CMD: Knacken im Kiefer

15. August 2012
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Wenn sich für Schmerzen keine klare Ursache finden lässt, lohnt oft ein Blick auf das Kiefer-Kau-System. Betroffene leiden häufig an Gelenkschäden und funktionellen Störungen in diesem Bereich. Erfahrungswissen aber auch Studien legen nahe, dass das kein Zufall ist.

Das Kauen dürfte den meisten Menschen als eine alltägliche und banale Bewegung erscheinen. „Weit gefehlt“, sagt Doctor of Dental Surgery Rainer Schöttl aus Erlangen. „Das Kauen ist ein hochkomplexer Vorgang, bei dem die Muskeln eine einzigartige Aufgabe im Organismus erfüllen. Sie müssen den Unterkiefer an eine exakt definierte Stelle im Raum bringen und eine punktgenaue Okklusion der 16 Zahnpaare herstellen.“ Im reflektorischen Wechselspiel von Kau– und Nackenmuskeln einerseits und hochauflösenden Rezeptoren anderseits wird dabei laufend die Position der Kiefer zueinander festgelegt. „Selbst die Ruheschwebe ist nichts anderes als ein Zielen auf die okklusale Endposition“, so Schöttl.

Schiefe Töne im stomatognathen Orchestergraben

Diese orchestrale Harmonie kann jedoch leicht in eine Schieflage geraten – etwa bei Kieferfehlentwicklungen, Verletzungen, Gelenkerkrankungen und Diskusverlagerungen, beziehungsweise wenn es aus diesen oder weiteren Gründen zu einer unklaren Bisslage kommt. „Dann muss die Kieferposition bereits in der Ruheschwebe angepasst werden, was die Muskulatur einseitig belastet“, erklärt Schöttl. Darüber hinaus entwickeln viele Patienten ein gestörtes Okklusionsgefühl und Parafunktionen, wie ein permanentes Zähnereiben oder – pressen. „Während die kumulierte Dauer der Zahnkontakte bei Gesunden etwa 20 Minuten pro Tag beträgt, sind es bei Patienten oft mehrere Stunden“, sagt Schöttl.

Fachleute sprechen bei derartigen Befunden von einer craniomandibulären Dysfunktion (CMD, im angelsächsischen Sprachraum temporomandibular disorder TMD). Studien zufolge ist sie weit verbreitet. Für Zeichen und Symptome wie Gelenkknacken, eingeschränkte oder asymmetrische Kieferöffnung, Druckempfindlichkeit im Kieferbereich oder abradierte Zähne werden aus den USA Prävalenzraten zwischen 40 und 75 Prozent berichtet, in der deutschen Study of Health in Pomerania (SHIP)-Studie war knapp die Hälfte der rund 7.000 Teilnehmer betroffen.

3 bis 10 Prozent dieser Patienten berichten von Beschwerden in einem klinisch relevanten Ausmaß. Meist handelt es sich um Schmerzen und Missempfindungen in Gesicht, Kiefer, Kopf und Nacken, aber auch Tinnitus, Schwindel, Sehstörungen und Rückenschmerzen werden mit der CMD in Verbindung gebracht. Selbst bei Fibromyalgie und beim chronisch regionalen Schmerzsyndrom CRPS soll die Störung eine Rolle spielen. „Entsprechende Beobachtungen kennt man aus dem Bereich der manuellen Medizin schon länger“, sagt der Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin PD Dr. Michael J. Fischer, München. Aber auch Studiendaten liegen vor. Sie zeigen, dass bis zu drei Viertel der Fibromyalgie-Patienten gleichzeitig eine CMD haben – in einer Untersuchung mit 20 schwer erkrankten CRPS-Patienten waren sogar alle betroffen. Naturgemäß geben derartige epidemiologische Studien keine Auskunft darüber, ob hinter diesen Assoziationen ein kausaler Zusammenhang steht, oder ob die CMD nur ein Begleitphänomen ist. Abgesehen davon: Ist es überhaupt plausibel, dass eine CMD Schmerzen nicht nur lokal, sondern im ganzen Körper triggert?

