Anorexie: Die Oxytocin-Spekulation

2. April 2014
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Kaum ein anderes Hormon hat im letzten Jahrzehnt mehr mediale Aufmerksamkeit bekommen als Oxytocin. Nach ersten vielversprechenden Ergebnissen in der Behandlung von Autismus, gilt das „Liebeshormon“ auch als Kandidat für die Heilung von Anorexie.

Schaut man auf die neuropsychologischen Profile von Anorexie und Autismus, fallen einige Gemeinsamkeiten auf. Beide Patientengruppen zeigen rigides Zwangsverhalten, sie leiden unter Angstgefühlen, sozialen Defiziten und oft auch einer totalen sozialen Isolation. Sie sind schlecht darin, die Gefühle anderer einzuschätzen, neigen zu Perfektionismus, exzessiver Detailverliebtheit und sind sehr sensibel. Es gibt Hinweise darauf, dass mehr als 20 Prozent aller Magersüchtigen auch an Autismus leiden, und einige Wissenschaftler gehen sogar so weit zu sagen, dass Anorexie eine Form des Autismus sei.

Studien zeigen bereits, dass Autisten nach der Einnahme von Oxytocin weniger Zwangshandlungen ausführen, Emotionen besser erkennen und gegenüber fremden Personen schneller Vertrauen aufbauen. Ist das Hormon vielleicht auch zur Behandlung von Anorexie geeignet?

Während Forscher bisher mehrheitlich der Meinung waren, dass die veränderten Oxytocin-Level bei Anorexie-Patienten eher Folge anstatt Ursache der Krankheit sind, gibt es erste Pilotstudien, die das Gegenteil behaupten. Wissenschaftler vom King’s College London fanden vor kurzem heraus, dass Anorexie-Patienten nach der Einnahme von Oxytocin weniger stark auf Bilder von kalorienreichem Essen oder dicken Menschen fixiert sind. Insgesamt nahmen 31 Patienten und 33 gesunde Probanden an den Versuchen teil.

Oxytocin verändert die Wahrnehmung der Magersüchtigen

Ihnen wurden zunächst Bilder von kalorienarmen oder kalorienreichen Nahrungsmitteln, dünnen und dicken Körperformen sowie Waagen mit unterschiedlicher Gewichtsanzeige gezeigt. Die Teilnehmer mussten diese Bilder möglichst schnell und akkurat erkennen. Dann erhielten sie in Form eines Nasensprays entweder Oxytocin oder ein Placebo und wiederholten den Test. Während die Anorexie-Patienten im ersten Versuchsdurchlauf schneller auf für sie negativ besetzte Bilder (fettiges Essen, dicke Körperteile) reagierten, schwächte Oxytocin diesen Effekt im zweiten Versuchsdurchlauf ab.

In einem anderen Experiment wurden den gleichen Teilnehmern Bilder von fröhlichen, wütenden oder angeekelten Gesichtern gezeigt. Auch hier führte die Gabe von Oxytocin dazu, dass die Anorexie-Patienten weniger stark auf die negativen Emotionen reagierten. „Unsere Forschung zeigt, dass die unbewusste Tendenz der Patienten, sich auf Nahrungsmittel, Körperformen und negative Emotionen zu fokussieren, durch Oxytocin reduziert wird“, sagt Professor Youl-Ri Kim von der Inje Universität in Seoul, Hauptautorin beider Studien. „Wir befinden uns in einer frühen Forschungsphase mit einer kleinen Anzahl von Probanden, aber es ist sehr aufregend, das mögliche Potential dieser Behandlung zu sehen“, ergänzt Professor Janet Treasure vom King’s College London, die ebenfalls an den Experimenten beteiligt war.

OXTR-Gen ist bei Anorexiepatienten anders reguliert

Treasure ist nicht nur an der Wirkung des Oxytocins, sondern auch an den molekularbiologischen Ursachen dafür interessiert. Deshalb untersuchte sie das Gen OXTR, das für den Oxytocin-Rezeptor kodiert. Bei Anorexie-Patienten war dieses Gen wesentlich häufiger methyliert, was in der Sprache der Genetiker so viel wie „abgeschaltet“ bedeutet. Bisher ist aber nicht klar, ob diese epigenetische Misregulation des OXTR-Gens durch Umwelteinflüsse hervorgerufen wird oder eine Folge der Anorexie ist.

Die Forscher aus Großbritannien und Korea sind nicht die Einzigen, die den Zusammenhang zwischen Anorexie und Oxytocin untersuchen. Bisher kranken die wenigen verfügbaren Studien jedoch alle an der extrem kleinen Probandenzahl, die keine generalisierbaren Aussagen zulässt. „Oxytocin verfügt über ein großes Potential in der Behandlung psychischer Erkrankungen“, schreiben australische Forscher in einem Übersichtsartikel. „Alle sechs bisher publizierten Studien weisen darauf hin, dass das Oxytocin-System bei Anorexie-Patienten durcheinander gerät.“

Aber die bisherigen Ergebnisse sind noch mit Vorsicht zu interpretieren, denn um wirklich zu Beweisen, dass Oxytocin als Medikament für Magersüchtige in Frage käme, müssten die bisherigen Studien zunächst mit einer größeren Teilnehmerzahl wiederholt werden. Ließen sich die Ergebnisse reproduzieren, wäre das der nächste Schritt auf dem langen Weg zur klinischen Anwendung.

