Brustkrebs-Bestrahlung: Einfach schlägt mehrfach?

13. März 2014
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Brustkrebs-Patientinnen mit niedrigem Risiko für ein Lokalrezidiv profitieren von einer einmaligen Bestrahlung während der OP. In einer Studie konnten Wissenschaftler zeigen, dass mit dem neuen Verfahren ähnliche Erfolge zu erzielen waren wie mit einer mehrwöchigen Post-OP-Bestrahlung.

Die brusterhaltende Operation ist bei einem lokal begrenzten Mammakarzinom normalerweise die Methode der Wahl. Ärzte entfernen bei den Patientinnen den Tumor und zur Sicherheit einen Randsaum des angrenzenden gesunden Gewebes. Anschließend erhalten die Patientinnen eine Strahlentherapie, um einzelne Tumorzellen zu vernichten, die eventuell nach der Operation in der Brust zurückgeblieben sind. Dabei müssen sich die Frauen über mehrere Wochen täglich einer Bestrahlung unterziehen. Nun zeigt eine Langzeitbeobachtung von Patientinnen, dass eine gezielte einmalige Strahlenbehandlung direkt im Anschluss an die chirurgische Entfernung des Tumors eine Alternative zum bisher üblichen Verfahren sein kann. Im Rahmen der internationalen TARGIT-Studie verglichen Wissenschaftler weltweit in 33 Zentren die beiden strahlentherapeutischen Methoden. Wie Professor Frederik Wenz und seine Kollegen im Fachjournal The Lancet nun berichten, unterschieden sich bei beiden Verfahren Rückfallquote und Sterberate aufgrund von Brustkrebs nur unwesentlich.

Brustkrebspatientinnen mussten mindestens 45 Jahre alt sein

Die Ärzte behandelten in den Jahren 2000 bis 2012 insgesamt 3.451 Patientinnen mit Brustkrebs, davon rund 700 in deutschen Kliniken. Alle Studienteilnehmerinnen waren mindestens 45 Jahre alt und litten an einem einzelnen kleinen Mammakarzinom, das noch nicht gestreut hatte. 1.721 zufällig ausgewählte Probandinnen erhielten eine einmalige intraoperative Radiotherapie (IORT), die anderen 1.730 die klassische Bestrahlung der Brust von außen.
Die IORT kam 1998 in London erstmals zum Einsatz und ermöglicht dem behandelnden Arzt, das Gewebe, das den Tumor umgeben hat, noch während der Operation mit Hilfe spezieller größenadaptierter Aufsätze 30 bis 45 Minuten lang direkt zu bestrahlen. „Da die Applikation am Tumorbett erfolgt und dabei kein gesundes Gewebe passieren muss, kann diese Strahlentherapie sehr gezielt und hoch dosiert verabreicht werden“, berichtet Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der Universitätsmedizin Mannheim. „Außerdem entsteht die Mehrzahl der Rezidive am Ort des ursprünglichen Tumors, sodass es in diesen Fällen wenig sinnvoll ist, die gesamte Brust zu bestrahlen.“ Nebenwirkungen wie Hautrötungen, Verhärtungen und Verzögerungen der Wundheilung, so Wenz, träten nur bei einem sehr kleinen Teil der Patientinnen auf.

Strahlentherapeutische Verfahren zeigen ähnliche Ergebnisse

In der TARGIT-Studie wollten Wenz und seine Kollegen überprüfen, ob die einmalige Strahlenbehandlung direkt in der betroffenen Brust ebenso wirksam einen Rückfall verhindert wie die übliche mehrwöchige Bestrahlung von außen. Dabei legten die Wissenschaftler zu Beginn der Studie fest, dass beide Methoden dann als gleichwertig betrachtet werden, wenn die Ergebnisse innerhalb von fünf Jahren nach der jeweiligen Behandlung um nicht mehr als 2,5 Prozent abweichen. Das Fünf-Jahres-Risiko für ein Lokalrezidiv betrug bei den Patientinnen 3,3 Prozent, wenn sie mit der IORT behandelt wurden und 1,3 Prozent, wenn sie von außen bestrahlt wurden. Auch beim Sterberisiko unterschieden sich die beiden Gruppen kaum: Es belief sich in der IORT-Gruppe auf 3,9 Prozent und in der Vergleichsgruppe auf 5,3 Prozent. „In der Gesamtstudie sind nur 88 Todesfälle aufgetreten, davon etwas weniger als die Hälfte aufgrund von Brustkrebs“, sagt Wenz. „Die Studie gibt uns Gewissheit, dass wir mit der einmaligen Intraoperativen Strahlenbehandlung im Rahmen der Operation in etwa gleich gute Ergebnisse erzielen wie mit der herkömmlichen Standard-Strahlentherapie, die sich über Wochen hinzieht.“ Dank der erfreulichen Ergebnisse, ist er der Ansicht, dass das neue Verfahren geeigneten, älteren Brustkrebs-Patientinnen im Sinne der Regelversorgung angeboten werden kann.

