Zahnarztphobie: Nightmare on Dent Street

2. August 2012
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Laute Geräusche, martialische Geräte, ein Hauch von Desinfektionsmittel in der Luft und Gestalten mit Mundschutz: Dieses Szenario lässt Patienten das Blut in den Adern gefrieren. Doch es gibt Mittel und Wege, erfolgreich gegenzusteuern.

Karies und Parodontitis, soweit das Auge reicht: Viele Kollegen erkennen Angstpatienten schon auf den ersten Blick. Das Thema beschränkt sich keineswegs auf zahnmedizinische Behandlungen, nicht selten haben Menschen Panik vor diagnostischen und therapeutischen Verfahren aller Art. Zwar fehlen wissenschaftliche Studien zu dem Thema. Erfahrungen zeigen, dass fünf bis 15 Prozent aller Patienten mittlere bis starken Angststörungen vor einem Praxisbesuch haben. Besonders häufig sind Dentalphobien. Darunter leidet nicht nur der Betroffene, sondern das gesamte Praxisteam.

Gestern Jäger, heute Patient

Angst ist ein wichtiger Schutzmechanismus aus grauer Vorzeit der berühmt-berüchtigten Sammler und Jäger. Fehlt die reale Bedrohung, sprechen Psychologen von einer Phobie. Diese wird schnell zur selbsterfüllenden Prognose: Patienten nehmen keine Vorsorgetermine wahr, verschieben notwendige Praxisbesuche – und schlucken im Extremfall Analgetika, anstatt zum Zahnarzt zu gehen. Mittlerweile gibt es dazu sogar wissenschaftliche Arbeiten: Die Studie „Mundgesundheitsbezogene Lebensqualität und Zahnbehandlungsängste“ zeigte, dass Dentalphobien die Lebensqualität durch schlechte Mundgesundheit deutlich vermindern. Schlussendlich müssen Betroffene, sollte der Schritt gewagt werden, aufwändige, langwierige und teils schmerzhafte Behandlungen überstehen. Ihr Angstgedächtnis festigt sich – ein Teufelskreislauf. Das Thema betrifft keineswegs nur zahnmedizinische Prophylaxeleistungen: Diverse Vorsorgeangebote gegen Krebserkrankungen werden ebenfalls nur widerwillig angenommen.

Keine Marotte

Prinzipiell müssen Kollegen Angststörungen als Krankheitsbild erst nehmen. Meist sind Auslöser in der frühen Kindheit zu finden: Im Sinne lerntheoretischer Erklärungsansätze kam es nicht selten zu traumatischen Erlebnissen wie starken Schmerzen, Kontrollverlust oder auch dem Zahnarztbesuch als Erziehungsmaßnahme bei schlechter Zahnhygiene. Doch gibt es zahlreiche Mittel und Wege, zum Wohl der Patienten, aber auch zum Wohl der Praxis: Gelingt es, die Behandlung einigermaßen erträglich zu gestalten, kommen Patienten gern wieder und empfehlen den guten Service ihren Bekannten.

Sanfte Hilfen

Bei leichteren Fällen funktionieren Tricks aus der Neurologie: Im Vordergrund der Gehirnaktivität stehen immer Handlungen, auf die wir uns konzentrieren. Während einer Therapie sind das eben laute Geräte und möglicherweise Schmerzen. Um hier gegenzusteuern, haben Forscher Videobrillen entwickelt. Diese lenken ganz banal von Angst, aber auch von leichteren Schmerzen ab – mit Filmen, die über zwei Kleinstmonitore beziehungsweise Ohrstöpsel übertragen werden. Gegen das olfaktorische Angstgedächtnis wirken Düfte wie Orange oder Lavendel, was an freiwilligen Probanden durch EEG-Messungen bestätigt werden konnte. Ebenfalls wirksam: nicht hinsehen. Dass dieser banal anmutende Trick auch wirklich funktioniert, konnten Forscher am Beispiel von Spritzen belegen. Je nachdem, was Studienteilnehmer sahen – oder eben nicht sahen, reagierten sie ganz anders auf einen leichten Schmerz. Auch die Erwartungshaltung, gleich tut es weh, spielt hier eine Rolle. Für schwierigere Fälle reichen diese Methoden allein sicher nicht aus.

