FDA: Zuviel Wischiwaschi

12. März 2014
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Neu zugelassene Wirkstoffe sind nicht immer gleich sicher und effektiv, denn die Qualität der Studien, die diesen Neuzulassungen zugrunde liegen, schwankt oft beträchtlich. Das erschwert die Entscheidung für oder gegen ein neues Therapeutikum.

„Die meisten Patienten und Ärzte gehen davon aus, dass die Zulassungsbehörde FDA die Sicherheit und die Effektivität neu zugelassener Medikamente gründlich geprüft hat“, schreiben Wissenschaftler der Yale School of Medicine am Yale Center for Outcomes Research & Evaluation (CORE) in ihrer aktuellen Veröffentlichung. Doch innerhalb des Zulassungsverfahrens scheint es offenbar große Schwankungen bei der Qualität der zugrundeliegenden klinischen Studien zu geben.

Jede dritte Neuzulassung basiert auf nur einer Studie

In ihrer Metastudie nahmen die Wissenschaftler alle öffentlich zugänglichen, klinischen Studien unter die Lupe, die der FDA zur Zulassung von 188 Medikamenten mit neuen Wirkstoffen in den Jahren 2005 bis 2012 als Grundlage dienten. Besonderes Augenmerk schenkten die Wissenschaftler dabei der Dauer, der Größe, dem Design und den Endpunkten der Studien. Generika, Reformulierungen und Kombinationstherapien mit neuen Therapeutika sowie Daten zu Neuzulassungen aus anderen Ländern waren nicht Gegenstand der Untersuchungen. „Unsere Datenanalyse zeigte, dass im betrachteten Zeitraum mehr als ein Drittel aller Neuzulassungen auf nur einer Studie basierten. Es gab keine Wiederholungen, um die Daten zu validieren. Zahlreiche weitere Studien waren klein, kurz und konzentrierten sich auf Laborwerte oder andere metrische Effekte, anstatt auf klinische Endpunkte wie den Tod“, fasst Erstautor Nicholas S. Downing zusammen.

Amerikaner vertrauen der FDA

Einer Umfrage zufolge, an der knapp 3.000 Erwachsene in den USA teilnahmen, ergab, dass 39 Prozent davon ausgehen, die FDA lasse nur „äußerst effektive“ Medikamente zu. Ein Viertel der Befragten glaubt, dass nur Medikamente ohne schwere Nebenwirkungen auf den Markt kommen. Welche Voraussetzungen ein neuer Wirkstoff zur Zulassung erfüllen muss, ist in den Richtlinien der FDA geregelt. Demnach sollte ein Hersteller mindestens zwei Studien durchführen, in denen der Effekt des neuen Medikaments unabhängig nachgewiesen wurde. In Ausnahmefällen und bei bestimmten Anwendungen kann auch nur eine Studie zur Zulassung ausreichend sein. Gerade bei der Behandlung lebensbedrohlicher Krankheiten gibt es ein verkürztes Zulassungsverfahren.

Unsicherheit bei Patienten und Therapeuten

Kommt ein neuer Wirkstoff auf den Markt, müssen Ärzte und Patienten entscheiden, ob sie sich bei der Therapie auf das neue Medikament verlassen. Und das ist nicht immer einfach. „Zum Zeitpunkt der Neuzulassung können Ärzte und Patienten lediglich auf die Daten der Zulassungsstudien zurückgreifen, wenn es darum geht, die Therapie auf einen neuen Wirkstoff umzustellen“, schreiben die Wissenschaftler. Doch die unterschiedlichen Zulassungsstandards ließen die Unsicherheit bei Anwendern und Therapeuten wachsen. „Bei den von uns betrachteten Studien fehlte die Einheitlichkeit in Bezug auf die Aussagekraft der Studien“, so Studienleiter und Professor für Innere Medizin an der Yale School of Medicine, Joseph S. Ross. Und weiter: „Einige Medikamente werden auf Basis großer, qualitativ hochwertiger Studien zugelassen, für andere genügen kleinere Studien.“ Doch nicht nur die Anzahl der eingeschlossenen Patienten spiele bei der Qualität einer Studie eine Rolle, auch das Studiendesign. So hatten nur 40 Prozent der Zulassungen eine klinische Studie zur Grundlage, in der das neue Medikament mit bereits verfügbaren Therapieoptionen verglichen wurde. „Das ist ein wichtiger Schritt, um zu klären, ob die Neuzulassung überhaupt bestehenden Therapiemöglichkeiten überlegen ist“, so Ross.

Studien zu uneinheitlich

Einerseits sei die Flexibilität bei der Zulassung neuer Wirkstoffe wichtig, um die Verfügbarkeit effektiver Therapien für lebensbedrohliche Krankheiten zu beschleunigen. Hier kann die FDA auf kosten- und zeitintensive randomisierte, doppelblind kontrollierte Studien verzichten, obwohl diese als Goldstandard zur Evaluierung angesehen werden. Vor allem bei den Therapeutika gegen Krebs sei der Goldstandard nicht immer notwendig, um ein Medikament zur Marktreife zu bringen, so Ross. Dennoch stünden viele Ärzte und Patienten allein gelassen mit der Frage, ob ein neu zugelassener Wirkstoff eine sichere und nützliche Option für sie darstelle. Neben fehlenden direkten Vergleichsstudien und relevanten Studienendpunkten, fiel den Wissenschaftlern auch bei den Neuzulassungen für chronische Erkrankungen eine Schwachstelle auf: „Die Mehrzahl der Zulassungsstudien für Medikamente gegen chronische Erkrankungen hatten eine Laufzeit von weniger als einem Jahr“, heißt es in der Publikation. Das werfe Fragen bezüglich der Langzeiteffekte und der Sicherheit dieser Therapeutika auf.

Lösungsansätze

Bereits im Jahr 2006 hatte das Institute of Medicine Report on the Future of Drug Safety empfohlen, die FDA nicht nur vor der Zulassung die Vorzüge und Risiken eines Medikaments prüfen zu lassen, sondern diese über dessen gesamten Verkaufszeitraum kontinuierlich zu erheben. „Doch diese Informationen dann an Ärzte und Patienten weiterzugeben, ist schwierig“, geben die Wissenschaftler zu bedenken. Um die Übersicht zu wahren, hat ein Komitee des Institute of Medicine kürzlich vorgeschlagen, für jedes Medikament in einem einzigen Dokument alle wichtigen Beobachtungen zu Sicherheit und Effektivität zusammenzufassen und dieses regelmäßig upzudaten.

Als Alternative schlagen die Studienautoren vor, dass die FDA jede Neuzulassung mit einer Art Schulnote bewerten solle, die Auskunft über die Qualität der zugrundeliegenden Studien gibt. Ihr Standpunkt: „Die FDA muss sicherstellen, dass Ärzte und Patienten verstehen, wie sie verschiedene Studiendaten interpretieren müssen. Nur so können sie einschätzen, ob ihnen ein neues Therapeutikum eher nutzen oder schaden wird.“

64 Wertungen (4.03 ø)

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6 Kommentare:

Ärztin

Es wird Zeit, dass wir (Europäer und Deutsche) uns von der amerikanischen Konsumwirtschaft emanzipieren, eigene Regeln nach unseren Vorstellungen etablieren und diesen auch folgen.
Auch wenn die Amerikaner bezüglich externen Terrorismus offensichtlich ein umfangreiches und durchaus größeres Sicherheitsbedürfnis als wir Europäer haben, so scheint dies offensichtlich auf den internen Konsumterror der Pharma- und Nahrungsmittelindustrie und somit die Zulassungsverfahren von Medikamenten (und Nahrungsmitteln) nicht zuzutreffen.
Freiheit und Sicherheit folgen im Land der “unbegrenzten Freiheit” nicht den gleichen Regeln wie in good old Europe. Unsere Wertesystem ist älter und etabliert. Wir haben uns Jahrzehnte lang von amerikanischen Wertvorstellungen verführen lassen und müssen feststellen, dass der Karren immer tiefer in den Dreck fährt – in vielerlei Hinsicht..
Wir sollten uns auf unsere Jahrtausende alte Wertvorstellungen besinnen und die “jungen Wilden” noch ein bisschen Erfahrung sammeln lassen. Ich bin davon überzeugt, dass wir (Europäer) davon nicht nur gesellschaftlich sondern auch wirtschaftlich profitieren würden.

#6 |
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DP Volker Ramm
DP Volker Ramm

@W Hawlicek: FDA ist die amerikanische Behörde, nicht wahr – wie weit gelten diese ‘Verhältnisse’ für Deutschland?
Es würde mich nicht überraschen, wenn wir uns auch in diesem Bereich den amerikanischen Verhältnissen angleichen…

#5 |
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Naturwissenschaftler

Nur zur Form: upzudaten könnte m.E. gut mit einer durchaus verfügbaren passenden deutschen Vokabel upgedated werden.

#4 |
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Wolfgang Hawlicek
Wolfgang Hawlicek

Da ich selbst als Lobbyist in der Pharmabranche gearbeitet habe weiß ich, wie die Beeinflussung der Meinung der Ärzte bzgl. Studien und deren Ergebnisse läuft.
Die FDA hat völlig zu unrecht den Ruf als unabhängige Behörde. Im sog. Drehtüreffekt wechseln Pharma-Manager zur FDA und FDA-Mitarbeiter zur Pharmabranche hin und her. Von einer neutralen Beurteilung kann also überhaupt nicht die Rede sein. Da steht für die Konzerne zuviel Geld auf dem Spiel. Die Haarspaltereien, die dann an den vorliegenden Studienergebnissen vorgenommen werden und in sog. Advisory-Boards bei Pharmafirmen diskutiert werden dienen der Schönheitskorrektur diverser nicht den Erwartungen entsprochenen Ergebnissen. Subgruppen-Analysen sollen noch die letzten Pro-Argumente für ein neues Medikament liefern. Gewiefte Statistiker designen die Studien schon vor Beginn hinsichtlich Randomisierung und Endpunkte so, daß gar kein anderes Resultat als das erwartete herauskommt. Fazit: Sicher über 90% der von der FDA zugelassenene Medikamente “überleben” die Patienten Gott sei Dank. Die klinische Wirksamkeit ist oftmals mehr als tendenziös von diversen sogenannten Experten “dazugekauft”

#3 |
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Tierärztin

“sondern diese über dessen gesamten Verkaufszeitraum kontinuierlich zu erheben.” Dies wird schon gemacht: Zulassungsinhaber sind verpflichtet dies im Rahmen der Pharmakovigilanz durchzuführen und an die zuständige Behörde weiterzuleiten.
“für jedes Medikament in einem einzigen Dokument alle wichtigen Beobachtungen zu Sicherheit und Effektivität zusammenzufassen und dieses regelmäßig upzudaten” Dies wird auch im Rahmen der PSUR Erhebung gemacht. Je nachdem wie lange ein Medikament schon auf dem Markt ist, wird in vorgegebenen zeitlichen Abständen ein Sicherheitsreport erstellt (PSUR=Periodic Safety Update Report). Dieser beinhaltet sowohl Daten zu Nebenwirkungen, als auch zu möglichen mangelnden Wirksamkeiten. Für neu zugelassene Arzneimittel beträgt diese Zeitspanne 6 Monate. Bei Medikamenten welche schon länger auf dem Markt sind 3 Jahre. Nach jedem Erhalt eines solchen Berichts wird von der Behörde eine neue Nutzen-Risiko-Analyse zu dem Medikament vorgenommen.

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Dr. Heike Dürr
Dr. Heike Dürr

„Einige Medikamente werden auf Basis großer, qualitativ hochwertiger Studien zugelassen, für andere genügen kleinere Studien.“
Das liegt wahrscheinlich auch an der Inzidenz der Grunderkrankung. Für ein Kopfschmerzmedikament bekommt man problemlos 1000 Probanden zusammen, während es bei einer seltenen Krebserkrankung schwierig sein wird auch nur 20 Patienten zu rekrutieren.

#1 |
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