Syphilis: Der Schanker ist wieder da

5. März 2014
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Jahr für Jahr erkranken mehr Patienten in Deutschland an Syphilis. Arzneimittel der ersten Wahl sind nur schlecht verfügbar – und Fachgesellschaften raten zu Ausweichtherapien. Gleichzeitig sollten Initiativen zur Prävention deutlich ausgeweitet werden.

Viele Menschen lieben riskant: Laut Umfragen der britischen Online-Apotheke UK Medix hatten 39 Prozent aller 1.231 Interviewten ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem Partner, der an sexuell übertragbaren Erkrankungen (STD) litt. Zwar lebt UK Medix von Medikamenten zur Behandlung entsprechender Krankheiten. Zahlen aus Deutschland bestätigen aber die grundlegende Problematik – speziell bei Syphilis.

Erschreckende Zahlen

Syphilis ist laut Infektionsschutzgesetz nicht namentlich meldepflichtig. Dem Berliner Robert Koch-Institut (RKI) liegen vergleichsweise gute Zahlen zur Situation in Deutschland vor. Während zwischen 2004 und 2008 relativ konstant 3.000 bis 3.500 Neuerkrankungen pro Jahr auftraten, waren es in 2009 lediglich 2.742 Fälle. Bald darauf stieg die Zahl an Infektionen mit Treponema pallidum rapide an: um 10,6 Prozent (2010), 22,0 Prozent (2011) beziehungsweise 19,1 Prozent (2012), jeweils am Vorjahresniveau gemessen. Zuletzt infizierten sich 4.110 Männer und 296 Frauen neu.

Regionale Unterschiede …

Entsprechende Fälle sind keineswegs über alle Bundesländer gleichmäßig verteilt. RKI-Epidemiologen fanden hohe Inzidenzen in Stadtstaaten wie Berlin (20,9 Fälle pro 100.000 Einwohner), Hamburg (14,2) und Bremen (6,4). Darüber hinaus waren Großstädte besonders betroffen: Köln (28,4), München (22,9), Essen (19,4), Frankfurt am Main (18,5), Münster (16,8), Düsseldorf (15,2), Mannheim (14,9) und Offenbach (13,9). Zwischen 2011 und 2012 stiegen Neuinfektionen in Essen (plus 113,5 Prozent), Leipzig (plus 51,3 Prozent) und München (plus 35,2 Prozent) exorbitant. Dahinter stecken Swingerclubs oder Sexpartys, wie sie in Großstädten häufiger angeboten werden. Bei Sexarbeiterinnen und -arbeitern ist die Zahl an Infektionen auf gleichbleibend niedrigem Niveau – von einzelnen Ausnahmen abgesehen, die wahrscheinlich Zahlen aus Nordrhein-Westfalen erklären.

… und demographische Verteilung

Darüber hinaus bestehen laut RKI große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während Ärzte bei Frauen lediglich 0,7 Infektionen pro 100.000 Einwohner meldeten, waren es bei Männern 10,2 – also 14-mal mehr. Besonders oft infizierten sich Männer zwischen 30 und 39 (21,7), gefolgt von 40- bis 49-Jährigen (20,7) und 25- bis 29-Jährigen (19,3 Prozent): ein klarer Unterschied zu anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen, die in jüngeren Jahren häufiger auftreten. Zum Vergleich: Das Maximum bei Frauen lag zwischen 25 und 29 Jahren (2,2), gefolgt von den Altersgruppen 30 bis 39 (1,7) sowie 20 bis 24 (1,7). Als Erklärung bei Männern führen Forscher ungeschützte sexuelle Kontakte an. Hier hat sich die Zahl an Reinfektionen innerhalb des letzten Jahrzehnts nahezu verdoppelt.

Weltweit infiziert

Darüber hinaus erhielten RKI-Mitarbeiter 3.138 Daten zum Infektionsland selbst. Wenig überraschend: 93,2 Prozent aller Betroffenen steckten sich in Deutschland an. Dann folgten Spanien (34 Fälle), Thailand (18), die Tschechische Republik (12), Bulgarien (12), Griechenland (9), Kuba und Brasilien (jeweils 6). Auch hier ist ungeschützter Geschlechtsverkehr als Ursache zu nennen – manche Länder sind beliebte Destinationen von Sextouristen.

