Postpartale Depression: Prognose per Biomarker

20. März 2014
Teilen

Etwa jede siebte Frau leidet nach der Geburt eines Kindes unter einer Wochenbettdepression. Neu entdeckte Biomarker sollen das Erkrankungsrisiko während des dritten Trimesters vorhersagen und so die Behandlung der betroffenen Frauen verbessern.

Bis zum Erwachsenenalter leiden Jungen und Mädchen etwa gleich häufig unter Depressionen. Nach der Pubertät sind Frauen jedoch durchschnittlich doppelt so häufig von der Erkrankung betroffen wie Männer. Dabei ist das Risiko für Frauen, eine Depression zu erleiden während der Phasen hormoneller Schwankungen am größten. Zu den kritischsten Lebensphasen in diesem Zusammenhang gehört die Geburt eines Kindes. Eine sogennante Wochenbettdepression trifft 13 Prozent der Mütter und ist mit negativen Auswirkungen auf das Leben von Mutter und Kind verbunden.

Vielfältige Auslöser

Ein kurzes Stimmungstief trifft zwar 70 Prozent der Frauen kurz nach der Geburt eines Kindes, dieser Zustand normalisiert sich aber nach einigen Tage von selbst wieder. Erst wenn die negativen Gefühle wie Verzweiflung, Angst, Aggressionen, Hoffnungslosigkeit und die Schwierigkeit, eine Mutter-Kind Beziehung aufzubauen, auch sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt noch anhalten, spricht man von einer postpartalen Depression. Die Auslöser dafür sind vielfältig: Bisher wurden insbesondere biologische, psychologische oder soziale Risikofaktoren wie Veränderung des Hormonlevels, Drogenmissbrauch, Stress, eine unglückliche Ehe oder familiäre Gewalt festgehalten. Neben diesen Umwelteinflüssen scheinen allerdings auch angeborene, genetisch bedingte Faktoren einen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko an einer Wochenbettdepression zu haben.

Postpartale Depression oft unbehandelt

Eine Wochenbettdepression kann schwerwiegende Folgen haben: Schlimmstenfalls kommt es zu Alkohol- oder Drogenmissbrauch und Selbstmordgedanken. Kinder der Betroffenen leiden oft unter Schlafstörungen, verzögertem Wachstum oder Fehlernährung. Sie haben ein erhöhtes Risiko später selbst Depressionen oder Erkrankungen der Atem- und Verdauungswege zu bekommen sowie sozial auffällig zu werden. „Trotz dieser möglichen, schwerwiegenden Folgen bleibt eine postpartale Depression oft unbehandelt, da unerfahrene Mütter die Symptome auf den allgemeinen Stress einer Geburt oder die neue Lebenssituation schieben“, berichtet Elisabeth Binder, Direktorin der Abteilung Translationale Forschung am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. „Zudem können viele betroffene Frauen wegen Geldmangels, sozialen Drucks oder fehlender familiärer Unterstützung keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“

In Zusammenarbeit mit ihrem Forscherteam hat Binder nun Biomarker gefunden, anhand derer bereits vor der Geburt Risikopatientinnen erkannt und dann entsprechend begleitet werden können. Dazu haben die Wissenschaftler Blutproben von 62 Frauen aus dem ersten und dritten Schwangerschaftsdrittel untersucht. Die Probandinnen waren zuvor anhand ihrer medizinischen oder sozialen Vorgeschichte als Risikopatientinnen eingestuft worden, da sie bereits vor der Schwangerschaft unter einer schweren Depression oder einer uni- oder bipolaren Störung litten.

Biomarker im dritten Trimester am aussagekräftigsten

Von diesen 62 Frauen entwickelten 17 tatsächlich eine postpartale Depression, 28 blieben symptomfrei und 17 waren dauerhaft depressiv. Ein Vergleich der Blutanalysen ergab, dass bei Frauen, die später an einer Depressionen litten, 116 Gene (von mehreren tausend, die untersucht wurden) anders abgelesen wurden als bei gesunden Probandinnen. Die Wissenschaftler benutzten diese Gene nun als Biomarker und konnten mit ihnen in 88 Prozent der Fälle mit Blutproben aus dem dritten Schwangerschaftsdrittel korrekt vorhersagen, ob eine Probandin an einer postpartalen Depression erkranken würde. Eine Untersuchung von weiteren 24 Frauen im dritten Schwangerschaftsdrittel kam zum selben Ergebnis. Im ersten Trimester waren die Biomarker mit 72 Prozent korrekten Vorhersagen etwas weniger aussagekräftig.

Spezifität der Biomarker

Zu den 17 Frauen, die eine Wochenbettdepression erlitten, gehörten auch Frauen, die zuvor an einer uni- oder bipolaren Störung erkrankt waren. Um auszuschließen, dass die Biomarker vorherige psychologische Diagnosen erfassen, betrachteten die Wissenschaftler diese Gruppe von Frauen noch einmal separat. Doch die Trefferquote der Vorhersage war nahezu gleich wie in der Gesamtgruppe: 89 Prozent der Patientinnen mit einer unipolaren Depression und 85 Prozent der Frauen mit einer bipolaren Störung wurden über die Biomarker korrekt eingeschätzt. Selbst als die Wissenschaftler die Frauen mit komorbiden Angstzuständen während der Schwangerschaft statistisch aussortierten, blieben die 116 Gentranskripte signifikant und die Vorhersagekraft der Biomarker bei 88 Prozent.

Depression oder postpartale Depression?

Um sicher zu gehen, dass die 116 Transkripte auch tatsächlich eine Vorhersagekraft zur Entstehung einer postpartalen Depression haben und nicht etwa eine Depression per se prognostizieren, verglichen die Wissenschaftler die betreffenden Genaktivitäten im dritten Trimester von dauerhaft depressiven Schwangeren mit denen, die erst nach der Geburt eine Depression entwickelten. „42 Gene wurden bei den dauerhaft depressiven Schwangeren anderes abgelesen als bei den nicht depressiven Schwangeren. Keines dieser Gene gehörte jedoch zu den 116 Transkripten, die wir zuvor als Biomarker identifiziert haben“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Publikation.

Östrogensensibilität als Auslöser?

„Von den über 100 identifizierten Genen hängen rund 34 Prozent überraschenderweise mit Vorgängen zusammen, die durch das weibliche Sexualhormon Östrogen reguliert werden“, erklärt Divya Mehta, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie und Erstautorin der Studie. „Zwar lag der Östrogenspiegel im Blut aller Probandinnen ähnlich hoch, aber Frauen, die später eine postpartale Depressionen entwickelten, schienen stärker auf Östrogen-vermittelte Signale zu reagieren.“ Dass Östrogen einen Einfluss auf die Gemütslage haben kann, ist bereits bekannt. Möglicherweise reguliert das Hormon die Menge des Glückshormons Serotonin im Gehirn. Bei Frauen mit erhöhter Östrogenempfindlichkeit könnte demnach das Absenken des Östrogenlevels nach der Geburt einen verstärkten Serotoninmangel im Gehirn auslösen und die Gemütslage negativ beeinflussen. Dank der neuen Biomarker könnten Mediziner in Zukunft das Erkrankungsrisiko an einer postpartalen Depression bereits vor der Geburt vorhersagen.

62 Wertungen (4.63 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

10 Kommentare:

Ärztin

Ja, die Beschreibung entspricht dem postpunktionellen Syndrom und dagegen kann man auch etwas machen. Was mich wundert ist, dass dieses nicht erkannt und als Depression missgedeutet wurde. Sowohl die Patientin hätte bei der Aufklärung auf dieses Syndrom mit seinen Symptomen hingewiesen werden müssen als auch die Kollegen hätten das Syndrom sofort erkennen müssen.
Als Kommunikationsproblem würde ich das eher nicht bezeichnen. Als Arzt muss man das Krankheitsbild, vor allem so ein typisches wie das postpunktionelle Syndrom auch erkennen können wenn sich der Patient laienhaft ausdrückt. Im Zweifelsfall muss man sich etwas mehr Zeit nehmen um das “Rätsel” zu lösen.
Die ärztliche Reaktion war im beschriebenen Fall schlicht inkompetent.

Auch Patientinnen mit postpartaler Depression profitieren von Zuwendung. Eine sehr gute Lösung wäre der enge Kontakt mit einer betreuenden Hebamme in den ersten Wochen postpartal. Wir dürfen nicht vergessen, dass anders als früher der “modernen” jungen Mutter meist keine Familie mehr in den ersten postpartalen Wochen beisteht. Passagere benigne postpartale Verstimmungen können familiär abgefangen werden, schwerwiegende Depressionen können mit familiärem Beistand zumindest rechtzeitig erkannt und abgefangen bzw einer Therapie zugeführt werden.

#10 |
  0
Diane-Stefanie Jäger
Diane-Stefanie Jäger

Wurde nicht vielleicht ein postpunktionelles Syndrom diagnostiziert und es handelte sich um ein Kommunikationsproblem?

#9 |
  0
Ärztin

Gast#7 Ja, so idt das. Zudem müssen die Risiken aufgeklärt werden. Die beschriebenen Symptome zu beprechen gehört in jede PDA-Aufklärung. Aber…..es gibt Häuser, da stechen (bzw stachen früher) die Gynäkologen selbst die PDA. In diesem Fall kann ich mir eine gewisse Verwirrung bei Komplikationen schon vorstellen.
Normal ist das aber nicht.

#8 |
  0
Gast
Gast

@Marie-Theres Kremer, jeder Anästhesist, der eine PDA macht muss das kennen!
… und auch behandeln können!

#7 |
  0
Gast
Gast

genau genommen sind wir alle krank,
wir wissen es nur nicht, wenn meine Frau mich schlägt wenn Sie ihre Regel hat sind das auch sicher die Hormone. Sie muss dann bedauert werden.
Andere Frage:
ist es nicht der fehlende Kinderwunsch?

#6 |
  0
dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Frau Moyses , ich kann Ihnen nur zustimmen ;empfehle allerdings nur auf Biorhythmen abgestimmte Blutuntersuchungen . Speicheltests gehen bestenfalls bei Menschen , die keine Zahnfüllungen oder Versiegelungen haben oder Totalprothesenträgern

#5 |
  0

Sehr geehrte Frau Marie-Theres Kremer, hier nennen Sie eine ganze Anzahl von Dingen, die gemeinhin mit einander zu tun haben können, aber nicht müssen. Dass Sie im menschlichen Umgang, so wie Sie das schildern, nicht adäquat behandelt worden sind, ist gut nachvollziehbar. Dass das aber in unserer Gesundheitsversorgung auch oft vorkommt, ist mitunter systembedingt und auch bekannt. Jedoch bekommt während des Medizinstudiums kein Student laut Lehrplan den Umgang mit Menschen beigebracht. Das muss man schon von zuhause mitbringen. Dass die besten Abiturabschneider (die aufgrund des Numerus clausus die Mediziner der Zukunft sind) auch gleichzeitig ein Übermaß an Empathie mitbringen, die Einschätzung sei jedem selbst überlassen. Dass aber die Arbeit am Menschen jederzeit bestens durchgeführt wird, fordert nicht allein der Hippokratische Eid. Dies sollte selbstverständlich sein, auch was den Umgang miteinander angeht. Dennoch gibt es eine gehörige Anzahl an “guten” Schwestern, Pflegern, Hebammen und nicht zuletzt Ärztinnen und Ärzten, die sich in erster Linie dem Patienten und seiner Gesundheit verschrieben haben. Aber auch diese müssen ihre Brötchen beim Bäcker bezahlen. Ihr Fall zeigt auf, dass eine Menge schief laufen kann und, dass wir alle dazu beitragen können, dass es besser wird.
Zum Thema: Forschung ist in der Regel in allen Bereichen zu begrüßen. Im Besonderen, wenn damit Leid gelindert werden kann. Da die Geburtenzahlen in Deutschland weiterhin rückläufig sind, kann es passieren, dass diesem thema auch weniger Interesse geschenkt wird. Dennoch sind es auch nach meiner Recherche um die 10% der jungen Mütter, die mit diese Zustand konfrontiert sind. Vielleicht kann hier gute Aufklärung aller Mitwirkenden zu einem besseren Verständnis der Situation beitragen. Eine Leitlinie habe ich zu dem Thema Wochenbettdepression Diagnostik und Therapie nicht gefunden. Hat jemand einen Tip?

#4 |
  0
Heilpraktikerin

Ich habe gute Erfahrungen mit der Untersuchung der Hormone im Speichel gemacht und empfehle dann häufig in solchen Fällen die Substitution von bioidentischen Hormoncremes. Wochenbettdepressionen und Postpartale Depressionen können gut mit bioidentischen Hormoncremes abgefangen werden. In einigen Fällen hat sogar der Einsatz von homöopathischen D4-Cremes geholfen. Ich schaue mir immer mind. die Hormone DHEA, Progesteron, Estradiol und Testosteron an. Bei Migränepatienten macht die Untersuchung von Cortisol zusätzlich Sinn.

#3 |
  0
dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

einfach mal den Hormonspiegel checken : FSH, LH, alle Östrogene ( die Frage der sog . Östrogendoninanz ist nicht zielführend ),Dhea,Progesteron u. dann bioidentische Hormone einsetzen , außerdem
müssen die gestörten Zytokinmuster im weitesten Sinne korrigiert werden .

#2 |
  0
Marie-Theres Kremer
Marie-Theres Kremer

Ich habe bei der Geburt meines Sohnes eine PDA bekommen. Einen Tag nach der Geburt litt ich unter höllischen Kopfschmerzen, konnte nicht aufstehen oder essen. Die Ärzte und Hebammen im Krankenhaus waren ratlos und haben eine Neurologin von außerhalb um Rat gefragt. Am Bett wurde und einfach der Begriff portportales Syndrom an den Kopf geworfen. Ich wusste was dies heißt mein Freund nicht und hat nach mehrmaligen Nachfragen auch keine Antwort bekommen. Ich wurde schlicht und einfach als “depressiv” abgestempelt und sollte mich doch mal bitte ein bisschen bewegen. Eine Unverschämtheit! 2 Tage später würde dann diagnostiziert, dass die PDA zu tief war und dadurch die Gehirnflussigkeit abfließ und dadurch mein Gehirn wiederum keinen Puffer hatte.
Meiner Meinung nach wird man viel zu schnell mit ähnlichen Symptomen nach einer Geburt einfach abgestempelt und selbst wenn es so gewesen wäre nicht dementsprechend behandelt. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Wochenbettdepression nicht einfach mit spazierengehen behandelt werden kann! So viel dazu.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: