Raucherentwöhnung: Narzissten qualmen länger

27. Februar 2014
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Ob Raucher einen Raucherentwöhnungskurs erfolgreich beenden, hängt unter anderem von ihrer Persönlichkeit ab. Spanische Forscher fanden heraus, dass Menschen mit verschiedenen Persönlichkeitsstörungen unterschiedlich auf die Behandlung ansprechen.

Da 6-14% aller Menschen eine Persönlichkeitsstörung aufweisen (Schaletzky, 2009), lohnt es sich, hier genauer hinzuschauen. Persönlichkeitsstörungen sind psychische Störungen, die besonders früh in der Kindheit entstanden sind: Schon im frühen Mutter- und Vater-Kind-Kontakt gab es Probleme. Persönlichkeits-gestörte Menschen haben oft große Schwierigkeiten, befriedigende Beziehungen einzugehen. Es fällt ihnen mitunter schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen, darüber nachzudenken und mit ihnen umzugehen. Häufig sind große Spannungszustände die Folge. Viele Betroffene kämpfen mit Wutanfällen, Einsamkeit oder dem Gefühl, ein Sonderling zu sein. Der Griff zur Zigarette ist da nicht weit.

Menschen mit Persönlichkeitsstörungen sind häufiger Raucher als Menschen ohne diese Störung. Studien zufolge leiden etwa 50–60% der Raucher an einer Persönlichkeitsstörung. Einige Studien haben Achse-I-Störungen, also aktuelle Störungen wie Angststörungen oder Depressionen, unter die Lupe genommen. Weniger erforscht sind die sogenannten “Achse-II-Störungen“, also die langanhaltenden Störungen, zu denen die Persönlichkeitsstörung zählt.

Gruppen-Verhaltenstherapie über sechs Wochen

Wissenschaftler um Bárbara Piñeiro der Universität Santiago de Compostela, Spanien, haben nun untersucht, ob Raucher mit einer Persönlichkeitsstörung genauso gut auf ein Raucher-Entwöhnungsprogramm ansprechen wie Menschen ohne Persönlichkeitsstörung. An der Studie nahmen 290 Raucher (41% Männer, 59% Frauen) im Alter von durchschnittlich 41 Jahren teil. Von der Studie ausgeschlossen waren Psychotiker, Patienten mit einer Kokain- oder Heroinabhängigkeit sowie Patienten mit einer bipolaren Störung.

Alle Studienteilnehmer rauchten durchschnittlich 21,7 Zigaretten, mindestens aber 10 Zigaretten täglich und hatten sich für einen Raucherentwöhnungskurs in Form einer Gruppen-Verhaltenstherapie über sechs Wochen angemeldet. Die Sitzungen fanden einmal pro Woche statt. Die Studienteilnehmer füllten verschiedene Fragebögen aus: das “Smoking Habit Questionnaire”, das “International Personality Disorder Examination Questionnaire” (IPDEQ) und die “Nicotine Dependence Syndrome Scale” (NDSS). Nach Beendigung des Programms führten die Forscher einen Kohlenmonoxid-Atemtest durch. Die Follow-up-Untersuchungen fanden 6 und 12 Monate nach Kursende statt. Zum Behandlungsende waren 168 Teilnehmer (57,9%) abstinent. Nach 6 Monaten waren es 44,6% und nach 12 Monaten 33,9%. Zwischen den Teilnehmern, die es “geschafft” hatten und denen, die weiter rauchten, bestand kein Unterschied bezüglich des Familienstandes, des Alters, des Geschlechts, des Bildungsgrades oder der Achse-I-Störungen. Raucher, die 25 Zigaretten und mehr täglich rauchten, waren jedoch am wenigsten erfolgreich.

Verschiedene Störungen, verschiedene Erfolgsraten

20% der Studienteilnehmer wiesen eine Depression oder Angststörung auf. Nach dem IPDE-Questionnaire ergab sich bei 173 Teilnehmern (59,7%) der Verdacht auf eine Persönlichkeitsstörung. Dabei fanden die Autoren Hinweise auf verschiedene Persönlichkeitsstörungen (vermeidend, zwanghaft, Borderline, schizoid, paranoid, histrionisch, abhängig, narzisstisch, antisozial und schizotypisch). Es gab keine auffälligen Unterschiede bei der Zahl der Zigaretten, die die Teilnehmer mit den verschiedenen Störungen rauchten.

