Antidepressiva: Der Suizid-Test kommt

6. März 2014
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Antidepressiva lösen bei etwa jedem zehnten Patienten mit einer schweren Depression Suizidgedanken aus. Ein neuer Test soll das Risiko der Patienten vor der Behandlung vorhersagen können.

2 bis 9 Prozent der Patienten mit einer schweren Depression nehmen sich das Leben. Obwohl Antidepressiva zu den effektivsten Therapeutika für Menschen mit schweren Depressionen zählen, kam die Kontroverse auf, ob diese Medikamente – insbesondere die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) – mit dem Auftreten und der Intensivierung suizidaler Gedanken in Zusammenhang stehen könnten. Grundsätzlich belegen mehrere Studien einen Rückgang von Suiziden während der Behandlung mit Antidepressiva. Dennoch gibt es Hinweise, dass eine Subgruppe von Patienten von immerhin 4 bis 14 Prozent während der ersten Wochen nach Beginn einer Behandlung oder nach einer Dosisanpassung des Antidepressivums Suizidgedanken entwickelt, die zuvor trotz der Depression nicht vorhanden waren. „Es gibt zwar keine Studie, die einen derartigen Zusammenhang eindeutig beweisen könnte, aber es gibt robuste Hinweise, dass etwa jeder zehnte Patient von diesem Phänomen betroffen ist“, erklärt Dr. Andreas Menke vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Black Box erhöht Selbstmordrate

Auf der Basis einer Metastudie versah die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA vor etwa zehn Jahren eine Reihe von Antidepressiva mit einer sogennanten Black-Box-Warnung auf der Verpackung. Demnach seien vor allem junge Patienten unter 25 Jahren einem erhöhten Risiko ausgesetzt, nach der Einnahme dieser Antidepressiva suizidale Gedanken zu entwickeln. Europäische Behörden zogen nach und die Verunsicherung unter den Patienten wuchs. Doch der gut gemeinte Ansatz verlief anders als geplant. „Mit der Warnung erreichte man genau das Gegenteil: In der Folge gingen die Verschreibungszahlen von Antidepressiva zurück, was wiederum mehr Suizide nach sich zog“, so Dr. Menke. Studien aus den Jahren 2007 und 2008 zufolge betraf der Rückgang an Antidepressiva in der Behandlung von schweren Depressionen nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Seitdem setzt sich dieser Trend fort – ohne ausreichende Therapiealternativen.

Suizidgedanken offenbar an Antidepressiva gekoppelt

Suizidgedanken gibt es zwar auch bei Patienten mit schweren Depressionen, die psychotherapeutisch behandelt werden, eine Metaanalyse an etwa 14.500 Patienten zeigte jedoch, dass diese signifikant häufiger bei Patienten auftreten, die mit einem Antidepressivum behandelt werden. Trotz redlicher Bemühungen gibt es bisher keine Vorhersagemöglichkeiten, welche Patienten von diesem Phänomen betroffen sein werden. Dr. Menke und seine Kollegen haben bereits vor drei Jahren im Rahmen einer Studie nach molekularen Markern im Genom von Patienten mit schweren Depressionen gesucht, die eine Vorhersage zur Entwicklung suizidaler Gedanken unter einer Therapie mit Antidepressiva zulassen könnten. „Eine verlässliche Vorhersage würde Arzt und Patient mehr Sicherheit in der Therapie verleihen“, erläutert der Arzt die Vorzüge. „Je nach Schwere der Erkrankung könnte man eine psychotherapeutische Behandlung einer medikamentösen Therapie vorziehen, oder den Patienten zur besseren Überwachung stationär aufnehmen“, fügt er hinzu. Auch Beruhigungsmittel könnten Suizidgedanken entgegenwirken.

90 Prozent der Fälle richtig klassifiziert

Und die Wissenschaftler waren erfolgreich. Insgesamt fanden sie 79 genetische Marker, die bei Patienten, die gerade mit einer medikamentösen Therapie begonnen hatten, signifikant mit einer erhöhten Anfälligkeit für Suizidgedanken assoziiert waren. „In einer weiteren unabhängigen Untersuchung konnten wir in etwa 90 Prozent aller Fälle den richtigen Risikostatus klassifizieren“, so Dr. Menke. Aus diesen Markern wird ein industrieller Partner aus den USA nun einen Bluttest entwickeln, der an zahlreiche Psychiater verteilt werden wird. Diese werden die Verlässlichkeit des Tests in einer prospektiven Studie an ihren Patienten erneut prüfen. Sollte dieser letzte Test ebenso erfolgreich sein, strebt der Industriepartner des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie eine FDA-Zulassung an. Dr. Menke dazu: „Unser Partner hat auch das europäische Patent lizenziert, sodass wir davon ausgehen, dass der europäische Markt folgen wird.“