Weit weg statt mittendrin

Eine deutlich wirkungsvollere Alternative ist die Hypnose: Patienten nehmen im Dämmerschlaf unangenehme Behandlungen kaum noch wahr. Ihr Bewusstsein fokussiert sich nicht mehr auf zahnärztliche Eingriffe, da Sicherheit und Geborgenheit suggeriert werden. Laut Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose profitieren 80 Prozent von dieser Methode, wobei neben Angst auch Würgereiz und Schmerzempfinden positiv beeinflusst werden. Kollegen wiederum empfinden es als angenehm, ohne ständigen „Ringkampf“ ihr Gegenüber optimal versorgen zu können. Dafür müssen sie eine zwölfmonatige Ausbildung zum Hypnosezahnarzt absolvieren, auch für zahnmedizinische Fachangestellte gibt es Module. Vor dem Eingriff selbst ist eine gute Vorbereitung die halbe Miete: Neben der zahnmedizinischen Anamnese sind Patienten aufzuklären sowie psychiatrische Vorbefunde zu erheben. Menschen mit psychischen Erkrankungen wie dem Borderline-Syndrom oder bipolaren Störungen kommen nicht infrage.

Chemische Keulen

Sollten sich Patienten nicht darauf einlassen oder ist ein Notfalleingriff erforderlich, bleiben Angstlöser wie Diazepam, Lorazepam oder Midazolam – potente Pharmaka mit zahlreichen Nebenwirkungen und Suchtpotenzial. In den USA beziehungsweise in Großbritannien hat sich häufiger eine Sedierung mit Lachgas (Distickstoffmonoxid) bewährt, sogar bei der zahnmedizinischen Prophylaxe, um bei Angstpatienten eine professionelle Zahnreinigung durchzuführen. Zwischenfälle treten vergleichsweise selten auf. Das Verfahren bringt außer der Anxiolyse weitere Vorteile mit sich: Lachgas unterdrückt ebenfalls störende Schluck- oder Würgereize. Laien haben erwartungsgemäß viele Fragen – und falsche Vorstellungen, allein schon aufgrund des missverständlichen Namens dieses Anästhetikums. Deshalb macht im Vorfeld ein kurzer Beratungstermin Sinn. Am Tag des Eingriffs selbst sollte der Patient allenfalls kurz im Wartebereich bleiben müssen, um sich nicht in seine Angst hineinzusteigern. Einmal auf dem Behandlungsstuhl angekommen, wird das Lachgas-Sauerstoff-Gemisch bis zum Behandlungsende über eine Nasenmaske appliziert, Vitalparameter sowie die Tiefe der Sedierung müssen ständig überprüft werden. Im Anschluss folgen mehrere Minuten Sauerstoff, dann sollte der Patient etwa 30 Minuten in der Praxis bleiben.

Vollnarkose: nur als Ultima Ratio

Bei schweren Fällen lässt sich das Bewusstsein durch eine Allgemeinanästhesie vollständig ausschalten. An der Methode scheiden sich die Geister: Während manche Praxen Vollnarkosen als vermeintlich angenehmere Variante nicht nur Angstpatienten offerieren, bewerten andere Kollegen diesen „Holzhammer“ lediglich als Ultima Ratio, sollten diverse Alternativen versagt haben. Trotz modernster Verfahren bleiben Restrisiken in der Größenordnung von 0,05 bis 0,5 Prozent für weitgehend gesunde Menschen. Ein Todesfall im Juni ließ die kontroverse Debatte um zahnärztliche Allgemeinanästhesien wieder aufflammen.

