Grüner Tee: Wirkung, wechsel dich

24. Februar 2014
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Grüner Tee kann die Wirkung bestimmter Medikamente stark abschwächen. Bei Probanden, die täglich grünen Tee tranken, sank die Menge eines Beta-Blockers im Blut um 85%. Wer Arzneimittel einnimmt, sollte besser auf Leitungswasser zurückgreifen, raten Wissenschaftler.

Grüner Tee wurde in den letzten Jahren als wahres Wundermittel in den Medien gepriesen: Er soll die Blutgefäße schützen, das Gedächtnis fit halten und sogar HIV und Alzheimer abwenden können. Als Grund für umfassende Schutzwirkung des grünen Tees stehen die Catechine im Verdacht. Dabei handelt es sich um polyphenolische Pflanzenmetaboliten aus der Gruppe der Flavanole, die auch in zahlreichen Obst- und Gemüsearten sowie im Wein vorkommen.

Nun bekommt der weit verbreitete Aufguss Negativschlagzeilen, denn offenbar kann grüner Tee die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Wissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg berichten im Fachmagazin „Clinical Pharmacology & Therapeutics“ in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Fukushima, dass grüner Tee die Wirkung des Beta-Blockers Nadolol beträchtlich abschwächt.

Beta-Blocker durch grünen Tee ausgebremst

Um zu prüfen, wie sich die Inhaltsstoffe von grünem Tee auf die Wirkstoffaufnahme des Beta-Blockers im menschlichen Körper auswirken, ließen die Wissenschaftler zunächst 10 gesunde Probanden über einen Zeitraum von zwei Wochen 700 ml grünen Tee pro Tag trinken. Für den weiteren Flüssigkeitsbedarf stand den Teilnehmern ausschließlich Wasser zur Verfügung. Anschließend nahmen sie einmalig eine 30-Milligramm-Tablette des Betablockers zusammen mit grünem Tee ein. In den zwei folgenden Tagen prüften die Forscher die Konzentration des Wirkstoffs im Blutplasma und kontrollierten außerdem den Blutdruck der Freiwilligen. In einer zweiten Testreihe wurde der grüne Tee dann durch Wasser ersetzt. Das erstaunliche Ergebnis: Nach dem Grünteegenuss lag der Nadololspiegel im Blut der Testpersonen rund 85 Prozent unter dem Vergleichswert. Folglich war auch die blutdrucksenkende Wirkung des Beta-Blockers bei den Probanden in der Grüntee-Testreihe deutlich vermindert. Doch dieser Versuchsansatz lässt einige Fragen offen. „In der aktuellen Studie wurde der Effekt von wiederholtem Grüntee-Konsum auf die Pharmakokinetik von Nadolol untersucht. Es ist daher unklar, welchen Effekt die einmalige Einnahme von grünem Tee mit Nadolol ohne vorherigen Grüntee-Konsum hat. Dies muss untersucht werden“, so Fabian Müller, beteiligter Wissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg.

Auch andere Arzneimittel betroffen?

„Wir können nicht ausschließen, dass grüner Tee auch die Aufnahme anderer Medikamente hemmt. Dies muss ebenfalls in weiteren Studien untersucht werden“, sagt Fabian Müller, und weiter: „Wir empfehlen, bei Einnahme von Nadolol auf den Konsum grünen Tees zu verzichten, da eine verminderte Wirkung zu erwarten ist.“ Für diese Wirkung machen die Forscher die Catechine im grünen Tee verantwortlich. Wie sie vermuten, beeinflussen diese Moleküle ein Protein in der Darmschleimhaut, das als Arzneistofftransporter bekannt ist: Der Organo-Anion-Transporter OATP1A2 unterstützt normalerweise Medikamente beim Übergang vom Darm ins Blut. Versuche in Nieren-Zellkulturen zeigten, dass OATP1A2, der wenigstens teilweise für die Absorption des Beta-Blockers verantwortlich ist, durch Bestandteile im grünen Tee blockiert werden kann. Ob das auch für Darmzellen zutrifft, ist Gegenstand aktueller Untersuchungen.

Medikamente besser mit Wasser einnehmen

In Deutschland spielt der Beta-Blocker Nadolol laut Angaben der Universität Nürnberg zwar kaum eine Rolle, aber dennoch liefert die aktuelle Studie wichtige Hinweise zu möglichen Wechselwirkungen von Medikamenten mit Lebensmitteln. Denn frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass Apfel-, Grapefruit- oder Orangensaftgetränke OATP ebenfalls hemmen. Sobald die Pharmakologen geklärt haben, wie lange die Blockade des Transportsystems durch den grünen Tee anhält, wird sich klären, ob die entsprechenden Tabletten nur nicht zusammen mit dem Tee eingenommen werden sollten oder ob generell von dem Konsum des Tees während einer Behandlung mit dem Betablocker abzuraten ist. Bis dahin sollten Medikamente besser mit Wasser eingenommen werden.