Insgesamt waren anteilmäßig genauso viele Teilnehmer mit, wie ohne einer Persönlichkeitsstörung rauchfrei geworden. Doch die genauere Analyse ergab, dass es Patienten mit einer Borderline-Störung, einer antisozialen oder vermeidenden Persönlichkeitsstörung anscheinend schwerer fiel, mit dem Rauchen aufzuhören als den Teilnehmern ohne Persönlichkeitsstörung: hier war der Anteil der “Erfolgreichen” besonders klein (10,1%, 2,4% bzw. 31% im Vergleich zu 42,9% bei den Teilnehmern ohne Persönlichkeitsstörung).

Persönlichkeit der Raucher stärker berücksichtigen

Zu den Follow-up-Untersuchungen ließ sich am Rauchverhalten nicht erkennen, wer eine Persönlichkeitsstörung hatte und wer nicht: Beide Gruppen unterschieden sich nicht hinsichtlich ihres Durchhaltevermögens, abstinent zu sein. Hier fiel jedoch auf, dass unter den Teilnehmern mit einer schizoiden oder schizotypischen Persönlichkeitsstörung der Anteil derjenigen, die nach 6 und 12 Monaten weiterhin nicht rauchten, besonders hoch war. Hingegen war bei den Teilnehmern mit einer narzisstischen Störung der Anteil der Abstinenten nach 6 und 12 Monaten besonders gering.

Die Forscher schließen daraus, dass bei Rauchstopp-Programmen die Persönlichkeit der Raucher stärker berücksichtigt werden sollte. Raucher, die an einer Borderline-Störung, an einer antisozialen oder vermeidenden Persönlichkeitsstörung leiden, schafften es in dieser Studie nicht so leicht, mithilfe eines Kurses das Rauchen aufzugeben. Speziell die Teilnehmer mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung zeichneten sich jedoch dadurch aus, dass sie ihre Abstinenz auch 6 und 12 Monate nach dem Kurs aufrecht erhalten konnten.

87 Wertungen (3.85 ø)

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17 Kommentare:

Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

@#16 Ihren Rat habe ich schon lange vor meinem Posting befolgt.
Ich habe auch etliche Psychologie Vorlesungen besucht, weil mich das als junger Mensch sehr interessiert hat.
Ich halte nicht allzuviel von “Normierung” von Menschen und dem Anspruch manches Psychologen, oder einer “Schule”, Abweichungen davon mit negativen Wertungen,
wie Persönlichkeitsstörung zu versehen.
Die zitierte Studie zeigt ja gerade, dass bestimmte “gestörte” Typen das Nikotin-Sucht-Problem besonders gut bewältigen.
Sehen Sie darin keinen Widerspruch?

#17 |
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Bitte an Herrn Bayerl:
Sehen Sie den Unterschied zwischen “schizophren” und “schizoid” in der Fachliteratur nach. Der Unterschied ist wie der von Diabetes mellitus und Diabetes insipidus …

#16 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Meine Bemerkung in #1 spiegelt die Skepsis gegenüber “psychologischen” Krankheitsdiagnosen.
Psychoanalyse ist nach langjährigen Studien in Stanford USA wissenschaftlich widerlegt. Ein alter Psychiater (Ordinarius) hat uns gesagt, dass man mit zunehmender Erfahrung immer weniger als krankhaft einstuft.
Schizophrenie ist eine klare psychiatrische Erkrankung. Menschen, die diese Erkrankung eindeutig nicht haben, schizoid zu nennen, grenzt für mich an Beleidigung.

#15 |
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Martyn Vilain
Martyn Vilain

Erstaunlich finde ich, wie leichtfertig anhand eines Fragebogens, ohne dass dieses klinisch näher untersucht worden wäre, von einer Persönlichkeitsstörung gesprochen wird. Persönlichkeitsstörungen sind komplexe Diagnosen. Wohl kaum ist es möglich, diese mit einem Fragebogen zu stellen, was eher fahrlässig wirkt, auch wenn dies weit verbreitete Praxis zu sein scheint. Grundsätzlich sind Aussagen einer Studie, in der so unkritisch über ein Hilfsinstrument Diagnosen gestellt werden (dies gilt auch für die Achse-I-Diagnostik), mit grösster Vorsicht zu sehen. Hieraus allgemeine Feststellungen ableiten zu wollen halte ich für unprofessionell und unwissenschaftlich.