Problem lösen, nicht verdrängen

Verfahren zur Anxiolyse sind in akuten Situationen wertvoll, beheben das zugrunde liegende seelische Problem aber nicht. Bei einer ausgeprägten Dentalphobie helfen auf lange Sicht nur Psychotherapien – zumindest bei gesetzlich Versicherten übernehmen Krankenkassen die Kosten.

103 Wertungen (4.28 ø)
Zahnmedizin

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14 Kommentare:

Mitarbeiterin med. Verlage

Interessanter Artikel. Wir vom Schattauer Verlag haben das Buch “Zahnarztangst” von Dr. Lea Höfel publiziert. Die Psychologin Dr. Lea Höfel ist auf die Behandlung von Menschen mit Zahnarztangst spezialisiert. Das eBook gibt es auch hier bei DocCheck Load. Vielleicht hat jemand von Ihnen Interesse daran. http://bit.ly/MgL47a

#14 |
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M.A. Antje Kölzsch
M.A. Antje Kölzsch

@ Herrn Bernauer, in den USA da gibt es aber auch andere Sicherheitsvorschriften… welcher Zahnarzt bspw. kann denn hierzulande angemessen bspw. auf eine durch eine Medikamentenunverträglichkeit ausgelöste Tachykardie mit einer synchronisierten Cardioversion in den entscheidenden 3 Minuten reagieren? Ganz ehrlich, das sind die wenigsten! Und das obwohl das automatisiert ohne Intensivmediziner an der Seite sogar noch mit patientenindividueller Energieabgabe geht. In Deutschland gibt es meiner Erfahrung nach (noch) nicht die nötigen Vorraussetzungen dafür, dass das Risiko, das damit ins Haus kommt, tolerabel wäre. Riskio ist Riskio, egal wie groß oder wie klein, denn es geht hier ganz schnell auch ums Überleben und/oder Pflegefallexistenz.

#13 |
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Komisch, diese Polemik sobald es um Zahnärzte geht. Wir sind ja auch der natürliche Feind des (sogenannten) Humanmediziners (Eckhartdt v. Hirschhausen). Weil die Berufsvertretungen der Allgemeinmediziner lange genug geschlafen hat, als die Honorarkürzungen losgingen, während unsere sich recht oder schlecht – aber immerhin – gewehrt hat. Wir sitzen alle gemeinsam am kürzeren Hebel, schon begriffen?
Was die Angst betrifft, zurück zum thema.
#manchmal hilft es den Leuten einfach alles zu erkären, was man mit ihnen vorhat, anstatt einfach loszulegen. Bei mir wurden schon viele Angstpatienten “geheilt”, obwohl ich nichts besonderes mache. Das Einzige, was öfters nicht klappt, ist die Umstimmung von Kindern mit negativen Erfahrungen. Mangels Hypnosekenntnis hilft da ausnahmweise die Narkose. Nicht als Dauerlösung versteht sich, sondern bis das Kind es schafft sich selbst zu kontrollieren. Ein paar Tipps von hypnotisierenden (Kinder-)zahnärzten helfen dabei manchmal auch, ohne gleich das ganze Programm zu fahren.

#12 |
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regetzki soeren
regetzki soeren

wie recht sie haben herr dr. staudenmaier – bedauerlich alles in allem

…ein sumpf zieht am gebirge hin…

#11 |
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Dr. Britta König
Dr. Britta König

Das gute “alte” Lachgas ist zwar ein Anästhetikum, wird aber bei Zahnarzten zur Schmerzthetherapie in Konzentrationen gemischt (ca. 30-50%), in denen vor allem seine guten analgetischen Wirkungen zum Tragen kommen. Darüber hinaus macht man sich die anxiolytischen Eigenschaften zu nutze. Ein ebenfalls schöner, häufig beobachteter Effekt ist, dass die Patienten sich kaum noch an die Prozedur erinnern können. Wen wundert es, dass Fertiggemische von Lachgas in Sauerstoff daher auch in Ambulanzen Einzug halten. Ich finde es in jedem Fall wichtig, dass dort, wo Schmerz vermieden werden kann, auch alles dafür getan wird, dass er tatsächlich vermieden wird. Leider immer noch keine Selbstverständlichkeit.

#10 |
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Dr. Carsten Kettner
Dr. Carsten Kettner

Dank eines guten Zahnarztes vor Ort habe ich eigentlich keine Zahnarztphobie. Ich frage mich jedoch immer wieder, warum die vielen kleinen Maschinchen in diesen unangenehmen Frequenzen das Ohr beleidigen müssen. Es ist nicht der eigentliche, manchmal etwas überraschende kurze Schmerz bei der Behandlung, sondern eher das hochfrequente Fiepen, das mir Schauer über den Rücken laufen läßt.
Hierzu könnte sich die Apparatetechnik doch mal ein paar Gedanken machen.

#9 |
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Medizinphysiker

headline: foolish!
Seit einiger Zeit beobachte ich, dass die Überschriften bei DocCheck News mit Verlaub immer blöder werden!

#8 |
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DGKS Susanne Kofler
DGKS Susanne Kofler

Ich leide an einer ausgeprägten Zahnarztphobie…und empfinde einige Beiträge hier als nicht hilfreich,am Thema vorbei und somit überflüssig.Schade…

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Sehr schön, daß der Schmerz, nun auch Thema bzgl. der Zahnbehandlung wird. Meine bisherige reichhaltige Erfahrung in dieser Hinsicht hat mich gelehrt: kümmere dich selbst um die Schmerzen. Der Zahnarzt, Dentalchirurg macht das nicht oder nur völlig unzureichend.

Ein wenig Parazetamol oder Ibuprofen ist der Standard. Das hilft gegen die Schmerzen etwa nach einer WSR wenig. Vernichtende Schmerzen vor, während und nach der Behandlung sind meiner Erfahrung nach sehr häufig. Selbst nach dringender Nachfrage wegen stärksten Schmerzen heißt es üblicherweise: “Heute 2x Ibuprofen, wenns nicht hilft, kommen sie morgen wieder.”

Da muß man also weniger an Phobie und Psychotherapie denken sonedern an adäquate Analgosedierung. Ich hatte auch Zahnarztphobie – seitdem ich aber bei einer anstehenden Behandlung, die vermutlich starke Schmerzen verursachen wird, einige Tropfen Valoron(r) N nehme, ist der Zahnarztbesuch nicht mehr bedrohlich und die Phobie geheilt.
Fragen: Was hilft Diazepam, wenns es einfach weh tut!?
Was schaden ein paar Tropfen Valoron in Erwartung starker Schmerzen?!

#6 |
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Dieter Trautwein
Dieter Trautwein

Schon vor Jahren hatte ich – Dieter Trautwein Ergotherapeut – in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. med. dent. Butz eine Bewältigungsstrategie bei Dentophobie entwickelt. Dies ohne Hypnose oder zentral wirkende Medikamente. Es interessierte niemanden.

#5 |
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in den usa sind z.b. tranquillizer vor oralchirurgischen
eingriffen usus…siehe david-after-dentist bei you tube;-)

#4 |
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Dr. Peter Pietsch
Dr. Peter Pietsch

Der liebe Harald soll das Maul nicht so aufreißen; was soll so eine Zuschrift? Neid? Welcher ZA verschreibt denn Diazepam?

#3 |
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Dr. med. dent. Jan Treiber
Dr. med. dent. Jan Treiber

Danke für den konstruktiven Beitrag, Herr Kollege Bliesath! Ich bewundere ihr fachliche und menschliche Kompetenz.

#2 |
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Dr. med. Harald Bliesath
Dr. med. Harald Bliesath

Ja eine satte dosis good old diazepam kann sicher helfen; beim erhalten der privatliquidation nach behandlung muss die diazepam dosis meist noch verdoppelt weren…

#1 |
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