Grippe: Tiefschläge im Beratungsgespräch

21. März 2014
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Komplexe Grippemittel stehen seit einiger Zeit in der Kritik. Pharmakologen raten, besser Monopräparate abzugeben, die zum vorherrschenden Symptom passen. Kunden lassen sich jedoch vom aggressiven Marketing ködern – und Apotheker beraten nicht immer lege artis.

Alle Jahre wieder benötigen Patienten medikamentöse Hilfe bei grippalen Infekten. Grund genug für Ipsos Loyalty, Testkäufer in bundesweit 50 Apotheken zu schicken. Sie simulierten Symptome eines grippalen Infekts und wünschten sich ein geeignetes Mittel.

Komplexmittel hoch im Kurs

Ipos fand heraus, dass Apotheker bei Grippesymptomen an erster Stelle Kombipräparate (60 Prozent) empfehlen. Signifikante Unterschiede, welches Produkt das Beste sei, gab es jedoch nicht. Dann folgten Schmerzmittel – seltener Markenpräparate (10 Prozent) als Generika (20 Prozent). Darüber hinaus zeigten sich Defizite bei der Beratungsqualität: Nur jeder fünfte Kunde wurde auf Wechselwirkungen und Nebenwirkungen hingewiesen. Bei einem Viertel der Testkäufe fragten Apotheker beziehungsweise PTA nach chronische Krankheiten. Auch erkundigten sich 14 Prozent des pharmazeutischen Personals nicht, welche Symptome vorherrschen. Vielmehr wurde gleich ein bestimmtes Grippemittel empfohlen. In zehn Prozent der Testkäufe wurde auf die Frage, welche Mittel nicht eingenommen werden sollten, von Kombinationspräparten abgeraten, in 18  Prozent von Analgetika-Monopräparaten.

„Frontal21“ hakt nach

Das ZDF-Format „Frontal21“ kommt jetzt zu ähnlichen Ergebnissen. Pseudocustomer besuchten insgesamt 21 Apotheken mit vermeintlichen Kopf- und Gliederschmerzen, mit Halsweh oder Husten. Davon gaben 17 bei den geschilderten Beschwerden Kombipräparate ab. Laut Professor Dr. Gerd Glaeske, Universität Bremen, hätten entsprechende Arzneimittel den Nachteil, „dass mehrere Wirkstoffe kombiniert werden, die ich nicht unbedingt gleichzeitig brauche“ – unerwünschte Wirkungen inklusive.

Umstrittenes Marketing

Das Problem ist noch schwieriger. Patienten kommen häufig mit einem Präparatewunsch in die Apotheke, der Werbung sei Dank. Bei Erkältungspräparaten gelten Grippostad C (30 Prozent Marktanteil), Aspirin Complex (28 Prozent) und Wick MediNait (16 Prozent). Apotheker hatten Wick MediNait bei einer Umfrage des  Bundesverbands Deutscher Apotheker (BVDA) zum Medikament des Jahres 2014 gekürt. Von 305 befragten Apotheken hielten 65 Prozent das Präparat für geeignet, weil Kombinationspräparate „sinnvoll beim Vorliegen des gesamten Symptomkomplexes“ seien. Zwar handelt es sich bei allen erwähnten Befragungen und Testkäufen um kleine, willkürliche Stichproben. Dennoch sollte niemand den Kopf in den Sand stecken.

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2 Kommentare:

christine grossmann
christine grossmann

Ich bin diese hetzerische Kamgagne so satt. Sie wird auch nicht besser wenn ein Professor Glaeske noch die Meute antreibt. Macht nur weiter so und Ihr werdet bald ernten was Ihr sät. Dann kommt das grosse Erwachenund das Internt bedient Euch und informiert kostengünstig über Neben- und Wechselwirkungen. Vielleicht nicht im Nachtdienst aber sicher eine Woche später. Christine König-Grossmann, Apothekerin

#2 |
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Apotheker

Vielleicht geht es vielen Kollegen wie mir:
sie nehmen auch selbst diese “bösen” Kombinationspräparaten, weil sie gut wirken!
Dr. Norbert Dörr

#1 |
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