Langzeitstudium: Wenn’s mal wieder länger dauert

26. Februar 2014
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Das Studium sei die schönste Zeit des Lebens, heißt es oft. Vielleicht bekommen manche deshalb nicht genug davon und bleiben ihr halbes Leben eingeschrieben. Wir werfen ein Licht auf verschiedene Typen von Langzeitstudenten und lassen Medizinstudenten zu Wort kommen.

Man nennt sie „Bummelstudenten“ – und stellt sie sich so vor: Junge oder auch nicht mehr ganz so junge Studenten, die sich von den Verlockungen der Freizeit hinreißen lassen. Lange ausschlafen, um zwölf am Mittag den ersten Kaffee trinken, jeden Abend auf einer anderen Party abtanzen und sich nur ab und zu in den Hörsaal der Hochschule verirren. Doch stimmen diese Klischees wirklich? Was muss passieren, damit man zum Langzeitstudenten wird und womöglich sein halbes Leben an der Uni verbringt?

Die Regelstudienzeit für Medizin beträgt 12 Semester, zuzüglich drei Monaten für das Staatsexamen. Es ist nicht verwunderlich, wenn der eine oder andere zwei bis drei Semester länger braucht. Man muss nur beim erstem Versuch durch das Physikum gefallen sein oder ein Freisemester für die Doktorarbeit oder ein Auslandsjahr genommen haben. Doch selten trifft man die Urgesteine unter den Studenten, die nicht in der Regelstudienzeit bleiben. Leute, die über 20 oder 30, ja sogar über 100 Semester für ihren Studienabschluss benötigen – wenn sie ihn denn überhaupt erreichen. Viele fragen sich, was diese Leute dazu motiviert, ihr Leben an der Uni zu fristen und zu studieren. Dahinter verstecken sich ernste, aber auch weniger verständliche Absichten.

König der Langzeitstudenten

Seine Studien-Dauer kann vermutlich in Deutschland niemand toppen. Ein Medizinstudent ist bereits seit 56 Jahren an der Kieler Christian-Albrechts-Universität eingeschrieben. Der König der Langzeitstudenten befindet sich mittlerweile im 112. Semester. Als er vor 56 Jahren sein Studium begann, schickte die Sowjetunion ihren Sputnik-Satelliten in die Erdumlaufbahn und läutete das Zeitalter der Raumfahrt ein. Über die persönlichen Gründe des ausgedehnten Studiums ist ebenso wenig bekannt, wie über die Frage, ob er überhaupt noch Vorlesungen besucht – oder ob er zu der Gruppe der Scheinstudenten gehört, die nur für Studenten-Ermäßigungen und günstigen Bus- und Bahntickets eingeschrieben sind. Wenn man bedenkt, dass die meisten Studenten sich gewöhnlich mit 18 oder 19 Jahren erstmals ins Studium einschreiben – wie auch der Kieler Uni-Sprecher Boris Pawlowski, der den Fall vor einem Jahr publik machte, bestätigt – dürfte der Langzeitstudent somit sicherlich schon weit über 70 Jahre alt sein. Wo andere Senioren ihre Rentenzeit genießen, ist dieser Kieler Herr schon lange dabei, in der medizinischen Fakultät sein Unwesen zu treiben. Oder etwa nicht?

Lücke im System

Der Fall veranschaulicht, laut Pawlowski, eine Lücke im System. Im Gegensatz zu den Magister- oder Diplomstudiengängen gebe es bei den Staatsexamen-Studiengängen keine Regelungen, die einen Ausschluss nach einer bestimmten Zeit vorsähen. Die Universitäten könnten eine solche Regelung auch gar nicht einführen, betont der Sprecher. Denn für die Prüfungsordnungen der Staatsexamen seien die Bundesländer verantwortlich. Da, wo sie es können, erhöhten die Universitäten Pawlowski zufolge den Druck auf die Langzeitstudenten. Für die alten Studiengänge mit Diplom- oder Magisterabschluss, die auf die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt wurden, gab es spezielle Regelungen, um die Langzeitstudenten loszuwerden. Die Studenten mussten innerhalb einer begrenzten Zeit mit ihren Abschlüssen fertig werden. Es gab engere Kontrollen der Studienzeiten und zügigere Zwangsexmatrikulationen.

In Sachsen wurden beispielsweise 2012 Langzeitstudiengebühren eingeführt. Wer seine Regelstudienzeit um mehr als vier Semester überzieht, muss dort seit zwei Jahren 500 Euro pro Semester zahlen, abgesehen von Härtefällen. Doch während es bei den Magister- und Diplomstudiengängen universitätsinterne Regelungen zum Abschluss gibt, fehlen solche bei den Staatsexamenstudiengängen in Medizin, Tiermedizin und Pharmazie. Der Kieler Rekord-Langzeitstudent kann somit nicht von der Uni verwiesen werden. “Die Entscheidung über ein Staatsexamen in Medizin fällt grundsätzlich das Land, nicht die Universität”, bestätigt der Sprecher der Uni Kiel. „Das Hochschulgesetz Schleswig-Holsteins enthält keine Klausel, die es uns möglich machen würde, Langzeitstudenten zu exmatrikulieren“. Was sich im ersten Moment sogar witzig anhört, ist nach genauerem Nachdenken sehr problematisch, erklärt Pawlowski. Er ist der Meinung: „Die Langzeitstudenten nehmen jungen Menschen, die gerade von der Schule abgegangen sind, den Studienplatz weg“.

Druck auf Langzeitstudenten wächst

Gerade in der Medizin ist der Kampf um einen der begehrten Studienplätze groß und mit erheblichen Hürden verbunden. Wer keine sehr guten Noten vorweisen kann, muss lange Wartezeitsemester auf sich nehmen, um seinem Traumberuf Arzt näher zu kommen. Einige Universitäten hoffen deswegen, durch Druck auf die Langzeitstudenten wieder mehr Plätze freischaufeln zu können, die auch wirklich genutzt werden. Auch an der Uni Lübeck gibt es, nach Auskunft von Sprecher Rüdiger Labahn, Studenten mit enorm hohen Semesterzahlen. Ein Medizinstudent habe sich vor knapp zwei Jahren im Rentenalter auf Drängen der Universität exmatrikuliert – nach 70 Fachsemestern.

Zwei weitere Lübecker Studenten klagten derzeit sogar gegen ihre Rauswürfe nach mehr als 40 Semestern. Prüfungen oder andere Studienleistungen seien in diesen Fällen seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht mehr erbracht worden. Dennoch überwiesen sie weiter ihre Semesterbeiträge. „Wir fragen uns schon, was sich diese Leute eigentlich vom Studentenstatus erhoffen“, sagte Labahn. Ermäßigungen, etwa bei den Beiträgen zur Krankenversicherung, könnten es nicht sein – sie seien fast immer an Altersgrenzen gekoppelt. Und nur um ein günstigeres Bus- oder Bahnticket zu bekommen, lohne es sich auch nicht, die Semesterbeiträge jedes Jahr zu überweisen. Vor allem, da einige der Langzeitstudenten wohl schon Rentnerermäßigungen bekommen könnten. Nach Angaben des Sprechers ist davon auszugehen, dass es bei den Staatsexamensstudiengängen wie Medizin bundesweit Fälle mit enorm hohen Semesterzahlen gibt. Ihre Häufigkeit liege jedoch, gemessen an der Gesamtzahl der Studenten, im Promillebereich.

Lasst mich durch – ich bin Arzt!

Doch was treibt einen Studenten dazu an, so lange immatrikuliert zu sein und jedes Semester brav Studiengebühren oder Semesterbeiträge zu überweisen? Wenn es schon keine finanziellen Erleichterungen bringt, so ist bei manch einem Scheinstudenten vielleicht der Status ausschlaggebend. Denn mal ehrlich, wer würde sich nicht gerne Medizinstudent nennen? Ärzte stehen auf der Beliebtheitsskala verschiedenster Berufsbilder ganz oben. Man kann darüber zwar nur spekulieren, aber einigen mag der Status eines Medizinstudenten wohl sehr gelegen kommen. Und vielleicht setzt sich ja der eine oder andere Langzeitstudent sogar wirklich in ein paar Vorlesungen, weil er Interesse an medizinischen Themen hat. So gibt es beispielsweise in einigen Studiengängen auch Senioren-Studenten, die ihre freie Zeit noch mal dazu nutzen, sich weiterzubilden und das ein oder andere Fach zu studieren, das ihnen früher verwehrt blieb. So oder so sollte man sich sein Urteil über Langzeitstudenten aber nicht zu voreilig bilden. Denn im Gegensatz zu den Scheinstudenten, die die Universitäten unbedingt loswerden wollen, um wieder Plätze für das begehrte Medizinstudium freizuschaufeln, gibt es auch Langzeitstudenten, die ungewollt dazu geworden sind. „Härtefälle“ nennt man sie, die Studenten, die aufgrund verschiedenster Schicksalsschläge für ihr Studium länger brauchen als die Norm.