#14 |
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Ärztin

50-60% der Raucher persönlichkeitsgestört? Diese Beobachtung teile ich NICHT! Wer sich umfassend über das Rauchen und Raucher informieren möchte, dem sei die Anti-Raucher-Konferenz im DKFZ Heidelberg angeraten. Die Veranstaltung ist interdisziplinär und auch die Psychatrie kommt zu Wort, aber auch Mediziner, Institute, Chemiker, Journalisten mit Recherchen bezüglich der Verwicklungen von Politik und Tabakindustrie, ebenso wie Exoten wie dem Verband der “e-Dampfer” uvm. Alle Vorträge sind auch auf der Internetseite des DKFZ als PDF zur Verfügung gestellt. Ärzte, Psychiater und Psychologen können für den Besuch dieser kostenlosen ! Veranstaltung sogar Fortbildungspunkte bekommen (16 Punkte für 2 Tage). Auch Rauchern sei diese Veranstaltung zur Information empfohlen.

#13 |
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Heidrun Hesse-Steinicke
Heidrun Hesse-Steinicke

Kann oder kann nicht…..
Sind das echte Hilfen, ich empfehle meinen Patienten mit dem Healing code zu arbeiten (s. google). Das hilft immer, wenn es nur angewandt wird.
H.S. Heilpraktikerin

#12 |
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Evi Wimberger
Evi Wimberger

Ich biete seit über 25 Jahren Kurse zur Raucherentwöhnung mit einem verhaltenstherapeutisch orientierten Konzept an: Diejenigen, die die Kurse besuchen, wissen, dass es ihnen viel schwerer fällt aufzuhören, sie verstehen, dass das Nikotin bzw. die Zigarette für sie vielfältige Funktionen hat. In der Studie wurden nur Kursteilnehmer, also ein ganz bestimmtes Klientel untersucht. Die Aussagen gelten nur für sie, jedoch nicht für die Allgemeinheit der Raucher.

#11 |
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Niko Papadopoulos
Niko Papadopoulos

“Studien zufolge leiden etwa 50-60% der Raucher an einer Persönlichkeitsstörung”
Bei einer Raucherquote in Deutschland von 25% der über 15 jährigen bedeutet dies ca. 13% Anteil an Persönlichkeitsstörungen zzgl. Personen die nicht rauchen.. In Griechenland liegt die Raucherquote bei 42%, demnach sind fast 1/4 der Griechen gestört in ihrer Persönlichkeit..irgendetwas stimmt da nicht..

#10 |
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Heilpraktikerin

“….50-60% der Raucher….” liesst sich für mich wie kann oder kann nicht, verstehe gar nicht, was daran aussagekräftig sein soll.

#9 |
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wer hätte das gedacht….

#8 |
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Diätassistent

Vor ungefähr 8- Jahren wollte ich nicht mehr, mit Nikotinpflaster hatte sich das innerhalb weniger Tage erledigt (Vermutlich war der Zeitpunkt gut gewählt) 4- Jahre hatte es gedauert um die Gewichtsnormalität wieder zu erreichen, das war die “Wahre Herausforderung” und ging nur mit völliger Abkehr von den „normalen“ Essgewohnheiten.

#7 |
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Diese Studie ist Nonsens!
Ich führe seit geraumer Zeit Entwöhnungskurse sehr erfolgreich durch. Eine Diagnostik hinsichtlich etwaiger Persönlichkeitsstörungen der Teilnehmer scheint mir wenig praktikabel und kein bisschen zielführend. Als Trainer muss man die Raucherseele verstehen. Das tut man garantiert nicht besser mit einem lehrbuchwissen über Persönlichkeitsstörungen. Sorry.

#6 |
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Ist eine “narzisstische Persönlichkeitsstörung” nicht eine Störung des (“normalen”) Narzissmus, also der Selbstliebe, die Voraussetzung ist für die Fähigkeit sich in andere einzufühlen? – Auch Dr. Bayerl scheint den Artikel so verstanden zu haben, als sei “Narzissmus” gemeint – und nicht eine “Störung” desselben. –
Bei den “Schizos” sind wohl Schizothymiker gemeint – oder gibt es auch “Schizotypiker”?

#5 |
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Ärztin

plötzlich und unerwarten haben Pat mit Persönlichkeitstörung auch Probleme beim Nikotin?
Das hätte ja kein Allgemeinarzt und kein Psychiater je erwartet.

#4 |
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Gast
Gast

Die neuere psychologische Forschung betrachtet das Konzept der “Persönlichkeitsstörung” längst kritisch und bewegt sich in Richtung des Konzeptes der “Interaktionsstörung”. Leider wird dies im Bereich Psychiatrie und insbesondere in der ideologischen Psychoanalyse kaum wahrgenommen, geschweige denn angenommen.

#3 |
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Christian Möller
Christian Möller

Na prima, dann stecken hinter den meisten Rauchern wohl Persönlichkeits- Gestörte und Narzisten. Ist es nicht bekannt, dass Psychotiker gerne zu Drogen greifen???

#2 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

also ist schizoid besser als narzistisch?

#1 |
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