Schaltstelle Trigeminus

Ja, durchaus, sagen die Verfechter des Konzepts. Demnach führen auf lokaler Ebene entweder Gelenkerkrankungen oder die bereits erwähnte unklare Bisslage zu einer chronischen Reizung der Kaumuskeln. Die Folge sind Verspannungen und Schmerzen, die sich im Sinne eines Teufelskreises gegenseitig unterhalten oder sogar verstärken.

An dieser Stelle kommt der Nervus trigeminus ins Spiel. In ihm sind schmerzleitende Fasern aus verschiedenen Regionen verschaltet. Sobald er nozizeptive Signale aus dem Kieferbereich erhält, werden sie auf Grund dieser Verschaltung als so genannter referred pain – also als übertragener Schmerz – auch an anderer Stelle wahrgenommen, etwa in Form von Nackenverspannungen oder Kopfschmerzen. Darüber hinaus verknüpft der Trigeminus-Nerv propriozeptive Signale über Projektionen mit der Rückenmuskulatur und damit bis in den Lumbosakral-Bereich. Asymmetrien und Schmerzen im Kiefergelenk können so weit in den Körper ausstrahlen.

„Auch dazu gibt es Befunde aus der manuellen Medizin“ bestätigt Fischer. „Wir beobachten immer wieder, dass Interventionen am Kiefer-Kau-System die Ergebnisse etwa des Patrick-Kubis-Tests oder des Priener Abduktionstests erheblich beeinflussen.“ In einer Studie ging Fischer diesen Aspekt auch wissenschaftlich an. „An Patienten mit CRPS konnten wir zeigen, dass eine Detonisierung der craniomandibulären Muskulatur die Hüftbeweglichkeit deutlich verbessert“, so Fischer.

Einfache Diagnosestellung, schwierige Therapie

Unter entsprechend geschulten Zahnärzten und Kieferorthopäden, manuell tätigen Ärzten und Therapeuten ist es daher meist selbstverständlich, bei chronischen Schmerzzuständen auch an eine CMD zu denken. Die Diagnose lässt sich Schöttl zufolge leicht anhand der typischen klinischen Zeichen und Symptome stellen. „Man sollte in jedem Fall darauf achten, ob Augen-, Ohren-, Kau- und Schulterebene schief zueinander stehen.“ Auffällig sei auch, wenn die Schneidezahnmitte von Ober- und Unterkiefer nicht in der vertikalen Gesichtsmitte liegt. „Weitere Hinweise auf eine CMD sind eine nach vorne verschobene Kopfhaltung, Gelenkknacken und starker Abrieb an den Zähnen“, so Schöttl. Inwieweit auch eine gestörte Okklusion vorliegt, lässt sich rasch mit dem so genannten Aqualizer testen. Es handelt sich dabei um ein Wasserkissen, das der Patient idealerweise über Nacht zwischen die Zähne nimmt. „Bei Fehlbelastungen im Biss bemerken Patienten oft schon nach kurzer Zeit eine Verbesserung“, weiß Schöttl aus Erfahrung. Bildgebende Verfahren und instrumentelle Funktionsanalysen können die Diagnose zusätzlich stützen oder konkretisieren.

Zur Therapie der CMD kommen vor allem detonisierende Maßnahmen oder Bissschienen in Betracht – je nachdem, ob die Ätiologie eher myogen oder arthrogen ist. Ob weitere Maßnahmen notwendig sind, hängt davon ab, welche Funktionsabläufe und anatomische Strukturen betroffen sind und ob eine psychische Komorbidität besteht. Bei umfassenden Beschwerden und langjähriger Chronifizierung hat eine multimodale Therapie, an der Ärzte und Therapeuten verschiedener Disziplinen mitwirken, die größte Aussicht auf Erfolg.