Ein Leben für die Medizin

Einer davon ist Klaus Thaller*, Medizin-Langzeitstudent an der LMU München. Er studiert im 54. Fachsemester Medizin. Herr Thaller schrieb sich 1986, kurz nach seinem erfolgreich abgelegten Abitur, in Medizin ein. „Mein Traum war es schon immer, Arzt zu werden“, erinnert sich der 49-Jährige. Die ersten vier Semester beendete er zügig, doch kurz vor dem Physikum ereilte ihn der erste Schicksalsschlag. „Mitten in der Prüfungsvorbereitungsphase erfuhr ich, dass mein bester Freund an einem Autounfall verstarb. Ich bin daraufhin in ein tiefes Loch gefallen, mein Kummer war so groß, dass ich nicht mehr ans Studieren dachte.“ Klaus trauerte ein Jahr um seinen Freund, bis ihn seine Mutter wieder dazu ermutigte weiterzustudieren. „Der Anfang war wirklich schwer. Ich konnte mich kaum auf das Lernen konzentrieren und fiel durch das erste Staatsexamen.“ Beim zweiten Anlauf schaffte er es dann doch. Doch nicht allzu viel später kam die nächste Hiobsbotschaft. „Meine Mutter ist psychisch erkrankt und wurde in eine Klinik eingeliefert. Mich hat das sehr stark belastet. Ich war eine Zeit lang regelrecht unfähig und blockiert zu studieren.“

Statt in die Univeranstaltungen und Vorlesungen zu gehen, kümmerte sich Herr Thaller einige Jahre um seine kranke Mutter. Für ihn war nicht mehr an Studieren zu denken. Fünf Jahr nach dem Tod seiner Mutter, fasste er jedoch neuen Mut, das Studium wiederaufzunehmen. Da Klaus immer darauf geachtet hatte, seinen Studentenstatus nicht zu verlieren, konnte er nach Wiederholung einiger Kurse, die inzwischen neu eingeführt waren, in die klinischen Semester einsteigen. „ Zu Beginn war es sehr schwer, wieder in diesen regelmäßigen Lernrhythmus zu kommen und kontinuierlich zu lernen. Ich war ja auch nicht mehr so jung wie damals und konnte mir die Sachen schlecht merken. Doch irgendwann gewöhnte ich mich wieder ans Lernen und machte weiter.“ Inzwischen steht Klaus kurz vor dem zweiten Staatsexamen und ist auf dem besten Weg, endlich das Medizinstudium zu beenden. Er ist froh, wenn er es geschafft hat. „Es ist schon ein komisches Gefühl, unter so vielen jungen Leuten zu studieren“, gesteht Klaus. „Man fühlt sich irgendwie nicht dazugehörig.“ Ein Positives hat es aber doch, wie er grinsend zugibt: „Die Patienten scheinen vor älteren Leuten mehr Respekt zu haben. Ich werde immer für einen Oberarzt gehalten, obwohl ich ja eigentlich noch Student bin“.

Nachgefragt!

Wie sehen eigentlich die Medizinstudenten ihre Langzeitkommilitonen. Wir haben zwei Studenten befragt. Jeanne Obermann studiert im neunten Semester Medizin in München. Sie kennt einen solchen Langzeitstudenten: „Bei uns gibt es einen im Studium, der schon Jahre vor mir angefangen hat, aber dennoch immer noch vor dem Physikum steht. Als ich im vierten Semester war, besuchte er mit mir gemeinsam den Biochemie-Kurs, war jedoch selten anwesend. Auf Rückfrage erzählte er mir, dass er nebenbei Vollzeit arbeiten müsse und deswegen seit Jahren immer noch nicht alle Kurse und Prüfungen der Vorklinik geschafft hat.“ Jeanne kann solche Studenten zwar verstehen, allerdings zweifelt sie am Sinn eines solchen Studiums: „Klar, dass viele Leute arbeiten müssen, um sich das Studium finanzieren zu können. Und es ist auch klar, dass man dann vielleicht etwas länger dafür braucht. Aber jahrelang im selben Semester zu sein, ohne wirklich etwas auf die Reihe zu bringen und diesen Platz jedes Jahr wieder zu besetzen, den andere Leute viel besser ausnützen könnten, finde ich etwas ungerecht. Vor allem, da dieser Langzeitstudent auf keiner Medizinerparty gefehlt hat, haben sich damals viele über ihn aufgeregt.“ Sie fände deswegen eine Maximalstudienzeit für Studenten angebracht. „Es wäre viel besser, wenn es eine genaue Semesterzahl gäbe, nach der man exmatrikuliert würde, wenn man bis dahin immer noch nicht zum Physikum angetreten ist oder bestimmte Prüfungen bestanden hat. Ausgenommen von Härtefällen natürlich, könnte so ein großer Teil der Studenten motiviert werden, die Studienzeit schneller abzuschließen und die Verlockungen eines Langzeitstudiums wären nicht mehr so groß.“