94 Wertungen (4.1 ø)

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15 Kommentare:

Dr Ermst Christian Bergmann
Dr Ermst Christian Bergmann

@Soheila Heidary:

Liebe Frau Heidary,

Ihr Beitrag hat mich sehr betroffen gemacht und mich gleichzeitig durch seine deutliche und ausdrucksvolle Art inspiriert und zum Weiterforschen angeregt. Ich spreche hier als ehemaliger psychiatrisch tätiger Arzt und seit Jahren selbst mit Depressionen ringender Mensch. Ich kenne also beide Seiten und teile sehr vieles von dem, was Sie hier ansprechen. Unter Weiterforschen verstehe ich hier ausdrücklich die sehr wichtige und oft vernachlässigte Selbsterforschung. Sie haben da ein Problem entschlüsselt, wofür ich Ihnen gratulieren möchte. Solche zutiefst ehrliche und kritische Haltung, in der sich viel mehr als ein sog. „Widerstand“ oder „Grübeln“ ausspricht, ist für unser Weiterkommen (ich vermeide hier die Begriffe „Krankheit“ und „Genesung“ hier bewusst), sehr wichtig. Leider wird das vom herkömmlichen medizinischen System in der Regel nicht genügend gewürdigt, da es bestimmte, und oft undifferenzierte Grundannahmen in Frage zu stellen vermag.
Ich bin dabei, einen ausführlichen Text, der zu einem großen Teil auf meiner eigenen Selbsterforschung beruht, zu verfassen und sich mit genau diesen Fragen beschäftigt, die Sie hier einbringen. Diesen möchte ich hier aber nicht ins Portal stellen. Gerne können Sie diesen aber über meine Mail-Adresse anfragen (ec.bergmann@gmx.de).

Ich danke Ihnen für Ihren Mut und Ihre Offenheit in diesem Portal

Dr. E.C. Ahenkan (geb. Bergmann)

#15 |
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Dr.med.Bayerl
Dr.med.Bayerl

Zu #3 und #4,
Mein Beitrag galt der unzweifelhaften Übertreibung sowohl der Tabletteneinnahme,
wie der “Pathologisierung” nicht krankhafter Stimmungsbelastung des Menschen.
Siehe #10

Pathologisierung vernichtet ja gleichzeitig die Selbstverantwortung. Das schließt Mitgefühl und Hilfestellung selbstverständlich nicht aus. Ich habe bewusst die USA genannt und bin der Meinung, dass man eine solche Entwicklung hier möglichst vermeiden sollte.

#14 |
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@S.Heidary:
Antidepressiva sollten gleichberechtigt mit einer Psychotherapie eingesetzt werden, denn nur in Kombination sind diese wirksam! Zudem sollten sie nicht länger als 8-10 Monate gegebeen werden. Das Wichtige ist bei allem aber eine Änderung des Lebensstils! Auf Medikamente kann man sich alleine leider niemals verlassen! Bei einer Hyperlipidämie wird begleitend zu den Lipidenkern ja auch immer eine Ernährungsumstellung empfohlen!

#13 |
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Dr. med. Otto Suleder
Dr. med. Otto Suleder

Stimme Herrn Dr. Grant voll und Ganz zu. Wegen der bekannten Tatsache, dass häufig die Lösung der Handlungsunfähigkeit bzw. Antriebshemmung rascher eintritt als die Lösung der Depression selbst, muss die dann drohende “tatsächliche” Umsetzung der suizidalen Gedanken durch die begleitende Psychotherapie abgefangen werden.
Dr. Otto Suleder
Arzt

#12 |
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@Dr. Wolkerstorfer: Sehr guter Beitrag. Auch ich bin der Meinung, dass bei den von Ihnen so treffend artikulierten “Hahnenkämpfen” das Patientenwohl zu oft auf der Strecke bleibt. Warum wird immer nach “Alles-oder-Nichts”-Lösungen bzw. “Entweder-Oder-Therapien” gesucht, wenn es erfolgreiche Kombinationsmöglichkeiten gibt?

#11 |
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Soheila Heidary
Soheila Heidary

Als betroffene kann ich nur sagen, vor meine Diagnose war ich gesunder als dannach. Ich glaube jeder Mensch ist mal depressiv aber nicht krank. Mit begriff Kankheit bekommt man das gefühl von Hilflosigkeit und Entmachtung. Seit ich Diagnose habe und Medikamente bekomme, habe ich mein Leben in der Hand der Ärzte gegeben und faktisch zu mir selbst abschied genommen.

#10 |
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Kann man denn nicht endlich aufhören, Psychotherapie und Medikamente gegeneinander auszuspielen? Bei einer mittelschweren oder schweren Depression ist immer BEIDES angezeigt.
Die ideologisierten Hahnenkämpfe von Vertreteren einseitiger Sichtweise schaden viel mehr als sie nützen!

