Vitamin D: Ross und Reiter gesucht

4. April 2014
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Calciferole sollen zur Prophylaxe maligner Erkrankungen, Gefäßleiden oder Depressionen beitragen, heißt es immer wieder in der Laienpresse. Jetzt entmystifizieren Forscher vermeintliche Wundermittel. Haben Hersteller Resultate so mancher Studie geschönt?

Ein Vitamin-D-Mangel, der sich klinisch als Rachitis oder Osteomalazie manifestiert, tritt in Deutschland nur noch selten auf. Nichtsdestotrotz brachten epidemiologische Studien Calciferole mit etlichen Erkrankungen in Verbindung – vom Stoffwechsel bis hin zur Neoplasie.

Ursache und Wirkung verwechselt

Jetzt haben Mediziner um Philippe Autier vom International Prevention Research Institute in Lyon mögliche Zusammenhänge untersucht. Die aktuelle Metaanalyse schloss 300 Studien mit ein. In ihrer Veröffentlichung räumen die Autoren mit etlichen Fehlvorstellungen auf. Sie fanden keinen Hinweis, dass Patienten durch Vitamin-D-Supplementation vor Gefäßerkrankungen, Krebs oder Diabetes geschützt werden. Autier kritisiert, dass Interventionsstudien fehlten. Der Forscher vermutet, oftmals würden Ross und Reiter verwechselt. Möglicherweise gingen niedrige Vitaminspiegel auf eine bestehende Krankheit zurück – der Umkehrschluss träfe aber nicht zu.

Empfehlungen überarbeiten

Mit seiner aktuellen Metaanalyse bestätigt Autier ältere epidemiologische Veröffentlichungen. Jakob Linseisen, München, kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass Vitamin-D-Supplementationen etwa bei Brustkrebs keinen protektiven Effekt haben. Von Calciferolen profitieren lediglich Menschen jenseits des 65. Lebensjahrs. Bei ihnen verringert eine Supplementation tatsächlich verschiedene Krankheitsrisiken – speziell Knochenbrüche und Stürze und damit auch die Mortalität. Linseisen formulierte auf dieser Basis eine Empfehlung für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Schön frisiert

Doch warum galt Vitamin D über Jahrzehnte hinweg als Wundermittel? Die Frage ist komplexer als landläufig vermutet. Immerhin kannten Menschen der Kriegsgeneration, auch Ärzte und Apotheker, noch zahlreiche Kinder mit Rachitis. Darüber hinaus lassen sich Daten aus molekularbiologischen Experimenten, Tierversuchen oder epidemiologischen Studien nicht einfach in praxistaugliche Empfehlungen transformieren. Autier vermutet in seiner Veröffentlichung, dass findige Werbestrategen am Werke waren.

27 Wertungen (3.67 ø)

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6 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

zu#1 es ist kein Geheimnis für den fachlich Interessierten, dass es leider nicht nur in “Empfehlungen”, sondern auch manchen publizierten “Studien” eine gewisse Allianz GEGEN “Nahrungsergänzung” ganz allgemein gibt. Die “Konsumprodukte” kann man nicht patentieren und in mg-Dosierung zu extrem überhöhten Preisen auf den Markt bringen, das fängt schon im Medizinstudium an,
wobei unbestritten auch bei “Nahrungsergänzung” natürlich des guten zuviel getan werden kann. Nicht nur die Menge von Nahrung ganz allgemein, sondern auch deren Zusammensetzung einschl. der zahlreichen Mikrostoffe ist nun mal erheblich an Krankheitsentstehung beteiligt, das ist zumindest Konsens.
Wir leben z.B. in einem Jod und Selenmangelgebiet, beides Spurenelemente, die in Überdosierung toxisch sind.
Große Statistiken, die komplexe Probleme auf Einzelstoffe wie Vit.D oder Calzium reduzieren, müssen daher immer mit großem Misstrauen betrachtet werden, insbesondere wenn kausale Fragen völlig außen vor bleiben.
So kann Calzium bei alten Menschen, die eh nicht mehr viel essen, so gar zu Osteoporose führen, wenn durch (empfohlene) Tablettenzufuhr ein starker rel. Phosphatmangel entsteht. Denn nicht nur der Calzium-Stoffwechsel ist in jeder einzelnen Zelle sehr intensiv, sondern auch der Phosphat-Stoffwechsel (ATP etc.), so dass eine zufuhrbedingte Imballanz zur Phosphatmobilisation im Knochen führt.

mfG

#6 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Ich hoffe, dass nun Doccheck nicht auch noch Vit. D bei Kleinkindern infrage stellt!
“Schön frisiert” ist eher diese statistische Studie mit der banalen Feststellung, das die Tumormortalität “nur” in höherem Alter reduziert ist,
(Vitamin D3 statistically significantly decreased cancer mortality (RR 0.88 (95% CI 0.78 to 0.98); P = 0.02; I(2) = 0%; 44,492 participants; 4 trials,
Cochrane Database Syst Rev. 2014 Jan 10;1:CD007470. doi: 10.1002/14651858.CD007470.pub3.).
ganz abgesehen davon, dass durch Vit.D3-Substitution die Inzidenz und Mortalität der Altersvolkskrankheit Oberschenkelhalsfraktur signifikant reduziert ist, ALLERDINGS NUR, wenn die Mindesttagesdosierung von 800µg nicht unterschritten ist.
Die ernsthafte Analyse der Rolle von Vit.D bei Inflammation und Immunologie fehlt völlig.

Ich vermute daher, dass Autier eher zu den vielen Feinden einer “Substitutionstherapie” gehört, ebenso, wie die leienhafte DGE, die einfach jahrzehntelang zu niedrige Tagesdosis gepredigt hat und offensichtlich daran nun eigensinnig festhalten möchte.

zu@Marie Sander Krankheit ist eigentlich die Ausnahme von der Regel und wenn Sie die studieren, werden Sie lernen, dass es an Ausnahmen buchstäblich nahezu nichts gibt was es nicht gibt. Die Osteoporose junger Frauen muss also auch endokrinologisch individuell analysiert und “eingekreist” werden, bis ihre Ursache geklärt ist, z.B. ein primärer Hyperparathyreoidismus.
“Der Arzt” behandelt einzelne Patienten, keine Statistik und er hat dazu objektive Kriterien, wie Klinik und (Blutspiegel) zu Verfügung.

#5 |
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Studentin der Pharmazie

Demnach profitieren junge Frauen mir sekundärer Osteoporose nicht von der Einnahme von Calciferol?

#4 |
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Apotheker Christian Charissé
Apotheker Christian Charissé

Was beim Vitamin D wahr ist steht sicherlich noch nicht fest.
WAs anscheinend kaum jemand wahrnimmt ist die Forschung und die Ergebnisse von Prof. Dr. Trevor Marshall und seiner Arbeitsgruppe – http://www.trevormarshall.com
Er forscht zum Vitamin D Rezeptor – und seinen Funktionen. Diese Rezeptoren sind auf allen Zellen !!!!
Er ist sehr vorsichtig was Vitamin D Mangel betrifft !
Er hat mit anderen, “Olmesartan” als Vitamin D Rezeptorantagonist entdeckt und begleitet die Erforschung und Erprobung bei Menschen mit schwerwiegenden immunologischen Erkrankungen(MS, Sarkoidose).
Sein Beträge auf you tube sind Mitschnitte der Vorträge von internationalen Imunologiekongressen – gut investierte Zeit!
Die Wahrheit – unser Echtwissen – wird noch ein bisschen brauchen.
Das Thema ist zu komplex, es ist ein Hormon und kein klassisches Vitamin !

#3 |
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Apotheker

Wäre es nicht besser, den Vitaminen den Platz einzuräumen, der ihnen gebührt? Statt sie zu Wundermitteln hochzustilisieren? Als wichtige Coenzyme halten sie den normalen Stoffwechsel aufrecht. Nur bei sehr bewusster Ernährung bekommt der Verbraucher genug davon mit. Eine Ergänzung kann wohl nicht schaden, um die Defizite durch großenteils minderwertige, weil in Deutschland allein über den Preis kalkulierte Nahrung auszugleichen. Man sollte nicht warten, bis ein Mangel auftritt.
Gleichwohl können Vitamine jahrelange Defizite nicht mehr aufholen, wenn sie in hektischer Manier gegeben, dann plötzlich Wunder wirken sollen. Das kann so nicht funktionieren. Langfristiges Denken ist da wohl zielführender.

#2 |
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Gast
Gast

Dann sollte der seriöse Wissenschaftler einmal überprüfen, ob überhaupt Hersteller an irgendeiner dieser von ihm genannten und beurteilten Studien beteiligt waren … Er wird wahrscheinlich feststellen, dass keine der Studien auch nur im entferntesten Pharma-gesponsort wurde.

#1 |
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