114 Wertungen (4.4 ø)

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10 Kommentare:

@Fr. Dr. Sixt: Eventuelle Gemeinsamkeiten von Autismus und Anorexie kann ich nicht beurteilen. Dem zweiten Teil Ihrer Ausführung stimme ich aus eigener Erfahrung voll und ganz zu. Viele Anorexie-assoziierte psychopathologische Störungen sind ganz offensichtlich Folge eines veränderten Hirnstoffwechsels, der bei starkem Untergewicht zum Tragen kommt und mit der Gewichtsnormalisierung reversibel ist. Daher muss die Gewichtszunahme primäres, aber natürlich nicht einziges Therapieziel sein.

@Hr. Dr. Bayerl: Ich stimme Ihrer Einstellung zur Sinnhaftigkeit kognitiver Verhaltenstherapie voll und ganz zu, halte aber gerade in der anfänglichen Therapiephase medikamentöse Unterstützung – insbesondere wenn schwere depressive Symptome hinzukommen – von Fall zu Fall für sinnvoll. Natürlich darf das nicht zur Abgabe der Eigenverantwortlichkeit und “Verunselbstständigung” führen. Jede Therapie kann letztlich nur Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Ohne Krankheitseinsicht und Therapie-Compliance sind die Heilungschancen minimal.

#10 |
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Dr. med. Barbara Sixt
Dr. med. Barbara Sixt

Anorexie und Autismus haben nichts gemeinsam. Die adäquate Behandlung einer Anorexie ist das Erreichen eines ausreichenden Körpergewichts, dann lösen sich viele psychopathologische Auffälligkeiten in Luft auf

#9 |
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Dr. med. Martin Weigel
Dr. med. Martin Weigel

Eines der Hauptmittel in der homöopathischen Behandlung von Anorexie (mitunter auch des Autismus) ist Muttermilch….der erfahrene Homöopath findet auch in der Anamnese schon heraus, daß die schwierige Mutter-Kind-Bindung sich u.a. schon in fehlenden Stillzeiten (Oxytocin-Ausschüttung!) niederschlägt. Eine epigenetische Veränderung der Oxytocin -Regulation ist nur die logische Folge. In der Komplexität menschlichen Verhaltens geht es immer um Reziprozität und Wechselwirkung.

#8 |
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@Dr. Raeder:

Sehr erfreulich, dass auch noch mal Einer Altgriechisch kann!

#7 |
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Oxytocin ist kein Liebeshormon, sondern ein körpereigener Geburtsbeschleuniger. Im Pschyrembel wird die Etymologie nicht erklärt, weil es ein Hormon ist. Dabei ist es doch ganz einfach. oxy heißt schnell. tokos ist die Geburt aus Sicht der Mutter.

#6 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Pardon Herr @Christian Czubacki, wer das Leib-Seele-Problem anspricht, sollte sich auch damit beschäftigt haben. “Gelöst” hat das schon Aristoteles mit dem Satz:
“Das Ganze ist mehr, als die Summe seiner Teile.”
Das versteht auch nicht jeder, da gerade einer besonders bevorzugten Werkzeuge der “Naturwissenschaft” die analytische Zerlegung und Untersuchung der “letzten” Bausteine ist. Deswegen muss ich leider auch die “soziale Komponente” von Oxytocin ablehnen, das ist eine unkorrekte Begriffsvermischung.
Da sie schon Psychologe sind, würde ich eher danach fragen welches frühkindliche “soziale Defizit” hier prägend gewirkt hat, aber bitte nicht mit der Patientin.
Wobei ich Wert darauf lege, das eine Mensch Zeit seines Lebens lernen kann,
das haben Gott sei Dank moderne physikalische “Messverfahren” (Kernspin etc.) belegt, ebenso wie der erhöhte Cortisonspiegel des schlecht behandelten Säuglings.
Deshalb ist aber nicht Cortison die Ursache, sondern die organische Folge einer nicht organischen Ursache,
ebenso wie das Untergewicht bei Anorexie nicht Ursache, sondern Folge ist, leider mit negativem feed-back.
Ich hoffe es war nicht zu verwirrend.
Ich meine halt einen ganz allgemeinen Trend zur Entmündigung der Menschen (Patienten) zu bemerken, den ich sehr bedauern würde.

#5 |
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Psychologe

Natürlich hat die kognitive Verhaltenstherapie ihre Existenzberechtigung – jedoch stellt sich die Erfolgsfrage trotzdem…
Eine Kombination aus Pharmakologischer-Therapie und Verhaltens-Therapie wäre demnach eine gute Mixture – denn aufgrund des Seele-Leib-Problem, welches bisher immernoch nicht gelöst wurde, zeigen diese kleinen Pilotstudien einmal mehr dass das eine ohne dem anderen nicht existieren kann ;) => Bin gespannt was bei raus kommt =D
Oxytocin ist schon seit langem bekannt für seine soziale Komponente – Beispiele der Forschung mit der Vertrauenskomponente aus den Ultimatum-Spielen vor circa 10 Jahren etc.

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Tauchte das Oxytocin nicht auch schon im Zusammenhang mit Narkolepsie auf?

#3 |
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Unabhängig von der von Dr. Bayerl angeführten psychologischen Konstitution würden diese endokrinen Erkenntnisse durchaus einen von mir schonlange gehegten Verdacht stützen . Vielen Dank !

#2 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Magersucht ist ein psychologisches Problem mit organischen Folgen.
Der “Kognitiven Verhaltenstherapie” wird die beste therapeutische Wirkung nachgesagt,
was nichts anderes bedeutet, als dass der/die Betroffene SELBST erkennen muss, was er/sie falsch macht, denkt und empfindet. “Krankheitseinsicht” und damit auch Selbstverantwortung ist also ein primäres Therapieziel. Das Rumspielen mit Hormonen könnte diesen Prozess eher behindern.
Der “Trend” scheint allgemein immer weiter davon wegzugehen zugunsten “abhängiger” unselbständiger Menschen.

#1 |
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