Dass das für die Patienten ein mühsamer Weg ist, liegt auf der Hand. „Aber“, insistiert Fischer, „in der manuellen Medizin beobachten wir immer wieder, dass sich chronische Schmerzen kaum dauerhaft behandeln lassen, wenn eine gleichzeitig bestehende CMD nicht ebenfalls behandelt wird.“

192 Wertungen (4.47 ø)
Forschung, Medizin, Zahnmedizin

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23 Kommentare:

@23 Vielleicht interessiert es Sie: Für den Zeitraum von 1989 bis 1997 wurde durch die Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie nachgewiesen, dass die Häufigkeit von Bruxismus als Ausdruck von Stressbelastung sich verdoppelt hat. (Neue Ergebnisse zu oralen Erkrankungsprävalenzen, Risikogruppen und zum zahnärztlichen Versorgungsgrad in Deutschland, Materialienreihe Band 31 des IDZ (Institut der deutschen
Zahnärzte), Deutscher Zahnärzte Verlag, Köln)

Es kein neues Patientenkollektiv, sondern eines, das epidemiologisch massiver in Erscheinung tritt, kein Wunder bei dem, was sich in der Arbeitswelt abspielt.

#23 |
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“schief zueinander stehen”… na das ist vermutlich auch 95% der Patienten anwendbar… Herzlichen Glückwunsch zum neuen “Patientenkollektiv”… Crap…!

#22 |
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@ 3, 4, 9 , 12, 13
Die psychischen Einflüsse, die zur CMD führen sind etwas, das seit Jahrzehnten immer wieder hervorgehoben wird, ohne dass ihnen therapeutisch ein hoher Stellenwert zukäme, weil die Schienentherapie fest etabliert ist und die Neigung zur Analyse nicht-somatischer Einflüsse oft wenig ausgeprägt und relativ schwierig ist.

#21 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

an Annika Krispin :
einen Aqualizer – Wasserkissenschiene- besorgen ,nur wenn vorhanden eine Röntgenaufname ihres Beckenstandes mit zu einem Phsiotherapeuten nehmen , der in der Lage ist , den Beckenstand/ Iiosakralgelenke richtig zu korrigieren .3D/4D- Vermessungen bei Orthopäden sind meist zu ungenau in Ihrer Aussage; zusätzlich fehlen HWS, Kopfgelenke, Füße u.a. , dann zum Zahnarzt

#20 |
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Annika Krispin
Annika Krispin

Vielen Dank für diesen sehr informativen Artikel sowie aller Kommentare, endlich haben meine Probleme einen Namen. Nun stellt sich mir die Frage wo fang ich mit der Behandlung an, erst beim Zahnarzt/Kieferorthopäden, oder beim Physiotherapeuten? Wo finde ich in meiner Stadt Hilfe, wer kennt sich damit aus?

#19 |
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Psychologische Psychotherapeutin Susanne Blanz
Psychologische Psychotherapeutin Susanne Blanz

Bei der Behandlung chronisch (Schmerz-)kranker Menschen spielen oft motivationale Prozesse (z.B. der Aufbau von Therapiemotivation) eine tragende Rolle. In diesem Kontext halte ich den Einsatz von z. B. NTI-Systemen zur (potenziellen) kurzfristigen Schmerzentlastung als Unterstützung mittel- und längerfristig wirksamer Behandlungsstrategien im Rahmen eines biopsychosozialen Schmerzverständnisses für sinnvoll.

#18 |
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Armin Eckers
Armin Eckers