Gerard Paul, der im fünften Semester in Tübingen studiert, sieht das jedoch etwas anders: „Ich finde, dass es egal sein sollte, wie lange man für das Studium braucht. Medizin ist nun mal ein sehr schwieriges Studium, in das viel Lernzeit investiert werden muss und die sollte man demjenigen Studenten geben. Jeder benötigt unterschiedlich viel Zeit, um sich den Stoff zu merken, manche müssen neben dem Studium zusätzlich arbeiten, andere bekommen ein Kind, müssen Verwandte pflegen oder werden selbst schwerkrank.“ Gerard denkt dabei an eine befreundete Kommilitonin:“ Ich bewundere eine Mitstudentin, die unter Multipler Sklerose leidet und garantiert nicht in der Regelstudienzeit bleiben kann, da es ihr oft zu schlecht geht, um Prüfungen oder Kurse zu besuchen. Dennoch gibt sie nicht auf und versucht ihren Traum vom Arztsein zu verwirklichen. Man kann so jemanden doch nicht nach zehn Jahren exmatrikulieren, nur weil derjenige immer noch nicht fertig ist.“ Für den Tübinger heißt das: „Nur weil jemand sein Studium in Regelstudienzeit durchzieht, bedeutet das nicht, dass er der bessere Arzt wird. Durch schnelles Bulimie-Lernen kann man die Prüfungen zwar auch alle bestehen, aber jemand, der sich länger Zeit für das Verständnis der grundlegenden medizinischen Theorien gibt, eine bessere Work-Life-Balance hat oder auch einfach nur ein geselliger Mensch ist, der sich neben dem Studium noch sozial engagiert, wird später ein genauso guter Mediziner sein, wie derjenige, der in Turbozeit sein Studium erledigt hat. Ich finde, das sollte man berücksichtigen und jedem die Chance geben, das Optimum aus seiner Studienzeit herauszuholen – egal wie lange diese dauert.“

Berufsaussichten ade?

Wie sieht es eigentlich mit späteren Berufsaussichten für die Bummelstudenten aus? Viele der Mediziner, die lange über die Regelzeit studieren, machen sich Sorgen, wie der Arbeitgeber eine solche Verzögerung aufnimmt. Gerade bei Bewerbungsgesprächen kann die unangenehme Frage nach der langen Studienzeit nachteilig bewertet werden, wenn man sich kein schlagkräftiges Argument dafür überlegt. Langzeitstudenten sind grundsätzlich nicht schlechter gestellt als ihre Arztkollegen. Sie müssen sich nur anders präsentieren. Die längere Studienzeit muss überzeugend begründet werden. Es kommt bei einer Bewerbung darauf an, die eigenen Leistungen positiv darzustellen. Die „Vermarktung“ der eigenen Person entscheidet neben der Note oft maßgeblich über die Berufsaussichten.

Wie sollte man sich also genau im Bewerbungsgespräch präsentieren? Gerade Langzeitstudenten sollten stolz auf die eigenen Leistungen sein. Die eigenen „Ecken und Kanten“ geben ihnen Profil und Persönlichkeit. Sie sollten ehrlich zu den eigenen Fehlern und Krisen zu stehen. Dies erfordert Mut, der von vielen Personalchefs durchaus positiv gewertet wird. Qualifizierte Bewerber mit Persönlichkeit und Charakterstärke sind gefragt. Schwierigkeiten und persönliche Krisen sollten deshalb im richtigen Licht dargestellt werden. Statt zum Beispiel ausführlich von den eigenen Stresskrankheiten zu erzählen, könnte beispielsweise die Überwindung einer persönlichen Krise in den Mittelpunkt des Gesprächs gerückt werden. Das zeigt auch, dass man als Arzt gut mit Konfliktsituationen im medizinischen Alltag klarkommt, dass man Lebenserfahrung gesammelt hat, an denen es anderen Berufsanfängern oft mangelt und dass man Willensstärke besitzt, Dinge durchzuführen, die man unbedingt erledigt haben möchte. Langzeitstudenten, die während des Studiums zur Erwerbstätigkeit gezwungen waren, beweisen die Fähigkeit zur Organisation und Zeitmanagement, zeigen Belastbarkeit und ein Verständnis des Arbeitsmarktes – alles Dinge, die einem im späteren Arztleben von großem Vorteil sind. Es kommt letztlich nicht auf Ausreden an, diese wirken unehrlich und schaffen kein Vertrauen. Man sollte lieber selbstbewusst zu seinem eigenen Lebenslauf stehen, dann hat man weitaus mehr Chancen, seinen Arbeitgeber von sich zu überzeugen. Zudem werden gerade in vielen Bereichen Ärzte händeringend gesucht. Da dürfte ein Langzeitstudium häufig erst mal Nebensache bei der Bewerbung sein.

