Abgabeterminals: Apotheker aus der Box

27. Juli 2012
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Um Apothekenterminals war es still geworden, seit Richter vor knapp zwei Jahren enge Grenzen abgesteckt hatten. Jetzt folgt die nächste Runde: In Rheinland-Pfalz startet ein neues Modellprojekt – mit tatkräftiger Unterstützung der Landesregierung. Gut für Patienten – gut für Apotheker?

Die Idee: Abgabeterminals, etwa „Visavia“ von Rowa, sollen Kunden auch jenseits der regulären Öffnungszeiten von Apotheken mit Arzneimitteln versorgen. Anders als beim ehemaligen „CoBox“-Modell der mittlerweile insolventen CoBox-AG setzt Rowa auf das Visavia-System. Dieses wird von Technikern direkt an Apotheken montiert, mit Zugriff auf interne Kommissionierautomaten. Kunden können OTCs, Rx-Präparate sowie apothekenübliche Produkte erwerben. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Ausgebremst

Bereits im Juni 2010 befasste sich das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) mit Apothekenterminals – und hielt die damals marktübliche Firmenlösung für „weitgehend unzulässig“. In ihrer Urteilsbegründung sahen Richter vor allem zwei Problemfelder: Bei Rx-Präparaten genüge das Procedere nicht allen gesetzlichen Dokumentationspflichten des Apothekers. Dieser müsse Angaben auf dem Rezept abzeichnen beziehungsweise Änderungen gegebenenfalls unterschreiben. Der nächste Knackpunkt betraf personelle Fragen: Außerhalb regulärer Öffnungszeiten sprang eine Service-GmbH mit eigenen Approbierten ein, um Kunden über Videokonferenz-Schaltungen zu beraten. Das Apothekengesetz verpflichtet Inhaber jedoch zur persönlichen Leitung in eigener Verantwortung. Laut BVerwG lässt sich diese Verantwortung nicht einfach übertragen, da Apotheker keine Weisungsrechte gegenüber Angestellten einer Serviceagentur haben. In diesem Fall waren für die Richter sogar Einschränkungen der Berufsausübungsfreiheit entgegen Artikel 12 Absatz 1 Grundgesetz legitim – mit ausdrücklicher Billigung des Gesetzgebers, um Arzneimittel sicher abzugeben.

Visavia light

Trotzdem gingen diverse Terminals an den Start, wenn auch nur mit eingeschränktem Funktionsumfang. Apotheken boten an, Bestellungen Tag und Nacht abzuholen – in Summe ein wertvoller Service für beruflich stark eingespannte Kunden. Mit der Novelle zur Apothekenbetriebsordnung kommen weitere Einschränkungen hinzu: Der Gesetzgeber hat sich klar zur Beratungspflicht bekannt. Damit sind Lieferungen respektive Abholungen ohne Beratung nur möglich, sollte bereits ein Gespräch stattgefunden haben. Das Bundesministerium für Gesundheit hat zwar primär Botendienste im Visier, schließt andere Formen jedoch nicht aus.

Neues Spiel – neues Glück

Jetzt will es Rowa noch einmal wissen – mit einem Modellprojekt in Rheinland-Pfalz. Die Firma hat kritische Punkte nachgebessert: Kunden scannen ihr Rezept direkt am Terminal. Ein Bedrucken ist zum Zeitpunkt der Medikamentenabgabe möglich, inklusive elektronischer Signatur. Auch der Beratungspflicht wird Rechnung getragen: Via Bildschirm steht der Inhaber oder eine berechtigte Vertretung zur Seite. Patienten können damit Arzneimittel auch außerhalb der Öffnungszeiten ihrer wohnortnahen Apotheke beziehen, ohne entfernte Notdienstapotheken aufzusuchen. „Mit dem Modellprojekt wollen wir testen, ob die Abgabe über ein Terminal eine sinnvolle und qualitätsgesicherte Ergänzung für die Bürger und Bürgerinnen auf dem Land sein könnte“, sagt Malu Dreyer (SPD), Gesundheitsministerin von Rheinland-Pfalz. Sie konnte die Universitäten Trier und Mainz mit in das Boot holen – um Ergebnisse der Pilotphase zu evaluieren.