Es scheint hier doch noch einiges im Argen zu liegen:
1. Abrasionen und/oder “keilförmige Defekte” aufgrund excentrischen Knirschens oder Pressens sind nicht mit übermäßigen Abnutzungen durch Sand, Stäube etc.. zu verwechseln.
2. Die Komplexität des Kaubewegungsmusters ist hinreichend bekannt.
3. Jedwede Schiene schafft aufgrund der Unterbrechung der habituellen Okklusion (Interzeption) zunächst vorübergehend Besserung.
4. Es muß nicht der Osteopath sein, der auf CMD weitergebildete Physiotherapeut kann das im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung auch leisten.
5. Das Feedback vom Physiotherepeut ist wichtig für die kontrollierte Schienentherapie.
6. Sicher braucht nicht jeder eine Schiene, wie sie bei Hochleistungssportlern zur Leistungssteigerung eingesetzt wird.
7. Für langfristigen Erfolg sollte eine Okklusion hergestellt werden, bei welcher beide Kondylen des Kiefergelenks in einer Ruheposition im Zentrum stehen.
8. Dies kann auch mit einer Schiene erfolgen.
9. Einprogrammieren eines mehr vertikal orientierten Kaumusters kann ebenfalls durch eine entsprechend gestaltete Schiene unterstützt werden.
10. Schiene ist nicht gleich Schiene.

#17 |
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CRPS steht für Komplexes regionales Schmerzsyndrom, synonym
mit Sudeck-Syndrom und sollte im Zusammenhang mit CMD
nicht benutzt werden.
Sicher sollte die Ursache von besonders nachts wirksamen
Verspannungen der Kaumuskulatur behoben werden.
Aus meiner Sicht sind am wirksamsten meditative Techniken
(genau hinsehen), wozu auch Biofeedback-Methoden gehören.
Interessant ist auch der Ansatz mit Methode Feldenkrais:
der Unterkiefer wird dabei sehr gering in die Richtung zum Oberkiefer gedrückt (Unterstützung des Kieferschlusses), auch diese Übung sehr meditativ.
Übrigens unterstützt ständige Arbeit mit Gesteinsstäuben
den Zahnabrieb; da hilft nur Absaugung des Staubs bzw.
Benutzung einer Staubmaske.

#16 |
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Dr. Jörg Heuser
Dr. Jörg Heuser

Der Einsatz von EMG-Biofeedback hat sich gerade in der Behandlung der chronischen CMD sehr bewährt. Über ein mehrkanaliges EMG-Biofeedback kann zeitgleich die Muskelanspannung verschiedener Muskelgruppen (z.B. jeweils beidseits am Kiefer, Nacke und im Bereich der Lendenwirbelsäule) gemessen werden, um hierdurch das komplexe Zusammenspiel der zentralen beteiligten Muskelgruppen zu erfassen und anhand der entsprechenden Rückmeldung über den Bildschirm gezielt zu beeinflussen. Dieser Ansatz geht über ein reines muskuläres Entspannungstraining deutlich hinaus und wird insbesondere bei der Behandlung von muskulären Dysbalancen eingesetzt. Leider wird diese komplexe Biofeedbackbehandlung aufgrund des anspruchsvollen und teuren technischen Ausstattung in Deutschland bisher noch relativ selten angeboten. Auf der Homepage der Deutschen Biofeedbackgesellschaft (www.dgbfb.de) erhält man eine regionale Auflistung der Mitglieder dieser Gesellschaft. Auch der Einsatz von tragbaren EMG-Biofeedback zur Behandlung des nächtlichen Bruxismus ist inwwischen wissenschaftlich recht gut untersucht und hinsichtlich der Wirksamkeit der Beißschiene je nach Studie vergleichbar oder sogar überlegen.

#15 |
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Heilpraktikerin Ulrike Tondorf
Heilpraktikerin Ulrike Tondorf

Aus eigener Erfahrung kann ich das ebenfalls nur bestätigen. Sehr interessanter Artikel, den hoffentlich auch viele Ärzte/Zahnärzte/Therapeuten und Heilpraktiker lesen.

#14 |
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Ich habe in Finnland viel Erfahrung über die Thematik sammeln können, da dort den Kollegen die gesamten Daten der Patienten zur Verfügung stehen. Es ist uns dort gelungen, fachübergreifend die Ursachen klarzustellen und haben diesen Befund als Neuro-okklusales-Syndrom (NOS) benannt. Der vorliegende Artikel sagt vieles richtig aus, nur ist es hier offenbar immer noch nicht klar, wie der Bissvorgang abläuft. Wenn man die Abläufe verstanden hat, ist auch Diagnostik und Therapie kein Problem mehr. Im mehr als 70% der Fälle genügen einfache Zahnärztliche Massnahmen, um Scherzfreiheih wiederherzustellen.
Wer mehr über NOS erfahren möchte, kann mit mir Kontakt aufnehmen.

#13 |
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Armin Eckers
Armin Eckers

Wirbelsäulenprobleme haben oftmals, genau wie CMD die eigentliche Ursache im psychologischen Bereich. Ein suffizienter Therapieansatz muß daher an allen drei Punkten greifen: Orthopädie, Zahnmedizin und Psychologie.

#12 |
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Liebe Autoren,
bitte noch korrigieren: CRPS steht für “komplexes regionales Schmerzsyndrom” (complex regional pain syndrome), nicht “chronisch”. Das ist ein nicht unerheblicher Unterschied, der in den entsprechenden Konferenzen viel diksutiert wurde…
Ansonsten: Glückwunsch zu einem Artikel, der zu einem Blick über den Tellerrand der einzelnen Berufsgruppe ermuntert.

#11 |
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Chiropraktiker

Probleme im ISG und / oder Kiefergelenk hängen eigentlich immer zusammen, das ist zumindest die Erkenntnis aus der manuellen Therapie. Die Frage nach Huhn oder Ei, was kommt zuerst sollte dabei erst gar nicht diskutiert werden denn der Körper ist eine Funktionseinheit aus vielen Bestandteilen die allen zusammenhängen und einander beeinflussen. Deshalb schau ich immer die gesamte Struktur an egal welche Beschwerden vorhanden sind und versuche eine Re-Balancierung aller aus dem Lot geratenen Bereiche die aber unbedingt durch gezielte und landfristig angewandte Eigentherapie stabilisiert werden muß um notwendige Anpassungsreaktionen umsetzen zu können.
Dieser ganzheitliche Ansatz sollte mehr Beachtung in der Schulmedizin finden und integrativ und interdisziplinär angewendet werden.

#10 |
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Herr Prof. Scholz hat auf den erheblichen Einfluss psychischer Faktoren bereits hingewiesen.Diese übersteigen die Bedeutung der anderen Faktoren bei weitem. Im Artikel und auch in den meisten Kommnetaren kommt eben dies nicht zum Ausdruck. Angst und Depression sind wichtige Komorbiditäten. Ein Kiefergelenkskancken alleine hat eben keinen Krankheitswert. Die Patienten, die Knirschen und Pressen “kauen nachts ihren Tag Tag durch”, die CMD oder MAP ist in aller erster Linie Ausdruck einer maladaptiven Stressverarbeitung. Das Erfassen der psychosozialen Situation und dieser Belastungsfaktoren ist mindestens gleichwichtig (in meinen Augen wichtiger) als die differenzierte Beurteilung des Zahnstatus. Vielen der zum Teil auch oben aufgeführeten Verfahren und Maßnahmen fehlt jeglicher Wirksamkeitsnachweis in klinischen Studien und es ist leider eben doch so, dass von vielen Kollegen ein Geschäft aus appartiver Diagnostik und zum Teil immer noch invasiver Therapie gemacht wird (dazu schaue man sich nur die Rechnungen aus einigen “CMD Zentren” an, die Patienten zum Teil mitbringen). Eine Aufbissschiene stellt für diese chronifizierten, hochbelastetenden Patienten eben nicht die einfache Lösung für Beschwerden von Beckenschiefstand bis Tinnitus dar. Selbstverständlich kann sie erheblich zur Beschwerdelinderung beitragen – als ein Baustein einer komplexen Therapie. Auch die Fachgesellschaften, die sich mit der CMD wissenschaftlich auseinandersetzen schätzen das so ein. Die Diagnosekriterien bestehen gerade deshalb aus einem mehrachsigen System, in dem der Befund an den Zähnen eben nicht den größten Teil ausmacht sondern neben anderem steht. In der revidierten Fassung der Diagnosekriterien, die aktuell publiziert wird, wird dies noch deutlicher als in den bislang genutzten Research Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (RDC/TMD). Die Achse II vermisse ich in dem journalistischen Beitrag. Die Behandlung der Patienten lässt sich nur interdisziplinär bewerkstelligen. Die Aufbisschiene (und eine einfache ohne große apparativen Aufwand genügt für die meisten Patienten völlig) stellt eben nur einen Teil der Behandlung dar. Physiotherapeutische Maßnahmen können unterstützend hilfreich sein, Entspannungsverfahren wie PMR und Biofeedback sind einigermßaen gut wissenschaftlich belegt – im Gegensatz zu Maßnahmen der kraniosakralen Therapie. Ich sehe klinisch auch, dass diese Verfahren individuell eine Wirkung haben und sinnvoll sein können – mit dem derzeitgen wissenschaftlich gesicherten Krankheitsmodell der CMD / MAP sind sie aber kaum in Deckung zu bringen. Häufig erlebt man es, dass die Vermittlung von Krankheitsmodellen durch diese Behandler die vorher durchgeführte Aufklärung wieder zu Nichte machen. Für den Patienten ist es viel bequemer und naheliegender sich auf eine Malokklusion oder einen Beckenschiefstand zu berufen (mechanistsiches Modell) als sich auf ein Bio-Psycho-Soziales Schmerzverständnis einzulassen, dass von ihm mehr Mitarbeit erfordert.Insgesamt ist es zu begrüßen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem krankheitsbild zunimmt.

#9 |
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Peter Zimmer
Peter Zimmer

Die CMD kann die komplexesten Symptome im gesamten Körper verursachen. Bei der Mehrheit der Betroffenen sind mehrere Organsysteme betroffen, evtl. sogar triggernd ursächlich für die “plötzlich” klinisch auftretende Beschwerden im Rahmen einer CMD. Als niedergelassener Orthopäde beschäftige ich mich nunmehr seit fast 6 Jahren mit diesen “faszinierenden Erkankungsbild”. Auffällig ist, daß scheinbar kein Patient (und damit das Bescherde/Symptommuster) dem anderen gleicht, also eine “individuelle” Behandlungsstrategie und vor allem Fachübergreifend erstellt werden muss. Auffällig ist die Uneinigkeit innerhalb der Zahnärzteschaft über die Form und Art der Schienentherapie. Bei 10 Patienten gute Ergebnisse, dann wieder 3 Patienten ohne jeglichen oder nur mäßigem Erfolg. Die besten Erfolge erzielen wir i.d. R. wenn sich die Therapeuten Zahnarzt/Kieferörthopäde/Orthopäde/Optiker/Osteopath kurzfristig ab- und besprechen, was im Praxisalltag nicht immer leicht umzusetzen ist. Die Erfolgsquote gibt aber gerade bei chronischen Erkrankungen (i.d.R. ohne jegliche anatomische Korrelat) einem multimodalen, fachübergreifendem Konzept recht. Richtig scheint eine gewisse familiäre Häufung solcher Symptome zu sein, die bei den einzelnen betroffenen Personen durchaus sich sehr unterschiedlich äußern können.
Ich als Orthopäde arbeite sehr viel mit “sensomotorischen Einlagen” des Herstellers “MedrefleXX” welche mittels der 4-D Wirbelsäulenvermessung u.a. angepasst werden, zusammen. Bedauerlich, daß sehr viele Behandlungskonzepte keine Kassenleistung -trotz hoher Wirksamkeit – darstellen. Leider wird hier den beteiligten Therapeuten oft “Geldgeilheit” unterstellt, auch wenn hier in aufwendiger Form die Einlagen “individuell” angepasst werden, oder eine Aufbiss-Schiene anatomisch und funktionell ausgemessen und angepasst werden muss. Schlussendlich jeden Cent wert ist, da der oft jahrelange Krankheitsverlauf zu erheblicher Beschwerdelinderung, sogar zur Beschwerdefreiheit führen können.
Ggf. ist es dem Therapeuten seine Aufgabe den schmerzgeplagten Patienten zu verdeutlichen , dass ggf. (eine aufeinander folgende, evtl. zeitgleiche) fachübergreifende Therapie zwingend erforderlich sein kann.
Es fällt auf, das bei den Kommentierenden gerne “nur” über den eigenen Fachbereich geschrieben wird! Sicherlich haben jene alle Fälle bei denen Sie erheblich zur Verbesserung oder Heilung beigetragen haben.
Ich bin fest davon überzeugt, daß gerade die CMD sich durch eine Vielzahl von Symptomen und beteiligten Organsystemen auszeichnet, auch fachübergreifend behandelt werden muss.

