Weibliche Promiskuität als Evolutionsbeschleuniger

10. März 2014
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Anthropologen ermittelten nun Ursachen für Beschleunigung und Verlangsamung der Evolution von Spermienproteinen des Menschen und anderer Primaten. Die Studienergebnisse könnten neue Ansätze für die Erforschung männlicher Unfruchtbarkeit bieten.

Primaten wie Gibbons oder Schimpansen sind für ihr unterschiedliches Paarungsverhalten bekannt, das von Monogamie bis zu ausgeprägter weiblicher Promiskuität variieren kann. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass sich dieses unterschiedliche Verhalten auch auf genetischer Ebene widerspiegelt. Spermienproteine, die für die Konkurrenzfähigkeit eines Spermiums, seine Schnelligkeit und Bindung an die Eizelle zuständig sind, unterliegen im Laufe der Evolution schnelleren Veränderungen als andere Spermienproteine. Besonders schnell evolvieren sie aber bei Primatenarten, deren Weibchen häufig den Sexualpartner wechseln, wie es beispielsweise beim Gemeinen Schimpansen der Fall ist.

„Dies konnten wir durch den Vergleich der Erbsubstanz von acht Primatenarten, darunter eine Gibbonart sowie der Gemeine Schimpanse, feststellen“, erklärt PD Dr. Holger Herlyn vom Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). „Die weibliche Promiskuität treibt praktisch die Evolution der Spermienproteine von Primaten an.“ Für Schimpansen-Weibchen wird beispielsweise von bis zu acht Sexualpartnern während der fruchtbaren Tage ausgegangen; Gibbon-Weibchen haben dagegen in der Regel nur einen Sexualpartner, nämlich das Männchen, mit dem sie zusammenleben. Die Untersuchungen der Forschergruppe um Herlyn und seine Mitarbeiterin Julia Schumacher liefern außerdem Hinweise darauf, wo nach den molekularen Ursachen für die Abnahme männlicher Fruchtbarkeit zu suchen wäre, die aktuell in westlichen Gesellschaften beobachtet wird.

Die Wissenschaftler der Mainzer Anthropologie forschen seit rund zehn Jahren über die Kräfte, die zu einer Beschleunigung oder Verlangsamung der Evolution führen. „Spontan einsetzende Mutationen können sich im Laufe der Zeit in einer Population ausbreiten oder aber auch wieder ganz verschwinden“, erklärt Herlyn. “Im Grunde genommen geht es bei unserer Forschungsarbeit um die Frage, welche Kräfte zu einer verstärkten bzw. verlangsamten Ausbreitung spontan aufgetretener Mutationen führen.”

Möglicher neuer Forschungsansatz

Während weibliche Promiskuität die Evolutionsrate beschleunigt, führen andere Faktoren zu einer Verlangsamung. So haben die Mainzer Forscher festgestellt, dass Spermienproteine, die am Aufbau oder der Struktur einer Samenzelle beteiligt sind, über alle Arten hinweg langsamer evolvieren. Auf der Suche nach den Ursachen dieser verlangsamten Sequenzevolution entdeckten die Wissenschaftler, dass die Aufbau- und Strukturproteine deutlich mehr Interaktionspartner aufweisen als die „Performance-Proteine“, die für die Konkurrenzfähigkeit zuständig sind. Aufbau- und Strukturproteine hängen in einem verzweigten Netzwerk mit vielen anderen Proteinen funktionell zusammen und interagieren. Sie sind außerdem viel häufiger mit Phosphatgruppen versehen, was ebenfalls die Wichtigkeit des jeweiligen Proteins widerspiegelt – und je wichtiger, desto langsamer evolviert es.

Im Hinblick auf den Rückgang der männlichen Fruchtbarkeit weisen die Ergebnisse eventuell auf einen neuen Forschungsansatz hin. Die stärker konservierten, phosphorylierten Aufbau- und Strukturproteine mit ihren zahlreichen intrazellulären Interaktionspartnern sollten, so die Mainzer Anthropologen, im Fokus stehen, wenn die molekularen Ursachen verminderter männlicher Fruchtbarkeit erforscht werden.

Originalpublikationen:

Mating systems and protein–protein interactions determine evolutionary rates of primate sperm proteins
Holger Herlyn et al.; Proceedings of the Royal Society B, DOI: 10.1098/rspb.2013.2607; 2014

Evolutionary Conservation of Mammalian Sperm Proteins Associates with Overall, not Tyrosine, Phosphorylation in Human Spermatozoa
Julia Schumacher et al.; Journal of Proteome Research, DOI: 10.1021/pr400228c; 2013

32 Wertungen (4.41 ø)

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10 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Jetzt fange bitte niemand an bei über 100.000 Abtreibungen pro Jahr ein Problem aus der Qualität menschlicher Spermien zu machen.

