Dermatologie: Streit um Selfie-Diagnose

1. April 2014
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Ein Berliner Start-up will es wissen: Mit ihrer App bietet goderma erste Einschätzungen zu Hauterkrankungen per Handykamera an. Berufsverbänden und Fachgesellschaften gefällt das nicht. Doch ist die ärztliche Berufsordnung in diesem Punkt zeitgemäß?

Ein Hautausschlag im Badeurlaub oder rote Pusteln während der Trekkingtour? Dank goderma ist der nächste Hautarzt nie weiter entfernt als das eigene Smartphone – vorausgesetzt, Patienten befinden sich nicht gerade in einem Funkloch. Auch im Jahrzehnt überfüllter Praxen und langer Wartezeiten soll die neue App einen Beitrag leisten, um Versorgungslücken zu schließen. Das funktioniert so: Patienten nehmen via Handykamera Bilder ihrer Läsion auf und füllen eine Fragebogen aus. Anschließend begutachten Fachärzte die Daten und geben Handlungsempfehlungen. Ihr Rat kann lauten, ein OTC-Präparat in der nächsten Apotheke zu erwerben – oder umgehend einen niedergelassenen Kollegen aufzusuchen.

Neues aus der Gründerszene

Hinter goderma stecken Simon Bolz und Dr. Simon Lorenz. Bolz kennt das Thema nur zu gut aus eigener Erfahrung. Während des Italienurlaubs hatte seine Tochter plötzlich einen Hautausschlag. Doch anstatt nach Kliniken Ausschau zu halten und gegen Sprachbarrieren anzukämpfen, entschied er sich, Handyfotos nach Deutschland zu mailen. Eine befreundete Dermatologin erkannte, dass es sich nur um eine Sonnenallergie handelt. Nach 24 Stunden war der Spuk dank rezeptfreier Präparate vorbei. Bolz und Lorenz wollten mehr aus diesem Schlüsselerlebnis machen. Ihr Konzept: User laden Fotos und Informationen hoch, Kostenpunkt 29 Euro. Auf Basis anonymisierter Daten geben Hautärzte innerhalb von 48 Stunden Handlungsempfehlungen – wohlgemerkt keine Diagnosen. Die Gründer-Community reagierte begeistert auf goderma. Als eine der besten App-Ideen im Gesundheitsbereich erhielten Bolz und Lorenz den Hauptpreis bei Grants4Apps 2013. Sie wurden auch in hub:raum, das Förderzentrum der Deutschen Telekom für Start-ups, aufgenommen. Ein erster Platz bei der Tech Open Air Pitchclinic folgte.

Kollegen werten aus

Nicht ohne Grund: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass dermatologische Telemedizin mit einer Handykamera durchaus funktioniert, etwa beim Hautkrebs-Screening. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Apps setzen Bolz und Lorenz jedoch auf Technik in Kombination mit medizinischem Expertenwissen. Alle Fotos und Fakten zur Erkrankung werden von Hautärzten begutachtet. Kollegen, die mit goderma zusammenarbeiten, haben mindestens drei Jahre Erfahrung in einer niedergelassenen Praxis. Und im Zuge der Qualitätssicherung überprüfen Experten des Klinikums Rechts der Isar, München, stichprobenartig jede zehnte Antwort. Hier ist unter anderem Professor Dr. Dr. Johannes Ring, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein, mit von der Partie. Unterstützt wird er von Prof. Dr. Bernadette Eberlein, München, Prof. Dr. Andreas Blum, Tübingen, Dr. Kerstin Graf, Berlin, und Dr. Andreas Weller, Schwäbisch Gmünd.

Verstoß gegen die Musterberufsordnung?

Nicht alle Kollegen teilen die Begeisterung für goderma. „Berufsrechtlich ist das nicht zulässig, weil es ein Fernbehandlungsverbot für Ärzte gibt“, so Sascha Rudat, Sprecher der Ärztekammer Berlin. Als mögliche Problemfelder sieht er die Qualität der Fotos und die Datensicherheit. Andererseits erhalten Kollegen bereits heute Fotos von Patienten per E-Mail, was ähnlich kritisch zu bewerten wäre. Doch welchen Vorteil bringt goderma? Rudat: „Wenn der Rat lautet: Suchen Sie einen Hautarzt auf – was bringt das dann?“ Jetzt will die Berliner Ärztekammer nachsehen, mit welchen Kollegen goderma kooperiert. Auch Fachgesellschaften äußern sich skeptisch. „Das ist ein mutiges Vorhaben, aber medizinisches und juristisches Neuland“, lautet die Einschätzung von Dr. Klaus Strömer. Er ist Präsident des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen. Strömer weiter: „Ich kann einen Patienten nicht nach der Vorgeschichte fragen.“ Wolfgang Loos von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin ergänzt: „Wir sehen viele Gesundheits-Apps kritisch, weil keine medizinische Expertise dahintersteht.“ Aber solange Ärzte involviert seien, sei das nicht anzufechten.

