Mögliche Haftung des Apothekers?

25. März 2014
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Jüngst hatte sich das OLG Köln mit einem Sachverhalt zu beschäftigen, der die Haftung eines Apothekers betraf. Einem Ehepaar wurden von verschiedenen Ärzten Arzneimittel verordnet, dabei der Ehefrau u.a. auch ein morphinhaltiges Medikament.

Der Ehemann, der an einer Demenz leidet, holte diese Tabletten aus der Apotheke ab. In der Folgezeit nahm er zwei Tabletten hiervon ein, woraufhin ihm übel wurde und er erbrach. Die Ehefrau forderte einen Rettungswagen an. Der Ehemann wurde ins Krankenhaus verbracht. Nach primärer stationärer Versorgung wurde er in eine Abteilung für Gerontopsychiatrie verlegt unter den Diagnosen „Organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund Gehirnkrankheit“ sowie „Demenz“. Einen Monat später wurde der Kläger in eine Pflegeeinrichtung verlegt.

Schadensersatz von der Apotheke

Nunmehr begehrte der Ehemann (Kläger des hiesigen Verfahrens) Schadensersatz von der Apotheke, weil ihm – anders, als von ihm intendiert gewesen – in der Apotheke dasjenige Arzneimittel ausgehändigt worden sei, welches für seine Ehefrau verordnet worden sei. Er habe nur eigene Arzneimittel erhalten wollen. Erst hierdurch sei eine Fehleinnahme möglich geworden, durch welche sich sein Gesundheitssituation verschlechtert habe.

Der beklagte Apotheker wandte sich hiergegen und teilte mit, Zweck des Besuches des Klägers in der Apotheke sei die Entgegennahme der verordneten Arzneimittel auch für dessen Ehefrau gewesen. Nur das Morphin für die Ehefrau des Klägers hätte nämlich bestellt werden müssen. Hierdurch begründete es sich, dass der Kläger nochmals – nachdem die ihm persönlich verschriebenen Arzneimittel bereits anlässlich dessen früheren Besuches ausgehändigt worden seien – in der Apotheke vorstellig wurde und dabei (nur) das Morphin-Präparat ausgehändigt erhielt.

Das Landgericht hatte die Ehefrau des Klägers sowie den beklagten Apotheker persönlich angehört und die Klage abgewiesen. Hierbei ging es um die Frage, ob eine Pflichtverletzung vorliege, weil der Apotheker das Arzneimittel einem anderen ausgeliefert hatte als derjenigen Person, für die es verordnet worden war. Diese Frage hat das Gericht verneint. Gerade weil der Kläger, obwohl ihm die „eigenen“ Arzneimittel schon ausgehändigt worden waren, erneut in der Apotheke vorstellig geworden war, hätte er nicht mit einer Verwechslung rechnen müssen; vielmehr wusste er, dass es sich (nur) um die Arzneimittel seiner Ehefrau handelte. Mangels Pflichtwidrigkeit seien im Übrigen Fragen zur Kausalität nicht mehr zu diskutieren gewesen.

Verurteilung des Apothekers

Hieraufhin begehrte der Kläger weiterhin die Verurteilung des Apothekers – nunmehr in der Berufungsinstanz. Auch diese ist aber vom OLG als unbegründet abgewiesen worden. Dabei nahm das Gericht folgendes an:

„Es kann nicht angenommen werden, dass zumindest aus der Sicht des Klägers eine Medikamentenverwechselung vorlag, also dem Kläger das für seine Ehefrau bestimmte Morphin nach den Erklärungen und Umständen, die bei seinem Besuch oder seinen Besuchen in der Apotheke des Beklagten abgegeben wurden oder bestanden, als das für ihn bestimmte (Prostata-) Medikament übergeben wurde. Der Kläger vermag die Behauptung des Beklagten nicht zu widerlegen, der Kläger habe (auch) das für seine Ehefrau bestimmte Medikament in Empfang nehmen wollen und sei bei der Ausgabe des Morphins zusätzlich darauf hingewiesen worden, dass es sich um ein für seine Ehefrau bestimmtes Medikament handele. Beweismittel für den Geschehenshergang in der Apotheke stehen ihm nicht zur Verfügung. Wie er selbst vorträgt, kann er sich infolge seiner Erkrankung zu dem streitigen Vorgang nicht mehr äußern. Der Vortrag, den seine Ehefrau für ihn in den Prozess eingeführt hat, beruht lediglich auf Rückschlüssen aus dem ihr bekannten zeitlichen und äußeren Hergang, was nichts über die Erklärungen und Umstände in der Apotheke besagt. Dass der Vortrag des Beklagten in Teilen kaum richtig sein kann – … – lässt dem Kläger günstige Schlüsse ebenfalls nicht, schon gar nicht mit der erforderlichen Sicherheit zu. Auch wenn der Kläger zunächst nach seinem eigenen Medikamenten fragte und dann am folgenden Tag ein weiteres Mal in der Apotheke erschien, kann er die Aushändigung des für seine Ehefrau bestimmten Morphins an ihn erbeten haben.“