#10 |
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Dr. med. Mirjam Eymard
Dr. med. Mirjam Eymard

bereits vor 20Jahren wurde die zunehmende Sterilität der männlichen Krokodile in den Everglades der viel zu hohen Konzentration an hormonaktiven Substanzen zugeschrieben, allen voran den PVC-Weichmachern und den ausgeschiedenen Metabolen der Antikontrazeptiva. Diese Wasserbelastung hat seither weltweit bedrohliche Ausmasse angenommen. Somit sehe ich die Ursache zunehmender Infertilität der Männer vielmehr darin, zusammen mit der Aufnahme von von hormonverseuchtem Fleisch (v.a.Hühnchen), Genuss Unmengen von raffiniertem Zucker und Fastfood. Da hilft meines Erachtens auch keine Beschleunigung der Spermienmobilität durch die Promiskuität der Frauen. So verschleudert man also Forschungsgelder?

#9 |
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Gast
Gast

@Silke Schuster Sie haben auch recht,
der Beitrag ist aber auch deshalb völliger Schwachsinn, angesichts der Weigerung dieser Weibchen überhaupt Kinder zu bekommen,
noch dazu, weil ja bei Ihnen da auch rel. früh eine biologische Uhr tickt,
im Gegensatz zu Männern.

#8 |
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Ärztin

“weibliche Promiskuität” ist schon sehr provokativ ausgedrückt. Im Klartext ist wohl eher gemeint, dass die schwindende Quantität der Spermienverfügbarkeit eines männlichen Partners in monogamer Beziehung und damit die schwindende Rekombinationsvielfalt einer monogamen Beziehung durch eine poligame Beziehung bei der die Gene eines weiblichen Individuums mit denen mehrerer männlicher Individuen gepaart wird kompensiert werden kann.
Dies ist allerdings auch rein rechnerisch belegbar.
Was mit der genetischen Vielfalt passiert, wenn nur ein männliches Individuum (im Sinne fehlender genetischer Vielfalt) mit extrem vielen weiblichen Individuen verpaart wird kann man am BSE-Skandal erkennen. Hier wurde das Sperma eines einzigen “Superbullen” flächendeckend mit genetisch ähnlichen Kühen verpaart. Sämtliche Nachkommen waren nicht BSE-resistent.
Die gentische Vielfalt der Nachkommen ist tatsächlich größer, wenn ein weibliches Exemplar mit mehreren genetisch unterschiedlichen männlichen Exemplaren verpaart wird.
Auf den Menschen bezogen würde dieses Verhalten als weibliche Promoskuität bezeichnet werden.
Da bei den Menschen auch bei den Frauen die genetische Vielfalt größer ist als bei Milchkühen eines Zuchtbetriebes, müssen sie sich nicht promisk verhalten um die genetische Vielfalt zu erhalten.
Immerhin fördert sowohl männliches als auch weibliches promiskes Verhalten die genetische Vielfalt diverser Krankheitserreger.

Heute wird wieder

#7 |
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Gast
Gast

nee, nee, @Köhler Heinz Tierarzt,
hier steht wissenschaftlich fest,
es sind nur die unmoralischen Frauen!

#6 |
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Köhler Heinz Tierarzt
Köhler Heinz Tierarzt

Schließe mich der Einschätzung von Frau Staiber an und möchte zusätzlich folgendes zu bedenken geben:
Dass europaweit die Qualität der Spermatozoen /ml Ejakulat bei jungen Männern während der letzten zehn Jahre etwa deutlich gesunken ist, würde ich nicht mit Promiskuität von Frauen in Zusammenhang bringen, sondern überlegen ,ob denn nicht das tägliche Herumtragen von Funktelefonen in der Hosentasche von jungen Männern eher die Qualität der Spermatozoen negativ beeinflussen könnte…………..

#5 |
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Ärztin

Was will der Autor sagen? beim Überfliegen des Artikels würde ich denken, dass die Spermienqualität in einer Hinsicht steigt, wenn Frauen mehrere Sexualpartner haben (in anderer Hinsicht wohl nicht). Die Kommentare sind bisher wirr… es wissen wohl auch andere nicht was damit anfangen…

#4 |
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Gast
Gast

bravo doccheck, habe wir also jetzt auch den chemischen Beweis,
dass sich Treue für die Qualität der Kinder lohnt.
zu #2,
natürlich ganz am Ender der Skala,
schlechteste Spermien, wenn noch welche da sind,
und hohes Infektionsrisiko!

#3 |
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Dr. med. Jens Freiburg
Dr. med. Jens Freiburg

ich bin schwul und auch sehr promisk. wie passt das denn in das schema?

#2 |
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Heilpraktikerin

Als Mutter von einem Sohn, hatte ich mal die Windeln in Verdacht.
Die Hitzeentwicklung in einer Windel ist nicht zu unterschätzen.

#1 |
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