Ein Chamäleon unter den Krankheiten

Zur Krankheit selbst: Ärzte kennen bei Syphilis mehrere Stadien. Nach einer Infektion entstehen lokale Geschwüre, die im Primärstadium kaum Beschwerden bereiten. Kurz darauf schwellen benachbarte Lymphknoten an. Das Sekundärstadium ist ebenfalls mit untypischen Symptomen wie Kopf- und Gliederschmerzen, erhöhter Temperatur oder Nachtschweiß vergesellschaftet. Exantheme der Haut und Schleimhautläsionen kommen hinzu. Nach drei- bis fünfjähriger Latenz treten beim Tertiärstadium unterschiedliche Beschwerden auf, da zunehmend innere Organe befallen werden. Auf der Haut bilden sich Geschwüre. Als Spätform ist Neurolues (Neurosyphilis) mit zerebrospinaler Beteiligung zu nennen. Auch zu diesen vier Stadien liegen Daten vor, und zwar bei rund drei von vier Meldungen an das RKI.

Insgesamt betrafen 36,7 Prozent aller Diagnosen Primär- und 28,2 Prozent Sekundärstadien. Weitere 32,5 Prozent bezogen sich auf Stadien der Früh- beziehungsweise Spätlatenz. Ärzte diagnostizieren die Erkrankung über Antikörper gegen Treponema pallidum, ab der Sekundärphase auch über Lumbalpunktionen. Als therapeutischer Goldstandard gilt heute das Depotpenicillin Benzathin-Benzylpenicillin – je nach Stadium einmalig oder öfter intramuskulär injiziert. Allerdings sind entsprechende Präparate momentan nur eingeschränkt verfügbar. Deshalb raten Kollegen der Deutschen STI-Gesellschaft zu Ceftriaxon als Ausweichtherapie. Doxycyclin bleibt eine Alternative dritter Wahl. Aus der Forschung gibt es ebenfalls Neuigkeiten: Studien bescheinigen dem innovativen, noch nicht erhältlichen Solithromycin gute Eigenschaften bei Syphilis.

Angebote ausweiten

Nicht immer ist Syphilis das einzige Problem. Ärzte diagnostizieren bei Männern mit positiver Serologie HIV deutlich früher und häufiger, so das Ergebnis einer Untersuchung. Patienten sollte deshalb immer ein HIV-Test angeboten werden, falls Treponema pallidum zu finden ist. Gleichzeitig raten die Autoren, niedrigschwellige Screening-Angebote auf unterschiedliche STD wie Syphilis auszuweiten.

128 Wertungen (4.77 ø)

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10 Kommentare:

Gast
Gast

“Erschreckend” ist wohl für “modernen” Journalismus unverzichtbar!
Vor der AIDS-Zeit waren die Zahlen bekanntlich noch deutlich höher.
Die Angst vor AIDS ist wohl rückläufig.

Man kann sich des “erschreckenden” Endrucks nicht erwehren, dass häufiger “Partnerwechsel” beim Sex behördlich geschützt ist (eingeschränkte Meldepflicht, der Täter ist wichtiger als das oder die potentiellen Opfer).
Nun, es gibt ja auch eine populäre Partei die mit Mehrheit einen Gesetzesentwurf zur Freigabe von Sex mit Minderjährigen zustande gebracht hat.
Und aktuell musste bekanntlich ein Minister zurücktreten und wird wegen “Geheimnisverrat” über Kinderporno strafrechtlich verfolgt.

#10 |
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Dr.med.Bayerl
Dr.med.Bayerl

#7 und #8 Das wissen Sie doch,
in Deutschland sind Tiere stärker geschützt als Menschen.
Auch halbe Mehrwertsteuer für das gleiche Antibiotikum.

#9 |
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dr.dr. Juergen Koelzsch
dr.dr. Juergen Koelzsch

das Peni scheint es deshalb für Tiere zu geben,weil damit wohl mehr verdient wird als in der Humanmedizin!! wie eben bei vielen anderen Medikamenten.

