PJ: Willkommen im rechtsfreien Raum?

15. August 2012
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In Kürze ist es wieder soweit. Zum Herbstturnus starten wieder tausende Medizinstudenten ins PJ. Bevor es los geht, stellen sich für jeden PJ'ler einige wichtige Fragen, vor allem rechtlicher Natur. DocCheck gibt Euch die Antworten.

Obwohl es eigentlich nur elf Monate sind, wird das letzte Jahr im Medizinstudium als „Praktisches Jahr“ bezeichnet. Die Studierenden rotieren über die Stationen, werden ausgebildet und dabei stark in die Abläufe und Tätigkeiten des Stationsalltags eingebunden. Regelhaft werden von den Stationsärzten delegierte Aufgaben wie Blutentnahmen oder Aufnahmeuntersuchungen ausgeführt. Traditionell gilt dabei der Grundsatz, dass die Studenten bestimmte Aufgaben erledigen und im Gegenzug Dinge gezeigt oder beigebracht bekommen. Das Ausmaß der Integration in die Stationsarbeit und der Grad der Intensität der Aufgaben variiert dabei unter Umständen.

Fehler in der Medizin sind keine Seltenheit

Immer wieder kommt es dabei zu brenzligen Situationen. Wo Menschen arbeiten, passieren unvorhersehbare Ereignisse und wenn selbst erfahrenen Fachärzten Fehler unterlaufen, sind kleine und große Missgeschicke durch unerfahrene Jungärzte und Studenten vorprogrammiert. Egal, ob diese Ereignisse durch falsche Anleitung, Missverständnisse oder schlichtweg zufällig geschehen, haben sie in der Krankenversorgung nicht selten weitreichende Konsequenzen.

Gute Zahlen aus Deutschland fehlen, aber Daten aus England zeigen, dass bei knapp 9% der Krankenhauspatienten unerwünschte Ereignisse auftreten, von denen 31% vermeidbar gewesen wären. Um systemisch aus Fehlern lernen zu können, gehen viele Krankenhäuser mittlerweile dazu über, sogenannte Critical Incident Reporting Systems (CIRS) einzuführen. Dennoch bleibt die Fehlerkultur in Krankenhäusern ein sensibles Thema und es stellt sich die Frage, welche Rolle hierbei eigentlich die Studierenden einnehmen.

Tragische Ereignisse auch durch Studentenhand

Anfang des Jahres ging ein tragischer Fall durch die Presse, bei dem ein Kind in einer Kinderklinik verstarb, weil ein Student ein, eigentlich oral zu applizierendes Antibiotikum, intravenös verabreicht hatte. Was zunächst grotesk klingt, erscheint bei genauerer Betrachtung nicht mehr so verwunderlich. PJ-Studierende berichten immer wieder von Situationen, in denen sie Tätigkeiten ausführten, denen sie sich nicht gewachsen fühlten oder bei denen sie sich nicht vollkommen im Klaren waren, was sie eigentlich taten. Eine Vielzahl von Szenarien ist denkbar: Ein Patient reagiert allergisch auf die angehängte Infusion oder ein falsches, nicht selbst aufgezogenes, Medikament wird intravenös appliziert. Oft passiert schneller etwas, als man sich dies vorstellen kann.

Viele sind sich der Problematik nicht bewusst

Das Gefährliche an der Problematik ist allerdings, dass sich viele der Studenten der Situation überhaupt nicht bewusst sind. Die Frage „Durfte ich das als Student überhaupt machen?“ wird sich oft erst gestellt, wenn es schon zu spät ist. Denn den Ärzten, die die Studenten betreuen, ist die rechtliche Situation zum Teil ebenfalls nicht geläufig. Und das, obwohl diese eigentlich relativ unmissverständlich geregelt ist.