#8 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

Auf die richtigen Zusammenhänge hat Frau Emmerich (2) hingewiesen .
Die CMD-Problematik sollte besser SACRO-Craniomandibuläre Disorder heißen .
Eine lokalisierte Betrachtungsweise ist in
der Regel nicht dauerhaft zielführend .
Meist liegt ein blockiertes Iliosacralgelenk ( ISG ) vor
Diese Problematik führt im Laufe der Zeit zu vielen der beschriebenen Symptome.
Ich rede nicht von Zahnverlusten u.durch Za-Tätigkeit hervorgerufe Veränderungen .
.Lockernde Physioth.,Atlas-th.odgl sind nur supportiv und lindern nur solange Gelenkblockade(n) nicht gelöst werden .
Therapien ohne Berücksichtigung der ISG-Situation ,zu kurzes Bein ( funktionell und/oder anatomisch, Muskelverkettungen sind nur kurzfristig erfolgreich .
Auch Kinesiologie,CraniosacalTh., Physioenergetik ,Myozentrierende Th. liefern zwangsläufig nur falschpositive Aussagen
Der Mensch belastet gleichmäig auf korrekten Fußgewölben (Druck- Fußmeßplatten ),ruht im Becken ,
sucht seinen Schwerpunkt , zentriert sich über KieferÖFFNER u. Schließer, insbes. aber über das Zungenbein — beim LUTSCHEN zentriert sich das Baby, das Kind,. Der Mensch hängt nicht am Atlas und geht nicht auf den Händen ,dh . Ursprung – Ansatz der Muskulatur muß rechts u. links gleich sein und zieht zum Becken , nicht zum Kopf.
Eine der seltenen Therapien , die eine minutenschnelle , meßgenaue Korrektur vornimmt ist die sog. Regenerative Krankengymn. n. Cross ,gemessen mit dem AKROMIOPELVIMETER .

Bei TINNITUS -nicht Verletzungen, Knalltrauma–
kommen gestörte Biometrie, Stoffwechselstörung u. Mitochondriopathie zusammen .

#7 |
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Nichtmedizinische Berufe

Eine CMD ist etwas verflixt unangenehmes. Aber Hilfe zu finden, Erleichterung sehr schwer. Bei mir fand man im Zuge der Diagnostik gleich noch einen knöchernen Sporn am Kiefergelenk.

Aber es braucht die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Zahnärzten, Kieferchirurgen, Orthopäden und Psychologen bei dieser Erkrankung. Und da fangen die Probleme an…

#6 |
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Carmen Buchheim
Carmen Buchheim