* Name des Interviewten durch die Redaktion geändert

38 Wertungen (4.32 ø)

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12 Kommentare:

Brüggemann
Brüggemann

Zu viele Fakten, zu wenig Wissen auf den Punkt gebracht…

#12 |
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Brüggemann
Brüggemann

Ich denke, die haben zu viele Prüfungen eingeführt, so dass man Zusammenhänge nur noch in Büchern liest, anstatt sie sich selbst in Erfahrungen anzueignen…
Jede Woche mindestens 2 scheinrelevante Prüfungen, eher 3 oder 4…
Da bekommt “die Sache” einen falschen Geschmack….
Bekannte Enzymformeln ersetzen einfach nicht das unbewußte Wahrnehmen eines gestikarmen Gesichtes oder einer leichten Nachziehbewegung in der rechten Hüfte oder ähnliches…
Die verlernen richtig das Hinschauen.
Und DAS bekommen sie auch noch beigebracht…..

#11 |
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Joachim Grenzberg
Joachim Grenzberg

Sehr schöner Artikel! Ich bin selbst Langzeitstudent und spüre oftmals die Vorurteile, die so mancher gegen uns hegt. Dennoch kann ich mit stolz sagen, dass so manch einer von uns alten Hasen den jungen angehenden Ärzten voraus ist. Ich möchte dabei auch Herrn Brüggemann und Frau Falke zustimmen: die Medizinstudenten von heute lernen nur noch wie man am Besten kreuzt und die Fragen des werten IMPP beantwortet, taucht – oh Wunder – mal ein echter Patient auf, der nicht den standardmäßigen Hautausschlag aus dem Lehrbuch aufweist, sind sie schon verloren. Eine echte Schande ist das, was ihnen heutzutage beigebracht wird… es bedarf hier wirklich mal einer Reform des der Ausbildung!

#10 |
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Gast
Gast

Ohhh… Mit dem Kreuzen hatte ich nie meine Problemchen…. 85% waren es unvorbereitet eigentlich immer.
Allerdings auch nur selten auch nur wenig mehr als 90% zugegeben….
Egal ob vorbereitet….
Und dann auch immer als einer der ersten draußen…
Ich fand das Kreuzen schon immer sehr leicht.
Die Anwesenheitspflicht, die ich auch ausdrücklich selbst befürworte, war so das Problem in der Hauptsache.
Einmal aufgrund von Krankheit aus dem regelstudium und schon waren nur noch Donnerstag Nachmittag Seminarplätze frei….
Die Klausurtermine wurden dann immer kurz vor Ende des Semesters festgelegt und fanden in der Regel alle zur selben Zeit statt…

Es ist auch ein Irrglaube, man könne NUR durch “Kreuzen üben” Wissen erwerben. Oder eben durch Pauken….
Es geht auch der Weg über die Praxis und den Patienten.
Besser, aber nicht so leicht…..wie der “Kreuzweg”
Nichts für Partylöwen oder Wochenendtrinker…
Aber was für “40 Stunden nebenher im Krankenhaus Arbeiter”.

Und wer kein Wissen erwirbt, wird eben solch ein Arzt, wie sie im Augenblick haufenweise von den Unis ausgeworfen werden…:
Ist keine der 5 vom Patienten angegebenen Diagnosemöglichkeiten plausibel, endet die Kunst…

#9 |
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Sophia Falke
Sophia Falke

@ Bernd Brüggemann:

Oh je, ich sehe bei Ihnen großen Nachholbedarf, was das Verständnis des Medizinstudiums anbelangt. Sie scheinen da völlig falsche Prioriäten zu setzen, wenn ich das vorsichtig ausgedrückt als Ferndiagnose mal so schreiben darf. Diese… äh… “Patienten”… ja, sehen Sie, die stören schon im Studium! Das müssen Sie sich erst einmal merken. Um die geht es gar doch gar nicht! Viel wichtiger ist es doch, ob nun A, B, C, D oder E richtig ist. Als Medizinstudent können Sie nur richtig glücklich werden – leider haben Sie das Studium ja schon hinter sich und können diesen Glücksmoment wohl niemals erleben können, aber trotzdem als kleine Idee im Konjunktiv – wenn Sie über 90% gekreuzt haben. Uuuh, das ist eine solche tiefe Erfüllung!! Wenn Sie das einmal erlebt haben, dann möchten Sie in Ihrem Leben nie wieder etwas anderes machen!! K-R-E-U-Z-E-N-!-!-!-!
Scheiss auf Polytrauma, langjährige Begleitung chronisch kranker Menschen… die würden uns jungen bald-Ärzten viel mehr zusagen, wenn Sie in MC-IMPP-Sprech daher kommen würden. Wie ich schon geschrieben hatte: da besteht großer Nachholbedarf und ich hoffe inständig, dass sich unser neuer Gesundheitsminister dieser Sache endlich annehmen wird:

Passt den Medizineralltag und die Patienten doch endlich mal an die Studentenrealität an!!!!