Klare Regelung durch die Bundesärztekammer

Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung verfassten 2008 eine Stellungnahme zu den sogenannten „Möglichkeiten und Grenzen der Delegation ärztlicher Leistungen“. Diese richtet sich nicht explizit an Studierende, sondern generell an nicht ärztliches Personal. Dort heißt es zunächst, dass Ärzte Leistungen, die nicht höchstpersönlich erbracht werden müssen, grundsätzlich an nichtärztliche Mitarbeiter delegieren dürfen. Weiter heißt es:

„Verfügt der Mitarbeiter, an den der Arzt delegieren will, nicht über eine abgeschlossene Ausbildung in einem Fachberuf im Gesundheitswesen, die die zu delegierende Leistung einschließt, muss der Arzt zunächst prüfen, ob der Mitarbeiter aufgrund seiner allgemeinen Fähigkeiten für eine Delegation der betreffenden Leistung geeignet scheint (Auswahlpflicht). Sodann muss er ihn zur selbständigen Durchführung der zu delegierenden Leistung anlernen (Anleitungspflicht). Auch nachdem er sich davon überzeugt hat, dass der Mitarbeiter die Durchführung der betreffenden Leistung beherrscht, muss der Arzt ihn dabei regelmäßig überwachen, bevor er sich mit der Zeit wie bei einem Fachberufsangehörigen auf Stichproben beschränken kann (Überwachungspflicht). Sofern ein Mitarbeiter bereits durch einen anderen Arzt angeleitet wurde, darf der delegierende Arzt eher von einer regelmäßigen Überwachung zu einer stichprobenartigen Überprüfung übergehen.“

Damit handelt es sich bei der Ausführung konkret nach den Vorgaben des Arztes erbrachter Leistungen durch den Studierenden, per Definition, um Leistungen des delegierenden Arztes, für die er haftet und die er auch im Einzelfall überwachen muss. Der delegierende Arzt kann demnach bei einer fahrlässigen Körperverletzung oder fahrlässigen Tötung nach §229 bzw. §222 des Strafgesetzbuchs, StGB belangt werden, soweit ihm die Verletzung seiner Pflichten nachgewiesen werden kann. Dies schließt allerdings nicht – und jetzt wird es interessant – eine gegebenenfalls entstehende Schadensersatzpflicht des ausführenden Studierenden nach §823 des BGB aus. Wer glaubt, nur der zuständige Arzt würde für die an den Studierenden delegierte Tätigkeit haften, wähnt sich demnach in falscher Sicherheit.

Eine Aufklärung wäre wünschenswert

Eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Tätigkeit als Student in der Klinik ist also in jedem Fall anzuraten und sollte eigentlich Pflicht vor dem Antritt zu jeglichen praktischen Tätigkeiten sein. Die Bundesärztekammer und die Kassenärztlichen Vereinigungen unterscheiden dabei ganz konkret und unmissverständlich zwischen delegierbaren und nicht delegierbaren Aufgaben.

Delegierbare Aufgaben sind laut Bundesärztekammer und dem BDC u.a.:

Nicht delegierbar sind laut Ärztekammer und BDC u.a.:

  • Anamnese
  • Indikationsstellung
  • Untersuchung des Patienten einschließlich invasiver diagnostischer Leistungen
  • Stellen der Diagnose
  • Aufklärung und Beratung des Patienten
  • Entscheidung über die Therapie
  • Durchführung invasiver Therapien einschließlich der Kernleistungen operativer Eingriffe
  • Anlage zentralvenöser Zugänge, Thoraxdrainagen
  • Beurteilung komplexer, kritischer und schwieriger Wunden inkl. Verband- und Wundmanagement
  • Indikation, Festlegung und Überwachung der medikamentösen Therapie
  • Indikation und Durchführung von Bluttransfusionen/ Körperersatzstoffen/Hormonen u. ä.
  • Patienten– und Angehörigenaufklärungsgespräche, Konsilmanagement und fallgebundene Kommunikation mit anderen ärztlichen Fachdisziplinen und niedergelassenen Ärzten (inkl. Arztbriefe)
  • Management medizinischer Komplikationen
  • Ärztliche Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen
  • Dokumentationen medizinischer Sachverhalte
  • Notärztliche Tätigkeit
  • Planung, Indikation und Überwachung von medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen
  • Medizinische Begutachtung