126 Wertungen (3.77 ø)

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19 Kommentare:

Heilpraktikerin

Das ist ärgerlich! Die Überschriften reizen zum Weiterlesen und dann solch ein langer Text mit keiner (!) Aussage. Studien mit Tausenden Patienten verpassen knapp die statistische Signifikanz und hier erfährt man erst mitten im Text, dass es um 10 (!) (vermeintlich?) gesunde Teilnehmer geht (die langjährige oder erstmalige Grünteetrinker sind ?). Enttäuscht liest man dennoch weiter um sehr erstaunt festzustellen, dass das Ergebnis dieser Miniversuchsreihe nicht (!) wirklich mitgeteilt wird.
Sie hätten sich wenigstens die Mühe machen können und etwas mehr über die Teilnehmer und die Ergebnisse bringen. Oder die Überschriften anpassen, dann hätt ich gleich weg-gezippt.

Noch was: wer initiierte die Versuchsreihe und vor welchem Hintergrund? Wer zahlt dafür?

Ihr Beitrag zur größtmöglichen Transparenz würde mich dazu motivieren, häufiger bei Doc Check zu lesen. Nach einer gefühlten ewigen Zeitspanne, während der ich bei “Forscher haben im Mausmodell…” sofort aufhörte weiterzulesen bin ich mittlerweile extrem selektiv geworden.
Lieber wär´s mir, wenn mehr Gescheites dabei wär.

#19 |
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Ärztin

Seit ewigen Jahren, sollte das heißen. Jedenfalls weiß das jeder und ich höre das seit der Kindheit von allen…

#18 |
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Ärztin

Hm, soweit ich weiß wird in China seit weigen Jahren von Einnahme von Medikamenten zusammen mit Tee (natürlich grüner) abgeraten, da dieser die Medikamentenwirkung abschwächen würde. Im Übrigen sollte wohl auch Rettich nicht zusammen mit Ginseng konsumiert werden, ob etwas wissenschaftlich nachweisbares dahinter steckt, weiß ich nicht, nicht, dass das in Deutschland überhaupt eine Rolle spielen würde ;)

#17 |
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ich empfehle folgende ergänzende Studien:
1. Orangensaft (Tomatensaft, Karottensaft) mit/ohne Nadolol
2. Kaffee mit ohne Nadalol
3. Schwarzer Tee mit/ohne
4. Bier mit/ohne Nadalol
5 Milch (Frischmilch, H-Milch) mit/ohne Nadalol
alle Testreihen jeweils mit Frauen, Männern, Asiaten, Schwarzen

Bei der großen Bedeutung dieses Forschungsvorhabens ist davon auszugehen, dass DFG oder EU das Projekt fördern, denn schließlich sind mindestens 10-15 Veröffentlichungen 6 Doktorarbeiten und 2 Habilitationen zu erwarten.

#16 |
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Gast
Gast

Sehr geehrte Frau Kirklies
vielleicht wäre es besser wenn man auch Homöopathie (mind. 6 Jahre) an der Universität studieren würde (- kann man ja, wenn auch als Nebenfach oder Studiengruppe. und ob Uni immer Qualität heißt ?!).

#15 |
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Mitarbeiterin Industrie

Ohne solche kleinen Studien mit Pilotcharakter, die gezielt eine Fragestellung untersuchen, können keine Thesen für weiterführende Untersuchungen aufgestellt werden.

Zudem ist die Probandenzahl abhängig vom kleinsten klinisch relevanten Unterschied. D.h. in diesem Fall: Welcher Einfluss des grünen Tees auf die Resorption des ß-Blockers ist als medizinisch wesentlich anzusehen. Je größer dieser Einfluss ist, desto geringer ist die Patientenzahl, die benötigt wird. (Und: bei über 80 % sollte die Patientenzahl ziemlich gering ausfallen; ob 10 ausreichenden sind, wäre zu prüfen; die genaue Berechnung müsste jedoch ein Statistiker durchführen.)

Außerdem: Bei klinischen Prüfungen im Rahmen der Zulassung eines Präparates ist es kaum möglich, alle Wechselwirkungen der Prüfsubstanz mit gängigen Arzneimitteln zu ermitteln, geschweige denn, mit Nahrungsmitteln. Wenn alle Eventualitäten geprüft werden müssten, wird es keine neuen Therapieansätze mehr geben können. Daher finde ich Forderungen in dieser Hinsicht übertrieben und unrealistisch.

Sicher sind Studien kritisch zu hinterfragen. Insgesamt wird bei Diskussionen zu Studien oftmals eine Kritik um der Kritik willen geführt, was der Sache an sich wenig dienlich ist.

Die Information, dass ein Einfluss von grünem Tee auf ß-Blocker möglich ist, halte ich bereits jetzt schon für wissenswert.

#14 |
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Martina Kirklies
Martina Kirklies

Ich bin entsetzt. Wenn es sich hier um Hohe Kunst der Wissenschaft und Fachleute handeln soll, wundert es mich nicht mehr, dass man bald Homöopathie an einer Universität studieren kann…

#13 |
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Dr. rer. nat Ralf Hertle
Dr. rer. nat Ralf Hertle

Sehr geehrter Herr Dr. Iatridis.
ohne irgendwelche Verschwörungstheorien auszugraben, stellen Sie sich einfach Frage: wer hat ein Interesse an Negativschlagzeilen? Auch wenn eine Untersuchung schlampig gemacht ist, was zählt ist die üble Nachrede (nicht nur beim Grüntee).
Der Rest wurde schon von den vorigen Autoren treffend erklärt.

#12 |
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PD Dr. Hartmut Grimm
PD Dr. Hartmut Grimm

….aus den evtl. 100 notwendigen Probanden kann man doch für jede Veröffentlichung eine 10er Gruppe nehmen und hat 10 (Pseudo-)Sensationspaper in unterschiedlichen Zeitschriften?!!! Und dann noch mit diversen Vergleichsgruppen……

#11 |
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Medizinphysiker

“Wissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Fukushima” heißt es im Text. Bekanntermaßen gibt es nicht unerhebliche ethnische Unterschiede bei der Reaktion auf Wirkstoffe: Waren die 10 Probanten Asiaten, womöglich noch aus Fukushima, oder Europäer? Warum wurde die Frage des Effekts der einmaligen Einnahme von Nadolol mit Grüntee ohne vorherigen Grünteeteekonsum nicht untersucht? 10 neue Probanten hätte man doch noch eben finden können? Eigenartig?

#10 |
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Dr. Matthias Warzecha
Dr. Matthias Warzecha

Wenn diese Ergebnisse sich dahingehend verallgemeinern ließen, dass bei regelmäßiger Einnahme von grünem Tee, Fremd- bzw. Giftstoffe generell zu 85% weniger aufgenommen werden…

#9 |
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Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff
Prof. Dr. Dr. Wulf von Restorff

Ein interessanter Artikel, der mich an Diskussionen mit meiner Teeverkäuferin erinnert, die mir sagte, sie kenne keine Studie, die deutliche Unterschiede zwischen schwarzen und grünen Tee beschrieben habe.
So bleibt den Erlangern und der Pharmaindustrie noch viel Stoff zum Forschen.
Gelegentliche Fragen von Patienten:
Wie sieht es denn mit Weißbier aus?
Wie viel ist ” ……..mit reichlich Flüssigkeit”
Was ist mit “Flüssigkeit” gemeint?

Eine unendliche Geschichte!

#8 |
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Dr. Andreas Breß
Dr. Andreas Breß

Auch sehr interessant ist wieso das Medikament zusammen mit grünem Tee eingenommen wurde. Wie sieht es aus wenn man zwar 700ml Tee am Tag trinkt aber in dem Moment indem man das Medikament einnimmt, dieses eben mit Wasser tut. Wie sieht es aus wenn man 3h vor Medikamenteneinnahme den letzten Tee getrunken hat usw. Man könnte die entscheidenden Fragen noch wesentlich erweitern.

VIELEN dank Herr Dr. Wolff. Sie bauen meine Meinung über Ärzte und Naturwissenschaften wieder auf. 10 Probanden und nur eine Einnahme des Medikaments sind äußerst knapp für irgendeine Aussage. Zumal keine Angaben zum CI, Median oder sonstiges genannt wird.

Solche Artikel braucht niemand.

Danke.

#7 |
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Vielleicht beim grünen Tee bleiben, dann braucht man keine Medikamente?! ;-)

#6 |
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Die Aussagekraft dieser Studie ist gleich Null. Aus einer einmaligen Gabe eines Medikaments bei gerade mal 10 Probanden einen Rückschluss zu ziehen, ist lachhaft.

Wenn man bei 100 Patienten unter laufender Betablockade und neu begonnenem regelmäßigen Genus von grünen Tee einen Abfall des Med.-Spiegels und(!) eine Verschlechterung der RR-Einstellung nachweisen würde, dann wäre dies einen Artikel wert.

#5 |
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Ärztin

Ich kann Herrn Iatridis zustimmen – meine spontanen Gedanken.

#4 |
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Cornelia Friedrich
Cornelia Friedrich

Es gibt ja auch andere Antihypertensiva.

#3 |
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Heilpraktiker

Da kann ich Kommentar #1 nur zustimmen. Ist mir außerdem auch schon aufgestossen, daß bei Wechselwirkungen praktisch immer die Empfehlung kommt: “Lassen Sie mal das Lebensmittel weg”. Stattdessen könnte man ja auch sagen: “Ergreifen Sie mal Maßnahmen, daß Sie vielleicht von dem Medikament wegkommen”. Funktioniert sicher nicht immer, wäre aber immer einen Versuch wert.

#2 |
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Das Nahrungsmittel einen Einfluss auf die Resorption, oder Pharmakokinetik und Dynamik haben können ist ja nichts neues.

Unverständlich ist mir warum in diesem Zusammenhang unbedingt das Wort “Negativschlagzeilen” im Zusammenhang mit dem grünen Tee genommen wird. Wenn dieses uralte und gesunde Lebensmittel zufällig mit einem Medikament interagiert hatte man ja auch schreiben können das Medikament macht “Negativschlagzeilen” weil das Pharmaunternehmen im Vorfeld nicht alle Eventualitäten abgeklärt hat, schließlich gehört Tee nicht zu den besonders exotischen Nahrungsmitteln.

#1 |
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