Momentan testen allerdings nur vier Apotheken das Terminal, und zwar in Daun, Osthofen, Bodenheim und Haßloch. Sie betreiben Visavia während ihrer regulären Öffnungszeiten, um Patienten an die Technik zu gewöhnen. Ab September folgt die nächste Phase mit Servicezeiten von Montag bis Samstag von 06.00 Uhr bis 22.00 Uhr. Ob mit einer Hand voll Apotheken wirklich valide Daten zum Nutzerverhalten generierbar sind, wird sich zeigen. Erschwerend kommt laut Apothekerverband Rheinland-Pfalz hinzu, dass an den ausgewählten Standorten keine Mangelversorgung erkennbar ist.

Alle gegen alle

Zwar betont Dreyer, sie baue bei der Medikamentenversorgung in ländlichen Gebieten „in erster Linie auf unsere Apotheken“. Für Kollegen bleiben dennoch Fragen: Stellen Abgabeterminals den Notdienst infrage, wenn mehr und mehr Inhaber entsprechende Systeme betreiben? Vor allem kleinere Apotheken, die nicht in ein Abgabeterminal plus Kommissioniersystem investieren, stehen während Nacht- und Notdienst vielleicht ohne Kunden da. Bereits jetzt sind Dienstbereitschaften laut Karl-Heinz Resch, ABDA-Geschäftsführer Wirtschaft, Soziales und Verträge, ein mehr als defizitäres Geschäft: Dem Ertrag von acht Millionen Euro Gebühren plus 45 Millionen Euro packungsbezogenem Rohertrag stehen 245 Millionen Euro Personalkosten gegenüber.

In Summe führt das Jahr für Jahr zu einem Fehlbetrag von 192 Millionen Euro. Andererseits verursachen Terminals hohe Kosten im laufenden Betrieb – allein schon durch die Personenstunden eines Apothekers. Den verständlichen Wunsch, Notdienste von zu Hause aus zu leisten, wird Visavia nicht erfüllen: Laut Apothekenbetriebsordnung muss sich der Apothekenleiter oder eine vertretungsberechtigte Person „in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Apothekenbetriebsräumen“ aufhalten und „ jederzeit erreichbar“ sein“. Auch Standesorganisationen melden sich jetzt zu Wort.

Kritik aus Rheinland-Pfalz

Theo Hasse, Vorsitzender des Apothekerverbandes Rheinland-Pfalz, war mehr als erstaunt, als er durch die Presse von Malu Dreyers Aktion im eigenen Kammerbezirk erfuhr. Der Standesvertreter möchte jetzt vom Ministerium wissen, „welche Fakten die Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts, Abgabeterminals zu verbieten, außer Kraft gesetzt hätten“. Große Bedenken sieht er auch hinsichtlich der neuen Apothekenbetriebsordnung mit strengen Regelungen zu Beratung sowie Arzneimittelabgabe. Umso erstaunter ist Hasse über den Probelauf von „Selbstbedienungsautomaten“. Genau das sind Visavia-Terminals streng genommen nicht, dennoch gibt es kritische Punkte: Wie sollen Apotheker den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Inhalatoren oder Insulinspritzen per Video erklären? Und wie ist künftig mit heiklen Produkten umzugehen, Stichwort BtMs? Juristisch wäre ebenfalls zu klären, ob Ladenschlussgesetze der Länder greifen.

Zwischen Nutzen und Aufwand

Ein Fazit aus der kontroversen Debatte: Kunden profitieren zweifelsohne von der längeren, wohnortnahen Versorgung mit Arzneimitteln. Für Apothekeninhaber bleibt zu prüfen, ob sich hohe Investitionen und Personalkosten wirklich amortisieren. Und nicht zuletzt: Malu Dreyer sieht Abgabesysteme für schlecht erschlossene Regionen vor. Genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Fehlen Apotheken, wird es auch keine Terminals geben. Sind kleine Landapotheken vorhanden, reicht deren Umsatz für derartige Investitionen oft nicht aus.

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Pharmazie

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8 Kommentare:

Peter Brunsmann
Peter Brunsmann

@ ingo Müller
Ja ich sehe schon in eine rosige Zukunft. Meine Mitbewerber werden dann etwas schneller verschwinden , ich kann endkich die Preise erhöhen…. Das Personal das dann frei wird brauche ich dann im Verhältnis 1:4.Endlich kein Fachkräftemangel mehr, was meine Lohnkosten senkt! Da ich ja genug Bewerber habe! Und die Leute auf dem Land versorge ich mit meinem FilialLKW.
Ingo so machen wir’s.

