat, zu Vorlesungen oder Seminaren zu gehen.

#1 |
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