#8 |
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Bernd Brüggemann
Bernd Brüggemann

Ich denke, dass Hauptproblem ist, dass man das Medizinstudium nicht später wieder aufnehmen kann, sofern man sich erst einmal exmatrikuliert hat.
Häufig bekommen andere Dinge im Leben Priorität, wie ja oben auch beschrieben.
Sich dann zu exmatrikulieren heisst, mit dem Studium endgültig zu brechen.
In allen anderen Studiengängen inkl. Pharmazie oder tiermedizin kann man nach einer Zeit der Exmatrikulation zumeist wieder dort ohne ein Problem einsteigen, wo man aufgehört hat.
einen Studienplatz im Fach Medizin gibt es genau EINMAL im ganzen Leben.

Ferner ist das Argument, die Langzeitstudenten nähmen anderen die Plätze weg in der Regel ein scheinheiliges Totschlagargument.
Da könnte man auch sagen, Rentner verbrauchen zu viel Sauerstoff beim Atmen.
Denn in der Medizin bekommt man seinen Platz im 1. Semester! In keinem anderen Semester ist ein Wiedereinstieg möglich! folglich KANN aus Systemgründen Kein Langzeitstudent, der das 1. Semester vollständig absolviert hat IRGENDEINEM anderen Studienanfänger den Studienplatz wegnehmen!
Und da man sich an allen Universitäten in Deutschland für die jeweiligen Kurse, die man im folgenden Semester absolvieren möchte, im Vorfeld anmelden muss, ist es auch vollkommen unvorstellbar, dass ein oder maximal zwei Personen mehr – die Langzeitstudenten wollen ja nicht alle zugleich den SELBEN Kurs plötzlich besuchen ! – den Kursrahmen oder das Seminar sprengen würden!
Denn bis zum Ende der Anmeldefrist für jeden Kurs weiss NIEMAND, wie viele Studenten sich WIRKLICH anmelden werden, da für die allermeisten Kurse ab dem 2. Semester irgendwelche Voraussetzungen in Form zuvor erbrachter Scheine erfüllt werden müssen.
Folglich fallen die Langzeitstudenten in der Seminarplanung oder bei Praktika NICHT ins Gewicht !!
Es ist im Endeffekt sogar vollkommen egal WIE VIELE Semester jemand studiert, sofern er jeden Kurs nicht jedes Semester belegt, was die Atudienordnung ja beinahe überall verbietet! Dort ist dann nach dreimal maximal viermal Schluß! Öfter darf man die Scheinprüfung nicht mehr ablegen!
Und DASS man bei solch einer Scheinprüfung durchfällt und in der Folge exmatrikuliert wird, passiert den Personen unabhängig, wie lange sie studieren….
Hier wird also nicht einmal der Sturm im Wasserglas diskutiert….

Viel übler finde ich, dass immer mehr wirklich schlechte Ärzte von den Unis ausgeworfen werden.
Da werden Fakten per Memosystem gelernt, was man bereits von der Oberschule mitbringt.
Aber gilt es dann einmal, etwas auch nur ein wenig ungewöhnliches zu diagnostizieren oder auch nur, eine entscheidung zu treffen, für die es nur ein minimales Mass an Eigenverantwortung bedarf oder Initiative, die auch mal nach hinten losgehen kann, dann werden Behandlungen nicht gemacht, ältere Kollegen hinzugezogen oder Maximaltherapien durchgeführt ohne den Fokus auf das zu legen weshalb der Patient wirklich gekommen ist.
Seltsamerweise kommen – objektiv !!!- auf diese Weise immer mehr Therapie- und Behandlungsfehler zustande. Immer mehr Diagnosen erfoglen auf vorgefertigten Meinungen und Einschätzungen anstelle von Fakten!
Allein in meiner Familie sind zwei Bänderrisse und drei Knochenbrüche NICHT als solche diagnostiziert worden, obwohl bei den Brüchen in zwei Fällen ein Röntgen und bei den Bänderrissen in allen Fällen MRT aufnahmen vorlagen!!!
Ein extrem sichtbarer vollständiger Bruch eines Mittelfußknochens, klar und deutlich aus 3 Meter Entfernung erkennbar da disloziert, wurde von der behandelnden Orthopädin als “Na, wie ich gesagt habe: Alles in Ordnung!” gewertet!
Ich bemerkte daraufhin, aus dem 3 Meter entfernten Sitzplatz heraus, dass doch wohl der mittlere Mittelfussknochen gebrochen sei.
Sie ging wieder vor die Leuchtscheibe und sagte:”Ach ja, habe ich gar nicht bemerkt!”
Beachtet sei, dass meine Frau in die Notaufnahme gekommen war, weil sie starke Schmerzen im Bereich des mittleren Mittelfussknochens hatte, nachdem sie des Nachts vor das Bett gelaufen war und es laut gekracht hatte!
Den 45° Bruch an exakt der erwarteten Stelle “sah” die Notärztin jedoch nicht, obwohl zwischen den beiden Bruchstücken bestimmt 8 – 10 mm Zwischenraum existierten und die Seitverschiebeung sicherlich 1 cm betrug….

