Altersschwäche: Kortisol-Ausschüttung untersucht

27. Februar 2014
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Wissenschaftler berichten nun, dass eine gestörte dynamische Regulierung des Kortisol-Spiegels mit erniedrigten Spiegeln am Morgen und erhöhten abendlichen Werten eng mit dem Auftreten von Schwächezuständen im Alter zusammenhänge.

Die sogenannte Altersschwäche ist ein wesentlicher Risikofaktor für die Unterbringung in Pflegeinstitutionen und geht mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko einher. Charakteristisch für das Gesamtbild der Gebrechlichkeit im Alter sind ungewollter Gewichtsverlust, häufige Erschöpfungs- und Müdigkeitszustände, körperliche Inaktivität, verlangsamter Gang und Kraftlosigkeit. Ein hormonelles Ungleichgewicht, insbesondere für das Stresshormon Kortisol, das körperliche Anpassungsreaktionen auf situative und umweltbedingte Anforderungen steuert, wird bereits seit längerem mit Altersschwäche in Verbindung gebracht. Die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen sind allerdings bislang unverstanden.

Hamimatunnisa Johar und Kollegen von der Arbeitsgruppe Mental Health am Institut für Epidemiologie II (EPI II) am Helmholtz Zentrum München haben in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München nun den Zusammenhang einer veränderten Kortisol-Ausschüttung mit Altersschwäche untersucht. „Die Kortisol-Spiegel verhalten sich normalerweise nach einem speziellen Muster mit Spitzenspiegeln in den frühen Morgenstunden und niedrigen Werten am Abend“, erklärt Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig, Leiter der Arbeitsgruppe Mental Health. „Wir konnten zeigen, dass Gebrechlichkeit bei alten Personen mit einem gestörten Kortisolmuster einhergeht. Die dynamische Regulierung sowie das Verhältnis von morgendlichen zu abendlichen Hormonspiegeln sind dabei deutlich verändert, mit niedrigeren Werten am Morgen und höheren Werten am Abend.“

Wichtige diagnostische Ergänzung

Grundlage der analysierten Daten ist die KORA-Age Studie, die den Zusammenhang zwischen Lebensstilfaktoren und dem Gesundheitszustand von Personen im Alter von 65 Jahren oder älter im Raum Augsburg untersucht. In ihrer Studie werteten die Wissenschaftler Daten von 745 Teilnehmern im Alter von 65 bis 90 Jahren aus. Die Kortisol-Spiegel wurden mittels Speichelproben bestimmt, die direkt bzw. 30 Minuten nach dem Erwachen und am späten Abend entnommen wurden. Altersschwäche wurde diagnostiziert, wenn drei oder mehr der folgenden Symptome vorlagen: Erschöpfung, körperliche Inaktivität, langsames Gehtempo, Muskelschwäche (verringerter Kraftgrad beim Faustschluss) oder Gewichtsverlust (mehr als fünf Kilogramm über die letzten sechs Monate).

„Unsere Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang von gestörten Kortisol-Spiegeln mit einem Verlust von Muskelmasse und Kraft – den Grundproblemen der Altersschwäche“, sagt Johar, Doktorandin am Helmholtz Zentrum München und Erstautorin der Studie. „Altersschwäche richtig zu diagnostizieren kann im klinischen Alltag aufwändig und schwierig sein. Die Messung der Kortisol-Level könnte daher als wichtige diagnostische Ergänzung dienen.“

Originalpublikation:

Blunted Diurnal Cortisol Pattern is Associated with Frailty: A Cross-Sectional Study of 745 Participants Aged 65 to 90 Years
Hamimatunnisa Johar et al.; JCEM, doi: 10.1210/jc.2013; 2014

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8 Kommentare:

Ärztin

Frau Schister, ich kann Ihnen nur uneingeschränkt zustimmen, sehr wahrscheinlich haben diese Personen eine niedrige Glutathiongesamtaktivität und eine Depletion an Vitaminen Mineralien Micronährstoffen etc, wenn man nach Diagnose supplementiert und Glutathion (Meria) gibt, kann man sein blaues Wunder erleben

#8 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Wie bei jeder “Hormontherapie” sollte man dringend anstreben physiologischen Einsatz von pharmakologischem zu unterscheiden (Dosierung).
Unter physiologisch verstehe ich z.B. eine “relative” Insuffizienz bei bes. Stresssituation, wie einen größeren operativen Eingriff bei alten Menschen.
Das kann lebensrettend sein.
Ich erinnere an die historischen Versuche von Selye, der Ratten in kaltes Wasser warf.
Diejenigen Ratten, denen er vorher die Nebennieren entfernt hatten starben dabei, die mit Nebennieren nicht.
Bei “chronischer” Gabe muss schon eine generelle NNInsuffizienz nachgewiesen sein,
wobei ein erster einfacher Hinweis die Hyponaträmie ist.