Die Welt dreht sich weiter

Bleibt zu klären, ob Einschränkungen der Musterberufsordnung für Ärzte nicht bald gelockert werden sollten. In § 7 (Behandlungsgrundsätze und Verhaltensregeln) heißt es dazu: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“ Ob diese Passagen zeitgemäß sind, müssen Standesvertreter dringend diskutieren. Bereits heute arbeiten viele Kliniken mit telemedizinischen Anwendungen, um beispielsweise Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus zu überwachen. Von entsprechenden Vorteilen sollten Patienten auch außerhalb der Klinik profitieren.

55 Wertungen (4.75 ø)

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14 Kommentare:

Ute Fürst
Ute Fürst

Fragt sich, ob es besser ist zu warten, bis man beim HKS – für das man 3 Monate im Voraus einen Termin machen muss – eine geringe Hautveränderung ansprechen kann, oder ob man direkt zeitnah zum Arzt geht, wenn ein Experte empfiehlt den Sachverhalt doch schneller abzuklären.
Gerade die Unsicherheit kann, bei der falschen Entscheidung zu warten, weil ja alle anderen auch auf ihren regulären Termin warten müssen, Leben kosten.

#14 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

noch ein “Geschäftsmodell”, aber keine seriöse Medizin!

#13 |
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Als “Drug Safety Officer” einer multinationlen Klinischen Prüfung muss ich täglich mehrere Photos von Wunden und deren Heilverlauf beurteilen, die mir per Email
zugesandt werden.
Die Beurteilumng ist, auch mit Erfahrun, äußerst problematisch und es ist fast immer nötig ein Telefonat mit dem Prüfer zu führen, da die Photos nicht genug aussagen.
Das vorgeschlagene Verfahren erscheint mir deswegen bedenklich und möglicherweise gefährlich, wenn ein Photo die Basis der Therapie darstellt.

#12 |
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Ja, die gute alte LEICA-KB-Sucherkamera mit ihrem Emar-M 50 mm F 2.8 Objektiv (Titelbild), als man noch mit Entwicklern und Filmabzügen gearbeitet hat – die gehört eher ins Museum. Illusionär erscheint mir, per APP die Dermatologie auf reine Bild- und Blickdiagnosen zu reduzieren. Es sei denn, man will nur eine “Sonnenallergie” vulgo “Dermatitis Solaris” oder auch “Mallorca-Akne” diagnostisch vertiefen. Aktuell häufiger diagnostizierter Grasmilbenbefall, aber auch die Diagnose “Eryrthema exsudativum multiforme” helfen nicht weiter, wenn nur Handlungsempfehlungen gegeben und k e i n e ärztlich begründete Therapieempfehlung abgegeben wird. Auf weitgehend “harmlose” OTC-Präparate zu verweisen, ist dermatologischer Unfug. Allerdings werden die bei den niedergelassenen Dermatologen oft rein reflexhaft rezeptierten glucocortikoid-haltigen Externa-Therapien hautärztlicherseits viel zu undifferenziert verwendet. Sekundärschäden der Langzeit-Kortikoid-Behandlungen wie Hautatrophie, Hypertonie, metabolische Veränderungen, Osteoporose bekommen wir dann später als Hausäzte präsentiert.

#11 |
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Gast
Gast

Naja, das Video ist ja wohl mehr eine Art Verkaufsveranstaltung- so nach dem Motto 11,00 Euro alle 3 Minuten, macht nach Adam Riese dann 50.Tsd im Jahr…..
Frage : Geht´s um die Vermarktung und Kohle oder um Fortschritte der Medizin ?
Klar- das Internet ist ein neues dynamisches Medium.
So erhält der NSA also in Zukunft gleich noch die Hautkrankheiten der user gratis geliefert- wo bitte bleibt also die Datensicherheit ?
Unsere Herren Professoren an den Kliniken scheinen ja nicht ausgelastet zu sein- schlau, wie sie sind, kümmern sie sich weniger um die anvertrauten Patienten ( für die sie ja bezahlt werden ), die ja in der Mehrzahl Kassenpatienten sein dürften, sondern suchen nach Zusatz-Einnahmen.

#10 |
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Deutschland: das Land der Bedenken-Träger! Es geht doch wohl nicht einen Ersatz zum Besuch beim Dermatologen. Hier ist ein nützliches Tool für den Notfall, zur Überbrückung einer längeren Wartezeit(für einen Termin beim Dermatologen, soll ja Vorkommen) und Schlussendlich werden die Bilder ja von kompetenten Fachleuten beurteilt.
Wie immer werden Innovationen, neue Ansätze erst einmal ausgebremst weil der eigene Kuchen scheinbar in Bedrohung ist. Das aber gerade auch in strukturell unterversorgten Regionen diese App auch ein Segen sein kann, für Urlauber die nicht mal eben zum Hautarzt gehen können, wird nicht gesehen.
Schade eigentlich, statt die Chancen zu sehen, wird immer erst das Haar in der Suppe gesucht. Typisch deutsch eben…

#9 |
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Marc F.
Marc F.