Vielleicht, um der langen Rede Sinn zu geben, sollte man mehr darauf achten, dass heutuge junge Studenten den Arztberuf weniger wegen sich selbst sondern wegen der Patienten ausüben.
Dann könnte man auch das Problem der Landarztvergreisung bekämpfen!
Nur die “besten” Schüler auszuwählen und damit natürlich auch die Notenvergabe in der Oberschule zu beeinflussen, halte ich nicht für sinnvoll.
Denn viele garade derer, die ein perfektes Studium hinlegen, KÖNNEN es einfach hinterher nicht!
Da war die Studentin im 10 Semester mit mir in der Nachtwache (studentischer Nebenjob), die ohnmächtig umfiel, als ich die Sprachkanüle eines finalen Bronchial CA Patienten reinigte, der nur noch röchelte.
Da hing dann mitten in der Nacht an der Sprachkanüle 15 cm geronnenes Blut mit Schleim dran. Sie wurde grün, dann weiss, dann fiel sie um….
Am folgenden Tag hat sie gekündigt, einen Tag später – DIREKT vor dem 2. STEX !- exmatrikuliert. Na DAS WAR ein verschwendeter Studienplatz…

Der Patient kannte die Prozedur natürlich schon, war unheimlich dankbar, wieder Luft zu bekommen und verstarb dann natürlich einige Tage später….

Also dirkutiert nicht über Langzeitstudenten und wie man sie los wird.
Gebt ihnen die Möglichkeit, nach Änderung der Lebensprioritäten wieder dort anzufangen wo sie aufgehört haben und die Schwelle zur Exmatrikulation wird sinken!
Außerdem sollte man auch nicht vergessen:
Sie bringen ihren Beitrag an der Uni!
Und dabei “verbrauchen” sie durchschnittlich wesentlich “weniger” als ein “normaler” Student!
Auch über die Zeit rechnet sich das!
Auch und gerade dank der modernen Rückmeldeverfahren auf Onlinebasis!

Wie sicherlich jeder erkennen wird, gehöre auch ich zu den Langzeitstudenten.
Ich erkrankte Anfang des 3. Semesters an Krebs, musste operiert werden und fiel aus dem verschulten Regelstudium.
Damals war die Organisation noch nicht so wie heute und so überschnitten sich in der Folge für mich immer die Termine, so dass ich für 3 Scheine 6 Semester benötigte, allein wegen Terminfestsetzungen während des laufenden Semesters, die mit anderen anwesenheitspflichtigen Kursen oder mit Klausuren kollidierten.
Dann kamen diverse Studienreformen, welche zusätzliche Scheine erforderlich machten, welche von mir auch allesamt erworben wurden – teilweise mit Bestergebnissen trotz oder gerade wegen meines Alters!
Dann kam die Familie und der Umzug an einen anderen Wohnort, welcher das Studieren nicht gerade vereinfachte….
Trotzdem will und werde ich an dem Beruf des Arztes weiter festhalten.
Um einen Job nach Abschluß brauche ich mich nicht zu sorgen….
Es gibt bereits mehrere niedergelassene Ärzte wie auch Oberärzte in Krankenhäusern, die mir direkt gesagt haben, dass allein meine Patienteneinstellung ihnen genügen würde, mich in Weiterbilidung zu nehmen.
Bei teilweise vielen, vielen “jungen” Bewerbern……
Bemängelt wird vor allem Karrieresucht, fehlendes Durchhaltevermögen, fehlende Initiative oder einfach totale Unkenntnis trotz bester Noten….
Alles Dinge, die mir als echt altem Hasen, einfach fehlen….

Es ist also nicht alles schlecht an Langzeitstudierenden, welche zusätzlich, solange sie Studenten sind, weder Arbeitslosengeld bekommen, noch Hartz IV !!
Die meisten, die ich kenne, zahlen Steuern, da sie arbeiten, um leben zu können.
Vom Staat bekommt keiner mehr Geld….