Fernerhin hat das OLG dann noch Fragen zur Bevollmächtigung bzw. Abholberechtigung thematisiert. Dabei solle – so das Gericht – durch die Unterwerfung von Arzneimitteln unter die Verschreibungspflicht sichergestellt werden, „dass Präparate, deren Anwendung mit besonderen Risiken verbunden ist, nicht ohne vorherige ärztliche Anordnung abgegeben werden (…). Sie sollen nur von Personen eingenommen oder verwendet werden, bei denen ein Arzt die Indikation geprüft und bejaht hat, während ein Gebrauch des Präparats durch Personen verhindert und vermieden werden soll, bei denen die Anwendung nicht indiziert ist. Für verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, gilt nichts anderes.“

Dieser Schutzrichtung wird aber auch ausreichend Genüge getan bei Übergabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel an volljährige Angehörige. Eine hierzu immer einzufordernde schriftliche Vollmacht wäre nach Ansicht des OLG weder praktikabel noch ist dies notwendig. Im Übrigen würde auch hierdurch keine 100%ige Sicherheit erreicht, weil die Zuverlässigkeit eines – auch schriftlich bevollmächtigten – Angehörigen nicht in jedem Falle sicher eingeschätzt werden kann; zudem seien Medikamentenverwechslungen im häuslichen Umfeld auch hierdurch nicht ausgeschlossen.

Medikamentenfehleinnahme verneint

Obwohl LG Bonn und OLG Köln in der vorliegenden Konstellation eine Einstandspflicht des Apothekers für – behauptete – negative Folgen aus einer Medikamentenfehleinnahme verneint haben, so zeigt die diesbezügliche Rechtsprechung doch deutlich, dass bei Aushändigung von (verschreibungspflichtigen) Arzneimitteln in der Apotheke mit einer hohen Sensibilität vorgegangen werden muss, was die Annahme der Berechtigung des Abholers angeht. Bestehen Zweifel hieran, so darf das Arzneimittel nicht ausgehändigt werden.

Dennoch ist der Rechtsprechung im Ergebnis natürlich zuzustimmen, dass bei Entgegennahme von Arzneimitteln durch volljährige Angehörige eines Kunden regelmäßig keine Veranlassung bestehen wird, an deren Berechtigung zur Abholung zu zweifeln. Dies ist aber – letztlich – einer jeweiligen Einzelfallentscheidung vorbehalten.

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2 Kommentare:

Cordula Grimm
Cordula Grimm

Eine korrekte Einschätzung des Abholers von Arzneimitteln für einen Angehörigen ist definitiv nicht einfach, da man den Personen gerade neurologische oder psychische Erkrankungen auch selten ansieht.
Gerade bei einem Morphin liegt es ja auch nahe, dass es für die Ehefrau möglicherweise unzumutbar wäre, das Medikament selbst abzuholen und falls das Medikament vorrätig gewesen wäre, hätten die beiden immernoch zu weit entfernt wohnen können, um es liefern zu können…

Interessant finde ich aber, dass der Mann trotz der Erkrankung noch die Energie für einen Rechtsstreit in zwei Instanzen aufbringen konnte und die Frau, die Ihren Mann sicherlich besser kennt, als der Apotheker und wissen müsste, dass seine Schilderungen nicht korrekt sind bzw. es unklug war, ihn überhaupt zu schicken, ihn nicht davon abgehalten hat…

#2 |
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›Der Ehemann, der an einer Demenz leidet, holte diese Tabletten aus der Apotheke ab.‹
Alleine dieser Satz sagt alles aus. Fernerhin:
›Dass der Vortrag des Beklagten in Teilen kaum richtig sein kann – … – lässt dem Kläger günstige Schlüsse ebenfalls nicht, schon gar nicht mit der erforderlichen Sicherheit zu.‹
Soll dies in der Praxis bedeuten, dass ein Apotheker einen ›Kognitiven Status‹ des Abholers erheben muss? Oder soll demnächst auf dem Rezept der Vermerk ›Nur Selbstabhohler bzw. ärztlich /gesetzlich authorisierter Abhohler‹ stehen?
(NB: In der Regel kennt ein Apotheker seine Patienten.)

#1 |
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