Kindliche Adipositas: Mythos Medienmoppel?

27. März 2014
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Kinder, die viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, bekommen nicht nur emotionale Schwierigkeiten, sondern werden auch mit größerer Wahrscheinlichkeit übergewichtig. So könnte man das Ergebnis zweier aktueller Studien interpretieren. Aber ist es wirklich so einfach?

Beginnen wir mit der Frage nach dem Übergewicht. Forscher um Stacey Tiberio, von Oregon Social Learning Center in Eugene, werten für ihre Studie im Fachblatt JAMA Daten von 112 Müttern, 103 Vätern und ihren 213 Kindern aus. Die Teilnehmer hatten zuvor Fragebögen ausgefüllt. Sie wurden interviewt, außerdem hat man die Kinder medizinisch untersucht als sie fünf, sieben und neun Jahre alt waren. All das spielte sich zwischen 1998 und 2012 ab.

Bei der Analyse der Daten zeigte sich vor allem der Einfluss der Mütter: Überwachten sie den Fernsehkonsum ihrer Kinder, wogen diese mit sieben Jahren durchschnittlich weniger als solche, deren Fernsehzeiten kaum kontrolliert wurden. Außerdem schwankte das Gewicht bei ihren Kindern weniger stark. „Diese Studie zeigt, wie wichtig das Verhalten der Eltern für die Entwicklung eines gesunden Gewichts ihrer Kinder ist“, sagt Esther van Sluijs von der Universität Cambridge. Weitere Studien müssen nun jedoch klären, wie es zu dem Ergebnis kam. Denn vielleicht sind diese Mütter nicht beim Fernsehkonsum strenger, sondern auch, wenn es um Süßigkeiten oder Fastfood geht.

Was verbindet Fernsehen und Gewicht?

Sicher ist jedoch: Es gibt sie die Verbindung zwischen Fernsehen und Gewicht. Immer wieder haben Forscher gezeigt: Sitzen kleine Kinder mehr als eine Stunde pro Tag vor dem Bildschirm, steigt ihr Risiko, dick zu werden. Auch später zeigt sich noch ein Einfluss. Von den 11- bis 17-jährigen Jungen, die für die KIGGS-Studie der Robert-Koch-Instituts untersucht wurden, schauten einige weniger als eine Stunde am Tag Fernsehen. Von ihnen waren 5,3 Prozent adipös. In der Gruppe, die drei und mehr Stunden vor dem Fernseher verbrachte, waren es schon 11,5 Prozent. Nicht viel anders fiel das Ergebnis bei den Mädchen aus.

Das Problem scheint vor allem die gestohlene Zeit zu sein. Mehrere Stunden pro Tag sitzen Kinder heute vor Bildschirmen verschiedenster Art. Das ist Zeit, in der sie sich nicht bewegen. Auf Dauer wirkt sich das auf den Körper aus.

Sprungweite als Indikator

In einer kanadischen Studie aus dem Jahr 2012 wurden die Eltern über die Fernsehgewohnheiten ihrer zwei- bis vierjährigen Kinder befragt. Anschließend nahmen die Forscher den Taillenumfang der Kleinkinder und testeten ihre körperliche Fitness. Dazu gehörte auch, aus dem Stand nach vorn zu springen. In den folgenden Monaten wurden die Eltern und Kinder von den Wissenschaftlern begleitet. Fernsehkonsum korrespondierte direkt mit der Fähigkeit des Kindes, weit zu springen. Mit jeder wöchentlichen Stunde Fernsehen nahm die Sprungstrecke leicht ab. Je länger die Kinder vor dem Fernseher saßen, desto größer war zudem ihr Hüftumfang zum Ende der vierten Klasse, berichteten die Forscher der Universität Montreal.

Kommt zum Bewegungsmangel noch eine schlechte, unausgewogene Ernährung wird ein Teufelskreislauf in Gang gesetzt. Denn wer erst einmal zu dick ist, bewegt sich noch weniger und nimmt weiter zu. Auch hier spielt der Fernseher eine Rolle. Denn es gibt nicht nur Hinweise dafür, dass man unnötig viele Kalorien zu sich nimmt, wenn man beim Essen fernsieht. Auch die Vorlieben für bestimmte Lebensmittel entwickeln sich schon im Kindes- und Jugendalter. Bei Kindern unter 12 Jahren konnte man nachweisen, dass Reklame darauf Einfluss hat. Sieht ein Kind eine Stunde Fernsehen bei einem Privatsender, sind davon sicher zehn Minuten Werbung. Schon Zweijährige können Mc Donald’s und Burger King auseinanderhalten. Im Alter von zehn Jahren kennt ein Kind heute 300 bis 400 Markennamen.