#8 |
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TA Adigüzel Erhan
TA Adigüzel Erhan

Wir haben jeder Menge Depo-Penicillin (Benzathin-Benzylpenicillin) für Tiere Zugelassen, warum nicht für Menschen verstehe ich nicht.
Mfg
Erhan Adigüzel
Prakt. Tierarzt

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Guten Tag, vielen Dank für den informativen Artikel, der wie gewohnt viele wichtige Informationen enthält.

Die Medikamentenknappheit ist m.E. ein Problem, dass dringlicher Lösung bedarf. Versorgungsengpässe gibt es ja nicht nur bei diesen Präparaten, sondern z.B. bei Medikamenten gegen Krebserkrankungen.

A.a.S. habe ich gelesen, dass es auch bei Tripper einen starken Anstieg der Infektionen gibt, dort kommt noch hinzu, dass scheinbar Resistenzen gegen die Medikamente auftreten.

Zu Zeiten der DDR waren sexuell übertragbare Krankheiten meldepflichtig, soweit mir bekannt ist, wurde die gesamte Familie des Erkrankten inkl. der Kinder dann auf eine Infektion überprüft (Blut, körperliche Untersuchung).

Den Anstieg in den Städten sehe ich als weniger mit der sexuellen Präferenz der Erkrankten (siehe Frage nach der Zahl der Homosexuellen, die erkrankt sind) in Verbindung stehend, als mit dem starken Tourismus, der z.B. Berlin “heimsucht”. Natürlich sind die Touristen u.U. auch auf Grund sexueller Angebote Gäste der Städte.

Positiv ist der Hinweis, dass bei SDLs die Zahl der Infektionen unverändert niedrig sei.

Grundsätzlich sehe ich aber noch ein paar weitere Probleme: Die mangelnde Bereitschaft vieler Mitbürger/Innen zu Hygiene, vor allem Händehygiene sowie das Problem, mit einer derartigen Erkrankung zu einem entsprechenden Facharzt zu gehen. Ich könnte mir z.B. auch lebhaft vorstellen, dass jemand die Infektionszeichen teilweise als Folge einer Intimrasur interpretiert).

Letztlich bleibt zu hoffen, dass die Engpässe bei den Medikamenten beseitigt werden. Vernunft, Aufklärung und Abbau von Ängsten, mit so einem Problem zum Arzt zu gehen, könnten helfen. Das einfache, dass schwer zu machen ist.

#6 |
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Heribert Daniel
Heribert Daniel

Sehr guter Ueberblich!

#5 |
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Gast
Gast

Wie soll der Patient denn auch primär zumindest als Kassenversicherter zum Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten gehen, wenn die üblichen Wartezeiten Wochen und Monate betragen?

#4 |
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dr.dr. Juergen Koelzsch
dr.dr. Juergen Koelzsch

Dass die Sy-Inzidenz deutlich angestiegen ist,darüber gibt es keine Meinungsunterschiede. Nur die Ursachen liegen nicht allein am sex.Verhalten,das sich ja kaum geändert hat,sondern häufig an Fehldiagnosen und Verschleppen der Diagnose weil die Pat. primär nicht mehr zum Arzt für Haut u n d Geschlechtskrankheiten gehen und so die Kontrolle und ggf. Therapie der Kontaktpersonen unterbleibt, die erst nach 3-6 Wochen infektiös werden.Und warum das geeignete Mittel -Depotpenicillin- zZ nicht lieferbar ist und das nicht in der Wüste oder der 3.Welt,kann man einfach nicht verstehen. Oder?

#3 |
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Dr. med. Michael Seil
Dr. med. Michael Seil

Wurde statistisch erfasst,wie hoch der Prozentsatz der über 4500 zuletzt infizierten
Zur Homosexuellengruppe gehörten?
M.S.

#2 |
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Das dumme bei der Syphilis ist, dass sich die Patienten auch bei zu Safer Sex zählenden Praktiken anstecken können. Dies wird im Artikel falsch dargestellt.

#1 |
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