#7 |
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Susan Lücke
Susan Lücke

Besser recherieren bitte.
In Sachen-Anhalt gibt es z.B. Langzeitstudiengebühren beim Pharmaziestudium.
Um von den Gebühren freigestellt zu werden muss man a) während oder unmittelbar bevor dem Studium Mutter geworden sein und mit der Kinderpflege ‘belastet’ gewesen sein, Schwerbehindert oder in einer wirtschaftlichen Notlage sein. Diese wirtschatliche Notlage trifft zu wenn das Einkommen unterm Bafög-Mindestsatz liegt und man unmittelbar vorm Abschluss steht. Der Haken ist aber, dass zumindest in Sachsen Anhalt diese Freistellung wegen wirtschaftlicher Notlage nur ein Mal gewährt wird.
Somit ist das Langzeitstudium für die meisten Pharmaziestudenten ein unbezahlbarer Luxus in Sachsen Anhalt.
Man kann also keinesfalls davon reden, dass gar nichts gegen Langzeitstudenten in Staatsexamensstudiengängen getan wird.

#6 |
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Sophia Falke
Sophia Falke

@Dr. Frank Antwerpes: ich verstehe diese Geste nicht. Möchten Sie mir mitteilen, dass Sie rechts eine doppelte untere Lidfalte haben? Laut IMPP würde das mit einer atopischen Genese einhergehen…

:-D

#5 |
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JULIAN DUNCKER
JULIAN DUNCKER

Furchtbar schlechter Stil, zudem wird mehrfach die Umgangssprache verwendet.
Beispiel: “Man muss nur beim ersten Versuch durch das Physikum gefallen sein…”

Insgesamt schlechter Artikel. Bereits in den ersten zwei Absätzen wird indirekt moralisch bewertet. Zudem wird mit gefährlichem Halbwissen und Halbwahrheiten um sich geworfen.

#4 |
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@ Sophia Falke: ;-)

#3 |
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Student der Humanmedizin

Der letzte Abschnitt des Artikels wirkt als stammte er aus dem “Manager Magazin”, ist aber unzutreffend.
In so mancher Klinik, insbesondere in den “unbeliebten” Fächern, ist es vollkommen egal wie lange man studiert hat.
Derzeit ist der Arbeitsmarkt für Absolventen der medizinischen Fakultäten ein fast lupenreiner Käufermarkt (abgesehen von einigen wenigen Bereichen in den “beliebten” Fächern an beliebten Kliniken).

Des Weiteren erscheint es fragwürdig, ob die Meinung zweier einzelner Studenten zu dem Thema (die vermutlich selbst in der Regelstudienzeit sind) irgendeine Relevanz hat.

Die Anzahl derer, die nicht in Regelstudienzeit das Physikum bestehen liegt je nach Uni und Jahreszeit (Herbst / Sommer) zwischen 10 und 40%.
Würde man auf diese Studenten den Druck noch weiter erhöhen, würde man quantitativ im bedeutenden Rahmen zum Fehlen von Absolventen beitragen.

Im Übrigen ist der Artikel rein deskriptiver Natur.
Es fehlen die Zusammenhänge mit Ursachen, die im System selbst liegen und die Frage stellen wie es überhaupt sein kann, dass im Mittel etwa 1/4 bis 1/3 der Studenten nicht in Regelstudienzeit das Physikum besteht.

#2 |
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Sophia Falke
Sophia Falke

Klingt super. Wie wäre es mit einer Ausweitung des Erfolgprojektes G8 auf das Studium? Es gilt ja als gemeinhin erwiesen, dass die Gehirnentwicklung sich beschleunigt, indem Druck und Vorgaben verstärkt auf einen einwirken.

Desweiteren würde ich mich sehr über die Einführung von Verschlüsselungskursen freuen. Das ist etwas, was einem das spätere Leben als Arzt doch super erleichtern würde! Gerade das Medizinstudium ist ja voller persönlichkeitsbildender Elemente und ständig müssen wir uns selbst reflexieren. Möglicherweise können ja einige Patientenkurse ersetzt werden. Überhaupt zeigen die Patienten nie die klassischen IMPP-Schlagworte (“Ich habe einen Ausschlag bemerkt, der sich in den letzten drei Tagen mit scharfer Begrenzung fortgesetzt hat. Ich habe das fotodokumentiert, hier sehen Sie eine beispielhafte Läsion, wie sie anfangs zu sehen war. Ich habe einen behandelten arteriellen Hypertonus und kleinere virale Infekte durchgemacht, in den letzten sechs Monaten war ich nicht im Ausland. Die Famamilienanamnese ist leer. Wir haben einen Wellensittich zu Hause.”) und fünf mögliche Diagnosen nennen die auch nie. Ich bin schon sehr enttäuscht von diesen Menschen. Wozu machen wir Studis uns denn die Mühe und lernen 12 Semester + Examina MC-Fragen auswendig?!

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