Immuntherapie: Nüsschen für Nüsschen

14. Februar 2014
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Vielversprechende Studienergebnisse: 9 von 10 Kindern mit einer Erdnussallergie konnten nach einer oralen Immuntherapie wieder bis zu 5 Erdnüsse pro Tag verzehren. Dennoch sei die Therapie noch lange nicht marktreif, warnt ein Experte.

„Kann Spuren von Erdnüssen enthalten“ – dieser Warnhinweis auf zahlreichen Lebensmittelverpackungen ist für etwa 15 Millionen Amerikaner und 17 Millionen Europäer von großer Bedeutung, denn sie leiden unter einer Erdnussallergie. Etwa 1 Prozent der Kinder in den Industrienationen soll betroffen sein. Bisher gibt es keine wirksame Therapie, außer konsequent auf Erdnüsse zu verzichten. Doch selbst Spuren von Erdnüssen, die in zahlreichen Fertigprodukten und Süßwaren vorkommen, können zu allergischen Reaktionen bis hin zu einem anaphylaktischen Schock führen. Erdnussmehl wird gerne als Bindemittel verwendet und ist in vielen Waren, denen es nicht beigemischt wird, produktionsbedingt in Spuren enthalten.

Wissenschaftler der Universität Cambridge berichteten nun im Fachmagazin The Lancet von einer oralen Immuntherapie, die Hoffnung macht. 99 Kinder, die alle unter einer Erdnussallergie leiden, im Alter von sieben bis 16 Jahren nahmen an der Studie teil.

Neue Dosis stets mit ärztlicher Überwachung

Zunächst wurden die Studienteilnehmer in zwei Gruppen geteilt. Während der ersten sechs Monate erhielten 49 Probanden eine orale Immuntherapie, bei der Erdnussmehl unter die Nahrung gemischt wurde. Die erste Dosis von 2 Milligramm Erdnussmehl erhielten die Kinder und Jugendlichen stets im Krankenhaus unter ärztlicher Überwachung und mit bereitstehender Notfallmedikation. Dieselbe Dosis erhielten die Studienteilnehmer dann im Anschluss täglich zu Hause. Über den Versuchszeitraum von einem halben Jahr steigerte sich die beigemengte Erdnussmenge in einem zweiwöchigen Rhythmus von zwei auf 800 Milligramm. Das entspricht etwa fünf Erdnüssen, der 25-fachen Menge, die die Studienteilnehmer vor der Immuntherapie zu sich nehmen konnten.

Therapieerfolg: 10 Erdnüsse symptomfrei genießen

91 Prozent der so behandelten Probanden tolerierten nach dieser Immuntherapie immerhin die Menge von 800 mg Erdnussmehl. 62 Prozent dieser Gruppe (24 von 39 Teilnehmern) vertrugen am Ende der sechs Monate sogar 1.400 mg Erdnussmehl, was etwa 10 Erdnüssen entspricht. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe, die nach wie vor strikt auf Erdnüsse verzichtet hatten, reagierten erwartungsgemäß sogar auf kleinste Erdnussmengen allergisch.

Im Anschluss erhielt auch die zweite Gruppe dieselbe orale Immuntherapie. Auch in dieser Gruppe vertrugen am Ende der Behandlung 84 Prozent der Probanden 800 Milligramm des Hülsenfruchtmehls. Mehr als die Hälfte (54%) der Kinder und Jugendlichen tolerierten 1.400 Milligramm Erdnussmehl. Untersuchungen der Wissenschaftler zeigten, dass die orale Immuntherapie die Aktivierung der Basophilen reduzierte. Diese weißen Blutzellen lösen eine akute Entzündungsreaktion und Schwellungen beim Kontakt mit dem Erdnussprotein aus.

Nichts für zu Hause

„Die Lebensqualität der Kinder und deren Eltern wurde durch die Immuntherapie signifikant verbessert“, schreibt Prof. Matthew Greenhawt von der Abteilung für Allergien und Klinische Immunologie des Nahrungsmittelallergie Zentrums der University of Michigan in einem Kommentar.

Zuhause nachahmen sollte man so eine Gewöhnungsstrategie jedoch auf keinen Fall, warnen die Studienautoren. Denn gerade zu Beginn der Therapie könne es zu schweren, allergischen Schocks kommen. Außerdem traten bei den Kindern und Jugendlichen häufig Nebenwirkungen in Form von allergischen Reaktionen auf. 81 Prozent der Studienteilnehmer klagten mindestens einmal über Halskratzen, mehr als die Hälfte war von Bauchschmerzen geplagt. Knapp ein Drittel litt unter Übelkeit und jeder dritte Studienteilnehmer musste sich übergeben. Jeder fünfte Proband reagierte mit Niesen, entwickelte Haut- oder Schleimhautschwellungen. 13 Prozent der Kinder und Jugendlichen litten unter Nesselsucht. Vier Probanden mussten die Studie wegen mehrfach auftretender allergischer Reaktionen ganz abbrechen.

Ein großer Erfolg – mit Vorsicht zu genießen

Dennoch ist der Studienausgang ein großer Erfolg: „Vor der Behandlung mussten Kinder und deren Eltern akribisch jedes Nahrungsmitteletikett studieren. Nun können die Kinder unbeschwert auch auswärts essen, ohne gleich befürchten zu müssen, auf Spuren von Erdnüssen allergisch zu reagieren“, so Studienleiter Andrew Clark vom Addenbrooke’s Hospital in Cambridge, England.