#8 |
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Ingo Müller
Ingo Müller

@Peter Brunsmann

Aber sicher würden die Kassen sparen, hätten wie weniger Apotheken. Dann hätte jede Apotheke halt mehr Packungen über den Tisch zu schieben und dann könnte man das s.g. Beratunghonorar senken, anstatt es wie geplant zu erhöhen. Dann wären die verbeibenen Apos halt ein paar Prozent besser ausgelastet. Heute ist es doch so, spätestens eine Stunde nachdem die Praxen geschlossen haben, herrscht in den Apos gähnende Leere, mit Ausnahme der Center-Apotheken. Mittwoch und Freitag Nachmittag ist doch überall tote Hose. Durschnittlich gibt es in den Städten alle 150-250 Meter eine Apotheke, ein dreimal so langer Weg ist nun tatsächlich nicht das Problem.

@ Bodo Schmitz-Urban

Selbstverständlich halten wir die rieseige Anzahl von Apotheken künstlich am Leben. Das zugewiesene Honorar pro Packung reicht nicht, also wird es erhöht. Genkt werden müßte es und die Packungen pro Apotheke müßten erhöht werden, in dem eine natürlich Ausleese stattfindet.
Wenn drei Händler auf einem Fleck zu wenig Kunden haben, können die auch nicht die Preise erhöhen, damit die Kasse wieder stimmt. Da verschwinden dann eben zwei. Nur bei den Apos darf das anscheinend nicht sein.

#7 |
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Hier sägt der Apotheker wie schon öfter an seinem eigenen Ast…hat das denn noch niemand erkannt. Sobald die Automaten erst richtig laufen, werden die Apotheker ausgebotet. Die Krankenkassen freuen sich und ganz besonders der Hersteller der Automaten.

#6 |
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Kaum hat Beck die Firma ROWA in Kelberg besucht, wird ein Pilotprojekt unter Umgehung des BVerwG-Urteils gestartet.Kelberg liegt in Sichtweite des Nürburgrings. Beck scheint von der Gegend angezogen zu werden. Einen Nebeneffekt dürfte das Pilotprojekt haben, wenn es im Revisionsverfahren der Apothekerin Sandra G. zur Sprache kommt.

off topic: zur viralen Weiterverbreitung empfohlen:

http://www.youtube.com/watch?v=70M0VR_P7U0

#5 |
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Angestellter Apotheker

@2 Hätten wir holländische Verhältnisse könnten nicht nur die Arzneimittel günstiger sein (7% anstatt 19% MwSt), sondern das Apotehekenpersonal könnte adäquat verdienen (da mehr Einwohner pro Apotheke).

Der Kuchen bleibt gleich groß, ob 10 oder 20.000 Apotheken.

In dem System läuft tatsächlich einiges schief, aber künstlich am Leben gehalten wird nun wirklich keine Apotheke.

#4 |
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Peter Brunsmann
Peter Brunsmann

So nochmal zum mitschreiben!!!
Die Krankenkassen würden keinen Cent sparen, gäbe es nur 8000 Apotheken in Deutschland.
Der Kunde müsste nur 3x solange fahren!!
Die Patienten danken schon mal Herrn Müller für die langen Wege.

#3 |
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Ingo Müller
Ingo Müller

Hätten wir holländische Verhältnisse, gäbe es bei uns nicht an jeder Ecke drei Apotheken, sondern nur ca. 8000 anstatt der 21442 Apotheken. Es ist auch nichts bekannt, das in Holland die Menschen an Medikamentenunterversorgung sterben. Wir leisten es uns, eine total aufgeblähte Branche, künstlich am Leben zu erhalten. Warum dürfen Apotheken nicht sterben, wenn sie nicht mehr klar kommen, so wie andere Branchen auch?

#2 |
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Hermann Knoche
Hermann Knoche

Warum darf man Rezepte nach Holland schicken und Sie im Drogeriemarkt abholen? Was ist da mit der Beratungspflicht?
Oder es gibt Apotheken mit 125 Millionen Umsatz bei 5 angestellten Apothekern. Da wird jedes ABGABE von einem Apotheker überwacht?

#1 |
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