IORT bietet wahrscheinlich ökonomische Vorteile

Wenz geht davon aus, dass sich die IORT schon bald als Standardverfahren bei den über 50-jährigen Brustkrebs-Patientinnen mit einzelnen Tumorherden in frühen Stadien etablieren wird. Auch sei, so der Mediziner, die IORT wahrscheinlich nicht so teuer wie die bisherige Strahlentherapie, da sich die Patientinnen im Anschluss an die Operation nicht über Wochen hinweg täglich in Behandlung begeben müssten und entsprechende Transport- und Beherbergungskosten wegfallen würden. Wenz: „Den Patientinnen kommt die neue Therapieoption sehr entgegen, weil die gesamte lokale Behandlung mit dem Zeitpunkt der Operation abgeschlossen ist.“
Auch andere Experten wie Professor Claus Belka, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie des Universitätsklinikum München, halten die IORT vor allem für ältere Brustkrebs-Patientinnen mit einem niedrigen Lokalrezidiv-Risiko für eine wertvolle Ergänzung: „Wir werden in der nahen Zukunft eine stärkere Differenzierung der strahlentherapeutischen Vorgehensweisen erleben.“ Belka warnt aber vor einer zu verfrühten Euphorie: „Die Zeitersparnis durch das neue Verfahren und die dadurch bedingten Vorteile, sollten nicht dazu führen, dass Ärzte die IORT jetzt undifferenziert bei Brustkrebs anwenden.“

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Gynäkologie, Medizin

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7 Kommentare:

Hans-Werner Steinberg
Hans-Werner Steinberg

Bei einer Misserfolgsrate von 1,3% – die Größenordnung bei der klassischen Therapie sollte vor Beginn der Studie ja in etwa bekannt gewesen sein – eine Abweichung von +/-2,5%, also -1,2% (!) bis +3,8% als gleichwertig zu betrachten, halte ich für schlicht unseriös. Immerhin bedeutet ja 3,8% ein 2,9-faches Rezidiv-Risiko im Vergleich zur Standard-Therapie, und die erzielten 3,3% auch noch ein 2,5-faches Risiko. Als Patient würde ich mir schon sehr überlegen, ob ich das einer mehrwöchigen Therapie vorziehe, immerhin könnte ich zu den 2% Patienten gehören, für die diese besser wäre.

Sollte der Grund für den so großzügig gewählten Äquivalenzbereich die sonst notwendige Größe und damit die Kosten der Stichprobe gewesen sein, würde ich als Statistiker dringend empfehlen, nach diesem Ergebnis eine weitere Studie zu planen. Immerhin spricht die Sterberate ja für die Direktbestrahlung, und wenn der erzielte Unterschied wirklich im Bereich der Zufallsschwankungen liegen sollte, wäre ja die Wahrscheinlichkeit groß, ein anderes für die neue Therapie günstigeres Ergebnis zu erhalten. Und ich würde als Messwert die Odds Ratio, also das Risikoverhältnis, und nicht die Risikodifferenz wählen, und als Äquivalenzbereich das 1,1-fache, vielleicht aus Kostengründen maximal das 1,5-fache Risiko zulassen. Eine Risikodifferenz, vielleicht sogar die hier gewählten 2,5%, würde ich höchstens bei erwarteten Risiken zwischen 25% und 75% als Kriterium akzeptieren, was ja hier überhaupt nicht in Frage kommt

#7 |
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Gast
Gast

@ Dr. med. Edda Bauer zu #1, wenn Sie das Unfug nennen, wissen Sie nicht, wie man korrekt operiert.
Sie dürfen nicht zu nah ran an den Tumor, ihn nicht berühren, oder gar rein schneiden, etc.
Als das noch Chirurgen machten, gab es praktische keine Lokalrezidive.
Das Problem waren nur die LK- und Fernmetastasen.

#6 |
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UND??
WAS IST MIT DEN TUMORSTAMMZELLEN DIE DURCH DIE BESTRAHLUNG ENTSTEHEN???

#5 |
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In anderen Bereichen der Medizin wird um 2,5 % Differenz ein irrsinniges Geschrei gemacht – sei es um Verbesserung oder Verschlechterung. Hier sind 2,5 % “in etwa die gleichen Ergebnisse”.
Was stimmt denn???

#4 |
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Würde man präoperativ die ECT/BET-Galvanotherapie (ca. 3-mal) einsetzen, wären die Erfolge noch deutlich größer. Unter anderem wird dabei die Glacis-Zone des Tumors, in der sich die lokalen Rezidive ereignen, verkleinert bzw. aufgehoben.

#3 |
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“Lokalrezidive sind auch Dokumente insuffizienter Op-Technik.”

Das halte ich für Unfug – man kann nicht jede einzelne Zelle verfolgen, die sich möglicherweise in einem ansonsten tumorfreien Randbezirk befindet.
Zu deren Vernichtung – weil makroskopisch nicht detektiert werden kann – wird ja die Strahlentherapie angeschlossen.

#2 |
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Gast
Gast

Lokalrezidive sind auch Dokumente insuffizienter Op-Technik.

#1 |
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