#9 |
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Obwohl ich kein Fachmann auf dem Gebiet der affektiven Störungen bin, erinnere ich mich noch daran, dass uns während des Studiums wiederholt gelehrt wurde, dass Suizide in den absoluten Tiefphasen einer depressiven Episode sehr selten sind, weil die Patienten während dessen zu kraft- und antriebslos sind. Auch bei bipolaren Störungen kommen die Suizide wohl klassischerweise nicht während der depressiven sondern zwischen den Phasen vor. Von daher sollte vielleicht geklärt werden, ob die Suizidalität tatsächlich durch eine “Nebenwirkung” der Antidepressiva entsteht oder vielmehr, weil die Antidepressiva eigentlich ihre Wirkung tun, jedoch natürlich nicht von heute auf morgen. In anderen Worten: Es könnte durchaus sein, dass die beginnende Wirkung der Medikation tatsächlich den Patienten stärker bezüglich der Antriebsarmut “hilft” als sie es bezüglich der Anhedonie und Dysphorie tut, sodass die Patienten durch die Wirkung der Medikation in einen gefährlich “Zwischenzustand” in ihrer Behandlung kommen, während dessen sie erst die Kraft dazu entwicklen, sich das Leben zu nehmen.

#8 |
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Diplom Pflegewirt Frank Schaberg
Diplom Pflegewirt Frank Schaberg

Ja, es geht um Einnahmen für den nicht genannten Industriepartner des Max-Planck-Institutes. Und das kommt ein bisschen wissenschaftlicher und medizinischer daher, als wenn Ärzte nach sorgfältiger Anamnese und gut geführten Gesprächen eine Risikoeinschätzung machen müssen. Ein kleiner Teil der schwer Betroffenen bringt sich irgendwann (unter Medikation) um, das wird kein Gentest verhindern. Aber Juristen werden davon profitieren, wenn bei Behandlungsfehlerklagen von Angehörigen danach gefragt wird, ob vor der Medikamentengabe auch der Test gemacht wurde.

#7 |
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ungeklärt bleibt bei diesem Artikel, inwieweit die psychopharmakologisch behandelten Patienten mit den “nur” psychotherapeutisch behandelten in der Schwere und Art ihrer Depression vergleichbar waren…

#6 |
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Gast
Gast

Dieser Bluttest dient doch ausschliesslich dazu, das Image einer medikamentösen Therapie der Depression aufzupolieren und ein Plus an Sicherheit vorzugaukeln. Der Benefit für den Patienten dürfte marginal sein, vor allem wenn man an der Hypothese festhält, die Depression als Erkrankung sei ein irgendwie reparabler Defekt.

#5 |
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Gudrun Kühlen
Gudrun Kühlen

@ Dr. Bayerl

“Hat jeder, wenn auch nicht immer.”
Wie genau hat man sich das vorzustellen?

#4 |
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Sehr geehrter Herr @Dr. Bayerl,
eine echte Depression als “normales Lebensproblem” anzusehen, halte ich für irreführend. Leider wird der Begriff “Depression” heute ziemlich inflationär auf alle etwas länger andauernden Stimmungstiefs angewendet, die sicher jeder Mensch durchmachen muss. Diese Unschärfe – insbesondere zwischen depressiver Verstimmung und echter Depression – darf nicht den Blick dafür verstellen, dass die Symptomatik einer major Depression in Ausprägung, Tiefe und hinsichtlich des Leidensdruckes in keiner Weise mit dem vergleichbar ist, was jeder von uns spätestens ab der Lebensmitte duchmachen muss.
Auch ich stehe dem Medikamenten-Einsatz kritisch gegenüber, habe aber die Erfahrung gemacht, dass nicht wenige Patienten durch geeignete Antidepressiva überhaupt erst therapiefähig werden.
Vor diesem Hintergrund halte ich einen Gentest, der Auskunft über das SSRI-abhängige Risiko für Verstärkung von Suizidgedanken liefert, hilfreich.

#3 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Hallo, Frau @Birgit Wiegand,
ich bin da nicht ganz Ihrer Meinung.
Gerade “die Depression”, wenn man Psychotherapeuten glauben darf, hat ja spätestens ab “Lebensmitte” jeder, wenn auch nicht immer.
Sie ist daher, wenn Sie erlauben, ein normales Lebensproblem, nicht unbedingt eine Krankheit.
Ich sehe daher eher unter dieser Fahne (Krankheit) auch den Griff zur Pille als eine Fehlentscheidung, die mehr Schaden anrichtet als Probleme löst.
In unserem kulturellen Vorbild USA bis zum Exzess.

Gruß

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Birgit Wiegand
Birgit Wiegand

Wenn genügend Psychotherapieplätze zur Verfügung stünden, könnte man auf die durchaus umstrittene medikamentöse Therapie häufig verzichten.

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