Fernsehen und Psyche

Aber hat Fernsehen auch Einfluss auf die Psyche? In einer ebenfalls in JAMA erschienenen Studie untersuchten Forscher den Einfluss von Fernsehen auf das emotionale Wohlbefinden. Trina Hinkley  von der Deakin Universität in Melbourne und ihre Kollegen werteten für die Untersuchung Daten von mehr als 3600 Kindern aus. Danach scheinen Kinder, die im Alter von zwei bis sechs Jahren viel fernsehen oder vor dem Computer sitzen, nach zwei Jahren mehr emotionale Schwächen zu zeigen.

Mehr Forschung nötig

Das klingt alarmierend, ganz so eindeutig sind die Ergebnisse der Forscher jedoch nicht. So waren die Unterschiede zwischen den Gruppen nur sehr klein und könnten auch zufällig entstanden sein. Andere Faktoren wie das Selbstbewusstsein, der Kontakt zu Gleichaltrigen oder das Leben in anderen sozialen Gefügen als der Familie schienen dagegen überhaupt nicht verändert zu sein. Selbst wenn sich die Ergebnisse bestätigen sollten, gibt es noch viele weitere Einflüsse, die zu solchen Daten führen könnten. Dazu zählt die Erziehung, die Familienstruktur oder auch die Wohnsituation. All das sollte in weiteren Studien untersucht werden, um den Einfluss des Fernsehens wirklich beurteilen zu können. „Es braucht ganz offensichtlich noch viel mehr Forschung auf diesem Gebiet, wenn man wirklich verstehen will, was da vor sich geht“, sagte Sonia Livingstone, Professor für soziale Psychologie an der London School of Economics.

82 Wertungen (4.17 ø)

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11 Kommentare:

Ich bin ja immer für eine Zuckersteuer – 0,5 ct/g für alle zugesetzten Zucker, Süßstoffe entsprechend nach Weißzuckeräquivalent. Die Literflasche Cola kostet dann 50 ct mehr, das Kilo Haushaltszucker (das ist der kleinste Anteil des pro-Kopf-Verbrauchs) glatt 5 € mehr. An Ketchup und Backwaren würde man es auch merken. Pro Kopf (32 kg/Jahr) zahlen wir dann 160,- € Zuckersteuer, der Staat nimmt 12 Milliarden zusätzlich ein, da sind die Süßstoffe jeweils noch nicht enthalten.

Nicht mit Zucker geschönte Lebensmittel wären dann billiger – wie es sich gehört. Wenn der Sack Gummibärchen auf einmal einen Euro teurer ist, hält das vielleicht die eine oder andere Mutter davon ab, ihre Kinder mit diesem Müll ruhigzustellen. Das ist ein richtiges faschistoides Horrorszenario für die meisten, aber solange die Lebensmittelindustrie den Zucker mehr oder weniger in die Lebensmittel (wenn man sie denn noch so nennen will) hineinschmuggelt und das Ergebnis zu Recht als fettarm verkauft, wird sich alles nur verschlimmern.

Die USA sehen ein Szenario voraus, in dem ca. 2050 mehr als ein Drittel der Bevölkerung Typ II-Diabetes haben wird. Und wenn Aufklärung alleine genug bewirken würde, wären Wein und Tabak die reinsten Ladenhüter.

#11 |
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Gast
Gast

@Marc N. Fraessdorf, machen Sie es bitte nicht komplizierter als es ist:
Insulinresistenz entsteht durch zu viel Zucker,
bei gesunden Jugendlichen schon nach drei Tagen einer KH-Mast (Nudeln).

Bedingung mehr Zufuhr als Bedarf, natürlich.
Die Zellen sagen dann,”liebes Insulin, zu viel des Guten, wir wollen kein Zucker mehr”, das nennt man dann Insulinresistenz.

#10 |
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Gast
Gast

@Luis Caldonazzi, die miserable Quatilät des “Gesehenen” ist ein weiterer Grund, Kinder davon fern zu halten.

#9 |
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Gast
Gast

nicht “mehr Forschung” in einer so einfachen Frage,
sondern weniger Fernsehen für Kinder!

