Citalopram: Dr. Jekyll oder Mr. Hyde

28. Februar 2014
Teilen

Patienten mit Demenz leiden häufig unter psychomotorischer Unruhe. Jetzt untersuchten Wissenschaftler, ob Citalopram eine Alternative für Antipsychotika darstellt. Ihr Fazit: Der Wirkstoff schadet und nutzt gleichermaßen.

Um Patienten mit Agitation, Gereiztheit, Aggression und Enthemmung zu pflegen, erhalten sie als Medikation oft Antipsychotika. Diese Strategie ist umstritten: Einerseits fehlen Belege zur Effektivität, andererseits erhöht sich je nach Pharmakon die Mortalität.

Tod im Pflegeheim

Bereits im Jahr 2012 zeigte eine Studie im „British Medical Journal“ entsprechende Gefahren auf. Ärzte erfassten Daten von 75.445 Pflegeheim-Bewohnern aus 45 US Staaten. Innerhalb von sechs Monaten verstarben 6.598 Patienten an Erkrankungen des Gehirns, der Atemwege oder des Herz-Kreislauf-Systems. Krebserkrankungen wurden ausgeschlossen. Die Forscher berücksichtigten Morbidität, Alter, Geschlecht und Medikationen, allen voran Antipsychotika. Das Ergebnis: Haloperidol führte verglichen mit Risperidon zu einem doppelt so hohen Risiko, zu sterben – vor allem innerhalb der ersten 40 Tage.

Erfolgreiche SSRI

Angesichts dieser Problematik diskutieren Forscher, ob Demenzpatienten vom selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Citalopram profitieren. Jetzt liegen Daten der randomisierten, placebokontrollierten, doppelt verblindeten Citalopram for Agitation in Alzheimer Disease Study (CitAD) vor. Alle 186 Teilnehmer erhielten eine psychosoziale Intervention. Bei 94 kam Citalopram einschleichend von 10 bis zu 30 Milligramm pro Tag hinzu, weitere 92 nahmen Placebo ein. Nach neun Wochen kam es unter Verum bei 40 Prozent zu einer signifikanten Besserung der Agitiertheit (Placebo: 26 Prozent). Als Bewertungsmaßstäbe zogen Ärzte die Neurobehavioral Rating Scale und die Alzheimer Disease Cooperative Study-Clinical Global Impression of Change heran.

Nicht ohne Folgen

Dem gegenüber standen zwei unerwünschte Effekte: Citalopram beschleunigte den kognitiven Verfall. Auch verlängerten sich QTc-Intervalle um durchschnittlich 18,1 Millisekunden. Deshalb entschied die Studienleitung, einige Teilnehmer auszuschließen. Als Höchstgrenze für geriatrische Patienten gelten laut US Food and Drug Administration (FDA) 20 Milligramm pro Tag – hier waren es 30 Milligramm. Kognitive und kardiale Effekte könnten den Einsatz von Citalopram bei dementen Patienten stark einschränken, schreiben die Autoren.

19 Wertungen (4.26 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.



Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: