Leistungssport: Mein Herz für Olympia?

8. August 2012
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Sportler aus aller Welt buhlen bei den dreißigsten olympischen Spielen um die begehrten Medaillensätze. Doch für manche von ihnen geht es eventuell um mehr als nur sportlichen Erfolg. Tragen Sportler mit einer Herzhypertrophie auch ein gesundheitliches Risiko mit sich herum?

Der plötzliche Herztod des Schwimmweltmeisters und Olympia-Zweiten der Sommerspiele von Peking über 100 m Brust, Alexander Dale Oen, erschütterte Ende April dieses Jahres die Öffentlichkeit. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu derartigen tragischen Vorkommnissen, wie unter anderem der frühe Tod des Leichtathleten René Herms oder des italienischen Profi-Fußballers Piermario Morosini.

Da Sport und hierbei insbesondere der Ausdauersport generell für eine gesundheitsfördernde und leistungssteigernde Wirkung stehen, fällt es besonders schwer, den erschreckenden Tod junger und gesunder Sportler zu verstehen.

Sportherz als Gesundheitsrisiko?

In den 1960er Jahren galt das durch regelmäßiges Ausdauertraining erworbene „Sportherz“ als gesundheitliches Risiko. Man wertete eine Herzvergrößerung durch Sport, ähnlich der Vergrößerung durch Herzerkrankungen, in erster Linie als krankhaft. Die strukturelle Anpassungsreaktion des Herzens, welche durch regelmäßige sportliche Betätigung physiologischerweise hervorgerufen wird, führt zu einer Zunahme der Herzmuskelzelldicke (Hypertrophie), nicht aber zu einer Steigerung der Zellzahl (Hyperplasie), wie es bei Herzerkrankungen der Fall sein kann.

Es handelt sich hierbei um eine „harmonische Herzhyperthrophie“1, die alle vier Herzkammern mit einbezieht. Die Vergrößerung der Innenvolumina und die Wanddickenzunahme am Sportherz erfolgt parallel, sodass es zu keiner Veränderung der systolischen maximalen Wandspannung kommt.2 In den 1960er und 1970er Jahren konnten sowohl Kirch3 und Linzbach4 in ihren pathologischanatomischen und Reindell et al.5 in radiologischhämodynamischen Untersuchungen den Irrtum widerlegen. Seither gilt ein harmonisch hypertrophiertes Sportherz per se vor allem als außerordentlich leistungsfähig.

Zahlen zeigen deutliche Geschlechterabhängigkeit

Trotzdem kommt es immer wieder zu herzbedingten tödlichen Zwischenfällen im Sport. Insgesamt liegt die Häufigkeit eines plötzlichen Herztodes bei jungen Sportlern bei 0,5-2 pro 100 0006. Dabei zeigt sich eine deutliche Geschlechterabhängigkeit. Nur 7-9% der Betroffenen sind weiblich7. Untersuchungen der Ätiologie dieser Ereignisse gründen sich auf von Pathologen und Gerichtsmedizinern durchgeführten Autopsien.

Für die Altersgruppe über 35 Jahren kann mit 83% die koronare Herzkrankheit als mit Abstand häufigste atraumatische Todesursache genannt werden.8 Bei den Athleten unter 35 sind zumeist eine KHK oder eine floride Myokarditis ursächlich.9 Dagegen stehen bei jungen Sportlern unter 25 Jahren zu 80% kongenitale Herzerkrankungen, wie Koronaranomalien, die hypertrophe Kardiomyopathie und die arrhythmogene rechtsventrikuläre Dysplasie (ARVC) im Zusammenhang mit dem plötzlichen Herztod.10

Zusammenspiel ist entscheidend

Somit wird deutlich, dass nicht das Sportherz, sondern erst die intensive sportliche Betätigung im Zusammenspiel mit einer strukturellen oder infektiösen Herzerkrankung zu dem tödlichen Ereignis führen.

Bei René Herms, der nur 26 Jahren alt wurde, konnte eine Myokarditis für den plötzlichen Herztod verantwortlich gemacht werden. Auch bei Piermario Morosini, der mit 25 Jahren einen plötzlichen Herztod erlitt, könnte eine Myokarditis der Auslöser gewesen sein. In Studien fand sich sogar bei 5-22 % der plötzlichen Todesfälle von Sportlern eine Herzmuskelentzündung.11 Myokarditiden äußern sich häufig als Begleitentzündungen banaler Virusinfekte. Die Symptome variieren hierbei stark, sie können komplett fehlen oder sogar den plötzlichen Herztod hervorrufen. Häufige Erreger sind heutzutage der Parvovirus B19 und das humane Herpesvirus 6.12

Gönn dir Pausen

In der klinischen Diagnostik der Myokarditis hat sich in den vergangenen Jahren die MRT aufgrund ihrer fehlenden Invasivität positiv hervorgetan. Trotzdem bleibt die Endomyokardbiopsie (EMB) als Goldstandard bestehen, insbesondere aufgrund der Möglichkeit, eine Aussage zur Viruspersistenz zu machen und andere nicht-entzündliche Ursachen der Kardiomyopathie ausschließen zu können.

Das Patientengut, welches einer EMB zugeführt wird, sollte sorgfältig ausgesucht werden. Vor allem bei aufgetretenen Einschränkungen der linksventrikulären Funktion, gravierenden Rhythmusstörungen und hämodynamischer Instabilität erscheint diese invasive Untersuchung sinnvoll zu sein. Es wird empfohlen, nach einem Infekt für 1 Monat mit dem Leistungssport zu pausieren.13

Schonung und exakte Untersuchung

Noch nicht durch Studien gesichert ist allerdings, ob diese verordnete Ruhe den plötzlichen Herztod infolge einer Herzmuskelentzündung verhindern kann. Entsprechende Vermutungen bestehen aber. Wurde eine Myokarditis nachgewiesen, soll die sportliche Inaktivität und körperliche Schonung 6 Monate durchgehalten werden und vor Aufnahme der Betätigung eine genaue ärztliche Untersuchung erfolgen.14

Todesfälle berühmter Athleten schrecken die Öffentlichkeit besonders auf. Der plötzliche Herztod betrifft aber bei weitem nicht nur Hochleistungssportler. Man könnte sogar wagen zu sagen, dass für den Breitensportler ein vermeintlich höheres Risiko besteht, durch sportliche Betätigung ein tödliches Ereignis auszulösen. Dies könnte z.B. darauf zurückzuführen sein, dass hier, entgegengesetzt zum Profisport, intensive Vorsorgeuntersuchungen sowie eine enge ärztliche Trainingsbetreuung fehlen.15

So bleibt der Sport eine Medaille mit zwei Seiten. Fraglich ist aber, ob sich eine körperliche Betätigung, die nur annähernd dem Pensum entspricht, welches unsere Urahnen bewältigten, eine wirklich große Bedrohung für den heutigen Sportler darstellt.

Quellenverzeichnis:
1, 3, 4, 5 Vgl. Hans-Hermann Dickhuth, Kai Röcker, Frank Mayer, Daniel König, Ulrike Korsten-Reck, Ausdauersport und kardiale Adaptation (Sportherz), Herz 29 · 2004 · Nr. 4 © Urban & Vogel.
2 Vgl. H.H. Dickhuth, D. König, K. Röcker, A. Berg, G. Huber, U. Korsten-Reck , Sport und Herzkreislaufadaptation, sportmed präventivmed (2009) 39/2: 8-13.

6, 7 Vgl. Frick M, et al., Myokarditis und plötzlicher Herztod bei Sportlern, Herz 2009;34:299–304.
8 Vgl. Stefan Sack, Der Tod im Sport – ein internistisches Problem?, Herz 2004;29:414.
9, 10 Vgl. Stefan Sack, Der Tod im Sport – ein internistisches Problem?, Herz 2004;29:414–9.
11, 12, 13, 14 Vgl.Frick M, et al. , Myokarditis und plötzlicher Herztod bei Sportlern, Herz 2009;34:299–304l.
15 R. Bux , B. Zedler , P. Schmidt ,M. Parzeller, Plötzlicher natürlicher
Tod beim Sport – Häufigkeit im Obduktionsgut in den Jahren 1972–2007, Rechtsmedizin 2008 · 18:155–160.

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Humanmedizin, Studium

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