Handlungen liegen immer auch in persönlicher Verantwortung

Medizinstudenten kommen im Rahmen von Pflegepraktikum, Famulatur und Praktischem Jahr mit Patienten in Kontakt und führen delegierbare ärztliche Leistungen durch. Überforderung, menschliches Versagen, aber auch falsche Weisungen sind dabei Risikofaktoren, durch die eine Gefährdung von Leben und Gesundheit der Patienten niemals auszuschließen ist.

Vor Beginn einer praktischen Tätigkeit im medizinischen Umfeld macht es daher Sinn, über ggf. eintretende strafrechtliche, zivilrechtliche und haftungsbezogene Konsequenzen seines Handelns aufgeklärt zu sein. Die Studierenden sollten angehalten sein, sich entsprechend zu informieren und nur Leistungen zu erbringen, die rechtlich haltbar und medizinisch indiziert sind. Gleichzeitig müssten sich alle betreuenden Ärzte ihrer Verantwortung bewusst sein und die von ihnen delegierten ärztlichen Leistungen überwachen. Vor allem aber sollte sich jeder Studierende darüber im Klaren sein, dass nicht nur der betreuende Arzt sondern jeder persönlich für seine Handlungen – egal ob delegiert oder nicht delegiert – verantwortlich gemacht werden kann.

Teilt uns Eure Erfahrungen mit: Habt Ihr Euch schon einmal mit den rechtlichen Gegebenheiten im PJ befasst? Fühlt Ihr Euch in Rechtsfragen ausreichend informiert? Diskutiert in den Kommentaren!

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Studium

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4 Kommentare:

Ganz anders erlebe ich es z.Zt. in meinem PJ in der Anästhesie in einem städtischen Kölner Krankehaus. Um mich als einzigen PJler der Abteilung kümmern sich 20 Assistenz- und Fachärzte, 4 Oberärzte und der Chefarzt. Ich habe ein eigenes Lernzimmer mit PC, Internet und Drucker zur Verfügung gestellt bekommen. Alle sind hochengagiert und erklären so viel es geht. Es gibt ein eigenes (mobiles) PJler-Telefon, bei dem regelmäßig die einzelnen Ärzte bei interessanten Einleitungen anrufen oder auch der Chef zu einer kurzen one-to-one-Lehrveranstaltung bittet. Eigenständiges Arbeiten und Verständnis für das Fach sind oberstes Ziel.

Mit der im Artikel genannten Einstellung “Lehre gegen Blutentnahme” kommt man meiner Meinung nach nicht weit. Wenn Ärzte unterrichten wollen, tun sie das, egal ob sie die Blutentnahme selbst machen müssen oder nicht. Deswegen sollten PJler grundsätzlich nur solange Blut abnehmen, wie es (und das sagt die Apo ganz genau so) ihre Ausbildung fördert. Anschließend muss man auch als PJler den Mut haben, klar Position zu beziehen und klarzustellen, dass man sich nicht zu “nicht förderlichen Maßnahmen” heranziehen lässt. Teilweise gehen Krankenhäuser sogar soweit, den PJlern ihren “Urlaub” vorzuschreiben oder auch nur zu genehmigen. Eigenes Interesse ist dabei natürlich, immer jemanden zum Blutabnehmen im Krankenhaus zu haben. Klare Aussage eines hier nicht näher zu benennenden Prüfungsamtes: “Es sind Fehltage, keine Urlaubstage. Wenn Sie fehlen, fehlen Sie.”

Eine gewisse Zusammenarbeit schadet im PJ definitiv nicht. Nur sollte die Zusammenarbeit immer schnellstmöglich eine effektive Wirkung für den PJler haben (= man bekommt etwas beigebracht), ansonsten sollte man sich überlegen, ob es nicht Unterstützung von anderer Stelle gibt. Ein Gespräch mit dem Studiendekanat und ein daraus resultierender Besuch der Lehrbeauftragten hilft da oft Wunder. Den Krankenhäusern steht eine Zeit der Umgewöhnung bevor, je schneller die einsetzt, desto besser für die PJler.

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Christina Ellmann
Christina Ellmann

Ich pflichte meinem Vorkommentator bei, das Praktische Jahr ist kein Jahr der Ausbildung, sondern ein Jahr der Ausbeutung, und zwar sogar doppelt: die Klinik selbst bezieht Geld für jeden PJler, der zu ihnen kommt, und das nicht zu knapp, der PJler selbst geht leer aus, für die Lehre wird auch niemand abgestellt. Mal ehrlich: soviel Materialkosten kann ein PJler gar nicht beim Blutabnehmen und Zugänge legen verbraten…
Gerne hört man dann von den älteren Ärzten auch, man solle sich nicht beschweren, früher wäre alles noch viel schlimmer gewesen. Das mag sein und das tut mir auch Leid für diese damals jungen Ärzte, aber das kann kein Grund sein, heute alles zu belassen, wie es ist. heutzutage klettert man ja beispielsweise auch nicht mehr am Kälberstrick, sondern verwendet ordentliche Ausrüstung…
Dieses Jahr ist während meines Studiums das Einzige, in dem ich mich nicht selbstständig finanzieren kann, obwohl ich gute 45 oder mehr Wochenstunden arbeite.
Insofern begrüsse ich nur die Tatsache, dass jetzt 30 Fehltage genommen werden können, das verkürzt das Leiden bzw hat man einfach mehr Zeit, vielleicht doch was zu lernen – wenn auch nur selbstständig am Schreibtisch, oder Kohle zu verdienen.
Auch kann ich nur jedem empfehlen, die Chance zu nutzen und ins bezahlte Ausland zu gehen: häufig ist dort die tatsächliche Ausbildung besser, und selbst wenn nicht – immerhin kann man seinen Lebensunterhalt stämmen. Von meiner naiven Hoffnung, dass inhaltlich was rumkommen würde beim PJ habe ich mich jedenfalls sehr schnell verabschiedet und spontan die Flucht ins Ausland ergriffen.

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Sabrina Mora Lescano
Sabrina Mora Lescano

Ich stimme dir 100%ig zu! Das PJ ist die reinste Ausbeutung!!

#2 |
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Student der Humanmedizin

Sehr schön. Sicher sind Rechtsfragen im PJ wichtig, allerdings diese Fragen auf das Haftungsrecht bzw. Medizinrecht zu begrenzen, wäre viel zu kurz gegriffen.

Das, was PJs jeden Tag berührt, steht in der Approbationsordnung. Hier steht man stets in einem rechtsfreien Raum. Man führt ein unbezahltes Pflichtpraktikum über 48 Wochen hinweg aus und laut Approbationsordnung darf man dabei nicht zu Tätigkeiten herangezogen werden, die die Ausbildung nicht fördern. Dass man in der Realität an vielen Häusern nur Blut abnimmt, Zugänge legt und Haken hält, ist hinlänglich bekannt.
Ab nächstem Jahr ist sogar Gesetz, dass man von den Krankenhäusern nicht mehr als 373 Euro beziehen darf, d.h. selbst wenn man nichts lernt, darf man nicht mal mehr Geld dafür bekommen. Kurzum: Ausbeutung in einem Zwangsverhältnis, auf dem Rücken der überarbeiteten Assistenzärzte, die man auch nicht gerade hängenlassen dürfte, zum Wohle der Finanzen der Kliniken, die sonst teure Arbeitskräfte bezahlen dürften. DAS ist wirklich frei von Recht im PJ: Der Student.

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