#8 |
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#7 |
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@ Marc N.Fraesdorff: Das klingt sehr logisch, was sie da schreiben. Sie kennen vermutlich auch Mediziner, die bestreiten, dass der Zuckerkonsum etwas mit Diabetes zu tun haben könnte und machen entsprechend den vorliegenden Studien allein das Übergewicht als Diabetes-Ursache kausal verantwortlich. Über den abgebremsten Leptin-Insulin-Antagonismus infolge einer relativen Insulinresistenz ist jedoch der Aufbau von Übergewicht ziemlich plausibel, die WHO-Bemühungen um Reduktion des Zuckerkonsums wären dann eine konsequente Vorsorge (vgl. z. B.: http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/praevention/article/856461/empfehlung-who-will-weniger-zucker.html)

#6 |
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Gast
Gast

Hallo,
komisch!Kann dieseTheorie nicht bestätigen bzw.halte diese nur für einen Baustein des Problems Adipositas.Warum….???!!! Habe 2 Kinder fast gleich alt -die essen das gleiche,haben die gleiche Erziehung,die gleiche Bewegung,….etc. und….das erste Kind ist lang und dünn das zweite normal groß und moppelig!Also… frage ich mich was da dann das Problem ist.Diese Studie hilft da nicht.

#5 |
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Biochemiker

Die Frage stellt sich hier nach der Prima Causa, nach Ursache und Wirkung. Meine Hypothese ist, dass die Kinder auch keinerlei Lust mehr nach Bewegung verspueren. Dies laesst sich leicht verifiziereh, indem man einmal obese Kinder beobachtet. Im Gegensatz zu normalgewichtigen reagieren diese auf Zucker nicht gleichermassen mit dem ‘Zucker-Hype’ und vermehrter Aktivitaet, sondern nahezu indifferent.

Das laesst sich wie folgt erklaeren: Stellen wir uns den Metabolismus des Koerpers mit zwei moeglichen Verarbeitungswegen vor; Der eine bedingt die Speicherung von Energie (Hunger, De-Novo-Lipogenese und reduzierte Aktivitaet) und der andere bedingt, bei gefuellten Energiespeichern, Saettigung und mehr Motilitaet / Verbrauch. Die Moderatoren fuer die beiden Wege sind u.a. Leptin, welches sich im Hypothalamus fuer das Saettugungsgefuehl verantwortlich zeichnet und sympathische Aktivitaet steigert, und Insulin, welches auf dem efferenten Weg den Adipozyten die Einlagerung von Fett signalisiert und die Leptin Sekretion blockiert.

Wenn nun relative Insulin-Resistenz, hervorgerufen durch vermehrte Fetteinlagerung in Leber und Muskeln, entsteht, dann ist 1. der Insulinspiegel erhoeht und 2. wird die Wirkung von Leptin unterdrueckt – in der Folge bleibt das Signal fuer Saettigung und Katabolismus aus, der Patient nimmt nun immer mehr zu sich, hat jedoch auf Grund des absenten Signals im Gehirn kein Verlangen mehr, die Energie zu verbrauchen.

Wie kommt es also zu der Insulin-Resistenz? Eine moegliche Ursache ist, dass viele Nahrungsmittel hohe Konzentrationen an Sucrose / Fruktose enthalten, die im Gegensatz zu Glucose in der Leber nicht zu Glycogen verarbeitet, sondern in vLDL Triglyceride umgewandelt wird. Dies fuehrt unter anderem ueber den JNK1-Pfad (Serin-Phosphorylierung von IRS-1) und folgender Inflammation zu nicht-alkoholischer Steatohepatists und zunehmender hepatozelluraerer Insulin-Resistenz, das Pankreas gibt noch mehr Gas, der Insulinspiegel steigt, die Adipozyten lagern mehr Fett ein und werden ebenso resistent. Die Wege zum metabolischen Syndrom und DBM-II sind dann geebnet.

#4 |
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Diplom-Physiker Achim Lehnert
Diplom-Physiker Achim Lehnert

Nach Spitzers “Digitale Demenz” überrascht mich das nicht.

#3 |
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Luis Caldonazzi
Luis Caldonazzi

Mit gesunden Hausverstand sind die Probleme einsichtig. Neben diesen Studien müsste man die Erzieher auf ihre Verantwortung aufmerksam machen.
Es fehlen Untersuchungen, die die Inhalte des Fernsehprogramms hinterfragen. In der heutigen Zeit müsste man mehr Qualität für Wissen und Bildung aufwenden.
Unterhaltungsprogramme für Kinder sind oft nur dumm.
Luis Caldonazzi

#2 |
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heilpraktikerin Claudia Behrens
heilpraktikerin Claudia Behrens

hallo,

ich glaube das sehr viel mehr Faktoren eine Rolle spielen wie hier genannt.
Warum haben denn dann Kinder die voher keine Probleme hatten wenn sie
in die Schule oder Kindergarten kommen Probleme?

Claudia Behrens

#1 |
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