Als vielversprechend stuft auch Kommentator Prof. Matthew Greenhawt die Studie ein. Dennoch gibt er zu bedenken, dass es noch einige offene Fragen zu klären gibt, bevor eine derartige Immuntherapie als Standardtherapie eingesetzt werden kann. „Es gibt bisher nur unzureichende Erkenntnisse zum Wirkmechanismus der Therapie“, schreibt der Experte für Nahrungsmittelallergien in seinem Kommentar. Auch Langzeitnebenwirkungen seien in dieser Studie nicht berücksichtigt worden. Ungeklärt sei ebenfalls, von welcher Dauer die vielversprechende Toleranz der Probanden sei. Andere Studien, an denen auch Milch- und Ei-Allergiker teilgenommen hatten, kämen diesbezüglich zu kontroversen Ergebnissen: Bei manchen Allergikern blieb die Toleranz bestehen, auch wenn sie zwischenzeitlich über einen längeren Zeitraum keinen Kontakt zum betreffenden Allergen hatten. Bei anderen verschwand sie nach Monaten oder Jahren wieder. „Diese Umstände müssen noch genauer untersucht werden“, betont Greenhawt in seinem Kommentar. Ebenso müsse untersucht werden, warum die orale Immuntherapie bei manchen Allergikern nicht anschlägt. Greenhawt fasst zusammen: „Es ist wichtig zu verstehen, dass die orale Immuntherapie vom klinischen Routineeinsatz noch Jahre entfernt ist. […] All diese Fragen müssen mit Bedacht geklärt werden, ohne den Druck, möglichst schnell eine marktfähige Therapie entwickeln zu müssen.“

44 Wertungen (4.34 ø)

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9 Kommentare:

Diese Immuntherapie könnte für die Gruppe der Anaphylaxie Patienten interessant
sein.

#9 |
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Heilpraktikerin

Herr Dr. med. H. Gschwender,
wenn die Patienten nicht mehr kommen, heißt das noch lange nicht, dass sie geheilt sind….Na Entschuldigung, aber die 100% sind wohl bißchen vermessen…

#8 |
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Dr. Robert Prinz
Dr. Robert Prinz

Die teuersten Erdnüsse der Welt? GLP und GCP zertifiziertes Erdnussmehl? Tolles Geschäftsmodell – wo kann ich die Aktien kaufen? Und wann gibt es endlich pulverisierte Mandeln?

Erdnuss vs. Kopfnuss: So lange die Menschen nach einer Therapie wieder Lebensmittel essen können, die eben Spuren (und nicht ganze Erdnüsse) enthalten, wäre dies schon als Erfolg zu werten. Allergiker reagieren eben schon auf Spuren, gerade die Mundschleimheit steht da an vorderster Front. Im übrigen sind Erdnüsse fetthaltig ohne Ende und deshalb sollten Kinder nicht Dosen-weise Erdnüsse futtern. Es kann also ein Vorteil sein, wenn das Erdnuss-Essen kein “Spass” ist!

#7 |
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Kollege Dr. med. H. Gschwender ist wohl eher mit AnPiMoMai® beschäftigt, als über seine Alternativmethoden antworten zu können:
http://www.anpimomai-ausbildung.de/component/contact/94-gastheiler/259-dr-med-hans-gschwender
Weitere Infos:
http://www.tcm-franken.de/
In Bewertungsportalen findet sich wenig Überschwängliches zu Therapieerfolgen. Bisher keine Rückmeldungen. Zu viel Apoptose?
Der Gerechtigkeit halber muss ich allerdings sagen: Was bringt es eigentlich, wenn 9 von 10 Kindern mit einer Erdnuss-Allergie nach einer aufwändigen und teuren(?) oralen Immuntherapie wieder bis zu 5 Erdnüsse pro Tag verzehren können. Spaß am Erdnuss-Essen sieht anders aus!
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

#6 |
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Wissenschaftliche Mitarbeiterin (für klinische Studien)

@Dr. med. Hans Gschwender
Auf meine Anfrage vom 14.2.14 haben Sie leider nicht geantwortet. Darum hier noch ein Versuch:
Woher weiß die Apoptosereaktion, welche Plasmazellen “pathologisch” sind? Und wie wehrt sich der Körper nach einer Behandlung mit dem Yin-Yang Neutralisationsgerät gegen Antigene, die eine körpereigene Oberflächenstrucktur nachahmen?

#5 |
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Anna von Mengershausen
Anna von Mengershausen

Anna von Mengershausen,

Sehr geehrter Herr Dr. Gschwender, vor kurzem haben Sie schon einmal in einem Ihrer Beiträge über das Gerät und Ihre Methode gesprochen mit der Sie bei Ihren Patienten die Apoptose-Reaktion einleiten.
Mich würde es auch sehr interessieren wie Sie das machen. Haben Sie auch Erfolg bei den Frühblüher-Allergien unter denen so viele Menschen leiden? Sind die Beschwerden dann wirklich auch auf Dauer weg?
Herzliche Grüße, Anna von Mengershausen

#4 |
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Heilpraktikerin

Der Frage von B. Hörger möchte ich mich anschließen. Mich würde die Therapie von H. Gschwender auch sehr interessieren. R. Ott

#3 |
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Birgit Hörger
Birgit Hörger

An Kollegen H. Gschwender: Das klingt ja interessant, kann man erfahren, wie die Therapie heißt, mit der sie die Plamazellen zur Apoptose bringen. B. Hörger

#2 |
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Da wäre es doch besser die Allergie an der Wurzel mit Stumpf und Stiel auszurooten.
Mir gelingt dies in jedem fall durch Einschalten der Apoptosereaktion bei allen Plasmazellen, die in der Lage sind Antikörper gegen körpereigenes Eiweiß zu produzieren. Damit ist jeglich Möglickeit einer allergischen Reaktion ausgeschlossen.
Diese Methode hat jedenfalls bei mir bei allen Allergikern funktioniert, ohne Ausnahme.

#1 |
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