Endlich einmal ein fundierter Bericht über ganzheitliche Zusammenhänge einer CMD.
Was mir in der Logopädie auffällt, ist der Zusammenhang von einer CMD und Dysphagie bzw. Dysphonie. Die meisten meiner Patient/innen beschreiben auffällig oft Mißempfindungen im Hals, Verspannungen in den Kiefergelenken, in der HWS, Schulter-und z.T. Brustregion. Bei der Diagnostik von Schluck- bzw. Stimmstörungen ist häufig neben einer CMD auch Hyoid und orofaciale Muskulatur hyperton. Dies hat Auswirkungen wie bereits beschrieben und eine Wechselwirkung zur Atmung und Stimme, und der Artikulations-/Schluckorgane.
Mit manueller Stimmtherapie (genauer gesagt CranioSacraler Therapie), Atem-, Haltungs-, Bewegungs- und Entspannungsübungen ist in der Regel schon zu Beginn eine deutliche Verbesserung der Stimm- bzw. Schluckstörung zu beobachten. Eine gelungene Voraussetzung für die Fortführung der Logopädischen Behandlung.
Erfreulich wäre, wenn v.a. Zahnärzte, Orthopäden, HNO, Onkologen u.a. diese Zusammenhänge beachten und diese Patient/innen an die Logopädie überweisen würden.

#5 |
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Heilpraktiker  Paul Piras
Heilpraktiker Paul Piras

wie Sie wissen
nach dem Androposopen Medizin spielen die Zähne
eine sehr wichtige rolle
in der CMD, weil jeder Zahn hat ein verbindung zur jeweilige Organ.
Und ich bin mir sicher Auch sozusagen Pseudo Schmerz oder CMD schmerz
Viel wichtige deswegen ist ein Panoramica der Zahnstatus, gegenfalls einen complette Zahnsanierung durch dem Zahnarzt. Auch Zahnlegierung oder Amalgame führen zur destabilisierung des gesamte Organismus und somit zur verschieden Symptomen wie auch Störung des Metabolismus.

#4 |
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Sehr gut, dass auch einmal CMD als Syndrom einer chronischen Schmerzerkrankung zur Sprache kommt. Bei der Differenziertheit und Vielfalt des Berichtes kommt ein Aspekt deutlich zu kurz: Es ist für das klinische Bild der CMD nicht erheblich, ob die muskulären Spannungen durch Gelenkabnormitäten zustande kommt oder nicht. Die gemeinsame Endstrecke liegt darin, dass die betroffenen Muskeln unter erheblicher Dauerspannung stehen. Stress, unterdrückte Gefühle udrgl. lassen grüßen!

Was ist das Mittel der Wahl, wenn muskuläre Spannungen eine dominante Rolle einnehmen? Entspannung! Wir haben in einem Forschungsprojekt, das leider aus finanziellen und organisatorischen Gründen abgebrochen werden musste, feststellen können, dass Hypnose und Progressive Muskelrelaxation eine größere Wirkung haben als Aufbissschienen. Hypnose können die Patienten auch lernen. Sie profitieren ganz erheblich von dieser Art der Behandlung. Vielleicht auch deshalb, weil nicht nur auf die Zähne oder Gelenke allein geachtet wird, sondern auf den Menschen, der unter der CMD sehr leidet.

#3 |
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Carmen Katharina Emmerich
Carmen Katharina Emmerich

Es gibt sehr enge Bezüge von HWS (vor allem ab C3) zum Kiefergelenk und die Zusammenhänge von Hüftfehlstellungen, Beinlängendifferenz und Kiefergelenkproblemen (sozusagen als “Leitgelenk”) sind bekannt.
Osteopathie, manuelle Therapie, Orthopädie und Zahnmedizin sollten da eng zusammen arbeiten.
Buchempfehlung: Ch. Könecke et al.:Craniomandibuläre Dysfunktion: Interdisziplinäre Diagnostik und Therapie

#2 |
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Altenpfleger

Ist es überhaupt plausibel, dass eine CMD Schmerzen nicht nur lokal, sondern im ganzen Körper triggert?
Ist es möglich, dass eine CMD Schmerzen nicht nur lokal, sondern im Körper von Familienmitgliedern des CMD-Kranken triggert?
Wenn ich die Liste der Krankheiten betrachte: Tinnitus, Schwindel, Sehstörungen und Rückenschmerzen, so fällt mir auf, dass diese in der Familie eines mir bekannten CMD-Kranken vorkommen.

#1 |
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