#7 |
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Gast
Gast

Interessant wäre nun, ob eine leichte Unterstützung mit Hydrocortison (z.B. 10 mg am Morgen) den Zustand bessert. Es kann doch kaum Sinn der Sache sein, eine Altersschwäche zu diagnostizieren, an der man nichts ändern will/kann.

#6 |
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Ärztin

Lieber Herr Noschinski,
das fatigue-Syndrom ist auch an eine gestörte mitochondriale Aktivität gekoppelt und kann ein Vorstadium des metabolischen Syndroms sein. Falls Sie das nicht sowieso schon durchführen: eine KH-Restriktion auf maximal 120-150g/24h und davon maximal 50% Fructose kann Wunder wirken (bei sportlich inaktiven Patienten).
Auch die Altersmüdigkeit kann mit der Überfrachtung mit Kohlenhydraten bei stark reduziertem Grundumsatz zusammenhängen, wobei Zucker im stark fortgeschrittenen Alter oft der einzige Energieträger ist, der noch resorbiert wird auch wenn die Bauchspeicheldrüse nicht mehr arbeitet und Insulin substituiert werden muss.
Ich gehe allerdings davon aus, dass ich Ihnen nichts Neues erzähle.

#5 |
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Ärztin

Ob die Cortisol-Verschiebung nun Ursache, Folge oder einfach eine Komorbidität darstellt ist in keiner Weise geklärt. Vorstellbar ist, dass ein gestörter Schlaf-Wach-Rhytmus und die beobachtete Verschiebung der Cortisol-Ausschüttung ursächlich in Zusammehang zu setzen sind.
Nach meinen persönlichen Beobachtungen (keine Studie) hängt “Altersschwäche” mit dem fortschreitenden Verlust von Stoffwechsel/Organfunktionen im Zuge des Alterungsprozesses zusammen. Diese sind an Malabsoptionen im Darm mit konsekutiver Mangelernährung gekoppelt. Der Magen-Darm-Trakt ist vergleichbar fragil, insuffizient und durchlässig dem eines Neugeborenen. Ist der Darm in seiner Leistung unter eine individuelle Schwelle gefallen, ist die “Endstrecke” erreicht. , Katabole Prozesse überwiegen die anabolen Stoffwechsel-Prozesse und ein finaler Gewichtsverlust beginnt. In diesem Moment beginnen die Menschen in den Sterbeprozess einzutreten, der unumkehrbar ist und durchaus mehr als ein Jahr andauern kann.

#4 |
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Brigitte Gotter
Brigitte Gotter

Die Cortisol-“Verschiebung” wird wohl eine Folge von multifktoriellem Geschehen sein, das die Hormone herunter fährt oder auch durcheinander bringt. In solchen Fällen ist viel Geduld und Mitarbeit vom Patienten erforderlich um wieder ein bisschen Normalität / Gleichgewicht hinein zu bringen. ……

#3 |
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Leider findet man das Problem der gestörten 24-h-Cortisolrhythmik nicnt nur bei älteren Menschen, sondern sehr häufig auch bei chronisch Kranken. In meiner Praxis nutze ich die Bestimmung des circadianen Cortisolspiegels zum Beispiel dafür, um einen körperlichen Burn Out von einer Depression zu unterscheiden oder um bei Patienten mit Autoimmunopathieneren eine Therapieentscheidung zu treffen, ob die NNR Funktion unterstützt werden sollte. Dies führt oft zu einem wesentlich besseren weiteren Verlauf der Erkarnkung bzw. zu symptomatischen Verbesserungen (v.a. Fatigue).
Ich finde es super, dass das Thema bei DocCheck überhaupt einmal aufgegriffen wird!
Vielleicht kommt es ja zu einer spannenden und fruchtbaren Diskussion, denn im Moment kratzen wir hier nur an der Oberfläche des adrenal fatigue symdromes.
Herzliche Grüße an Alle
Dirk-Rüdiger Noschinski

#2 |
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Gast
Gast

ist das nun Folge oder Ursache?

#1 |
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