Ich habe goderma getestet weil ich die Idee der Ferndiagnose grandios finde. So konnte ich feststellen, ob ein Arztbesuch notwendig ist oder nicht. Allerdings war das Resultat meiner Anfrage bei Goderma eher ernüchternd: Rechtschreibfehler in der Antwort, sehr allgemeine Phrasen, und am Ende war ich genauso schlau wie vorher. Der Arzt konnte auch nicht sagen wobei es sich bei meiner Hautauffälligkeit handelt, er gab mehrere Vermutungen, am Ende hieß es aber “unbekannt” und sollte deshalb zur Sicherheit bei einem Arzt angesehen werden. Diese paar Sätze, inkl. der Empfehlung einer Pflegesalbe haben mich 20 Euro gekostet und fielen natürlich nicht unter die Geld-zurück-Kulanz. Ich würde daher nicht noch einmal zu Goderma gehen, sondern direkt einen Arzt konsultieren.

#8 |
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Dipl.Kfm. Kurt Maier
Dipl.Kfm. Kurt Maier

An die Stelle panischer Abwehrreaktionen sollt der Berufsstand die Chancen eines modernen Patientenmanagements erkennen, dann können moderne Point of information Technologien zur Diagnostik von hohem Nutzen für Patienten und Ärzte sein. Denken Sie mal an interdisziplinäre Kooperation zwischen Haus und Hautärzten. Dezentrale Bildauswertung ist in der Radiologie die Regel, oder hat schon mal jemand einen Radiologen life zu Gesicht bekommen? Zu den Geringverdienern gehört diese Gruppe auch nicht. Aber das Spezialwissen in der Bildgebenden Diagnose ist durchaus von grosser Bedeutung.

#7 |
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Dr. Bernhard Staudt
Dr. Bernhard Staudt

Ich, Kinderarzt, zu diesem Zeitpunkt 67 J alt, Mein Hautarzt im Urlaub,die Bilder meiner Hauterkrankung mit entsprechend schlechtem Allgemeinzustand am Abend an eine befreundete Kollegin, in 200km Entfernung: “Geh stationär, das ist ein Erythema exsudativum multiforme.”
Das wars auch. Versuch des diensthabenden Kollegen im Krakenhaus an Uni München ranzukommen negativ. Also ab nach Salzburg. Salzburg bestätigt die Diagnose. Da waren doch ein paar elektronische Photographien, im 0 Sekundenbereich verschickt, ganz hilfreich. Wir machen uns doch gerade in der Dermatologie auch über Bilder in der Fachliteratur schlau.

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Natürlich kann es ggf. einen Arztbesuch nicht ersetzen.

Ich würde mir sehr wünschen, dass vor allem auch bei der “sprechenden” Medizin es endlich möglich wird, z.B. via Skype mit dem Arzt Dinge zu besprechen, als wäre man bei ihm in der Praxis. Bei etwaigen Reaktionen auf diesen Beitrag bitte ich zu bedenken, dass es durchaus sein kann, dass Arzt und Patient ein paar Hundert Kilometer auseinander sind.

Meinerseits wäre sehr der Wunsch vorhanden, dass die Ärzteschaft sich endlich mehr moderner Technologien öffnet.

#5 |
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Meine Güte, es sind Handlungsempfehlungen für den Akutfall! Das ersetzt einen Besuch beim heimischen Dermatologen selbstverständlich nicht ist aber eine sinnvolle Ergänzung und längst überfällig, auch in anderen Fachgebieten – Es geht darum Versorgungslücken zu schliessen. In anderen Ländern ist ein solches Assessment bereits an der Tagesordnung, auch um zu verhindern dass sich jemand mit einem Pickel um 3 Uhr nachts in der Notaufnahme vorstellt

#4 |
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Christian Beyer
Christian Beyer

Da geh ich doch lieber zum Hautarzt und zahle 25 Euro für eine Untersuchung des ganzen Körpers. Erst letzte Woche gemacht. Das ist gut investiertes Geld und Zeit.

#3 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Man kann nur hoffen, daß alle Dermatologen von dieser Art, Diagnosen zu erstellen, Abstand nehmen. Denn in manchen Fällen kann man ja noch nicht einmal per Dermatoskop aktinische Keratosen bzw. Basaliome erkennen . Wie soll das Ganze dann nur per Handyaufnahmen funktionieren? Leitlinien-gerecht ist ein solches Vorgehen mit Sicherheit nicht.

#2 |
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Das ist doch ein Medizinprodukt und muss in Deutschland zertifiziert werden

J.

#1 |
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